Kreis Recklinghausen

Dorsten wollte 1830 Kreisstadt werden - es klappte nicht

Nach der Neuordnung Europas nach den Napoleonischen Kriegen entstanden im preußischen Regierungsbezirk Münster 1816 zehn landrätliche Kreise, darunter der Kreis Recklinghausen, der im damaligen Preußen mit 38.000 Einwohnern (heute 614.000) und 781,11 qkm größter

Kreishaus in Recklinghausen

Kreishaus in Recklinghausen

Kreis gewesen war und von dem Landräthlichen Commissair Graf Wilhelm von Westerholt geleitet wurde. Das Territorium umfasste das gesamte Vest mit den Städten Recklinghausen und Dorsten sowie 28 Landgemeinden, die von Bürgermeistereien (Fortbestand der vormaligen Mairien) verwaltet wurden. Auch die bis dahin fürstbischöflich-münstersche Herrlichkeit Lembeck – bis dato zum Amt Ahaus gehörig – mit den Gemeinden Lembeck, Rhade, Erle, Wulfen und Altschermbeck wurde 1816 mit dem Kreis vereinigt. Der Name Vest Recklinghausen hat sich bis heute erhalten und deckt den größten Teil des Kreises Recklinghausen ab. Die Festlegung der Kreisgrenzen zog sich bis 1830 hin.

Im „Argus“ stand 1804: Dorsten könnte Residenzstadt werden

Kreiskarte mit den Städten

Kreiskarte mit den Städten

In dieser Zeit bemühte sich die Stadt Dorsten Kreissitz des Kreises Recklinghausen zu werden. Bereits 1804 warb der Dorstener Verleger Carl August Schüerholz in seiner Zeitung „Der Argus“, dass die Inhaber des Vestes Recklinghausen, die Herzöge von Arenberg, Dorsten als Residenzstadt erwählen könnten (siehe Arenberg, Herzog Prosper Ludwig von). Dieses Thema griff nun der Rat der Stadt am 4. Juni 1830 erneut auf, indem er dem Grafen von Merveldt einen Brief schrieb, der im Gräflich Merveldtschen Archiv in Lembeck vorhanden ist:

„Hochgeborener Graf, Hochzuverehrender Herr Geheimer Rath, Gnädiger Herr!
Ew. Exzellenz erlauben wir uns unterthänigst vorzutragen, dass wir nach der erfolgten definitiven Organisation der hiesigen Kreisbehörde uns an die Königliche Regierung mit dem Antrage um Erhebung der Stadt Dorsten zur Kreis-Stadt des hiesigen Kreises gewendet hatten. […] Die Lage unserer Stadt an der schiffbaren Lippe wodurch sie für den hiesigen Kreis der Hauptort zum Ankaufe der Bedürfnisse sowohl als für den Absatz der Producte wird; der wöchentliche hiesige Korn-Markt, welcher durch den Handel nach dem Bergischen und nach Holland eine fortwährende Quelle zum Absatze öffnet, und endlich der Handelsverkehr der Stadt selbst führen schon eine ununterbrochene Verbindung der Eingesessenen des Kreises mit der Stadt herbei, während Recklinghausen von aller Handels-Kommunikation entblößt selbst seine Waaren hier einkäuft und dagegen sein Korn hier absetzt. […] Dass die hiesige Poststraße zu jeder Zeit die Verbindung mit der hiesigen Stadt außerordentlich erleichtert, dass Dorsten selbst in geographischer Hinsicht mehr in den Mittelpunkt des Kreises und den verehrlichen Kreisständen näher belegen ist als die Stadt Recklinghausen, und dass endlich Dorsten, in den Zeiten des Krieges allen Drangsalen Preis gegeben, den billigen Anspruch auf größere Berücksichtigung im Frieden vor der Stadt Recklinghausen begründet hat. […] Die Bürgerschaft der Stadt Dorsten.“

Abfuhr des Grafen von Merveldt

Die Stadt brauchte auf die Abfuhr des Grafen nicht lange warten. Er antwortete am 5. Juli 1830 u. a.:

Anrede usw. „Nach Lage der Sachen und Verhältnisse möchte über die in dem geehrten Schreiben berührte wichtige Angelegenheit am 7ten nach kein definitives Gutachten zu Stande kommen, weil solche wenig besprochen und erwogen, und man die Stadt Recklinghausen nicht gern aus ihrem Besitz setzen wird. Ich verharre mit vollkommener Hochachtung Eurer Hochgeehrten Bürgerschaft dienstergebener Von Merveldt.“

Ob es noch zu weiteren Verhandlungen um das Anliegen Dorstens, Kreisstadt zu werden, gekommen ist, ist nicht bekannt. Es ist anzunehmen, dass die Erbauer des Kreises, Freiherr vom und zum Stein, Graf von Merveldt und mit ihnen Landrat Devens gegen die Verlagerung nach Dorsten waren. Recklinghausen blieb Kreisstadt und Kreissitz. Landrat Devens verwaltete als erster Landrat den Kreis bis zu seinem Tod in Jahre 1849.

Übergewicht der Grundbesitzer im Kreistag beseitigt

Landrat ..... Devens

Preuß. Landrat Friedr. Karl Devens

Die in Westfalen noch gültig gewesenen zehn verschiedenen Grundsteuerverfassungen wurden 1838 vereinheitlicht und anstelle der aus französischer Zeit stammenden Gemeindeverfassungen kam 1841 die westfälische Landgemeindeordnung, die 1851 wiederum von der westfälischen Städteordnung ersetzt wurde. Sie überließ den Städten die Wahl zwischen der monokratischen Bürgermeisterverfassung und kollegialen Magistratsverfassung. 1849 wurde Recklinghausen Sitz des Landrats. Die Provinzialstände entwickelten sich zum Provinzialverband und bekamen 1871 Teile der Verwaltung übertragen. 1887 wurde im Kreistag das Übergewicht der Großgrundbesitzer beseitigt und der Kreistag in eine Repräsentationsversammlung der Abgeordneten der drei Wahlverbände (Grundbesitzer, Ämter, Städte) umgewandelt. 1913 wurden aus den acht Ämtern im Kreis 13 gemacht, zu denen das Amt Lembeck (mit den Gemeinden Lembeck, Wulfen, Hervest) und das Amt Altschermbeck (mit den Gemeinden Altschermbeck, Erle, Rhade, Holsterhausen) gehörten. 1919 wurden alle bestehenden Kreistage aufgelöst und Neuwahlen erstmals als Volkswahlen ausgeschrieben. Nicht mehr die kreisangehörigen Gemeinden, sondern die Parteien dominierten den Kreistag. Mehrere Entlassungen und Zugewinne von Gemeinden veränderten den Kreis im darauf folgenden Jahrzehnt. Nach 1945 vollzog sich als Gegenschlag zu staatlicher Dominanz des Kreises eine überbetonte Kommunalisierung der Kreisverwaltung durch die Besatzungsmacht. 1999 wurde die seit 150 Jahren bestehende Doppelspitze Landrat/Oberkreisdirektor abgebaut; seither ist der Landrat zugleich Verwaltungschef.

Zehn Städte gehören dem Kreis an, darunter Dorsten

Wappen des Landkreises

Wappen des Landkreises

Der Kreis mit seinen zehn angehörenden Städten Dorsten, Marl, Recklinghausen, Waltrop, Castrop-Rauxel, Witten, Haltern, Datteln, Herten und Oer-Erkenschwick ist der größte Kreis in Deutschland seit seiner Gründung. Hier leben 3,5 Prozent aller Deutschen und 9,5 Prozent aller Hartz IV-Empfänger. Mit Stand 2009 kommen monatlich 500 neue Hartz IV-Fälle hinzu. Wegen der Finanz- und Wirtschaftskrise veränderte sich diese Zahl nach oben. Zusätzlich bezogen im Kreis Recklinghausen im Jahre 2009 rund 35.200 Familien Arbeitslosengeld II. Der Kreis zahlt insgesamt rund 250 Millionen Euro jährlich an sozialen Transferleistungen.

Landräte: 1830 bis 1848 Friedrich Karl Degens, 1848 bis 1893 Freiherr Alexander von Reitzenstein, 1893 bis 1913 Graf Felix von Merveldt, 1913 bis 1919 Heinrich Robert Bürgers, 1919 bis 1924 Erich Klausener, 1924 bis 1927 Max Huesker, 1927 bis 1933 Max Schenking, 1933 bis 1935 Dr. Josef Rieth, 1935 bis 1938 Otto Ehrensberger, 1939 bis 1945 Dr. Hans Reschke (NSDAP), 1956 bis 1960 Willi Steinhörster (SPD), 1961 Peter Heckmann (SPD), 1961 bis 1964 Theodor Liesenklas (SPD), 1964 bis 1966 Peter Heckmann (SPD), 1966 bis 1975 Franz Becker (SPD), 1975 bis 1994 Helmut Marmulla (SPD), 1994 bis 1999 Hans Ettrich (SPD), 1999 bis 2004 Hans-Jürgen Schnipper (CDU), 2004 bis 2009 Jochen Welt (SPD), ab 2009 Cay Süberkrüb (SPD), Wiederwahl 2014.

Kreistag: Der Kreistag setzt sich nach der Kommunalwahl 2014 wie folgt zusammen: CDU-Kreistagsfraktion 25 Sitze, SPD-Kreistagsfraktion 29 Sitze, Kreistagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen 6 Sitze, FDP-Kreistagsfraktion 3 Sitze, Die Linke 4 Sitze, UBP 3 Sitze und die Piraten 2 Sitze. – Aus Dorsten sind fünf Politiker im Kreistag: Werner Niermann (CDU), Karl-Heinz Weber (CDU), Hans-Georg Wiemers (SPD, Reserveliste), Nicole Wölke-Neuhaus (SPD) und Ludger Samson (CDU).

Altersstruktur jetzt und 2040

Heute leben im Kreis Recklinghausen rund 614.000 Menschen. 2040 werden es nach den Prognosen von IT.NRW nur noch 563.000 sein. In der Altersgruppe der Erwerbsfähigen (19 bis 65) wird die Zahl der Einwohner bis 2040 um 21.4 Prozent abnehmen. Die Zahl der über 65-Jährigen steigt um 36,9 Prozent an. Der Anteil der Bürger im erwerbsfähigen Alter an der Gesamtbevölkerung sinkt bis 2040 von aktuell 61,3 Prozent auf 52,5 Prozent; der Anteil der über 65-Jährigen steigt hingegen von derzeit 21,7 auf 32,4 Prozent.

Beschluss im Jahr 2018, für 130 Mill. Euro ein neues Kreishaus zu bauen

Cay Süberkrüb, Landrat seit 2009

Das 1979 errichtete Kreishaus in Recklinghausen, Sitz des Landrats, muss dringend und  umfangreich saniert werden. Um die schlimmsten Mängel zu beheben, würde dies dem Steuerzahler 20 Millionen Euro kosten, eine komplette Sanierung wird auf 40 bis 50 Millionen Euro geschätzt. Daher wird auch ein Neubau in Erwägung gezogen. Von 2000 Mitarbeitern (einschließlich Jobcenter) der Kreisverwaltung haben im Kreishaus an der Schumacher Straße rund 750 ihren Arbeitsplatz. Nach der Sanierung sollen ausgelagerte Dienststellen in das Kreishaus zurückgeholt werden. Die dadurch frei gewordenen Gebäude könnten dann abgegeben werden, was der Vorgabe der nordrhein-westfälischen Gemeindeprüfungsanstalt entspräche. Nach der aufgestellten Wirtschaftlichkeitsberechnung für die nächsten 30 Jahre würde eine umfängliche Sanierung mit 124 Millionen Euro am günstigsten aus. Ein Neubau mit den Folgekosten für 30 Jahren wurde mit 133 Millionen Euro berechnet. Wie auch immer: Die kreisangehörigen Städte werden in jedem Fall belastet. In der Sitzung vom 23. November 2015 beschloss der Kreistag mehrheitlich, das Gebäude zu sanieren. Dieser Beschluss wurde 2018 mit einem neuen aufgehoben. Mit 34 zu 30 Stimmen wurde ein Neubau in der Nähe des Bahnhofs beschlossen. Das sorgte für politischen Zündstoff.

Bürgerbegehren „Sanierung statt Neubau des Kreishauses“ angestrebt

Die Verhinderung eines Neubaus des Kreishauses, dafür eine Sanierung, ist das Ziel eines geplantes Bürgerbegehrens, das der parteilose Dorstener Uwe Kähler ab Mai 2018 anstrebt. Denn er sieht die immense Ausgabe von rund 130 Millionen Euro für einen Neubau, den die kommunalen Haushalte über die Kreisumlage mittragen müssten, als nicht notwendig an; es würde eine weitaus preisgünstigere Sanierung des erst 38 Jahre alten Kreishauses genügen. Lieber sollten marode Schulen und Kindergärten saniert werden sowie Geld notwendigerweise für die Infrastruktur ausgegeben werden.

Für Bürgerbegehren gegen Kreishaus sind 15.000 Stimmen notwendig

Mit einem erfolgreichen Bürgerbegehren und anschließendem Bürgerentscheid kann der Kreistag gezwungen werden, die umstrittene Neubau-Entscheidung zurückzunehmen. Für ein erfolgreiches Bürgerbegehren wären im konkreten Fall 15.000 Unterschriften von 499.813 stimmberechtigt Bürgern des Kreises Recklinghausen (ab 16 Jahren) nötig. Dann müsste der Kreis einen Bürgerentscheid organisieren, der wie eine Wahl abgewickelt wird und bei dem die Bürger mit Ja oder Nein stimmen können. Die Gegner des Kreishaus-Neubaus hätten gewonnen, wenn erstens eine Mehrheit ihr Anliegen unterstützt und zweitens diese Mehrheit aus mindestens zehn Prozent der wahlberechtigten Bürger (rund 55.000) besteht. Das Ergebnis des Bürgerentscheids wäre für den Kreistag zwei Jahre lang bindend. Unterdessen haben sich auch sieben Dorstener Grundschulen an Landrat und Kreistag gewandt und ihr Unverständnis über die Entscheidung für ein neues Kreishaus deutlich gemacht. „Wir sind der Meinung, dass das erst 1980 gebaute Kreishaus saniert werden kann und muss. Auch während der Arbeitszeit der Mitarbeiter“, schreiben sie. Dies werde den Schulen und Kindergärten schließlich auch zugemutet – „wenn überhaupt repariert oder saniert wird“. Die Schulleitungen fordern vom Kreis, dass der Plan eines Abrisses und Neubaus des Kreishauses zumindest verschoben wird. – Kontakt mit Uwe Kähler: sanierung.kreishaus@gmail.com

Partnerschaften des Kreises: Kreis Sörmland/Schweden (seit 1987) und Powiat Wodzislawski/Polen (seit 2001).


Quelle (Bürgerbegehren): M. Wallkötter: „Dorstener will den Kreis stoppen“  in DZ vom 13. Juni 2018

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