Zuwanderungen

Schon 1925 hieß es hier: „Unser hiesiges Volkstum muss zu Grunde gehen“

Zuwanderung, Foto: Wolf Stegemann

Zuwanderung, Foto: Wolf Stegemann

Mit wehrhaften Mauern und natürlichen Grenzen (wie die Lippe) schützten sich die Dorstener früher vor dem gewaltsamen Eindringen unerwünschter Personen und mit Verboten, Zöllen, strengen Zunft- und Marktregeln gegen den Zuzug Fremder. Ein geschlossener Hochzeitskreis verhinderte das Einheiraten Fremder und somit ebenfalls den Zuzug. Alles Fremde wurde abgelehnt, Juden insbesondere, aber auch Protestanten. Fremde brachten nach den damaligen Vorstellungen nur Unruhe und Veränderungen mit sich, was weder der Landesherr aus politischen Gründen noch die Bürger in ihrer fest gefügten Lebensordnung wollten. Bis in die Nachkriegszeit hinein mussten Zugezogene immer mit Ablehnung rechnen, im politischen Bereich auch mit öffentlicher).

Bergarbeiter aus Österreich, Ostpreußen, Polen und Sachsen

Warten in den Ämtern

Warten in den Ämtern

Bevor sich der kurkölnische Landesherr Ende des 18. Jahrhunderts zu behutsamen Reformen entscheiden konnte, veränderte Napoleon die seit Jahrhunderten fest gefügten Regeln und Abschottungsmechanismen und gewährte bürgerliche Freiheiten, die mit Niederlassungs- und Gewerbefreiheit verbunden waren. Das wurde von den heimatkundlichen Historikern des 19. aber auch des 20. Jahrhunderts oft als negativ empfunden und geschildert (siehe Evelt, Weskamp, Wiedenhöfer, Strotkötter). In der nachfolgenden vorindustriellen Zeit und in der Phase der Hochindustrialisierung mit den beiden Bergwerken wurden aus Ostpreußen, Polen und Sachsen Arbeitskräfte geholt, darunter viele Evangelische, denen und den Juden jahrhundertelang der Aufenthalt in Dorsten verboten war. Die Bevölkerung in den beiden Bergbaugemeinden Hervest und Holsterhausen hatte sich rasch verdoppelt. Im Kreis Recklinghausen lag um 1900 der Ausländeranteil (Polen) bei 22 Prozent. Die von der Zuwanderung relativ unberührten (doch wirtschaftlich davon profitierenden) Dorstener bemerkten mit Ungemach die Niederlassung Fremder jenseits der Lippe. Noch 1925 lamentierte die „Dorstener Volkszeitung“ über die Zuwanderung:

„Eine entseelte Landschaft vermag keine Menschen zu bilden. Das Chaos, das sie darstellt, überträgt sich auf die Menschen selbst. Unser hiesiges Volkstum muss bei solcher Schwächung seiner besten Kräfte zu Grunde gehen. Beschleunigt wirkt hierbei der Umstand, dass fremde Menschenmassen in diese Landschaft hineingeworfen werden, die vielfach in ihrer eigenen Heimat zu den unruhigen Elementen zählen und mit dem Chaos, das sie in sich tragen, die bereits vorhandenen unheilvollen Wirkungen verstärken …“

Die Angst der Einheimischen vor dem Fremden wurde oft missbraucht

Straßenszene

Straßenszene

Im Dritten Reich wurde die Angst vor Fremden und Überfremdung sowie gegen alles fremd Anmutende geschürt und missbraucht. Bislang durch Religion und Traditionen bestimmtes Abschottungs- und Ausgrenzungsverhalten wurde nun per Gesetz verstärkt und Gewalttätigkeiten gegen vermeintlich Fremdes legalisiert. Auch der von Heimatvereinen gepflegte Heimatgedanke wurde im Sinne der NS-Ideologie verbogen und Heimatforscher ließen sich mitunter dazu missbrauchen, an Stelle des positiven Heimatgefühls den Rassengedanken sowie den Blut- und Bodengermanismus zu setzen. Dieser neue „Heimatgedanke“ fand im „Vestischen Kalender“ ein Forum. Während des Krieges kamen Fremde als Kriegsgefangene, Deportierte und Ostarbeiter nach Dorsten. Gesetze und strenge Bestimmungen verboten private Kontakte.
Nach dem Krieg kam mit den Flüchtlingen ein weiterer Schub Fremder nach Dorsten und in die Landgemeinden, die zwar von den Behörden schnell und gut integriert wurden, in der einheimischen Bevölkerung anfangs aber auf Ablehnung stießen, was sich in der Redensart „Flüchtlinge sind wie Franzosenkraut“ (Unkraut) deutlich machte: Wenn sie da sind, wird man sie nicht mehr los. Mitte der 1950er-Jahre machten Vertriebene einen Anteil von 14 Prozent an der Gesamtbevölkerung im Amt Hervest-Dorsten aus.

Gastarbeiter bauten die Wirtschaft der Bundesrepublik mit auf

Gastarbeiter in der Zechensiedlung in den frühen 1970er-Jahren

Gastarbeiter in der Zechensiedlung in den frühen 1970er-Jahren

1962 kamen die ersten Gastarbeiter (Spanier, Jugoslawen, Griechen, Türken), von denen anfangs Italiener die Hälfte ausmachte. Später zogen mehr türkische Gastarbeiter zu. Sie brachten ihre fremde Religion und Kultur sowie ihre Familien mit und stellen heute mit rund 5.700 Personen mit Hauptwohnung 6,4 Prozent der Wohnbevölkerung (siehe Ausländer). Ab Ende der 1980er-Jahre kamen rund. 2.500 deutsche Spätaussiedler aus Osteuropa (zu 90 Prozent aus Russland und anderen GUS-Staaten) nach Dorsten. Asylbewerber aus vielen Ländern leben auf Abruf in Dorsten, anerkannte Asylsuchende bereits seit vielen Jahren. Die erste Funktionsträgerkonferenz des Stadtverbandes der Dorstener CDU stand 2008 u. a. unter dem Thema „Migranten“. Nach Expertenmeinung sei die Integrationsarbeit nicht ausreichend angepasst worden. Bürgermeister Lambert Lütkenhorst (CDU) meinte, dass „in den nächsten Monaten in Dorsten daran gearbeitet“ werden müsse. Wichtig sei der CDU insbesondere die Sprachkompetenz der ausländischen Mitbürger. Rund 900 Russlanddeutsche wohnen in Barkenberg. Für sie ist auf privater Initiative dort ein Frauencafé eröffnet worden (Frauencafé „Globus“), wo sich Frauen mit oder ohne Migrationshintergrund treffen, um sich über ihre Probleme austauschen zu können, Kontakte und Hilfe zu bekommen sowie die Sprachbarrieren zu überwinden. Mit regelmäßigen Stammtischen in den Räumen der Arbeiterwohlfahrt, bei denen sich die bis zu 20 Frauen und auch Männer austauschen, beraten und unterstützen, soll die Isolation der Migranten vermindert werden.

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Fachkräfte über Greencard ins Land zu holen, scheiterte bislang

Deutschland, bis weit ins 20. Jahrhundert ein klassisches Auswanderungsland, hat trotz Sterbeüberschuss des deutschen Bevölkerungsanteils heute Millionen Einwohner mehr als noch vor zwanzig Jahren. Das ist die Folge eines unablässigen Zustroms von Arbeitssuchenden und Notimmigranten sowie von Deutschstämmigen aus Südosteuropa und den Gebieten der Sowjetunion (Aussiedler). Daher fordern viele Politiker eine Einwanderungsgesetzgebung, die den u. a. wegen der Altersstruktur in gewissem Umfang erwünschten Zuzug kanalisiert, strukturiert und kontingentiert. Andere hingegen wollen das Land abschotten, da es ohnedies eines der am dichtesten bevölkerten der Erde ist, seine Kapazität erschöpft sei und ethnische Konflikte schon jetzt ein Problem darstellten. Diese Auseinandersetzung, die stets mit der Nachfrage nach Fachkräften aus dem Ausland verbunden war, hat bisher rechtliche Regelungen behindert, die über Fragen von Asyl oder Einbürgerung hinausgehen. Der politische Versuch, hoch ausgebildete Fachkräfte aus dem Ausland mittels einer Greencard ins Land  zu holen, scheiterte bislang an bürokratischen Hürden.

Zuwanderungen in NRW 2015: NRW hat nach Angaben des Statistischen Landesamts 2015 so viele Zuwanderer empfangen, wie noch nie seit Gründung der Bundesrepublik 1949. Es kamen 636.300 Menschen nach NRW. Das waren 46,6 Prozent mehr als im Vorjahr. Bislang war 1990 mit 497.700 Menschen das Rekordjahr in Nordrhein-Westfalen. 372.000 Menschen zogen fort. Daraus ergibt sich ein Wanderungsgewinn von 264.000 Personen. Die Einwohznerzahl in NRW stieg 2015 im Vergleich zu 2014 um 227.418 Personen (1,3 Prozent) auf 17,86 Millionen.
Stand 2015: Die Zahl der in NRW lebenden Ausländer ist 2015 so stark gestiegen wie seit Jahrzehnten nicht. Ende 2015 lebten in NRW knapp 2,3 Millionen Einwohner mit ausländischer Staatsangehörigkeit. Das waren etwa 196.000 oder 9,5 Prozent mehr als Ende 2014, so das Statistische Landesamt in Düsseldorf. Da wohl nicht alle 2015 gekommenen Flüchtlinge von den Behörden erfasst wurden, sei der Anstieg vermutlich noch höher ausgefallen, erklärten die Landesstatistiker. Hochburg der Nicht-Deutschen ist Köln. Hier hat fast jeder Zehnte NRW-Bürger mit ausländischem Pass seinen Wohnsitz. 2015 lebten über 1,4 Millionen – oder 62 Prozent – seit mindestens acht Jahren in NRW und könnten Anspruch auf Einbürgerung erheben. Die größte Gruppe aller in NRW lebenden Nicht-Deutschen stellen die gut 500.000 Türken – vor Polen (200.000) und Italiener (137.000).
Bundesweit haben Flüchtlinge 2015 für einen Zuwanderungsrekord gesorgt. Demnach kamen laut Statistik knapp zwei Millionen Ausländer nach Deutschland, gleichzeitig zogen 860.000 Menschen mit ausländischer Staatsangehörigkeit wieder fort (dpa).


Siehe auch:
Aussiedler
Flüchtlinge
Gastarbeiter

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