Ehrenbürger Dorsten

Frauen waren ursprünglich für Ehrenbürgerschaften nicht vorgesehen

Graf von Merveldt wird Ehrenbürger der Gemeinde Lembeck

Ferdinand Graf Merveldt (M.) wird Ehrenbürger von Lembeck; weitere Bilderklärung unten

Das Ehrenbürgerrecht geht ursprünglich auf die Französische Revolution und ihren Titel „bourgeois honoraire“ zurück. Die ersten deutschen Städte, die einen ähnlichen Ehrentitel verliehen, waren 1790 Saarbrücken und Hannover sowie 1795 Frankfurt am Main und Bremen. Erstmals taucht in Preußen das Thema „Ehrenbürgerrecht“ in den revidierten Fassungen der Städteordnung nach Freiherr vom Stein aus dem Jahr 1808 auf. Der Sinn der Verleihungen von Ehrenbürgerschaften ist in der überarbeiteten Fassung der Städteordnung für die Provinz Westfalen von 1856 festgehalten: „Der Magistrat ist im Einverständnisse mit der Stadtverordnetenversammlung befugt, Männern, welche sich um die Stadt verdient gemacht haben, das Ehrenbürgerrecht zu erteilen, wodurch keine städtischen Verpflichtungen entstehen.“ Frauen waren für diese Ehre damals noch nicht vorgesehen. In Dorsten wurde das Ehrenbürgerrecht erstmals 1846 verliehen, Und zwar an Joseph Rive, Landgerichtspräsident in Trier. Ihm folgte 1868 der Geheime Sanitätsrat Dr. Heinrich Drecker, 1919 folgte der Justizrat Ferdinand Jungeblodt. Dann kamen die Wirren der Weimarer Republik und die Jahre der nationalsozialistischen Diktatur, in denen Hitler die Ehrenbürgerschaft vieler Städte angetragen wurde. Bemerkenswert ist es, dass Dorsten  weder Adolf Hitler noch irgendeinen NS-Vasallen zu Ehrenbürgern machte, wie es viele andere Städte und Gemeinden, auch in Dorstens Nachbarschaft, taten. Schermbeck machte Göring und Hitler zu Ehrenbürgern. Marl nur Hermann Göring. In den Kriegsjahren durften auf Anordnung Hitlers keine Ehrenbürgerschaften mehr vergeben werden. In Dorsten wurde erst 1961 mit Wilhelm Norres wieder ein Lokalpolitiker Ehrenbürger, im folgten Paul Schürholz, Sr. Paula (Tisa von der Schulenburg), Hans Lampen und Sr. Johanna Eichmann 2011. Die Gemeinde Wulfen ernannte 1932 Pfarrer Gustav Conermann zum Ehrenbürger und Lembeck 1953 Ferdinand Reichsgraf von Merveldt. Lembeck und Wulfen waren zu dieser Zeit noch selbsstandige Gemeine und kamen erst 1975 als Stadtteile zu Dorsten.

Es werden aus postume Ehrenbürgerschaften verliehen

Die Ehrenbürgerschaft wird üblicherweise auf Lebenszeit verliehen. Mitunter ist die Ehrenbürgerschaft mit besonderen Privilegien verbunden, zum Beispiel die Gewährung von Vorzugsbehandlung (Freifahrt, freie Theaterkarten etc.) in stadteigenen Einrichtungen. Von Gemeinden vergebene Ehrenbürgerschaften erlöschen automatisch mit dem Tod der oder des Geehrten. Sie gehören dann zur Geschichte. Somit ist Sr. Johanna Eichmann derzeit (Stand 2018) die noch einzige Ehrenbürgerin der Stadt. Der nach 1945 einsetzenden Aberkennung der Ehrenbürgerschaften von Toten folgte ab 1970 die Verleihung der Ehrenbürgerschaft an Tote (Ehrenbürgerschaft postum). Beispielsweise wurde die 1992 verstorbene Marlene Dietrich 2002 in Berlin mit der postume Ehrenbürgerschaft geehrt. 2993 verlieh Saarbrücken dem 1943 hingerichteten Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus Willi Graf die postume Ehernbürgerwürde.

Dorstens Ehrenbürgerin und die gewesenen Ehrenbürgerschaften

Sr. Johanna Eichmann, 2011
Als Ruth Eichmann wurde die Tochter eines christlichen Vaters und einer jüdischen Mutter 1926 geboren. Als Sr. Johanna im Konvent der Ursulinen ist sie in Dorsten jedermann bekannt. 2011wurde ihr die Ehrenbürgerschaft verliehen. Die Stadt würdigt damit ihre Verdienste als langjährige Leiterin des St. Ursula-Gymnasiums, des Konvents der Ursulinen und nicht zuletzt als Mitbegründerin des Jüdischen Museums. Die Laudatio hielt Regierungspräsident Paziorek.

Hans Lampen, 1986
Der „Hardter Junge“ (1923-2005) nahm 1986 die Ehrenbürgerurkunde im Gymnasium Petrinum aus den Händen des damaligen Bürgermeisters Heinz Ritter entgegen. Die Laudatio hielt damals Stadtdirektor Dr. Zahn. Zu dieser Zeit hafteten schon das Bundesverdienstkreuz und der Verdienstorden 1. Klasse an Lampens Jacke. Der gelernte Vermessungstechniker wurde 1956 CDU-Ratsmitglied. Von 1964 bis 1984 bekleidete er das Amt des Bürgermeisters.

Sr. Paula, Tisa von der Schulenburg, 1972
Ihr bürgerlicher Name lautet Elisabeth Gräfin von der Schulenburg. Als Schwester Paula war sie im Ursulinenkloster Dorsten bekannt. 1903 wurde die Bildhauerin und Grafikerin in Mecklenburg geboren, 2001 starb die Ordensfrau im Alter von 97 Jahren. Die Ehrenbürgerrechte erhielt sie vom damaligen Bürgermeister Lampen 1972 für ihr engagiertes künstlerisches Schaffen für die Notleidenden und Verfolgten der Welt. Großbankier Pouillain hielt die Laudatio.

Paul Schürholz, 1963
D
er Kaufmann und Lokalpolitiker Paul Schürholz (1893-1972) erhielt aus Anlass der Vollendung seines 70. Lebensjahres am 1963 die Ehrenbürgerschaft. Über die Zentrumspartei wurde der Diplom-Kaufmann 1933 zum Ratsherrn gewählt. Dieses Amt bekleidete er bis zum Zweiten Weltkrieg. Von 1948 bis 1964 war Schürholz Bürgermeister der Stadt. Als solcher hat er sich besonders um den Wiederaufbau Dorstens verdient („Trümmer-Paul“).

Wilhelm Norres, 1961
Der Fabrikant und Pyrotechnische Ingenieur Wilhelm Norres (1881-1976) erhielt die Ehrenbürgerschaft anlässlich seines 80. Geburtstages 1961. 1908 war er nach Dorsten in die Schillerstraße gezogen. Der Zentrumsmann war Beigeordneter und Magistratsmitglied (1924-1933) und von 1946 bis 1964 Stadtverordneter. Besondere Verdienste erwarb sich der Mitbegründer der CDU um die Stadtwerke.

Ferdinand Jungeblodt, 1919
An seinem 80. Geburtstag 1919 konnte Justizrat Ferdinand Jungeblodt (1839-1922) die Ehrenbürgerschaft entgegennehmen. Er war Magistratsmitglied, Stadtverordneter und Kreistagsabgeordneter und hat sich in verschiedenen Ausschüssen um die Förderung der wirtschaftlichen Entwicklung der Stadt und um das Gymnasium verdient gemacht. Auch half er in Not geratenen Mitbürgern.

Dr. Henrich Drecker, 1868
Der Geheimer Sanitätsrat Dr. Johann Henrich Franz Drecker (1792-1880) erhielt die Ehrenbürgerschaft 1868 anlässlich seines 50-jährigen Berufsjubiläums als Kreisphysikus. Gleichzeitig verlieh ihm der König den Roten Adlerorden mit einer eigens angefertigten Schleife. Sein lobenswerter Lebenswandel und genaue Amtsführung bescherten dem Arzt Respekt und Ehren.

Joseph Rive, 1846  
Der Begründer des Trier’schen Astes der weitverzweigten Familie Joseph Rive (1771-1864) ist der erste Ehrenbürger Dorstens. Der Landgerichtspräsident zu Trier erhielt diese Ehre anlässlich seines 50-jährigen Dienstjubiläums durch Beschluss der Stadtverordnetenversammlung vom 19. März 1846. In seinem Testament stiftete er eine Rente von jährlich 100 Reichstalern für das St.-Elisabeth-Krankenhauses in Dorsten.

Siehe auch:
Conermann, Gustav
Eichmann, Sr. Johanna
Jungeblodt, Ferdinand
Lampen, Hans
Merveldt, Graf Ferdinand von
Norres, Wilhelm
Poullain, Ludwig
Schulenburg, Elisabeth Gräfin von der
Schürholz, Paul

Bilderklärung oben:  Überreichung des Ehrenbürgerbriefes an Ferdinand Graf von Merveldt 1953 durch die Gemeinde Lembeck. Vordere Reihe von links: Johannes Freiherr von Twickel, Ida Gräfin von Merveldt, Ferdinand Graf von Merveldt und dessen Tochter Josepha Freifrau von Twickel.


Quellen: Wolf Stegemann/Maria Frenzel „Lebensbilder aus sechs Jahrhunderten Dorstener Stadtgeschichte“, 1995. – DZ vom 7. Mai 2011. – Wikipedia (Aufruf Ehrenbürger, 2018).  

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