Bösing, Franz

1928 in der SA, 1933 NS-Bürgermeistert Reken, gestorben 1960 in Dorsten

Von Wolf Stegemann – 1898 in Reken bis 1960 in Dorsten; Nationalsozialist schon in der Weimarer Republik, Amtsbürgermeister von Reken-Heiden von 1933 bis 1945 und danach Dorstener Einwohner. – Nachdem das Ende des Nationalsozialismus gekommen war, in dem Franz Bösing in der Provinz eine nicht unerhebliche Rolle spielte, verzog seine Familie schon 1945 nach Wulfen. Nach Entlassung aus der Internierung in Frankreich und nach seiner „Entnazifizierung“ in Bocholt, wohnhaft war er in Borken, ließ er sich mit seiner Familie 1949 in Dorsten nieder. Dabei gab er seinen Beruf aber nicht als Kommunalbeamter a. D. an, sondern – damals unverdächtiger aber fälschlicherweise – als „Kaufmann“. Er bekam eine Arbeit auf der Zeche Fürst Leopold. In Dorsten war er bereits als SA-Mann vor und nach 1933 tätig gewesen. Sein Vater, Bauer und Gastwirt, starb 1913, die Mutter im Jahr 1937. Im Jahr 1898 in Klein Reken geboren, besuchte Franz Bösing (Foto links) die Grundschule in Reken und das Gymnasium in Coesfeld, das er 1915 mit der Obersekundareife verließ. Er arbeitete zunächst im Betrieb der Eltern, meldete sich dann als Freiwilliger an die Front, erhielt 1917 das Eiserne Kreuz II und wurde 1919 aus der Reichswehr entlassen. 1920 war Bösing wenige Tage als Hilfsangestellter im Lebensmittelamt der Stadt Gelsenkirchen tätig. Danach war er arbeitslos. In dieser wirtschaftlich und politisch schwierigen Zeit vertrat er antisemitische Parolen. Weil es trotz der vielen Regierungswechsel keine Besserung in der Weimarer Republik gab, übernahm er die Position: das „System“ müsse weg. 1921 begann er eine Ausbildung in der Landwirtschaft im elterlichen Betrieb und bei verwandten Mühlenbesitzern in Haltern. Nach einem etwas unsteten Wechsel von Partnerinnen, denen er viele nicht eingehaltenen Versprechungen machte und einer schließlich ein Kind, für dass er Unterhalt zahlen sollte, tauchte er 1924 in Köln unter und erst wieder 1926 in Dorsten auf, wo er sein unstetes Leben wie einst in Haltern fortsetzte. Einer Dorstenerin versprach Franz Bösing acht Jahre lang die Ehe.

Als Schläger im SA-Sturmbann 60 Dorsten und 1930 Eintritt in die NSDAP

Spätesten 1928 gehörte er dem „SA-Sturm 60 Dorsten, Bezirk Gelsenkirchen-Buer“ an, der sowohl in Dorsten als auch im Landkreis Borken als „Saalschutz“ für die NSDAP zuständig war und viele Schlägereien vom Zaune brach. Dieser SA-Sturm wurde auch bei der Propagandafahrt der NSDAP am 31. August 1930 eingesetzt. 1930 trat Bösing auch in die NSDAP ein. Der SA-Sturm 60 gehörte zur ersten Kolonne, die über Haltern, Lavesum, Klein Reken nach Groß Reken und dann weiter nach Borken zum Viehmarkt fuhr. Damals gab es zwischen der SA und den Kommunisten in Wirtshäusern oder bei Propaganda-Aufmärschen etliche Schlägereien, so auch 1929 in Hervest. 1938 soll der SA-Sturm auch bei der Zerstörung der Dorstener Synagoge mitgewirkt haben, was von Zeugenaussagen bekundet ist. Das Foto zeigt das alte Amtshaus. Ende 1930 gründete Franz Bösing in Klein Reken eine SA-Gruppe. 1932 war er bereits SA-Obersturmführer mit der Aufgabe, die Lippebrücken sicherzustellen. Im Oktober 1932 wurde Bösing wegen „Verdächtigung der Vorbereitung eines bewaffneten Aufstandes“ kurzfristig verhaftet, was ihn später in der NS-Zeit „adelte“. Nach der Regierungsübernahme Hitlers 1933 gab es in Reken noch eine Auseinandersetzung mit Bürgermeister Hidding, dem Bösing im Amt als kommissarischer Bürgermeister folgte. Hidding wurde vom Landrat abgesetzt. Hiddings Anhänger wiesen noch auf den unehrenhaften, eines Parteigenossen unwürdigen Lebenswandels des Parteigenossen Bösing hin. Sie spannten dafür auch die in Dorsten lebende Frau L. ein, der Bösing über lange Jahre hinweg die Ehe versprochen, sie letztlich jedoch sitzen gelassen hatte. Doch Bösing wehrte sich erfolgreich mit dem von Hitler für NSDAP-Genossen geltenden „Erlass No. 1, München vom 3. 2. 1931“. Darin hat Hitler das Ansinnen zurückgewiesen, „unehrenhaften“ Lebenswandel von Parteigenossen zu untersuchen, da damit „wertvolle Zeit, die im Freiheitskampf notwendiger ist, nutzlos vertan wird. [Die SA sei] keine moralische Anstalt zur Erziehung von höheren Töchtern, sondern ein Verband rauer Kämpfer“.

Als Amtsbürgermeister auch an der Vertreibung der Juden beteiligt

Bereits im Mai 1933 wurde Franz Bösing vom „Straßenmob“ abgezogen und zur SA-Führungsschule nach Detmold und auf die „Bauernhochschule Gransee“ geschickt. Dort lernte er laut Seminarprogramm die Blut- und Bodenideologie, antisemitische Hetze und Rassenkunde wie z. B.: „Wenn der Jude eben ein Jude ist, dann vererben sich eben nur die jüdischen Anlagen und zwar für Gerissenheit, Sittenlosigkeit, Schamlosigkeit und Raffgier auf seine Kinder.“ Am 1. April gab es auch in Reken einen „Judenboykott“ durch SA-Männer vor den jüdischen Geschäften. Im September 1934 wurde Bösing vom Landrat zum Kreisbauernführer von Borken ernannt. Das Foto zeigt den Schützenverein Klein Reken um 1937. Statt seine langjährige Verlobte L. aus Dorsten zu heiraten, verehelichte sich Bösing 1934 mit der Borkenerin Maria Brands und wurde durch deren guten Beziehungen zum NS-Landrat in einem exklusiven lokalen Nazi-Kreis aufgenommen. 1936 hatte er seinen Wohnsitz nach Heiden verlegt. Als Beruf gab er „Bauer“ an, was er aber nicht war und sich nach dem „Reichserbhofgesetz“ auch nicht nennen durfte. Doch das wurde nicht beanstandet, war er doch ein hundertprozentiger NSDAP-Parteigenosse. Seit 1933 unterzeichnete NS-Kreisbauernführer Franz Bösing amtliche Schreiben schon als „kommissarischer Bürgermeister“ und beanspruchte bereits Dienstwagen mit Chauffeur. Zudem bekleidete er noch andere Ämter: Kreisgerichtsbeisitzer der NSDAP in Borken, Beauftragter des Milchversorgungsverbandes für den Kreis Borken, Mitglied des Landesbeirates des Deutschen Heimatwerks, Jagdvorsteher Amt Heiden/Reken. Somit kontrollierte er in enger Zusammenarbeit mit dem Landrat Dr. Cremerius die Polizei, die Gerichtsbarkeit, die Jagdaufsicht und die landwirtschaftliche Produktion. 1935 wurde Franz Bösing zum „Amtsbürgermeister der Gemeinde Heiden Reken“ ernannt und blieb es bis Anfang April 1945. Im Januar 1942 wurde ihm das „Kriegsverdienstkreuz 2. Klasse“ ohne Schwerter verliehen, da er „sich stets in besonderer Weise in der Erzeugerschlacht und vor allem aber seit Kriegsausbruch als Leiter des Kreisernährungsamtes für die Durchführung der Kriegswirtschaft überragende Verdienste erworben“ hatte. Das Foto zeigt Franz Bösing (r.) mit dem Schützen-Königspaar und Pfarrer Kuhlmann 1938. Kurz vor Kriesgende, am 28. März 1945, sollte er auf Anordnung von Vertretern der NSDAP-Kreisleitung Bocholt den Befehl erteilen, dass alle Getreidevorräte zu verbrennen seien, denn man wollte vor allem den anrückenden Alliierten keine Nahrungsmittel überlassen. Diesem Befehl kam Franz Bösing nicht nach. Der Artilleriebeschuss Heidens durch die Alliierten bewahrten ihn an jenem Tag vor einer Verhaftung, wenn nicht Erschießung durch die SS wegen Befehlsverweigerung.

Nach Kriegsende zuerst in Wulfen, dann in Dorsten wohnhaft

Der Krieg war im Westmünsterland beendet. Franz Bösing wurde von den eingerückten Alliierten festgenommen und in ein Internierungslager nach Frankreich gebracht, wo er bis 1948 bleiben musste. Währenddessen zog seine Frau Maria mit den Kindern Helga und Rolf bereits am 13. Oktober 1945 von Heiden nach Wulfen, Dorf 145. Bösings Vermögen wurde 1946 von der Militärregierung beschlagnahmt und erst wieder Ende 1948 freigegeben. Im Oktober 1949 wurde er vom Entnazifizierungsausschuss Bocholt in die Kategorie IV (Mitläufer) eingestuft. Als  gewesener „Wahlbeamter“ bekam er ab 1950 staatliche Versorgungsbezüge der Bundesrepublik. Da wohnte er bereits bei seiner Familie, die im März 1949 von Wulfen nach Dorsten gezogen war.
Die Entnazifizierung war bei ihm wie sie bei anderen üblich war. Seine Betätigung im nationalsozialistischen Staat, dessen Unrecht er in etlichen Ämtern bis 1945 veranlasst und mitgetragen hatte, wurde verharmlost. Seine Übeltaten als SA-Mann wurden schlichtweg verschwiegen, obgleich sie bekannt waren. Zeugen logen für ihn, stellten ihm sogenannte „Persilscheine“ aus, darunter vor allem Kapläne, Schwestern und Pfarrer, die ihre Falschaussagen teilweise sogar beeideten. In dem obligatorischen Fragebogen zur Entnazifizierung verschwieg Franz Bösing vieles, was ihn belastet hätte. Das alles blieb im Reken-Heidener Raum unbeanstandet, so dass der Demokratiegegner, „Alte Kämpfer“ (in die Partei vor 1933 eingetreten), Rassist, Antisemit, SA-Sturmbannführer, Kreisbauernführer und NS-Amtsbürgermeister bei der Entnazifizierung lediglich als „Mitläufer“ eingestuft wurde.

Amtsspitze bescheinigt 1960 ehrenhaftes Handeln in der NS-Zeit

Franz Bösing starb 1960 im Alter von 61 Jahren. Amtsdirektor Körner und  Amtsbürgermeister Illerhues vom Rat und von der Verwaltung des Amtes Heiden-Reken widmeten ihrem nationalsozialistischen Amtsvorgänger einen wegen Geschichtsklitterung bemerkenswerten Nachruf in der „Borkener Zeitung“. Darin steht u. a.:

„… Am 6. April 1945 enthob ihn die Militärregierung seines Amtes. Herr Bösing hat zwölf Jahre lang in einer schweren Zeit die Amtsverwaltung Heiden-Reken geleitet. Er hat sich dieser Aufgabe mit Umsicht und Geschick entledigt. Die Bevölkerung des Amtes dankt ihm, dass durch seinen persönlichen Einsatz während seiner Amtszeit mancher rechtswidriger Eingriff der damaligen Willkürherrschaft abgewehrt worden ist. Sein Andenken wird in Ehren gehalten.“

Diesen Nachruf  kritisch zu kommentieren, sei erlaubt. Für Verwaltung und Rat des Amtes Heiden-Reken ist er, 1960 erschienen, höchst blamabel. Einen SA-Sturmführer und Amtsbürgermeister von 1933 bis 1945 ehrend in Erinnerung zu behalten und somit auch sein Handeln als ehrenhaft zu bezeichnen, ist für den Amtsdirektor peinlichhöchst blamabel. Franz Bösing war ein überzeugter Nationalsozialist, der mit vielen anderen dazu beigetragen hatte, dass sich die verbrecherische Willkürherrschaft der Nationalsozialisten durchsetzen und selbst in kleinsten Orten festigen konnte. Als Amtsbürgermeister hatte er dafür Sorge getragen, dass das Unrechtssystem mit Judenhetze und Judendeportationen in die Todeslager funktionierte. Für wen waren diese zwölf Jahre Nationalsozialismus und Krieg „schwere Zeiten“, von denen es im Nachruf hieß? Doch nicht für Nationalsozialisten wie Bösing. Und welcher der „rechtswidrigen Eingriffe der damaligen Willkürherrschaft“ hat Franz Bösing wohl abgewehrt? Er hat sie mitverschuldet und im lokalen Bereich auch vollzogen wie beispielsweise die Vertreibung der jüdischen Bürger aus Reken zwischen 1933 und 1938. – Kann und soll man denn wirklich das Andenken an diesen damaligen Amtsbürgermeister, gleichsam Polizei- und Vollstreckungsbehörde, „in Ehren halten?“ Gewiss nicht! 1960 nicht und auch heute nicht.

Zusammengefasst: Judenverfolgung auch im Amt Reken Heiden

Während der Amtszeit als kommissarischer und ab 1935 regulärer Bürgermeister Franz Bösing geschehenes Unrecht (beispielhafte Auswahl): Rekener SA-Männer führen am 1. April 1933 den ersten „Judenboykott“ in der Dorfstraße durch. – Gründung des Kampfbundes des Mittelstands: „Deutsche, kauft nicht bei Juden!“ am 18. Mai 1933. – Mit dem „Arierparagraphen“ vom 25. Dezember 1933 werden alle jüdischen Mitglieder aus allen Rekener Vereinen ausgeschlossen. – Im Sommer 1936 wird der jüdische Bürger Levinstein grundlos der „Rassenschändung“ bezichtigt. – Samuel Silberschmidt wird im Februar 1937 die Legitimation als Viehhändler entzogen. – Im Sommer 1937 erhält ein Bauer aus Klein Reken vom Bürgermeister Bösing keine Landzuteilung, weil er noch mit Juden verkehrt. – Im Oktober 1937 gibt es gezielte Provokationen der SA gegen die Familie Silberschmidt. Einem Mitglied der Familie gelingt gerade noch die Flucht mit dem Fahrrad nach Holland. – Die gesamte Wohnungseinrichtung aus dem Hause Silberschmidt wird am 9. November 1938 auf die Straße geworfen. – Marta Lebenstein wird am 10. Dezember 1941 nach Riga deportiert und 1944 im KZ Stutthoff ermordet. – Samuel Lebenstein findet am 23. September 1942 den Tod in Treblinka; drei Tage später David Lebenstein und seine Frau Berta ebenda. – Ihr Andenken wird in Ehren gehalten!


Anmerkung: Ein namensgleicher Franz Bösing, der im städtischen Adressbuch von 1951 als Metallarbeiter verzeichnet ist, ist nicht identisch mit dem hier genannten Franz Bösing. Quellen: Ulrich Hengemühle „Reken 1900 bis 1945“, hgg. vom Heimatverein Reken 2020 (2. Aufl.), darin ausführliche Quellenverzeichnisse. Die Fotos sind dem Buch entnommen.– Auskunft Stadtarchiv Dorsten und Presseamt Dorsten im Febr. 2020.

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