Kulturkampf

Dorstener Franziskaner und Ursulinen im Exil

Der von Rudolf Virchow 1873 in Preußen geprägte Begriff definiert die Auseinandersetzung zwischen dem 1871 gegründeten Deutschen Reich und der katholischen Kirche. Dabei ging es  um die Neu-Bestimmung des Verhältnisses von Staat und Kirche sowie um den kirchlichen Einfluss auf das Bildungswesen sowie Ehe- und Schulgesetzgebung. Der Kulturkampf dauerte von 1871 bis 1887. Seither ist der Kulturkampf auch ein Begriff für ähnliche Auseinandersetzungen in Hessen, Österreich, Baden und in der Schweiz. Es war ein grundlegender Konflikt zwischen dem modernen Staat und der vom Traditionalismus geprägten katholischen Kirche im 19. Jahrhundert. Ausgelöst wurde er einerseits von der zunehmenden bürgerlichen Emanzipation von der Kirche und andererseits von den Bestrebungen des Papstes und der katholischen Kirche, im Rahmen eines politischen Katholizismus ihren traditionellen politischen Einfluss zu bewahren, ihn auszubauen und die nationalen Teilkirchen enger an Rom zu binden.

Die letzten Franziskaner in Dorsten vor ihrem Exil 1875

Erinnerungsfoto von 1875, das die letzten neun Dorstener Franziskaner vor ihrem Exil zeigt

Als Klöster die Franziskaner und Ursulinen betroffen

Neben den Kirchengemeinden waren vom Kulturkampf auch die beiden Dorstener Klöster der Franziskaner und der Ursulinen betroffen. Mit besonderer Schärfe wurde der Kulturkampf in Preußen geführt. Als Hauptgegner standen sich Reichskanzler Fürst Otto von Bismarck und Papst Pius IX. gegenüber. Bismarck sah vor allem in der 1870 gegründeten Zentrumspartei die politische Kraft, mit der der Papst versuchte, in die Angelegenheiten des weithin preußisch-protestantisch geprägten neuen Deutschen Reiches hineinzuregieren. Mit gesetzgeberischen Maßnahmen steuerte Bismarck dagegen, um den Einfluss der katholischen Kirche zu brechen: Der „Kanzelparagraf“ von 1871 (erst 1953 aufgehoben) verbot den Missbrauch der Kanzel zu politischen Zwecken.

Das „Jesuitengesetz“ (1872) verbot die Tätigkeit dieses Ordens, die „Vier Maigesetze“ (1873) entzogen der Kirche die Schulaufsicht und die Kirche kam unter staatliche Aufsicht. Da sich die katholische Kirche den Gesetzen verweigerte, kam es zur Absetzung und Verhaftung zahlreicher Bischöfe und Geistlicher. Das „Brotkorbgesetz“ (1874) beendete alle staatlichen Leistungen an die katholische Kirche und fast alle Klostergemeinschaften (außer Krankenpflege) wurden aufgelöst. Mit dem „Zivilehegesetz“ (1875) wurde die pflichtgemäße Heirat vor dem Standesamt eingeführt. Bismarck konnte mit diesen Maßnahmen sein Ziel aber nicht erreichen. Um 1878 befanden sich von zwölf Bischöfen nur noch vier im Amt, die bischöflichen Konvikte und Seminarien waren geschlossen, rund 1.000 Pfarreien „gesperrt“ und mehrere tausend Geistliche des Landes verwiesen.

Rhader hielten heimlich Messen in der Urbanuskirche ab

Kladderadatsch 1878: Papst und Bismarck

Kladderadatsch 1878: Papst und Bismarck

Pfarrer Theodor Bölting starb 1875 in Rhade. Nach seinem Tod setzten auch in Rhade behördliche Maßnahmen gegen die katholische Kirche ein. Bereits im März ließ der Landrat sämtliche Kirchenbücher beschlagnahmen und nach Recklinghausen bringen. Da der Bischof von Münster bereits im niederländischen Exil war, konnte er keinen neuen Pfarrer für Rhade ernennen. Daher gingen die Rhader Gläubigen in dieser Zeit zur Messe nach Lembeck. Die Kirchenchronik führte Kirchenvorstandsmitglied Heinrich Krampe gen. Fork weiter. Er schrieb über den Tod des Pfarrers Th. Bölting:

„Die ganze Gemeinde geriet in tiefe Trauer. Diese Trauer kam noch mehr zum Ausdruck, als die Leiche des so eifrigen Seelsorgers von dem Herrn Pastor Nonnhoff aus Erle in Gegenwart mehrerer Nachbar-Geistlicher und fast sämtlicher Einwohner der Gemeinde Rhade zur Erde bestattet wurde. Am zweiten Tag nach dem Tode des Pfarrers versiegelte der Herr Landrath von Reitzenstein das Kirchenarchiv; doch Kirchenlagerbücher wie auch bares Geld waren in Sicherheit gebracht worden. Acht Tage darauf holte er in Begleitung des Polizeidieners sämtliche Papiere fort; diese waren jedoch ohne Wert.“

Ein zunächst beschlagnahmter Pfarrfonds, den bereits zwei evangelische Bürger aus Schermbeck gepachtet hatten, bestehend aus Ländereien, acht Kühen, einem Pferd und drei Schweinen, wurde vom Landrat 1876 wieder an den Kirchenvorstand zurückgegeben, das die Verwaltungskosten den Pachtzins derart schmälerten, dass kein großer Überschuss zu erwirtschaften war. Jeden Samstagmorgen las Pastor Verspohl aus Wulfen verbotenerweise und deshalb heimlich und hinter verschlossenen Türen die hl. Messe Dazu schlitzohrig Heinrich Krampe in der Chronik:

„Die Leute hielten sich aber möglichst hinten in der Kirche, damit sie den Geistlichen nicht kannten, falls nachher Klage wider denselben erhoben würde. Abends vorher wurde dem geistlichen vom Küster die priesterliche Kleidung zurechtgelegt. Während der hl. Messe stand der Küster hinter der Orgel, damit er nicht sehe, dass der Geistliche die Funktion ausübe. Aus demselben Grunde kamen beim Beichthören wie auch beim Kommunionsausteilen alle einzeln zu ihm.“

Nach Beendigung des Kulturkampes 1884 bekam Rhade mit Anton Brockhausen einen neuen Pfarrer; auch wurden die beschlagnahmten Kirchenbücher wurden zurückgegeben.

500 Männer aus Wulfen und Lembeck demonstrierten für den Bischof

Vorbehalte gegen das protestantische Preußen waren im Kulturkampf im katholischen Dorsten und den katholischen Landgemeinden sehr stark. Zum Beweise ihrer Solidarität mit ihrem Bischof Bernhard Brinkmann, der von der preußischen Regierung in Strafe genommen worden war, zogen am 23. März 1874 etwa 500 Männer aus Wulfen und Lembeck nach Münster, um für den Bischof zu demonstrieren. Die Vorbehalte gegenüber Preußen lösten sich erst nach dem gewonnenen Krieg gegen Frankreich und Gründung des Deutschen Kaiserreiches 1871 auf. Die Erbitterung der katholischen Bevölkerung und der starke Stimmenzuwachs der Zentrumspartei veranlassten Bismarck zu Verhandlungen mit Papst Pius IX. Ab 1879 begann der schrittweise Abbau der Maigesetze. Mit den „Friedensgesetzen“ von 1886/87 wurde der Kulturkampf formell beendet. Die Aufhebung der Jesuitengesetze erfolgte in zwei Stufen erst 1904 und 1917.

Franziskanerkloster ordentlich abgeschlossen

Schild am Dorstener Franziskanerkloster 1875

Behördenschild am Dorstener Franziskanerkloster 1875

1875 wurde das Dorstener Franziskanerkloster aufgelöst. Der Konvent übertrug alle Geschäfte, die im Zusammenhang mit der Verwaltung der Gebäude standen, an den Rechtsanwalt Busso-Peus. Ein staatlicher Kommissar versiegelte die Klosterräume und die Patres konnten bis zu ihrer Abreise bei Dorstener Bürgern unterkommen. Danach reisten sie nach Belgien und in die Niederlande, wo sie in Klöstern Aufnahme fanden. Andere fuhren in die USA und gründeten in Chicago eine neue Niederlassung. – Der Guardian kehrte nach einiger Zeit heimlich nach Dorsten zurück und wohnte mit einigen anderen Brüdern im Kloster, allerdings ohne Habit und inkognito. Sie arbeiteten trotz Bespitzelung im „Untergrund“ und waren weiterhin heimlich seelsorgerisch tätig. 1887 konnten die Franziskaner zurückkehren. Sie stellten es den überseeischen Patres anheim, in ihren neuen Niederlassungen zu bleiben.

Ursulinen tricksten

Als die Gesetzgebung über die Auflösung und Beschlagnahme der Klöster bekannt wurde, machten sich die Ursulinen daran, ihre Grundstücke und ihr Mobiliar zu retten. Sie vermachten ihren Besitz pro forma dem Grafen Nesselrode-Reichenstein und belasteten die Grundstücke mit einer hohen Grundschuld ebenso zu Gunsten des Grafen. Als die Regierungsvertreter kamen, um die Besitztümer abzulösen, konnten die Ursulinen mit gutem Gewissen behaupten, dass sie außer dem nicht übertragbaren Stiftungskapital, das von der Regierung beschlagnahmt und verwaltet wurde, nichts hätten. Die Ursulinen verließen 1875 Dorsten, gründeten im niederländischen Weert eine klösterliche Niederlassung (1888 selbstständig) und kehrten 1888 zurück.


Quellen:
P. Heribert Griesenbrock „500 Jahre Franziskaner in Dorsten 1488-1988“, Dorsten 1988. – M. Maria Victoria Hopmann OSU. „Geschichte des Ursulinenklosters in Dorsten“, Dorsten 1949. – FJS-Website über Deuten (2011).

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