SPD Hervest-Dorsten

Herzliches Glückauf zum 100. Geburtstag mit Festschrift, die keine ist

W. St. – Mit einer Festveranstaltung und einer Festschrift sowie rund 150 Parteigenossen und Gästen feierte der SPD-Ortsverein Hervest-Dorsten im September 2018 in der „Traumfängergalerie“ auf dem Zechengelände Fürst Leopold sein Hundertjähriges, auch wenn das Gründungsjahr der Hervester SPD – zusammen mit der Holsterhausener SPD – erst 1922 war. Wie auch immer, nach der Begrüßung durch den Vorsitzenden des SPD-Ortsvereins, Dr. Werner Duismann, gratulierten mit Grußworten etliche Offizielle, darunter der SPD-Bundestagsabgeordnete Michael Gerdes, der SPD-Landtagsabgeordnete Michael Hübner sowie Dorstens Bürgermeister Tobias Stockhoff, der sein Erscheinen mit Rede als CDU-Schwarzer vor den SPD-Roten augenzwinkernd schon als „ein Risiko“ fand, wie er meinte. Die Festansprache hielt Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD. Sie hob die Wichtigkeit der Sozialdemokratie in allen politischen Bereichen hervor und des „soziale Blicks“ bei der Lösung anstehender Herausforderungen.

Festschrift zum Hundertjährigen ohne themenbezogene Informationen

Festrednerin Bundesministerin Svenia Schulze und Vorsitzender Werner Duismann

Werner Duismann (Jahrgang 1943) legte zu diesem runden Jubiläum des Stadtverbands die 32-seitige Festschrift „100 Jahre SPD-Ortsverein Hervest-Dorsten“ vor, die den Leser allerdings über die im Titel versprechenden 100 Jahre allerdings kaum informiert, wohl aber über die hinlänglich bekannten 150 Jahre SPD in Berlin und Deutschland. Über die für Sozialdemokraten politisch sehr unruhigen, spannenden und aufwühlenden Jahre der Weimarer Republik in der Zechengemeinde Hervest-Dorsten ist – gemessen an dem, was passierte und abgesehen von unkommentierten Faksimiles von Wahlergebnissen – nichts zu erfahren. Und vom Verbot und der Verfolgung Hervest-Dorstener Sozialdemokraten zu Beginn der NS-Zeit gar nichts mit der Begründung: „Über die SPD sind aus der Zeit des sogenannten Dritten Reiches logischerweise keine Dokumente vorhanden. Es leben heute keine Zeitzeugen mehr.“ Dem sei hier widersprochen: Dokumente darüber gibt es u. a. im Zeitungsarchiv, im Stadtarchiv Dorsten und im Landesarchiv Münster. Zeugenaussagen und bereits publizierte Dokumentationen in diverser Literatur über Dorsten. In der Nachkriegszeit, in der die SPD Hervest-Dorsten wieder mit viel politischem Elan sich mit den Kommunisten auseinandersetzte, dann die Sozialdemokratie kommunalpolitisch in Schwung brachte, ist – abgesehen von Randnotizen – nichts zu lesen. Beispiel: Der Ortsvorsitzende Heinz Orzelski, gleichsam zweiter Bürgermeister von Dorsten, regte die Bergarbeiter in Hervest-Dorsten stets an, die Häuser, in denen sie wohnten, auch zu erwerben, was viele auch taten. Es war ein hoher sozialpolitischer Wert für die Partei und ebenso für die Eigentumsbildung der Bergarbeiter. Doch zu lesen ist dies in der Darstellung der 100-jährigen SPD-Geschichte in Hervest-Dorsten nicht. Wo also bleiben die Porträts der Männer und Frauen des SPD-Ortsvereins in den ersten 50 Jahren und die der Nachkriegszeit, die diese 100 Jahr möglich gemacht und die Partei erhalten haben?
Doch die letzten 20 der 100 Jahre Ortsverein Hervest-Dorsten sind schon etwas umfangreicher dargestellt. So erfährt der Leser beispielsweise in einer Jahreschronik, dass der Ortsverein am 31. März 2018 um 19 Uhr Osterhasen verteilt hat und am 12. Mai um 10 Uhr Rosen zum Muttertag. Am 7. Dezember wird um 18 Uhr ein Grünkohlessen mit Jahreshauptversammlung stattfinden. Ausführlicher werden Parteimitglieder in Text und Bild vorgestellt, die derzeit eine Funktion innehaben, also gemessen am Jahrhundert Randfiguren sind, wie beispielsweise Jennifer Schug, die von den 100 Jahren SPD Hervest-Dorsten als Mitglied gerade erst zweieinhalb Jahre in Anspruch nimmt und deren Verdienste für die Partei daher erst noch nachgewiesen werden müssen.

SPD will jünger und weiblicher werden

Als Epilog ist die Anmerkung auf Seite 29 der Festschrift zu verstehen, für die der 75-jährige Dr. Werner Duismann die Verantwortung hat, wie es auf Seite 30 steht: „Noch ein Wort: Die Partei soll jünger und weiblicher werden! Es ist jedoch für uns nicht einfach, Menschen für die politische Arbeit zu gewinnen. Vielleicht ist ja diese Festschrift dazu geeignet.“ – Das dürfte auch der SPD-Landtagsabgeordnete Michael Hübner so sehen, denn in seiner Begrüßung sagte er wörtlich: „Ich finde die Festschrift ganz ganz toll!“

Siehe auch: Sozialdemokratische Partei
Siehe auch: Heinz Orzelski

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