Scheffen, Adelbert

1854 erster Pfarrverweser der neugebildeten evangelischen Gemeinde Dorsten

1826 in Lüdenscheid bis 1804 in Thiemendorf/Schlesien; Pfarrer, Pfarrverweser in Dorsten. – Er war der erste Pastor, der in der 1854 neu gebildeten kleinen evangelischen Gemeinde im katholischen Dorsten die Pfarrgeschäfte und Seelsorge übernahm. Vorher kümmerte sich der rheinländische Pfarrer Richter aus Gahlen um die Dorstener Protestanten. 1853 gab es in Dorsten 169 Protestanten. In der Nähe des Bahnhofs befand sich damals das Kreisgericht, dessen Richter evangelisch war. Dieser stellte seinen Gerichtssaal den Protestanten für Gottesdienste zur Verfügung, so dass am 8. Januar 1854 die erste evangelische Predigt in Dorsten abgehalten werden konnte. Nach langen Bemühungen erklärte sich die Diakonenanstalt Duisburg bereit, alle 14 Tage einen Kandidaten für den Gottesdienst zu senden und am 1. November 1854 konnte die Ordination und Einführung des ersten Pfarrverwesers Adelbert (Albert) Scheffen im Sitzungssaal des Gerichtsgebäudes stattfinden. Konsistorialrat Hammerschmied aus Münster ordinierte den Pfarrverweser. Dabei war noch alles, was die evangelischen Minderheitschristen in einem strengkatholischen Umfeld aufbieten konnten: Superintendent Lohmann aus Wesel, Pfarrer Richter aus Gahlen, die Pfarrer Overhoff und Hullmann aus Hünxe, Pfarrer Brauer aus Drevenak, die Pfarrer Kühn und Disselhoff aus Schermbeck, Pfarrer Rumpff aus Recklinghausen und Pfarrer Grevel aus Steinfurt. „In ihrer Amtstracht“, wie ein zeitgenössischer Bericht den Lesern erläuterte. Über die Einführung des ersten Pfarrverwesers in Dorsten schrieb 1904 zum 50. Jahrestag der Gemeindegründung das „Sonntagsblatt für die Gemeinden Recklinghausen und Scherlebeck“ und zitiert einen Bericht aus dem Jahre 1854:

„Holten [die Geistlichen] mit dem Vorstand des evangelischen Vereins und dem Landrat Freiherrn von Reitzenstein den Pastor Scheffen in seiner Wohnung ab und begleiteten ihn in festlichen, und hier unerhörtem Aufzuge zum gottesdienstlichen Lokal. Nach der Liturgie nahm Pastor Richter aus Gahlen Abschied von der Gemeinde, deren Stütze er bisher gewesen war, sodann erhob der Herr Konsistorialrat Hammerschmidt die Herzen zu dem Geber alles Guten und weckte die Herzen zum Dank für diesen Tag, den er allen gemacht hatte. Die Rede schloss mit der Übergabe einer Prachtbibel und eines kostbaren silbernen Kelches vom Brandenburger Gustav-Adolf-Verein. Nun trat Pastor Scheffen selbst auf und hielt seine Antrittspredigt, die ihm alle Herzen gewann, über 1. Kor. 2, 1-5, in welcher er 1) als seine Absicht darstellte, Christus, den Gekreuzigten, zu verkünden und 2) als seine Stimmung darlegte, große Furcht abr doch größte Zuversicht. Kaum war die Festfreude verklungen, da verbreitete sich die frohe Kunde, des Königs Majestät habe 9000 Mk. der neuen Gemeinde huldreichst bewilligt.“

Noch im selben Monat fand die erste Presbyter-Sitzung statt. Es wurde beschlossen, einen ständigen Gottesdienstraum im Gasthof „Zur Stadt Köln“ an der Recklinghäuser Straße anzumieten. An der kleinen privaten evangelischen Schule im Gasthof, in der sich auch die zwei Wohnräume des Pfarrverwesers befanden, übernahm der Pastor für die 17 Schüler den Religionsunterricht. 1857 verließ Adelbert Scheffen Dorsten und übernahm eine Pfarrstelle in Wermelskirchen. Sein Nachfolger in Dorsten war Pastor Kriege.

„Sittliche Verwilderung“ des Pastor führte zur Suspendierung

Pastor Adelbert Scheffen entstammte einer alten Familie in Lüdenscheid. In Wermelskirchen heiratete er die Lüdenscheiderin Bertha Bockhacker. Vor dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71, den Scheffen als Feldprediger mitmachte, soll er wegen eines Sittlichkeitsdelikts eine zweijährige Gefängnisstrafe verbüßt haben. Danach durfte er sich auf königliches Geheiß als Feldprediger im Krieg bewähren. Daher fand er nach 1871 wieder eine Anstellung als Pfarrer im weit entfernten schlesischen Kunzendorf. Von dort wechselte er 1881 nach Gamschütz. Seine „äußerste Liebenswürdigkeit gegenüber Frauen und auch Kindern überschritt die Grenzen des Zulässigen weit“, so die „Volkswacht“ am 18. Januar 1893. Die skandalösen Handlungen seien ausgeartet. „Was noch in dieser Richtung hin in verbürgter Weise erzählt wird, läßt in einen tiefen Abgrund sittlicher Verwilderung des Geistlichen blicken.“ Daher schrieb die „Volkswacht“: „Ein Pastor als Sittlichkeitsverbrecher“. Auch meldete die Zeitung, dass Pastor Scheffen nicht nur eine zweijährige Gefängnisstrafe verbüßt haben soll, auch dass er bereits 1885 in Gamschütz auffällig geworden sei. „In unbegreiflicher Langmuth der in ihrem sittlichen Gefühl mißhandelten Angehörigen wurde dem Gebahren des Pastors niemals energisch entgegengetreten.“ Doch dann wurde es den Gamschützern doch zuviel. Wegen eines erneuten unsittlichen Vorfalls suspendierte der Gemeindekirchenrat den Pastor, gegen den auch ein Strafverfahren eingeleitet wurde. 1893 verzichtete Scheffen auf die Rechte des geistlichen Standes. Über den Ausgang ist hier nichts bekannt. Allerdings gibt es im Die Recherchen darüber sind heute sehr schwierig und zeitaufwändig. Doch es gibt im Evangelischen Zentralarchiv in Berlin eine Disziplinarakte, in der die „Vorgänge“ ab 1874 enthalten sind. Wir werden sie demnächst einsehen und dann diesen Artikel mit weiteren Informationen ergänzen. – Adelbert Scheffen, einstiger erster Pfarrverweser der jungen evangelischen Gemeinde Dorsten, starb 1904 in Thiemendorf.


Siehe auch: Ev. Gemeinden (Essay)
Siehe auch: Ev. Altstadtgemeinde
Siehe auch: Missbrauchsfälle
Siehe auch: Missbrauch am Gymnasium
Siehe auch: Kaplan Josef Veldtrup
Siehe auch: Kaplan Wilhelm Kompa


Quellen: Geschichte der evangelischen Kirchengemeinde Dorsten, 1854 bis 1929, Dorsten 1929. – Volkswacht für Schlesien, Posen und die Nachbargebiete“, Nr.15, Breslau, 18. Januar 1893. – Auskunft Ev. Pfarramt Dorsten 2017. – Auskunft Archiv der Landeskirche Westfalem inm Bielefeld (2017). – Auskunft Evangelisches Zentralarchiv in Berlin (2017).

 

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