Agatha-Schule

Das Gebäude der ältesten Schule in Dorsten verschwand 2022 durch Abriss

Altes Gebäude der Agatha-Schule am Voßkamp abgerissen

Die heutige städtische Katholische Bekenntnis-Grundschule mit Ganztagsbetrieb St. Agatha ist mit über 600 Jahren die älteste Schule Dorstens: Erstmals wurde sie als Elementarschule für Jungen um 1400 erwähnt. Ende 2021 wurde das neu-historische Gebäude am Voßkamp abgerissen, das 126 Jahre dort stand – die letzten beiden Jahre leer. Denn die Grundschule mit Teilstandort in Altendorf-Ulfkotte wurde zum Nonnenkamp verlegt. Sie hat derzeit etwas 380 Kinder, die am Hauptstandort in 12 Klassen und im Teilstandort in vier Klassen unterrichtet werden.
Um das Jahr 1550 hatte die Schule zwei Klassen, eine deutsche und eine lateinische. Oft wurden die Schüler in kleinen, dunklen, unbeheizten Schulräumen ohne Bodenbeläge unterrichtet. Die Schüler mussten die Reinigung selbst übernehmen. Schüler brachten Holz oder Torf selbst mit oder zahlten dem Lehrer Geld, damit der Raum beheizt werden konnte. Ab 1674 wurden in Dorsten erstmals auch Mädchen in der „Mestersche Schole“ (Mädchenschule) von städtischem Lehrpersonal unterrichtet. Ab 1699 übernahmen auch kirchliche Lehrerinnen der Ursulinen die Verpflichtung, Unterricht unentgeltlich in der „Mesterschole“ zu erteilen. Bis zur Errichtung einer einstöckigen Schule waren 260 bis 300 Kinder in zwei Klassenräumen untergebracht. – Nebenstehende Abbildung: Titelseite eines Schulbuchs des Hochstifts Münster 1788. – Bis zum endgültigen Neubau der städtischen Schule (alte Agatha-Schule am Voßkamp) im Jahr 1895 waren vier Mädchenklassen der katholischen Elementarschule im Ursulinenkloster untergebracht. Mit Einführung der Schulpflicht 1825 wurden in einem Klassenraum noch bis zu 100 Kinder unterrichtet. Zu den Fächern Lesen, Schreiben, Rechnen gab es strenge Anweisungen: Schulneulinge mussten nach einem halben Jahr alle Wörter buchstabieren und lesen sowie kleine Buchstaben auf Schiefertafeln schreiben und zu kleinen Wörtern zusammensetzen können. Ebenso mussten die Anfänger nach wenigen Monaten das Hauptstück des Katechismus auswendig aufsagen können. Zu den üblichen Schulfächern wurde Stricken, Weben, Spinnen, Obstanbau unterrichtet. 1833 waren viele Schulkinder in den Fabriken beschäftigt, so dass sie oft nur eine Unterrichtsstunde am Tag in der Schule hatten. Körperliche Bestrafung wurde 1833 als „normales“ Strafmittel gesehen. Übrigens in der Bundesrepublik bis längstens 1973, in Bayern sogar bis 1983, in Nordrhein-Westfalen bis 1971. – Siehe nächste Abbildung aus dem Jahr 1842.

Es gab immer mehr Schüler – ein Neubau wurde erforderlich

1885 bekamen die evangelischen Schüler ein eigenes Schulgebäude an der Bochumer Straße. 1895 waren durch die Schulpflicht die Schülerzahlen so gestiegen, dass zeitweilig immer noch bis zu 80 Kinder in einer Klasse saßen. Ein Neubau wurde erforderlich. Die älteste Knabenschule, angesiedelt in der Kirchgasse an der Agatha-Kirche, zog mit vierKlassen in die Agatha-Schule am Voßkamp. Diese wurde bald wieder zu klein und man benutzte die alte Kirchschule als Unterrichtsstätte. Man könnte diese ständige Umbauerei  als Omen ansehen für das spätere bis 2021 andauernde schulbürokratische und politische Hin und Her der Stadt und die ständigen An-, Umbau- und Unterbringungsmaßnahmen sowie dem immer wieder geplanten Abriss, 1913 wurden zwei Klassenräume an den Nordflügel der Agatha-Schule angebaut. Schulträger war früher die St. Agatha-Gemeinde Dorsten. Entsprechend konnten nur katholische Schüler die Schule besuchen und der Bischof hatte das letzte Wort. Als der erste Weltkrieg ausgebrochen war, wurde unter Anschub der Schulkinder der Agathaschule am 16. Mai 1915 von der Kirche ein „Kinderkreuzzug“ gegründet. Die Kinder wurden von Pfarrer Heming angeleitet, „fleißig für das Vaterland zu beten“. Alle 14 Tage gingen sie zu den hl. Sakramenten. Fast alle Kinder haben sich ihm angeschlossen. Von Zeit zu Zeit hielt der Pastor Kinderpredigten, um sie zu ermuntern, weiter für die deutschen Soldaten und dem Sieg zu beten. 1924/26 kamen ein zweiklassiger Schulpavillon und eine dreiklassige Baracke auf dem Gelände an der Feldhausener Straße dazu.

NS-Zeit: Kein Religionsunterricht von Lehrern, die SA-Mitglieder waren

Natürlich gab es genug Auseinandersetzungen der nationalsozialisten Stadtveraltung mit der Kirchen und deren Schule zwischen 1933 und 1945. Der Religionsunterricht wurde auf ein Minimum heruntergefahren. Am 1. Dezember 1937 entzog der Bischof von Münster den beiden Agatha-Schullehrern Laukemper und Grzabka, beide bekannte SA-Führer in der Stadt, wegen unklirchlicher Äußerungen die missio canonica und erklärte sie für ungeeignet zur Erteilung des Religionsunterrichtes. Von der Kanzel wurde dies den Kirchenbesuchern bekanntgegeben. Die Reaktion kam umgehend. Gutkatholischen Lehrern wurde nun von der Schulaufsicht ebenfalls die Lehrbefugnis für Religion entzogen. Die katholische Kirche hatte Sorge, dass die Schulkinder nicht genügend in katholische Religionslehre unterrichtet wurden. Daher erließ der Münstersche Bischof im Mai 1939 eine Verordnung, der auch der Dorstener Pfarrer Ludwig Heming in der Agathakirche für seine Schulkinder nachkam. Von jetzt an wurde auf Anordnung des Bischofs nach der hl. Messe gebetet: „Dass du unseren Kindern den wahren katholischen Glauben erhalten wolltest – Dass du unseren Kindern die katholische Schule wieder schenken wolltest. Dass du alle katholischen Väter und Mütter, alle katholischen Lehrer und Priester mit heiliger Sorge um die Seelen der Kinder  erfüllen wolltest – Wir bitten dich, erhöre uns!“ Über die Reaktion der Dorsten NS-Stadtverwaltung ist hier nicht bekannt. Beim Bombenangriff am 22. März 1945 wurde auch das Gebäude der Agathaschule getroffen und zu 90 Prozent zerstört. Die meisten Klassen mussten ausgelagert werden. Es fand nur noch verkürzter Unterricht statt. – Foto: Schulklasse, Symbolbild.

„Die Schulverhältnisse sind bedauernswert“ – Gebäude waren zerstört

Nach dem Krieg bemühte sich der nach dem Tod Pfarrer Hemings amtierende Pfarrer Westhoff, dass seine Agathaschule wieder katholisch wurde. Darüber schrieb er in sein Tagebuch: „24. März 1946: Abstimmung der Eltern für die katholische Schule. Es stimmen fast alle für die katholische Schule, die wenigen, die nicht abstimmen konnten, hätten gerne mitgetan, aber wurden durch einschränkende Vorschriften gehindert. Vater abwesend für eine kurze Zeit, die Mutter durfte nicht abstimmen. Was wird wohl aus der Abstimmung werden? Wird dem Willen der Eltern entsprochern werden?“ Einen Monat später bedauerte er die Schulverhältnisse in Dorsten: „25. April 1946: Die Schulverhältnisse sind bedauernswert. Die Volksschulen der Stadt sind alle zerstört. Die Kinder müssen alle zum Gymnasium kommen. Daher darf das Gymnasium noch nicht beginnen. Den ganzen Winter wird dort Unterricht erteilt ohne Dach, ohne Heizung. Im April kommen dort Dachziegel. Die Agathaschule soll nun den Unterricht auf der Hardt, eine halbe Stunde von Dorsten entfernt, beginnen. Rektor Maybaum, ein alter verdienter Schulmann noch aus der Systemzeit, geht in den Ruhestand.“
Die zerstörte Agathaschule wurde wieder aufgebaut, so dass sie im Oktober 1948 mit einer Kindermesse wieder eröffnet werden konnte. Schulleiter Kellner führte den Pfarrer Westhoff durch die neuen Klassenzimmer, die der Pfarrer segnete und die in der Kirche geweihten Kreuze aufhängte. In den kommenden Jahrzehnten entwickelte sich die Agatha-Grundschule in der Altstadt als katholische Bekenntnisschule schließlich zur einzigen Grundschule in der Altstadt und musste dann auch andersgläubige Schüler aufnehmen. Mit den ausgelagerten Klassen hatte die Agatha-Schule rund 1000 Schüler, die in 21 Klassen in nur elf Schulräumen im Schichtunterricht unterrichtet wurden. 1949/50 wurde das Schulgebäude nach Osten um vier Räume erweitert, bekam ein Treppenhaus, ein großes Eingangsportal und 1960 eine Turnhalle. 1968 wurde die alte Volksschule in Grund-(Klassen 1 bis 4) und Hauptschule (Klassen 5 bis 9) getrennt.

St. Agatha-Relief von Hermann Moog zierte groß die Wand der Schule

Ein Relief der Namenspatronin Agatha zierte die Mauer der Schule. Entworfen hat es der Künstler Hermann Moog. Zusammen mit der Nachlassverwalterin des Kunstschaffenden, Almuth Moog (Berlin), hat er aber eine Lösung gefunden, das Andenken über die Zeit zu retten und in eine zeitgemäße Form zu bringen. Allein, es fehlt noch ein Sponsor, der dies unterstützt. Hermann Moog hat die heilige Agatha nicht als biblische Märtyrerin, die sie war, dargestellt, sondern das Antlitz einer selbstbewussten, gestandenen Frau geschaffen. Dass diese zeitlose Agatha nun am Nonnenkamp einen Platz fand, dürfte viele begeistern, vor allem auch ehemalige Schüler und Schülerinnen – darunter auch die weltbekannte Schriftstellerin Cornelia Funke, die in den 1960er-Jahren die Agatha-Schulbank gedrückt hatte.

Ratsmehrheit entschied 2017 die Verlegung zum Nonnenkamp

Sinkende Schülerzahlen und das Spar-Programm der Stadt hatten auch Einfluss auf den Schulentwicklungsplan. 2011 wurden trotz Proteste aus der Eltern- und Bürgerschaft die Johannesschule und zuvor die Matthäusschule (Wulfen) geschlossen. Hingegen blieben die Zwergschulen Lehmbruckschule in Östrich, Kardinal-von-Galen-Schule in Altendorf-Ulfkotte und die Grundschule Deuten unangetastet. Ende 2011 fusionierten die Grundschule St. Agatha mit der Altendorfer Kardinal-von-Galen-Grundschule, die damit 360 Schüler und Schülerinnen sowie ein 19-köpfiges Lehrerkollegium hatten. In der Agathaschule II auf der Hardt wurden bereits zum 1. Februar 2013 die Klassen- und Lehrerzimmer geräumt. Die Schüler der 3c und 4c sowie die beiden Pädagoginnen wurden mit Beginn des 2. Schulhalbjahres 2013 in die Hauptstelle der Agatha-Grundschule am Voßkamp in der Altstadt verlegt. Im September 2017 entschied eine Ratsmehrheit mit 26 Stimmen (CDU, FDP, UBP) zu 16 (SPD, Grüne), dass die St. Agatha-Grundschule zum Nonnenkamp verlegt wird. Um Platz zu machen, wurde die dort noch befindliche Geschwister-Scholl-Schule an die Marler Straße verlegt und mit der Dietrich-Bonhoeffer-Schule zusammengeführt, die ihrerseits der künftigen Sekundarschule im Schulzentrum Pliesterbecker Straße weichen musste. Mit dem Start der Sekundarschule im August 2018 bilden die beiden Hauptschulen keine neuen Klassen mehr und liefen aus.

Altes Agathaschul-Gebäude 2022 endlich abgerissen

Das Gebäude der ältesten Dorstener Schule, die Agathaschule, wurde nach monatelanger Verzögerung im Mai 2022 endgültig abgerissen. Das OGS-Gebäude und die Turnhalle werden folgen. Die benachbarte Volksbank wird auf dem 4000 Quadratmeter großen Areal am Rande der Altstadt einen dreiteiligen Neubaukomplex mit bis zu 19 hochwertige Mietwohnungen, einer Arztpraxis und Aldi-Filiale mit 65 bewirtschafteten Stellplätzen errichten lassen. Die Zufahrt erfolgt dann über den Voßkamp. Die Vereinte Volksbank investiert einen zweistelligen Millionenbetrag.

Grundstein der alten Schule von 1895 blieb erhalten

Vor dem Abriss der alten Dorstener Agathaschule konnte der auseinander gebrochene Grundstein gerettet werden. Er ist ein verziertes Stück der Fassade, das die Zahl „1895“ trägt – das Jahr, in dem die Schule erbaut worden war. Von dem Originalgebäude blieb im Zweiten Weltkrieg nur der Mitteltrakt übrig, den eben dieser Stein ziert. In diesem Grundstein befand sich auch eine Zeitkapsel mit einer Flasche. Doch die Papiere darin waren nicht mehr zu lesen. Dieser wieder zusammengefügte Grundstein erhält einen Ehrenplatz in der Pausenhalle der neuen Agathaschule.

Siehe auch: Schulwesen I
Siehe auch: Schulwesen II
Siehe auch: Schulwesen III
Siehe auch: Schulwesen (Artikelübersicht)
Siehe auch: Wohin mit der Agathaschule?… in www.dorsten-transparent.de


Quellen: U. a. Chronik der Lehrerin Elke Stevens, veröffentlicht in der DZ vom 22. Nov. 2021. – Homepage der Agatha-Schule (Aufruf 2021). – Homepage der Stadt Dorsten (Aufruf 2021). – Dr. Helmut Frenzel “Wohin mit der Agathaschule..?” in .www.dorsten-transparent.de – DZ vom 13. Mai 2022.

Share on FacebookTweet about this on TwitterShare on Google+Email this to someone