Zölibat gebrochen

Kaplan Jan Peter Finkemeier verliebte sich und brach das Gelübde

Priesteranwärter liegen als Zeichen der Demut bäuchlings auf dem Teppich (Freiburger Dom); Foti: dpa

Priesteranwärter liegen als Zeichen der Demut bäuchlings auf dem Boden (Freiburger Dom); Foto: dpa

Von Wolf Stegemann – Die erste Pressemeldung über Jan Peter Finkemeier, die Dorsten erreichte, kam 2013 aus dem Generalvikariat des Bischofs von Münster und lautete lapidar: „Jan Peter Finkemeier, Kaplan in St. Viktor Xanten, wird zum 1. September 2013 Kaplan in St. Agatha Dorsten.“ Das blieb er nicht lange. Die letzte Pressemeldung über ihn schrieb Pfarrer Ulrich Franke von St. Agatha weitaus informativer und in einem herzlichen Ton: „In den vergangenen Tagen hatte Kaplan Jan Finkemeier ein Gespräch mit unserem Bischof Dr. Felix Genn. In diesem Gespräch teilte er dem Bischof mit, dass er nicht mehr im Zölibat leben könne, sondern mit seiner Freundin zusammen leben möchte. Diese Veränderung im Leben macht den weiteren Dienst als Priester unmöglich, da er vor der Weihe öffentlich vor dem Bischof das ehelose Leben ein Leben lang versprochen hat. Der Bischof dankt Kaplan Finkemeier für seinen seelsorglichen Dienst während der letzten zehn Jahre. Wir, die Pfarrei St. Agatha, schließen uns diesem Dank von ganzem Herzen an und wünschen ihm Gottes Segen und Glück auf seinem weiteren Lebensweg.“ Es folgte die kirchenamtliche Suspendierung des Kaplans durch den Bischof und Finkemeiers Weggang. – Bevor Jan Peter Finkemeier 2009 nach Xanten kam, hatte er sein Diakonat in Südlohn abgeleistet und wurde nach der Priesterweihe im Jahre 2003 in seiner ersten Berufsstation an St. Maria in Voerde eingesetzt.

Gemeinde reagierte nachdenklich auf Finkemeiers Suspendierung

Seine Entscheidung in Dorsten war sicherlich ein kurzer und schmerzhafter Moment im Leben des Kaplans, der seinen Lebensweg völlig verändert hat. Der Öffentlichkeit wurde dies in den wenigen Worten der Presseerklärung dargestellt. Ansonsten wurde in den Gemeinde öffentlich geschwiegen. Pfarrer Ulrich Franke: „Die Nachricht wurde in allen vier Kirchen still und nachdenklich aufgenommen.“
Als die „Dorstener Zeitung“ darüber berichtete, kamen Leserkommentare wie „Hochachtung Herr Kaplan! Sie stehen zu ihrer Liebe und das verdient Respekt!“ oder „Absoluter Schwachsinn ist das, da soll die Kirche sich doch freuen, dass es noch junge Menschen gibt, die das Wort Gottes im Sinne der katholischen Kirche noch verbreiten. Und dann lernen diese eine Frau kennen, mit der man zusammen sein möchte und Bumms! Wir sind dann nicht mehr im Jahr 2015 sondern werden ins tiefste Mittelalter versetzt! Dafür habe ich kein Verständnis. Kirche und Moderne geht nicht, sollte aber sein!“ Ein anderer schrieb: „Hochachtung, Herr Kaplan und viel Glück für die die Zukunft In Ihrem Neuen Leben!“

In Dorsten gab es einen Kaplan, der einen Sohn hatte

Während Jan Peter Finkemeier als Kaplan den Zölibat verließ und einen neuen Lebensweg einschlug, gab es in der Nachkriegszeit in Dorsten einen Kaplan, der gerade den gegensätzlichen Weg eingeschlagen hatte. Zuvor war Heinrich Spaemann evangelisch, zeitweise ohne Glauben, dann wurde er Witwer, dann Priester und lebte zusammen mit seinem Sohn Robert zölibatär. In Dorsten ging der Sohn zur Schule und wenn über ihn gesprochen wurde, dann als „der Sohn des Kaplans“. Spaemann war von 1942 bis 1948 in Dorsten, schrieb viele Bücher und sein Sohn wurde ein berühmter Religionswissenschaftler.

Blick in die Geschichte und Gegenwart: Der Zölibat – oder Religion und Sex

Mit kaum einem Thema bringt sich die katholische Kirche so ins Gespräch wie mit der Auflage, Priester müssten ehelos leben. Nicht nur die Mehrzahl der Katholiken, sondern viele andere, die sich wegen des Themas eigentlich nicht aufregen müssten, fühlen sich aufgerufen, zu der Frage Stellung zu nehmen. Obwohl es so selbstverständlich scheint, dass der Zölibat abgeschafft werden muss, hat sich das Thema der aktuellen Diskussion noch nicht verabschiedet.

Martin Luther brach das Zölibat und heiratete eine ehemalige Nonne

In der lateinischen Kirche (Westkirche) ist der Zölibat gemäß Canon 277 § 1 des Codex Iuris Canonici für angehende Priester mit der Weihe zum Diakon krchenrechtlich grundsätzlich verpflichtend. Ein ausnahmsweiser Dispens von der Zölibatsverpflichtung ist dem Papst vorbehalten. Im Codes Iuris Canonoci steht: „Die Kleriker sind gehalten, vollkommene und immerwährende Enthaltsamkeit um des Himmelreiches willen zu wahren; deshalb sind sie zum Zölibat verpflichtet, der eine besondere Gabe Gottes ist, durch welche die geistlichen Amtsträger leichter mit ungeteiltem Herzen Christus anhangen und sich freier dem Dienst an Gott und den Menschen widmen können.“

Bereits 1520 forderte Martin Luther in seiner Schrift „An den Christlichen Adel deutscher Nation von des Christlichen standes besserung“, dass der Zölibat abgeschafft werden solle. Luther brach sein Ordensgelübde und Zölibatsversprechen im Juni 1525, indem er die ehemalige Nonne Katharina von Bora heiratete und Kinder zeugte. In einem Brief schrieb er  am 16. Juni 1525: „Ich habe mich durch diese Heirat so verächtlich und gering gemacht, dass alle Engel, wie ich hoffe, lachen und alle Teufel weinen mögen. Die Welt und ihre Klugen verstehen dieses fromme und heilige Werk Gottes noch nicht und machen es an meiner Person gottlos und teuflisch.“

Beim Augsburger Religionsfrieden wurden Überlegungen der Reformation im Artikel 23 der Confesio Augustana von 1530 gebündelt. Der Bekenntnistext führt aus, der Priester dürfe heiraten, weil Gottes Schöpfungsordnung die Ehe vorsehe (1. Mose 1,27). Fernerhin sei es sogar seine Pflicht zu heiraten, wenn er anderenfalls in Unzucht fallen würde (1. Kor 7,2.9).

Jesuitenpater: Sind die ehelos Lebenden dem Himmel näher?

Der Jesuitenpater Dr. Eckhard Bieger schreibt in „Typisch katholisch – Lexikon“ (Auszug Zölibat): „Ist es nicht zwiespältig, wenn dieselbe Kirche auf der einen Seite die Ehe so in den Himmel hebt, dass sie anders als Lutheraner und Calvinisten, die Ehe zu einem Sakrament erklärt, also die Ehe zu etwas Heiligem erklärt. Das passt eigentlich zum Katholizismus, der ja sinnenfreudig ist und im Barock die Leiblichkeit nicht wie in der Gotik verklärt, sondern erotisch dargestellt hat. Auf der anderen Seite ist dann die Ehelosigkeit ein großes Ideal, für Männer wie für Frauen. Nichts scheint aus der Sicht dieser Kirche erstrebenswerter als ein Leben im Kloster oder als zölibatär lebender Priester. Sind nun die ehelos Lebenden oder die Eheleute dem Himmel näher? Von Jesus ist nicht bekannt, dass er die Ehe abgelehnt hätte, so wie es die Katharer im 11. Jahrhundert taten. Diese hatten die Vorstellung, dass die Seelen glücklich im Himmel leben und nicht aus dieser Existenz herausgerissen werden sollten, nur weil Menschen Lust auf Sex haben. Sie nannten sich deshalb die Reinen – Katharer. Für Juden und damit auch für Jesus war es sonnenklar, dass Kinder ein Geschenk Gottes sind und unter keinen Umständen zurückgewiesen werden dürfen. Das hören die Katholiken von ihren Päpsten und Bischöfen, wenn es nämlich um Empfängnisverhütung und Abtreibung geht. Allerdings findet sich die Aufforderung, ehelos zu leben, in den von Jesus überlieferten Worten. Er hat allerdings keine Forderung für alle ausgesprochen, sondern erklärt: ,Manche sind von Geburt an zur Ehe unfähig, manche sind von den Menschen dazu gemacht, und manche haben sich selbst dazu gemacht um des Himmelreiches willen. Wer das erfassen kann, der erfasse es’ (Matthäus 19,12).“

Neuere Diskussion innerhalb der römisch-katholischen Kirche

In der gesamten Kirchengeschichte hindurch bis in die Gegenwart wurde und wird die Zölibatsverpflichtung kontrovers diskutiert. Einen neueren Ausdruck fanden diese Diskussionen im Anschluss an das Zweite Vatikanische Konzil beispielsweise auf der „Gemeinsamen Synode der Bistümer in der Bundesrepublik Deutschland“ (1971–1975). Neun Theologen, darunter Joseph Ratzinger und Walter Kasper, Karl Lehmann und Karl Rahner in einem Memorandum an die Bischöfe gewandt und darum gebeten, die Pflicht der Priester zur Ehelosigkeit auf den Prüfstand zu stellen. Diese Vorschläge wurden in einer Erklärung der Deutschen Bischofskonferenz zwar allgemein aufgenommen, blieben jedoch ohne praktische Konsequenzen. Und Joseph Ratzinger änderte seine Meinung über eine Veränderung des Zölibats spätestens dann, als er Papst Benedikt XVI. wurde. Derzeitige Zölibatsdiskussionen bewegen sich vor allem um die Frage des Priestermangels. Dieser wird von der einen Seite als Argument für eine Neufassung des Zölibates in der römisch-katholischen Kirche ins Feld geführt, von der Gegenseite in seiner Aussagekraft jedoch bestritten und zurückgewiesen.

Offener Brief von CDU-Politiker an den Papst

Seit Anfang 2008 verdichtete sich in Deutschland wieder die Zölibatsdiskussion und insbesondere parallel zur Diskussion um die 2010 bekanntgewordenen Missbrauchsfälle in katholischen Einrichtungen. Aufrufe oder öffentliche Überlegungen zu einer Änderung der derzeitigen Zölibatsregelungen kamen seitdem unter anderem von Erzbischof Robert Zollitsch  dem Hamburger Weihbischof Jaschke und dem Bamberger Erzbischof Schick. Acht CDU-Politiker schrieben im Vorfeld des Papstbesuches Benedikts XVI einen Offenen Brief, in dem sie neben zölibatären „auch verheiratete Priester“ forderten. Das löste inner- wie außerkirchliche Zustimmung und Ablehnung aus. Geändert hat sich nichts.

Katholische Priester beklagen Einsamkeit durch Zölibat

In diesen Tagen, im Januar 2017, haben elf katholische Priester aus dem Rheinland in einem Offenen Brief gegen den Zölibat Stellung bezogen. Die Pflicht zur Ehelosigkeit führe bei Geistlichen gerade im Alter oft zur Vereinsamung, kritisierten sie in ihrem Schreiben. Die elf Priester wurden alle vor 50 Jahren geweiht, sind dementsprechend Mitte 70. Als „alternde Ehelose“ bekämen sie jetzt die Erfahrung der Einsamkeit noch einmal besonders deutlich zu spüren, berichten sie. Den offenen Brief hatte das Kölner Domradio veröffentlicht. Darin schreiben die Priester: „Der Zölibat, verbunden mit dem Leben einer Klostergemeinschaft, vermag große Kräfte freizusetzen; verbunden mit dem ‚Modell alleinstehender Mann‘, führt er immer wieder zu fruchtloser Vereinsamung oder/und hilfloser Arbeitshetze. Eine spirituelle Quelle in der Seelsorge setzt er selten frei. (…) Selbst der Bibel fehlen die Worte für das einschlägige Kirchengesetz“.


Quellen:
DZ vom 18. Oktober 2015. –„Marl Aktuell und Sonntagsblatt“ vom 1. November 2015. – Wikipedia (Aufruf Januar 2017). – Dr. Eckhard Bieger SJ in „Typisch katholisch – Lexikon“.

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