Ausländer

In Dorsten leben mittlerweile viele Menschen aus über hundert Nationen

Impression; Foto: Wolf Stegemann

Impression; Foto: Wolf Stegemann

In den letzten 30 Jahren kamen Kriegsflüchtlinge aus Vietnam nach Dorsten, Asylbewerber aus Ländern, in denen sie verfolgt waren, Deutschstämmige aus der Sowjetunion bzw. den GUS-Staaten, Juden aus den GUS-Staaten, Aussiedler und Übersiedler. Die Grenzen zum Fremdsein sind durch den früheren Stadtdirektor, Bürgermeister und engagierten Europapolitiker Dr. Zahn von der Lippe als historischer Grenzfluss weit weg gerückt. Durch acht Partnerstädte hat Dorsten schon lange einen Platz in Europa (siehe Europa-Fahne, Ehrenplakette). Mittlerweile kann man auch in Dorsten arabisch, griechisch, chinesisch, indisch, mexikanisch, italienisch, türkisch, französisch, spanisch, jugoslawisch und mongolisch essen. 1971 hat im heutigen Stadtgebiet Dorsten erstmals ein türkischer Mitarbeiter der Wulfener Schachtanlage die Hauerprüfung bestanden. Um die hier lebenden ausländischen Bürger und Asylbewerber kümmern sich verschiedene Vereine und Einrichtungen. Der 1989 eingerichtete Ausländerbeirat ist ein Gremium des Stadtrats. Die Mitglieder werden von den Ausländern gewählt.

Gastarbeiter in der Zechensiedlung in den frühen 1970er-Jahren

Gastarbeiter in der Zechensiedlung; frühe 1970er-Jahre

Mit Stand vom Januar 2010 leben in Dorsten 3.403 Ausländer. Das sind 4,36 Prozent der Gesamtbevölkerung. Auf die einzelnen Stadtteile verteilt: Rhade 79 (1,37 Prozent), Lembeck 98 (1,85 Prozent), Deuten 22 (1,26 Prozent), Wulfen 610 (4,2 Prozent), Holsterhausen 650 (4,71 Prozent), Hervest 955 (7,33 Prozent), Östrich 35 (1,73 Prozent), Hardt 192 (2,4 Prozent), Altstadt 317 (7,9 Prozent), Feldmark 377 (4,8 Prozent), Altendorf-Ulfkotte 83 (3,9 Prozent), nicht zuteilbar 1 (2,6 Prozent); darunter etwa 400 Fluchtmigranten (Asylbewerber und Asylanerkannte). Rund 97 Nationen sind in Dorsten vertreten. Zudem wohnen in Dorsten rund 4.200 Zuwanderer, d. s. Deutsche mit Migrationshintergrund (Spätaussiedler, Eingebürgerte). 1980 gründeten Vietnamesen in Dorsten den „Verein der Vietnamesischen Flüchtlinge“. Die türkischen Bewohner und türkisch-stämmigen Bürger haben Kulturvereine, Religionsvereine und Vereine zur sozialen Verbesserung ihrer Lebenssituation gegründet. Im gleichen Jahr fanden sieben vietnamesische Familien mit 39 Personen in Barkenberg eine neue Heimat. 1993 beteiligten sich viele Ausländer und Deutsche an einer Protestaktion gegen Ausländerhass anlässlich der Opfer des Brandanschlags in Solingen. 1990 wurden die neu erbauten Häuser für Übersiedler-Familien „An der Molkerei“ fertig gestellt. Dort konnten 136 Personen untergebracht werden (sieheZuwanderung).

1984 erstmals „Türken-raus“-Parole in Hervest-Dorsten

789A-Ausländer-Türken rausDursun Topcu war nicht nur verärgert und enttäuscht, er war verbittert. Dazu hatte der Bergmann der Zeche Fürst Leopold im Juni 1984 allen Grund, denn unbekannte Täter hatten nachts durch Parolen darauf aufmerksam gemacht, dass er und seine Familie nach 14 Jahren in Hervest-Dorsten unerwünscht seien. „Türken raus“ hieß die Parole, die mehrfach und in gelber Farbe auf dein Auto und seine Haustür in der Burgsdorffstraße gesprüht wurde. Topcu und seine Familie waren bis dahin unbehelligt geblieben, wie andere auch. Seine drei Kinder, damals neun, sechs und vier Jahre alt, wurden in Dorsten geboren und besuchten die Agathaschule. Bei Nachbarn und Kollegen waren die Topcus beliebt und mit vielen befreundet. „Hoffentlich fängt es mit Hetzparolen jetzt nicht auch in Dorsten an wie sie in Duisburg, Berlin und Stiggrat bereits Tagesordnung sind!“ sagte Topcu 1984 vor der Presse. 1984 hatte gerade die Nationaldemokratische Partei Deutschlands (NPD) landauf und landab mit Hetzparolen gegen Ausländer Werbung gemacht, auch in Dorsten. Bürgermeister Hans Lampen und die Stadtspitze schrieben an die Familie Topcu und verurteilten die Tat auf das Schärfste, in Leserbriefen erklärten sich SPD, der „Deutsch-Türkische Freundeskreis“ und Bürge mit Topcus solidarisch, die Kirchengemeinde St. Josef in Hervest-Dorsten kam finanziell für die Reinigung von Haus und Auto mit einem Aufwand von 2.000 DM auf. Die WAZ kommentierte: „Alle Dorstener sind aufgerufen, sich solidarisch mit den ausländischen Mitbürgern zu zeigen, damit solch ein Vorfall eine Ausnahme bleibt. Er muss eine Ausnahme bleiben, ansonsten kann man nur mit Angst und Schrecken in die Zukunft sehen.“

Die erste Funktionsträgerkonferenz des Stadtverbandes der Dorstener CDU stand 2008 u. a. unter dem Thema „Migranten“. Nach Expertenmeinung sei die Integrationsarbeit nicht ausreichend angepasst worden. Bürgermeister Lambert Lütkenhorst (CDU) meinte, dass in den nächsten Monaten in Dorsten daran gearbeitet werden müsse. Wichtig sei der CDU  insbesondere die Sprachkompetenz der ausländischen Mitbürger.

„Moslems raus!“-Parole – Stadtverwaltung reagierte nicht

231-muslime-deutschland-191010-540x3042013 bis Anfang 2014 war monatelang die Hetzparole „Moslems raus!“ an einem Brückenpfeiler am Kanalufer in der Nähe der Schleuse zu sehen. Die Aufschrift fiel Spaziergängern auf. Ein Dorstener wandte sich schon im Sommer 2013 an die Stadtverwaltung mit der Bitte, diese Schmiererei zu entfernen. Doch nichts geschah. Daraufhin schaltete der die „Dorstener Volkszeitung“ ein, die nichts darüber brachte, um keine Nachahmungstäter zu animieren, drängte aber die Stadtverwaltung, diese Hetzparole endlich zu entfernen. Nichts geschah. Nach Wochen die wiederholte Aufforderung der Zeitung, die Hetzparole zu entfernen. Urlaub hätte dies bislang verhindert, war aus dem Rathaus zu hören. Die Schmiererei werde jetzt aber unverzüglich entfernt. Denn, so die Stadtpressesprecherin Lisa Bauckhorn zur DZ: „Denn es sei bei der Verwaltung gängige Praxi, volksverhetzende Parolen oder Aufschriften, die religiöse Gefühle verletzen, sofort zu beseitigen, sobald dies im Rathaus bekannt werde.“ Die Pressesprecherin konnte nicht erklären, warum das bislang nicht geschehen ist. Diesen Vorfall kommentierte Klaus-Dieter Krause von der DZ-Redaktion am 16. Januar 2014, der ansonsten wegen seiner unkritischen Haltung gegenüber dem Rathaus bekannt ist, u. a. mit: „Dass jedoch auch im Dritten Durchgang das berechtigte Drängen, man möge endlich tätig werden, entgegen aller Zusagen ungehört verhallt, ist hochnotpeinlich … die Stadtverwaltung hat sich damit ein Armutszeugnis ausgestellt … Aber Fehler geschehen nun mal überall.“

Einbürgerungen von Ausländern in Dorsten

Türkin mit Einbürgerungsurkunde

Türkin mit Einbürgerungsurkunde

Während sich landesweit die Zahl der Einbürgerungen zum dritten Mal in Folge gegenüber dem Vorjahr erhöht, ist in Dorsten eine leicht gegenläufige Tendenz zu beobachten. In der Lippestadt nahmen im Jahr 2011 nur noch 91 ausländische Mitbürger die deutsche Staatsbürgerschaft an. Dies bedeutet einen Rückgang um 4,2 Prozent. Allerdings ist die Zahl der im Jahr 2011 neu eingebürgerten Dorstener deutlich höher als beispielsweise in 2006, als mit 58 Einbürgerungen in der Lippestadt der Tiefstand im ersten 2000er-Jahrzehnt erreicht war. Der Höchststand war bislang im Jahr 2000 mit 174 Eingebürgerten. Gut Eindrittel der betreffenden Personen hatten vor der Einbürgerung die türkische Staatsangehörigkeit. Dann folgten Iraker und Marokkaner. 41,7 Prozent aller Eingebürgerten lebten zum Zeitpunkt der Einbürgerung bereits seit mindestens 15 Jahren in Deutschland; weitere 47,5 Prozent konnten auf eine Aufenthaltsdauer von acht bis 14 Jahren zurückblicken (siehe Einbürgerungen).

a-Ausländer-Muter-KindSeit September 2012 erhalten alle aus dem Nicht-EU-Ausland kommenden Personen in Dorsten – es sind rund 2.500 Personen –, die bereits einen Aufenthaltstitel besitzen, einen neuen elektronischen Ausweis mit Chip. Darunter auch Kinder ab sechs Jahren. In diesem Ausweis sind alle Aufenthaltsmerkmale des Inhabers zusammengefasst. Diese müssen seitdem tiefer in die Tasche greifen, den der elektronische Ausweis ist teuer: Eine Niederlassungserlaubnis für Selbstständige kostet 200 statt 150 Euro, eine normale Niederlassungserlaubnis 135 statt 85 Euro. Für einen Aufenthaltstitel, der über ein Jahr hinausgeht, zahlt man künftig 110 statt vormals 60 Euro. Sozialhilfeempfänger zahlen hingegen nichts. Diese Kosten übernimmt die Stadt.

Neue Staatsbürger im Kreis Recklinghausen om Jahr 2016

Seit Ende 2016 gib es im Kreis Recklinghausen 29 neue Staatsbürger. Landrat Kay Süberkrüb überreichte ihnen im Waltroper Rathaus Anfang 2017 die Einbürgerungsurkunden. Die neuen Staatsbürger sind zwischen zwei und 53 Jahre alt, rund die Hälfte ist jünger als 30. Sie stammen aus 14 verschiedenen Herkunftsländern, darunter Ägypten, Lettland, Syrien, Türkei, Spanien und Italien. 17 von ihnen sind bereits in Deutschland geboren.

Mitarbeiter der Ausländerbehörde seit 2016 mit Schutzwesten

Im Kreis Recklinghausen tragen immer mehr Mitarbeiter der Ausländerbehörden Schutzwesten. Ende 2016 hat auch die Stadt Dorsten solche Westen gekauft. Sie sollen vor allem dann getragen werden, wenn es um Abschiebungen geht. Es handelt sich um die gleichen Westen, wie sie auch von Polizisten getragen werden. Sie können nicht mit einem Messer durchstochen werden und halten auch Pistolenschüsse ab. Die Mitarbeiter tragen die Westen unter dem Hemd. Laut Stadt handelt es sich um eine präventive Maßnahme. Bei Abschiebungen komme es immer wieder mal vor, dass Mitarbeiter bedroht werden. Die Schutzwesten kosten knapp 3.500 Euro. In Recklinghausen kommen sie schon seit fünf Jahren bei Abschiebungen zum Einsatz. Außerdem haben die Mitarbeiter der Ausländerbehörde immer Schutzhandschule und Handschellen dabei.

Jeder fünfte Bürger in Deutschland mit Migrationshintergrund

In Deutschland leben 16,5 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund. Laut Statistik ist damit jeder fünfte Bürger nach 1950 zugewandert oder hat zugewanderte Eltern. 9,7 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund haben die deutsche Staatsangehörigkeit. Rund ein Drittel ist in Deutschland geboren. 70 Prozent der Zugewanderten haben ihre Wurzeln in Europa. Die wichtigsten Herkunftsländer sind die Türkei (12,8 Prozent), Polen (11,4) und Russland (9). Die ehemaligen „Gastarbeiterländer“ Italien und Griechenland belegen mit vier und zwei Prozent die Plätze sechs und sieben (Stand 2014).

Zur Rechtslage: Alle Personen, die nicht die Staatsangehörigkeit des Landes besitzen, in dem sie leben, sind Ausländer; zu ihnen zählen also auch Staatenlose. Seit sich in der Bundesrepublik in der Mitte der 1950er Jahre Arbeitskräftemangel bemerkbar machte, wurden zunächst in Italien, dann auch in den andren Mittelmeerländern Gastarbeiter angeworben. Die Zahl der Ausländer stieg bis zum Anwerbestopp 1973 auf über 2,5 Millionen und wuchs auch danach durch Nachzug von Familienangehörigen, hohe Geburtenrate, politische Flüchtlinge (Asyl) bis auf knapp sieben Millionen (1994) oder 8,5 Prozent der Bevölkerung.
Die Rechte der ausländischen Mitbürger sind im Ausländerrecht geregelt, nach dem jeder Nichtdeutsche eine Aufenthaltserlaubnis, zur Berufstätigkeit eine Arbeitserlaubnis und zum Gewerbetreiben eine Niederlassungserlaubnis braucht. Die Integration der Ausländer blieb trotz ihres großen Anteils am Wirtschaftswunder und trotz ihres Beitrags zu Steuern und zur Sozialversicherung in Ansätzen stecken. Das lag an Sprachproblemen, Einsatz u. a. zu niedrigen Arbeiten (Hilfsarbeiter) mit schlechterer Entlohnung, geringer Anpassungswilligkeit der Arbeitsimmigranten (Ghetto-Bildung), am wachsenden Anteil von Gruppen mit anderem Glaubenshintergrund wie islamischen Türken, am Import von politischen Konflikten der Heimatländer (z. B. Türken gegen Kurden), aber auch an wachsender Fremdenfeindlichkeit in Deutschland bei abflachender Konjunktur, explodierender Arbeitslosigkeit und vieles andere im Zuge der Wiedervereinigung. Obwohl nur acht Prozent der Ausländer in den neuen Bundesländern leben, kam es dort zuerst zu gewalttätigen Ausschreitungen, die sich wie ein Flächenbrand über ganz Deutschland ausbreiteten. Massendemonstrationen und  Lichterketten dagegen zeigten, dass hinter den Anschlägen nur eine rechtsradikale Minderheit steckt. In diesem Zusammenhang machte sich auch der als überwunden geglaubte Antisemitismus wieder bemerkbar. – Wie die Bundesregierung bekannt gab, lebten Ende 2010 in der Bundesrepublik rund 87.000 Ausländer als „Geduldete“.


Siehe auch:
Integration


Quellen:
Berthold Fehmer in DZ vom 29. August 2011. – Michael Klein „Weniger Ausländer eingebürgert als in den Vorjahren“ in DZ vom 11. April 2012.

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