Kahle, Maria

Eine in Wulfen ansässig gewesene Dichterin und NS-Propagandistin

Wohnhaus von Maria Kahle in Olsberg/Sauerlamd  (Ansichtskarte)

1891 in Wesel bis 1975 in Olsberg; Journalistin, Dichterin und Schriftstellerin. – Die als Maria Kessler in Wesel geborene Dichterin verbrachte die ersten zwölf Jahre ihres Lebens in Wulfen; danach zog die Familie nach Olsberg (Sauerland), wo Kahle mit 84 Jahren starb. 1913 besuchte sie Verwandte in Brasilien. Der Erste Weltkrieg hinderte sie an der Rückkehr. Deshalb blieb sie in Brasilien, nahm Kontakt mit der deutschen Kolonie auf und arbeitete als Journalistin für die deutschsprachige Zeitung „Der Urwaldbote“. k-kahle-mariaSie engagierte sich für die Anliegen der deutschen Siedler und vertrat auf ihren Vortragsreisen in Südamerika verstärkt rechtsnationale Positionen. Nach ihrer Rückkehr 1920 schloss sie sich der national-völkischen Bewegung in Deutschland an, wurde Antisemitin und arbeitete von 1924 bis 1926 als Redakteurin bei der „Kasseler Tageszeitung“. Sie war eine entschiedene Nationalsozialistin und für das NS-Regime als Propagandistin tätig, das sie bis Kriegsende ohne Einschränkungen unterstützte. Ihr dichterisches Werk umfasst anfangs religiöse Poesie und Naturlyrik, später thematisierte sie das rechte Auslandsdeutschtum und ihre westfälische Heimat, geprägt von ihrer völkisch-rassistischen Überzeugung. Dafür erhielt sie 1937 den „Westfälischen Literaturpreis“. Aus 1937 stammt auch das Zitat, das im Heimatkalender 1938 unter der Überschrift „Maria Kahle, Trägerin des 2. westfälischen Kulturpreises, bekennt sich zur Heimat“ abgedruckt ist:

„Aufwühlender als wir hat keine andere Landschaft des Reiches den Einbruch der Industrie und Technisierung und Rationalisierung auch des ländlichen Lebens und als Gefährlichstes im Industriegebiet die Verwirrung durch fremdrassige Unterwanderung erlitten; verwüstender als dort hat nirgendwo die Zivilisation altes Kulturland überschwemmt und überlieferte Bindungen zerstört. Aber was vor einem Jahrzehnt noch Chaos schien, gliedert sich nun bereits zu neuen Ordnungen, ein neues Lebensgefühl beginnt einen ihm gemäßen Lebensstil zu formen.“

Maria Kahle agierte schon vor 1933 gegen die demokratische Republik

Viele Gedichte durchzieht die Verklärung des Krieges als Schicksal, die auch die wirklichkeitsferne Selbstaufgabe des Einzelnen erfordert. Spätestens seit 1923 hatte Kahle auch engere Kontakte zum Jungdeutschen Orden (Jungdo), wie ihre Veröffentlichungen in dessen Verlag belegen. Der Jungdo war neben dem „Stahlhelm“ die bedeutendste außerparlamentarische Opposition gegen die demokratische Republik. Als Mitglied der Schriftleitung des Jungdeutschen war Maria Kahle offensiv und öffentlich und hauptberuflich in den Kampf gegen die demokratische Republik eingestiegen. Unter dem Einfluss antisemitischer Kreise, entwickelte Kahle ein biologisch- rassistisches Gesellschaftsbild, das sich in Sprache und Analyse niederschlug.

1940 zur Vertiefung des NS-Heimatgefühls: „Maria Kahle-Abende“ im Vest

Autogrammkarte Maria Kahles

Die Nationalsozialisten hofierten ihre Dichterin, der sie den Westfälischen Literaturpreis verliehen hatten. Im Januar 1940 luden NSDAP und etliche Ortsvereine des Vereins für Orts- und Heimatkunde des Vest Recklinghausen Maria Kahle zu ihren Veranstaltungen ein. Der Ortsverein Oer-Erkenschwick begann am 14. Januar mit einem „Dorfabend, auf dem die große Künderin deutschen Volkstums, Frau Maria Kahle, eine siebentägige Vortragsreihe im Veste Recklinghausen eröffnete“. Der Heimatabend gliederte sich in drei Abschnitte: „1. Wir gedenken des toten Dichters Karl Wagenfeld; 2. Wir arbeiten weiter im Sinne Karl Wagenfelds; 3. Die Dichterin Maria Kahle führt uns auf dem Schicksalsweg der Ostlandsdeutschen“. – Der Ortsverein Buer des Vereins für Orts- und Heimatkunde zusammen mit der NS-Kreiskulturgemeinde lud in das Buersche Heimatmuseum zu einem „Maria-Kahle-Abend“ ein. Dieser gut besuchte Abend mit den „deutschen Gedichten“ Maria Kahles, von ihr vorgetragen, war eine werbende Begleitveranstaltung zu der im Museum stattfinden Ausstellungen „Die deutsche Wehrmacht“ und „Dreihundert Jahre Krieg im Westen“. Geladen waren zu diesem „Maria-Kahle-Abend“ Spitzen der NSDAP, die auch erschienen waren.  NS-Landrat Dr. Reschke sprach als „NS-Heimatgebietsleiter“ über die Heimatbewegung im Vest Recklinghausen. Es wurden dazu Gedichte von Maria Kahle vorgetragen. – Am nächsten Tag lud der „Ortsvereinsführer“ von Recklinghausen Maria Kahle in den Saal der Engelsburg ein, die über das Thema „Ich bin eine Deutsche“ sprach. – Maria Kahle hielt am 16. Januar  1940 im Marler Ortsverein einen Vortrag zum Thema „Ich bin eine deutsche Frau“, natürlich in dem Sinne, wie die Nationalsozialisten die Deutsche Frau verstanden hatten. – Nach Dorsten kam Maria Kahle nicht, dafür besuchten Mitglieder des Dorstener Ortsvereins die „Maria-Kahle-Abende“ in den anderen Städten.

Dorstener Heimatkalender blendete noch 1981 ihre NS-Ideologie aus

Postkarte Jungdeutscher Orden

Nach 1945 änderte sie ihre Dichtung in Jugend- und Heimatliteratur. Für ihr umstrittenes Lebenswerk erhielt sie 1957 das Bundesverdienstkreuz und 1960 die Agnes-Miegel-Plakette. Die DDR dagegen setzte ihre Werke auf die Liste der auszusondernden Literatur. Zahlreiche Gedichte sind im „Heimatkalender der Herrlichkeit Lembeck“ und im „Vestischen Kalender“ noch bis Ende der 1950er-Jahre abgedruckt. Zum 90. Geburtstag der Dichterin veröffentlichte der Heimatkalender noch 1981 eine unkritische und Maria Kahles nationalsozialistische Vergangenheit ausblendende Würdigung: „Ihre ganze Kraft widmete sie der Stärkung des nationalen Bewusstseins…“ und „In wunderbarer dichterischer Sprache wusste Maria Kahle ihren Glauben an die Zukunft Ausdruck zu verleihen.“  – Der Vorschlag des Heimatvereins Wulfen im Jahre 1952, den „Kleinen Ring“ in Maria-Kahle-Straße umzubenennen, fand allerdings keine Realisierung. In der Heimat verbundenen Kreisen in Wulfen hielt die Verehrung für die Dichterin aber noch lange an.

Unsere Gefallenen

Ach toter Frühling aller, die versanken
In Ländern, Städten, Straßen ohne Namen,
Verwesend ausgestreut, ein welker Samen,
Den Moder und Verschollenheit umschwanken.

Herzen, die nie zu ihrer Blüte kamen,
Alte Trunkenheit aus Schöpferträumen tranken,
Ach, Jugend unentfalteter Gedanken,
Die stumme Gräber eisig in sich nahmen!

Und doch sind sie unsterblich! Denn es blieben
Ihr Geist, ihr ungelebtes Leben als Vermächtnis
Dem Volk, das seine Toten nicht vergisst.

Doppelt zu wirken, fordert ihr Gedächtnis
Damit ihr Sein durch uns lebendig ist;
Ja, ihre Liebe gilt es mitzulieben!

Zitat aus dem Lexikon „Westfälischer Autorinnen und Autoren“

Schulportal in Schwäbisch Gmünd (2011)

„Die Sichtung der von Kahle veröffentlichten Literatur, ihre journalistische Tätigkeit und ihre zahllosen Vorträge in den Anfangsjahren der Weimarer Republik in ganz Deutschland lassen sie als eine herausragende und überzeugende Propagandistin völkischen Gedankenguts erscheinen. Dieser Eindruck wird auch durch ihre klischeehaften naturverbundenen „Heimkehrgedichte“ nicht korrigiert, sondern eher verstärkt. Ihr Engagement war ein wesentlicher Beitrag zur Zerstörung der Weimarer Demokratie, nahm bedeutende Elemente des Ideengeflechtes des Nationalsozialismus vorweg und förderte dessen Aufstieg. 1935 wurde Maria Kahle vom Stellvertreter des Führers empfangen, erhielt (1937) den politisch begründeten Westfälischen Literaturpreis, publizierte in zahlreichen Zeitschriften, Zeitungen und Büchern ihr religiös verbrämtes völkisches Gedankengut und schrieb 1943 für die Westfälische Tageszeitung noch systemstabilisierende Durchhalteparolen“ (Bracht 1994).

Hitlerverehrerin und Judenfeindin in schriftlichen Äußerungen belegt

Straße in Olsberg musste umbenannt werden

Auf Grundlage von belegten Fakten wurde nach Initiative des örtlichen CDU-Bürgermeisters 2013 in Olsberg, ihrer Heimatkommune, die „Maria-Kahle-Straße“ per einstimmigen Ratsbeschluss umbenannt. Umbenennungen von Kahle-Straßen erfolgten 2013 auch in Sundern und Arnsberg, wiederum mit den Stimmen aller Fraktionen. – Verehrt wird die Dichterin heute noch auf einer Internetseite der rechtskatholischen Pius-Bruderschaft (sog. „kath. Jugendbewegung“), die in der Vergangenheit wiederholt wegen Antisemitismus Skandale machte. Maria Kahle stand bereits früh in Verbindung mit dem nationalsozialistischen Priester Dr. Lorenz Pieper (NSDAP-Mitglied ab 1922), mit dem sie gemeinsam u. a. im antisemitisch-völkischen „Jungdeutschen Orden“ wirkte. Nach dem gescheiterten nationalsozialistischen Putschversuch in München schrieb sie schon Ende 1923 eine Verehrungshymne.

„Adolf Hitler
Doch wie einst Schill uns Ketten zu zerreißen
Und Freiheit mit dem Tod zu zahlen lehrte,
Ob kühle Weisheit auch sein Tun verdammte
So schweißt das Feuer, das dein Werk entflammte,
Jetzt unser Wollen zum Befreiungsschwerte! ….“

Diese Hitler-Hymne ist zusammen mit zahlreichen rechtsextremistischen Huldigungen und Versen u. a. in ihrem Band „Gekreuzigt Volk“ (1924) nachzulesen. Die erklärte Feindin der Republik bog sich ihre nationalistische Religion 1922 mit Versen dieser Art zu Recht:

„Deutscher Gott, Du Gott der Freien, […]
Eh wir denn zu Knechten werden,
Die beim Feind in Demut flehen,
Laß uns, stolzer Gott der Freien,
Laß uns lieber untergehen!“

In der Zeitschrift „Germania“ des Zentrums wurde ihr Gedankengut als völkisch-neuheidnischer Abfall vom katholischen Christentum kritisiert. 1934 rühmte Maria Kahle die nationale Revolution Adolf Hitlers, was sie auch auf Propagandareisen für ihr so genanntes „Auslandsdeutschtum“ fortsetzte:

„Unfaßbar Großes geschah in unseren Tagen. […] Wir erfuhren die schöpferische Macht nationalen Willens, den ein Liebender, ein aus überflammender Liebe zu Deutschland starker Führer erweckte.“

Ihr Hitler-Bekenntnis vom 1938 lautet:

„Ein Volk, in dem die Liebe zum Führer jubelnd brennt!
In Blut und Art und Seele, im Zukunftsglauben gleich,
Heil Österreich und Deutschland! Ein Führer und ein Reich!“

Erschienen in Sao Paulo

„Deutsches Blut“ in Brasilien: Mit ihren zumeist unerträglich schwülstigen Versen und als engagierte Rednerin unterstützte Maria Kahle propagandistisch Hitlers Ostfeldzug als so genannte „Lebensraum-Erweiterung“ für deutsche Menschen. – Zwischen 1940 und 1944 erschien in mehreren Auflagen Maria Kahles romanhaftes, zum Teil autobiographisch inspiriertes Buch „Umweg über Brasilien“, auf dessen Propagandagehalt der Forscher Friedrich Schroeder nachdrücklich hinweist: Eine junge Deutsche verschlägt es nach Brasilien, wo sie in der Fremde erst richtig den Wert ihres „deutschen Blutes“ schätzen lernt und durch die Lektüre von Hitlers Buch „Mein Kampf“ die wahren Fragen des „Deutschtums“ erkennt. Als Lehrerin gibt sie dieses neue Wissen an Schüler einer brasilianischen Deutschensiedlung weiter, was diese vielleicht „heim ins Reich“ weisen könnte. Sie verbreitete auch Hass-Verse. Im Originalton:

„Wie die Schmarotzergewächse im Urwald“ in den Wipfeln vormals unversehrter Bäume prall und feist vom Blut und Lebensmark des Baumes, ihre grellen, geilen Blüten treiben, – so war Deutschland überfallen, verstümmelt von seinen Feinden und überwuchert und ausgesogen von dem tödlichsten Gegner im eigenen Lande, von dem schmarotzerischen Judentum.“

Erschienen 1928 mit antisemitischen Karikaturen

Als Antisemitin profiliert sich die Autorin u. a. auch in ihrem Werk „Judas“ (1926) und in den „Heimatgrüßen für unsere Soldaten – Amt Bigge“ (Nr. 21/1941), in denen sie außerdem die totale Kriegsführung Hitlers mit glühender Begeisterung bejaht. Abgesehen von Allgemeinplätzen über „übersteigerten Nationalismus“ etc. liegt eine wirklich persönliche, selbstkritische Stellungnahme Kahles zu ihrer eigenen, ganz konkreten Rolle als Propagandistin und „beliebteste Schulbuchautorin“ (Erika Mann) im 3. Reich nicht vor. – Als Antisemitin, Demokratiefeindin und fanatische Hitler-Anhängerin gehörte Maria Kahle nicht zu den Persönlichkeiten und Vorbildern, deren Gedichte in hiesigen Kalendern noch bis 1960 veröffentlicht wurden, und die mit einem Straßennamen geehrt werden können, sowie es der Wulfener Heimatverein nach 1945 forderte.

Werke (Auswahl): Deutsches Flottenlied, Rio de Janeiro (1915), Liebe und Heimat, São Paulo 1916, Deutsche Worte, São Leopoldo 1917, Am Rhein, Kassel 1923, Volk, Freiheit, Vaterland, Hagen 1923, Gekreuzigt Volk, Kassel 1924, Judas, Mönchengladbach 1928, Deutsches Volkstum in der Welt, Weimar 1930, Blutendes Grenzland und deutsche Treue, Paderborn 1933, Deutsche Brüder und Schwestern im Auslande, Paderborn 1933, Deutsches Volk in der Fremde, Oldenburg 1933, Die deutsche Frau und ihr Volk, Warendorf 1934, Deutsches Heldentum jenseits der Grenzen, Paderborn 1934, Unser Westfalen, Münster 1937, Westfälische Bauern im Ostland, Berlin 1940; Die Legende vom gefangenen Sohn, Münster Westfalen 1956, Herz der Frau, Münster Westfalen 1959, Das verlorene Paradies, Emsdetten/Westfalen 1960.

Maria Kahle ist nicht zu verwechseln mit Marie Kahle, wobei letztere nicht nur das -e- im Vornamen von der ersteren unterscheidet. Marie Kahle (1893-1948) war eine ausgewiesene Gegnerin der Nationalsozialisten. Nach ihr ist eine Gesamtschule in Bonn benannt. Kurioserweise war auch nach der dem Nationalsozialismus nahestehende Maria Kahle eine Schule in Schwäbisch Gmünd von 1936 bis 2012 benannt (siehe Foto im Text).

Siehe auch: Franziska Radke
Siehe auch: Literaten (verstorben)


Quellen:
Nach Christian Grubers Wulfen-Wiki. – Wikipedia, Online-Enzyklopädie. – Helmut Scheffler in HK Lembeck 1981, Seiten 136 bis 139. – Vestische Zeitschrift 1941 / 48. Band. – daunlots Eslohe (Aufruf 2018).

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