Schürholz, Dr. Franz (I)

Er erhielt von Yad Vashem die Auszeichnung „Gerechter unter den Völkern“

Yad Vashem ehrte 1973 Franz Schürholz (l.) mit der Auszeichnung “Gerechter unter den Völkern”

Von Wolf Stegemann. – 1894 in Dorsten bis 1987 in Wangen. – Der Name Schürholz gehört in Dorsten zu jenen Familien, die – wie kaum eine andere – sich „einen Namen“ in der Stadtgeschichte der letzten 200 Jahre gemacht hatten. In Hervest mit der Gründung der Deutschen Kokosweberei (DeKoWe) und in der Altstadt als Handelsgeschäft. Franz Schürholz, Sohn von Heinrich Schürholz, Lokalpolitiker und Firmenchef von DeKoWe, wuchs mit neun Geschwistern auf. Auf dem Foto sieht man ihn (li.) in Dorsten zusammen mit seinen Vettern, den Brüdern Heinrich Schürholz (Mitte), Arzt in Köln, und Paul Schürholz (re.), dem Textilhaus-Inhaber in der Innenstadt,  Nachkriegsbürgermeister und Ehrenbürger von Dorsten. Franz Schürholz, 1894 in Hervest geboren, verließ Dorsten nach dem Abitur, studierte Staatswissenschaft und lebte in den 1920er-Jahren in Berlin und ab 1944 am Bodensee. Politisch stand er dem linken Katholizismus nahe, er war ein Gegner des Nationalsozialismus und wurde wegen „defätistischen Äußerungen“ angeklagt und aus der Wehrmacht entlassen. Zugleich half er jüdischen Freunden, die er versteckte und versorgte. Franz Schürholz, suchte nach dem Krieg die Aussöhnung mit Israel und bekam, weil er Juden geholfen und gerettet hatte, 1973 die Anerkennung und Auszeichnung Israels als „Gerechter unter den Völkern“.

Wegen defätistischen Äußerungen 1942 vor dem Kriegsgericht

Lebenslauf und Lebenswerk sind faszinierend. Und es würde den Dorstenern gut anstehen, wenn das Wirken des Dorsteners im Rückblick öffentlich gewürdigt würde – wie auch immer. Übrigens trat sein Sohn Franz-Hellmuth Schürholz (geboren 1945 in Singen), Referatsleiter Polizei im baden-württembergischen Innenministerium und zuletzt Präsident des Landeskriminalamts Baden-Württemberg, in die Fußstapfen seines Vaters und ist für die deutsch-israelische Aussöhnung tätig. Franz Schürholz (Foto) wurde 1894 geboren, besuchte das Gymnasium Petrinum und machte 1916 das Abitur, meldete sich dann als Freiwilliger an die Front des Ersten Weltkriegs, studierte danach in Köln Staatswissenschaften und Volkswirtschaft mit dem Abschluss als Diplom-Volkswirt und promovierte 1922 bei Prof. Leopold von Wiese über „Die soziale Bedeutung des berufsständischen Gedankens in der Gegenwart“. 1925 wurde er Leiter des Arbeitsausschusses für „Berufsbildung im Reichsverband der Deutschen Industrie“, veröffentlichte eine Reihe von wissenschaftlichen Arbeiten, darunter 1928 die „Grundlagen einer Wirtschaftspädagogik“. Dr. Franz Schürholz stand dem katholischen Zentrum nahe, galt nach 1933 wegen seines links-katholischen politischen Engagements als gefährdet und gründete in Berlin eine eigene Kokosmattenweberei, die bei einem Luftangriff ausgebombt wurde. Franz Schürholz diente nach Kriegsbeginn als Offizier in der Luftwaffe. Wegen einer von ihm gehaltenen Anti-Nazi-Rede kam er 1942 wegen „defätistischen Äußerungen“ vor ein Kriegsgericht und wurde aus „gesundheitlichen“ Gründen aus der Wehrmacht entlassen. Das ging für ihn glimpflich aus, denn es war nicht bekannt, dass er und seine zweite Ehefrau Berna, die er 1942 in Berlin geheiratet hatte, befreundeten Juden halfen.

1973 in Jerusalem als „Gerechter unter den Völkern“ geehrt

Franz Schürholz versteckte in seinem Büro Ernst Ludwig Ehrlich (Foto), einen Juden, der am Tag der „Fabrik-Aktion“ am 27. Februar 1943, der letzten großen Gestapo-Verhaftungsaktion am Arbeitsplatz der Juden in Berlin, der Festnahme zu entgehen suchte. Franz Schürholz hatte ihn durch einen jüdischen Nachbarn kennengelernt, der in einer Mischehe lebte und somit von der Abschiebung befreit war. Einen Tag vor der Gestapo-Aktion besuchte Ehrlich Franz Schürholz in seiner Privatwohnung in der Neidenberger Allee in Berlin-Charlottenburg und bat um Schutz für seine Mutter und sich. Seine Mutter, die in einer Fabrik arbeitete, wurde jedoch am nächsten Tag von der Gestapo festgenommen und nach Auschwitz deportiert. Ernst Ludwig Ehrlich hielt sich bei Schürholz zweieinhalb Monate lang versteckt. Nachdem ein Luftschutzwart bemerkt hatte, dass sich jemand im Büro aufhielt, brachte Schürholz seinen Schützling zu seinem ebenfalls „links-katholischen“ Freund Dr. Fütterer, bei dem Ehrlich in Schöneberg bis zu seiner Flucht in die Schweiz am 13. Juni 1943 Zuflucht fand.
Am 3. Mai 1973 erkannte die Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem den Dorstener Dr. Franz Schürholz als „Gerechten unter den Völkern“ an (siehe Zur Sache. weiter unten). Ernst Ludwig Ehrlich, der sein Leben dem ihm unbekannten Franz Schürholz zu verdanken hatte, sah in ihm einen „Nazigegner und fortschrittlichen, politisch aktiven Katholiken, der mit vielen führenden Katholiken seiner Zeit bekannt und befreundet gewesen war. „Ich traf ihn in der Nacht des 26. Februar (1943) in seiner Wohnung in der Neidenberger Allee 66. Die Unterhaltung mit ihm war sehr erregend und wesentlich für uns beide. In dieser Nacht begann unsere Lebensfreundschaft. Er erklärte sich bereit, mich aufzunehmen und auch für meine Mutter ein Quartier zu suchen.“ Dies war der Beginn einer lebenslangen Freundschaft, die in 46 überlieferten Briefen dokuumentiert ist, welche die Gedenkstätte Deutscher Widerstand archiviert hat.

Redenschreiber von Bundespräsident Heinrich Lübke – und dessen Freund

Nach dem Krieg, Franz Schürholz wohnte bereits in Wangen am Bodensee, wo er einen eigenen Obst- und Gartenbetrieb hatte, gehörte er zum engeren Freundeskreis von Heinrich Lübke (Foto), dem späteren Bundespräsidenten. Schürholz hatte Lübke bereits während dessen Haftzeit 1934/35 unterstützt. Am 7. Juni 1968 hatte Franz Schürholz bei Lübke vergeblich gegen dessen vorzeitigen Amtsverzicht interveniert. In einem Schreiben vom 11. Juni 1968 an seinen Freund  Dr. Johannes Schauff (Schriftsteller, 1902-1990), der ebenfalls bei Lübke intervenierte, beklagte er sich zugleich über den Immobilismus der „vorrangig interessierten Partei“, d. h. der CDU. Die weitere Korrespondenz betraf u. a. dessen Engagement für die deutsch-israelische Aussöhnung. Befreundet war Schürholz auch mit dem Schweizer Dr. med. Nathan (Natus) Wolf, der 1943 jüdische Flüchtlinge aus Deutschland über die Grenze in die Schweiz verholfen hatte und dafür vom Schweizer Territorialgericht angeklagt wurde.
Unter der im Nachlass des Schriftstellers Ben Gavriels aufbewahrten Korrespondenz in den Sammlungen der Nationalbibliothek Basel finden sich auch Briefwechsel mit Privatpersonen in Deutschland, mit denen die Frage der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen beiden Staaten erörtert wurde. Aus diesen Briefen ist ersichtlich, dass Ben Gavriel diese Idee klar unterstützte. Unter anderem tauschte sich Ben Gavriel darüber mit Franz Schürholz aus, der kulturell sehr interessiert war und sich in den 50er- und 60er-Jahren aktiv bei der Annäherung zwischen beiden Ländern einbrachte. In einem Schreiben Ben Gavriels an Franz Schürholz (Foto) ist ersichtlich, dass Ben Gavriel Gerüchte über die Besetzung des Postens des deutschen Botschafters gehört hatte und diese ihn nicht zufrieden stellte. Ben Gavriel ging davon aus, dass der Adressat des Briefes, Franz Schürholz, in der Lage war, die Entwicklungen zu beeinflussen und er versuchte, die deutsche Seite vor der Besetzung des delikaten Postens mit einer ungeeigneten Person zu warnen. Es ist unklar, ob dieser Brief seine Absicht erreichte, doch ist es bemerkenswert, dass Ben Gavriel großes Interesse an der Frage der Ernennung des ersten deutschen Botschafters im Staat Israel zeigte. 1962 gab Franz Schürholz ein Taschenbuch mit dem Titel „Werkstatt-Modell Israel“ heraus (Foto).

Im Heimatkalender 1928 schrieb er über die Menschen der Siedlung

Der in Hervest geborene und aufgewachsene Franz Schürholz hatte seinen Geburtsort Hervest nie so ganz vergessen. So schrieb er im Heimatkalender der Herrlichkeit Lembeck 1928 über die Bergbau-Siedlung in Hervest und ihre „neuen Bewohner“: „Die neuen Bewohner befanden sich zunächst in einer Art Ghettosituation gegenüber den Menschen des gewachsenen Dorfes und der Stadt Dorsten.“ Und weiter schrieb er: „… dass eine Hemmung darin liegt, dass jede junge Industriegemeinde dem wirtschaftlich und sozial Umwälzenden, das sie durch das Entstehen der Industrie an sich hervorruft, besonders, wenn sie noch volksfremde Arbeitskräfte einführen zu müssen glaubt, erst durch lange Gewöhnung und Ausgleichsarbeit entwachsen muss. Der Vorteil kann darin liegen, dass, wenn das neue, von der Schwerindustrie gestellte Volkselement nicht zu sehr überwiegt, die alten heimischen, am Überlieferten hängenden Volksteile, in täglicher Arbeit und Auseinandersetzung mit den neuen, zu einseitig nur in die Zukunft gerichteten Schichten, eine für das politische und soziale Leben gute Verbindung eingehen können zwischen den konservativen, traditionellen und den fortschrittlich vorwärtsweisenden Kräften.“ – Dr. Franz Schürholz starb 1987 im Alter von 93 Jahren in Wangen. Seine Frau 1993.

Zur Person: Ernst L. Ehrlich, deutsch-schweizer Judaist und Historiker

Ernst Ludwig Ehrlich (1921 in Berlin, gest. 2007 in Riehen bei Basel; Porträt weiter oben) war ein deutsch-schweizerischer Judaist und Historiker. Ehrlich, der 1943 vor den Nationalsozialisten in die Schweiz floh, setzte sich jahrzehntelang für den christlich-jüdischen Dialog ein. Von 1961 bis 1994 war er europäischer Direktor der jüdischen Organisation B’nai B’rith. Ehrlich studierte an der Berliner Hochschule für die Wissenschaft des Judentums. Als die Einrichtung 1942 geschlossen wurde, wurde Ehrlich zur Zwangsarbeit verpflichtet. Er entging der Festnahme, weil ihn Franz Schürholz zweieinhalb Monate versteckte. Im Juni 1943 konnte er mit einem gefälschten Pass in die Schweiz fliehen. Ab 1955 war er an den Universitäten Frankfurt am Main, Zürich, Basel, Bern und Berlin tätig. Ab 1972 war Ehrlich als Honorarprofessor für neuere jüdische Geschichte an der theologischen Fakultät der Universität Bern tätig. Zudem war er in vielen internationalen Gesellschaften tätig, u. a. als Berater des Kardinals Augustin Bea im Zweiten Vatikanischen Konzils von 1962 bis 1965. Bis zu seinem Tod blieb Ehrlich aktiv. Er veröffentlichte zahlreiche Schriften und Bücher über das christlich-jüdische Verhältnis in der Geschichte und Gegenwart. Ernst Ludwig Ehrlich wurde mit vier Ehrendoktor-Würden ausgezeichnet, mit dem Bundesverdienstkreuz 1. Klasse, mit der Buber-Rosenzweig-Medaille, dem Leo-Baeck-Preis und dem Israel-Jacobson-Preis.

Zur Sache: Die Gerechten unter den Völkern – darunter 638 Deutsche

Die Liste der Gerechten unter den Völkern aus Deutschland enthält Deutsche, die für die Rettung von Juden während der Zeit des Nationalsozialismus von der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem seit 1953 als Gerechte unter den Völkern geehrt werden, die zwischen 1933 und 1945 große persönliche Risiken in Kauf nahmen und dabei ihr Leben in Gefahr brachten, um von der Deportation in Arbeits- oder Vernichtungslagern bedrohte Juden zu schützen. In Yad Vashem wird im „Garten der Gerechten unter den Völkern“ für jede Person eine Plakette angebracht, für die frühen Geehrten wurde zudem in der Allee der Gerechten unter den Völkern jeweils ein Baum gepflanzt, dies ist inzwischen jedoch aufgrund Platzmangels selten geworden. Zum 1. Januar 2020 betrug die Zahl der Gerechten insgesamt 27.712, darunter befinden sich 638 (nichtjüdische) Deutsche, einer von ihnen der Dorstener Dr. Franz Schürholz.
Die Stadt Dorsten sollte ihren bislang nicht wahrgenommenen Sohn der Stadt Dorsten und dessen beachtliches Lebenswerk würdigen. Wie wäre es, ihm posthum die Stadtmedaille zu verleihen und/oder nach ihm eine Straße zu benennen?

Siehe auch: Familie Schürholz
Siehe auch: Paul Schürholz
Siehe auch: Heinrich Schürholz
Siehe auch: Carl August Schürholz
Siehe auch: DeKoWe
Siehe auch: Franz Schürholz (II)


Anmerkung: Christian Gruber, Wulfen, entdeckte auf https://www.yadvashem.org/de.html die Information, dass 1973 Franz Schürholz als „Gerechter unter den Völkern“ gewürdigt wurde, was dann zu weiteren Recherchen führte. Dank auch an Wilhelm Schürholz für seine Informationen. Quellen: Helmut Bomhoff: Ernst-Ludwig Ehrlich – prägende Jahre: Eine Biografie“. – Rolf Vogel „Gespräch mit Ernst Ludwig Ehrlich 1983“, Zürich 2000. – Morsey: Heinrich Lübke, S. 102 f. – .Gespräch und Auskünfte von Wilhelm Schürholz, Dorsten, 2021 sowie mit Franz-Hellmut Schürholz, Sachsenheim 2021. – Wikipedia zur Information Gerechter der Völker und Ernst Ludwig Ehrlich (Aufruf 2021). – Beitrag gleichzeitig auch veröffentlicht in www.dorsten-transparent.de

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