Neue Stadt Wulfen

Retortenstadt hatte einen guten Start – und etliche Fehlplanungen

1960 brachte der NRW-Minister für Wiederaufbau das Projekt Neue Stadt Wulfen, das 1959 wegen einer Strukturkrise der Kohle stoppte, wieder in Gang. Auf der grünen Wiese sollte eine Stadt für rund 50.000 Einwohner entstehen, die nach modernsten sozialen und städtebaulichen Gesichtspunkten Bergleuten ein freies und nicht beengtes Wohnen bieten sollte. Allerdings hat die Bergbaukrise der folgenden Jahrzehnte die Erwartungen auf 20.000 Einwohner schrumpfen lassen.

Postkarte 1970

Postkarte  Wulfen Barkenberg 1970

Städtebauliche Abwechslung durch internationalen Wettbewerb

Die Entwicklungsgesellschaft Wulfen (EW) wurde 1960 mit einem Stammkapital von 200.000 DM gegründet. Beteiligt waren die Mathias Stinnes AG (100.000 DM), der Siedlungsverband Ruhrgebiet (35.000 DM;), der Landkreis Recklinghausen (30.000 DM) und das Amt Hervest-Dorsten (35.000 DM). 1964 wurde die Gemeinde Wulfen Gesellschafter. Ein internationaler Wettbewerb sollte der Neue Stadt jeglichen städtebaulichen Fortschritt bringen und unterschiedliche Architektur-Projekte den Bewohnern städtebauliche Abwechslung bieten. An den Grundplanungen beteiligten sich unter Leitung des international renommierten Architekten Prof. Fritz Eggeling (Berlin) Fachleute und Architekten aus der ganzen Welt.

Weltbekannter Architekt baute künstlerisch aber ziemlich nutzlos

Die Konzeption zielte auf infrastrukturelle Schwerpunktbildung mit Schulen, Gemeindezentren, Läden sowie auf eine integrierte Landschafts- und Verkehrsplanung, abgestimmt auf das natürliche Landschaftsrelief. Daraus ergab sich ein hierarchisch gefügtes Straßennetz mit Präferenz für Fußgänger und Radfahrer. Ungewöhnlich ist die Gestaltungsvielfalt durch Ein- und Mehrfamilienhäuser sowie Hochbauten, Kettenhäuser und dichter Wohnbebauung mit unterschiedlichsten Wohnungszuschnitten. Das Einkaufszentrum am Markt zeigt eine klare, industriebauähnliche Konzeption mit Glaspassage, Laubengängen, zweigeschossigen Läden und darüber liegenden Wohnungen, die der weltbekannte Architekt Josef Paul Kleihues baute, allerdings von den Nutzern stets als untauglich kritisiert wurden und werden. Die ersten Einwohner der „Neuen Stadt“ waren 1967 das Hausmeisterehepaar Pellenz an der Barkenbergschule. Die ersten Mieter zogen im Herbst 1967 in die Baugruppe Poelzig. Für die Zeche sind bereits vorher in Wulfen neue Wohngebäude errichtet worden, z. B. am Bückelsberg und im Richtersfeld.

Vorgesehen waren zunächst 13.000 Wohnungseinheiten für 47.000 Einwohner, wovon die Hälfte als Eigenmaßnahmen gelten sollten, 10 bis 15 Prozent sollten freistehende Einzel- und Doppelhäuser sein, 30 bis 35 Prozent Gruppen- und Reihenhäuser und 50 Prozent ein- bis achtgeschossige Wohngebäude. Zwischen 1965 und 1982 wurden 16 Bebauungspläne realisiert. Nach Einzug der ersten Bewohner Barkenbergs 1967 ist die Bevölkerungszahl bis zum Jahre 1980 auf 10.407 angewachsen. Durch die generelle Reduzierung der Steinkohlenförderung wurden die hochgesteckten Ziele der Stadtplaner für die „Neue Stadt Wulfen“ nicht erreicht. 1987 stellte das Land die Förderung ein. Zu diesem Zeitpunkt waren erst 4.000 (von 13.000) Wohneinheiten errichtet.

Das Gemeinschaftshaus liegt neben einer großzügigen Badeanlage, der Gesamtschule sowie der Bibliothek „Bibi am See“. Die Bibliothek (früherer Name Stadt- und Schulbibliothek) war dem städtischen Kulturamt zugeordnet, heute gehört sie zum Schulamt. Das Wohnhaus-Modell „Metastadt“, ein integriertes Hochhaus mit vorgefertigten und variablen Fertigteilen, funktionierte nicht. Der Hauptbau des international beachteten Planungssystems wurde 1987 wieder abgerissen. Ein anderer experimenteller Wohnbau, „Habiflex“, dessen Wohnungszuschnitte variabel verändert werden konnten, wurde wegen Eindringens von Wasser und ständiger Feuchtigkeit mehrmals renoviert und ohne Erfolg zu verbessern versucht und heißt daher im Volksmund „Tropfsteinhöhle“. Mittlerweile sind die Tür- und Fensteröffnungen zugenagelt.

LEG verabschiedete sich aus dem Stadtumbau und modernisiert weiter

Im November 2010 ist die Landesentwicklungsgesellschaft NRW (LEG) aus dem Sanierungsprogramm für Barkenberg ausgestiegen, so dass der vierte Schritt des Sanierungsprogramms, der Teilabriss der Schiefergebäude Himmelsberg mit 100 Wohnungen und Modernisierung anderer nicht mehr durchgeführt werden konnte. Die LEG argumentierte damit, dass man den günstigen Wohnraum benötige, um weniger gut verdienenden Menschen eine LEG-Wohnung in Barkenberg anbieten zu können. Proteste der Stadt und von Landtagsabgeordneten bei der Landesregierung in Düsseldorf gegen den Rückzug der LEG aus dem Stadtumbau Barkenberg blieben erfolglos. Bislang wurden 294 Wohnungen abgerissen bzw. zurückgebaut, 155 wurden modernisiert, 15 privatisiert. Ein weiteres Modell für neue Wohnformen, die „Finnstadt“, funktioniert dagegen vortrefflich. Ende 2010 lebten in Barkenberg rund 10.700 Einwohner in 4.500 Wohneinheiten. Fazit: Die bauliche Anbindung Barkenbergs an den Dorfkern Wulfen ist nicht gelungen. 2007 startete der NRW-Bauminister die Aktion Stadtumbau, was die Bankrotterklärung und den Neubeginn der Retortenstadt bedeutet.

Das Wohnungsunternehmen LEG investierte in Barkenberg 2012 weitere 1,1 Millionen Euro für Modernisierung der Gebäude in den Straßen Surick und Barkenberger Allee. Dadurch erhielten die Gebäude einen neuen Anstrich und teilweise neue Fenster. Darüber hinaus installierte die LEG neue Dächer, sanierte die Balkone und wertete die Eingangsbereiche optisch auf. So sollte der Wohnwert für die Mieter gesteigert werden. In einer Siedlungsvereinbarung mit der Stadt und der Dorstener Wohnungsgesellschaft (DWG) hatte die LEG im Juli außerdem vereinbart, 1,44 Millionen Euro in die Schiefergruppe der Straße Himmelsberg zu investieren.

50 Jahre Barkenberg

Dass das Gemeinschaftshaus in Wulfen-Barkenberg das Herz Barkenbergs sei, schrieb Christoph Wink in der DZ, als im Gemeinschaftshaus Ende 2011 mit einem Festakt „50 Jahre Barkenberg“ gefeiert wurde. Neben Musik, einem reichhaltigen Büffet und Getränken gab es auch Informationen mittels Bild- und Tondokumente über den Verlauf der 50 Jahre Barkenberger Geschichte, aber auch politische Diskussionen über aktuelle städtebauliche Fragen wie zum Beispiel die Nordanbindung. Durch das Programm führte Stadtbaurat Holger Lohse. Vor rund 200 Gästen standen auch Architekten, Städtebauer und Politiker, die am Bau und der Geschichte des Stadtteils mitgewirkt hatten, als Zeitzeugen Rede und Antwort. In der Rückschau wurden auch Fehler in der damaligen Betrachtungsweise eingeräumt.

Erstmals wird ein heruntergekommenes Wohnsilo abgerissen

„Es ist eine Schande“, empörte sich unlängst der Münchner Bauökologe Richard Dietrich, „erstmals in der Geschichte haben es Architekten so weit getrieben, Häuser zu bauen, die praktisch unbewohnbar sind, weil sie ihren Bewohnern mehr schaden als nützen. So drastische Worte formulierte ein Mann, der jetzt von seiner eigenen Geschichte eingeholt wird. Mit der Metastadt im westfälischen Dorsten-Wulfen soll zum ersten Mal in der Bundesrepublik ein Hochhaus-Komplex abgerissen werden – entworfen hat diesen Architektentraum aus Glas, Stahl und Eternit: Richard Dietrich.
Niemand zweifelt daran, dass der Bauausschuss der Gemeinde Dorsten am Nordrand des Ruhrgebiets am 18. September endgültig dem Abriss der Metastadt zustimmen wird. Anfang der siebziger Jahre galt der Baukomplex mit seinen 102 Wohnungen im Zentrum der Großsiedlung „Neue Stadt Wulfen“ noch als Musterbeispiel für industriell gefertigten Montagebau. In ein stählernes Tragwerk wurden verschiedenste Bauteile eingefügt, zusammengehalten von 60.000 Schrauben. Auf diese Weise entstanden Wohnungen ganz unterschiedlicher Größe, zum Teil sogar in zwei Etagen, dazu Ladenlokale, Büros und ein Kindergarten. Jeder Mieter sollte, dank der flexiblen Bauweise, seine Räume nach individuellen Vorstellungen gestalten können. Dieses Baukastensystem hat auch beim bevorstehenden Abbruch seine Vorteile. Der Architektentraum Metastadt wird nicht gesprengt, sondern einfach auseinandergeschraubt.
Für die Mieter war der von der Essener Treuhandstelle für Bergmannswohnstätten errichtete Hochbau von Anfang an ein Albtraum. Kaum hatten 1974 die ersten ihre Wohnungen bezogen, zeigten sich schon Mängel. Durch das Flachdach des neunstöckigen Gebäudes tropfte Wasser. Fenster und Wände boten keinen ausreichenden Schutz gegen Kälte, Wind und Feuchtigkeit. Hohe Wärmeverluste trieben die Heizkosten in die Höhe. Ging eine Fensterscheibe zu Bruch, musste gleich der ganze Flügelrahmen ersetzt werden. In den schnell verschmutzten Außenfassaden zeigten sich Risse. Ausbessernde Handwerker gehörten in dieser „Tropfsteinhöhle des sozialen Wohnungsbaus“, wie eine Illustrierte schrieb, bald zum Alltag.

Kälte und Nässe zwangen immer mehr der anfangs rund fünfhundert Bewohner zum Auszug. Mit Mietnachlässen bis zu 2,40 Mark pro Quadratmeter versuchte das Land Nordrhein-Westfalen, das dieses Modellprojekt gefördert hatte, den Exodus aufzuhalten, doch ohne Erfolg. Im Sommer dieses Jahres verließen die letzen Mieter die Metastadt, Büros und Geschäftsräume sind schon seit Monaten leer. Zwei vom Düsseldorfer Städtebauministerium beauftragte Gutachter schätzen die Kosten einer Renovierung auf 10,2 Millionen Mark – die Hälfte der Bausumme.
Eine im Mai abgeschlossene Prüfung ergab, dass es sich nicht lohne, die schwerwiegenden Konstruktionsmängel zu beheben und bautechnische Auflagen nachträglich zu erfüllen – eine Demontage sei immerhin schon für 4,5 Millionen Mark zu haben. Die Essener Treuhandstelle entschied sich daraufhin für den Abriss. Der zuständige nordrhein-westfälische Wohnungsbauminister Christoph Zöpel gab grünes Licht: Er verzichtet auf 3,7 Millionen Mark Landesmittel. Das Bundesbauministerium, von dem das Experiment ebenfalls unterstützt worden war, hat sich noch nicht entschieden, ob seine Kredite ebenfalls erlassen werden. Bonn spricht von einem „Präzedenzfall“: Das Geld erhielten die Länder und nicht die Trägergesellschaften von Bauprojekten; folglich müsse Nordrhein Westfalen für die Pleite in Wulfen geradestehen.

– Thomas Gesterkamp in „DIE ZEIT“ vom 12. September 1986


Quellen/Literatur:
Entwicklungsgesellschaft Wulfen (Hg.) „Das andere Wohnen. Beispiel Neue Stadt Wulfen“, Stuttgart 1980. – Dies. „Wulfen ‘80“, Ausstellungskatalog, Wulfen 1980. – Thomas Gesterkamp „Wohnungsbau: Der schiefe Turm von Wulfen“ in „Die Zeit“ vom 12. September 1986. – Heimatverein Wulfen: „Wulfen. Geschichte und Gegenwart“, Dorsten, 2004.

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