Blauer See II

Er war ein beliebter Badesee für Menschen im nördlichen Ruhrgebiet

Von Gregor Duve – Lang, lang ist es her, dass der Stausee noch der Badesee für viele war. Tausende Badegäste lagerten an Sonntagen in den Sommermonaten an seinen damals noch sandigen Ufern und suchten Erfrischung in den kühlen Fluten. Bis Ende der dreißiger Jahre im letzten Jahrhundert war das Areal noch Heidefläche, genutzt im kleinen Stil als Sandgrube. Diese Gemarkung gehörte schon viele Jahr­zehnte zum Gehöft Duvenbeck, identisch mit dem heutigen Hof Rasche an der Luisenstraße. Die reichen Sandvorkommen führten damals zu dem Entschluss, diese maschinell abzubauen. Zu diesem Zweck wurde der Gleisanschluss, welcher damals schon bis zur Firma Paton bestand, bis zum Söltener Landweg verlängert. Ein großer Löffelbagger, der auf Schienen hin und her fuhr, baggerte in immer größerem Umfang den entstehenden See aus. Zum Schluss stand er kurz nach dem Zweiten Weltkrieg parallel zum Söltener Landweg.

Der Blaue See um 1950 mit Blick zur Zeche in Hervest

Der Blaue See um 1950 mit Blick zur Zeche in Hervest (Postkarte)

Als Baggerführer fungierte Adolf Jacobi. Hinter der östlichen Seite des neuen Sees, aber schon auf Hervester Gebiet, war damals schon eine Badeanstalt. Diese wurde durch den Hammbach angestaut, der am nördlichen Ende an der Brücke zur Luisenstraße einmündete und diese am südlichen Ende wieder verließ. Natürlich war die Temperatur des Wassers in dieser Badeanstalt selbst in heißen Sommern immer sehr kühl, da es sich praktisch um Fließwasser handelte. Trotzdem wurde die Badeanstalt viel genutzt. Mit der immer weiter fortschreitenden Ausbaggerung des Stausees, die höchste Tiefe betrug immerhin acht Meter, füllte die Grube sich immer mehr mit Wasser. Daher setzte nach dem letzten Krieg die große Nutzung als Badesee ein. Tausende bevölkerten an heißen Sommertagen die Ufer des Sees. Viele Schwimmer und Nichtschwimmer suchten Kühlung in den Fluten. Bewaffnet mit aufgepumpten Fahrrad-, Motorrad- oder Pkw-Schläuchen, lernten hier viele das Schwimmen. Einige ganz Gewitzte hatten sogar große aufgepumpte Schläuche von LKWs. Diese wurden nicht zum See getragen, sondern gerollt, und sie schwammen dann auf dem See als große Monster. Die Besitzer dieser „Schiffe“ waren damals die wirklichen Kapitäne des Stausees. Eine Trinkhalle an der Ecke Zeppelinstraße/Söltener Landweg, Inhaber Hans Falkenhahn, versorgte die Badegäste mit Getränken und Eis. Aber auch ein Eiswagen fuhr beharrlich seine Runden. Viele hatten auch kleine Transistorradios dabei, zumeist Marke Grundig. Sie waren die kleineren Nachfolger der so genannten Volksempfänger, welche man vor und im Krieg hatte. Diese kleinen Musikkisten, so nannte man sie, hatten den großen Vorteil der Unabhängigkeit von der Steckdose. Auch sie bevölkerten in großer Zahl den Badestrand von Holsterhausen. So hörte man allenthalben Musik und Sport.

Lebensfreude und Erholung am See

Aus der Erinnerung vieler schöner Badetage an und auf dem See kommt einem der 21. Juni 1953 ins Gedächtnis. Es war ein ganz heißer erster Sommertag. Im Radio – das Fernsehen spielte damals noch keine Rolle – wurde das Fußballendspiel zwischen dem damals großen 1. FC Kaiserslautern, besser bekannt als die Walter-Elf, und dem VFB Stuttgart übertragen. Der Reporter war der berühmte Herbert Zimmermann. Für anderthalb Stunden war Schwimmen fast zur Neben­sache geworden. Viele verfolgten auf den Transistoren das Spiel. Die Pfälzer, die nur ein Jahr später mit fünf Mitgliedern aus dieser Mannschaft das Wunder von Bern vollbrachten und die erste Weltmeisterschaft für Deutschland errangen, gewannen dieses Spiel mit 4:1.

So ein Tag nur wahllos herausgegriffen als einer von vielen, beschreibt das Holsterhausener Leben jener Tage in der Sommerhitze. Es waren Tage, an denen Lebensfreude und Erholung Trumpf waren. Aber es gab auch nicht nur heitere Tage am See. Badeunfälle waren an der Tagesordnung, teilweise sogar mit Todesfolge. So verunglückte im Jahre 1957 der Holsterhausener Hans Jansen tödlich durch Genickbruch. Auch die immer wieder auftretenden Fälle von Kinderlähmung schränkten den Badebetrieb oft erheblich ein.

Im Jahre 1952 erwarb die Wasserwerksgesellschaft RWW den Stausee, und damit war lang­sam das Ende für das Badeparadies gekommen. Das Baden wurde verboten. Der See wurde seit Mitte der 50-er Jahre als Brauchwasserspeicher genutzt. An der Ostseite des Sees wurde hierfür ein Pumpwerk errichtet. Die Zeche Fürst Leopold, später auch die Ruhrgas und die Veba-Chemie in Gelsenkirchen-Scholven wurden und werden mit Kühl- und Prozesswasser versorgt. Die RWW verpachtete den See an den örtlichen Angelverein Pinn-Wipp zu deren Nutzung. So gehört heute der See augenscheinlich den Fischen, den Enten und den Schwänen und im Winter ganz vielen Zugvögeln. Trotz der unwiderruflich vergangenen Ära als Badesee, bleibt der Blaue See auch heute noch der Erholungsplatz Nummer eins in Holsterhausen. Begrünte Ufer im Sommer, Restaurants in Sichtweite, und im Winter manchmal eine Eisfläche, damit ist der See allemal ein Markenzeichen von Holsterhausen.

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