Mercaden I

Überdimensionales Einkaufscenter am Lippetor eröffnete am 3. März 2016

!-Mercaden-Frenzel 2015 (1)

Mitte 2009 sollte das Gebäude des Lippetor-Centers mit einem geschätzten Verkehrswert von 4,5 Mio. Euro versteigert werden. Es fanden sich aber keine Bieter. Inzwischen hat der Investor mehrfach gewechselt. Mitte 2010 ersteigerte Herbert Krämer („hkm Management AG Bergisch-Gladbach“) beim Amtsgericht das leergezogene Lippetor-Center für 2,55 Millionen Euro und gründete die „Galerie Lippe GmbH & Co. KG“, die 60 Millionen Euro investieren will. Krämer hat bereits Einkaufszentren in Böblingen und Bergisch-Gladbach und will nun ein neues Lippetor-Center bauen. Nach Vorliegen aller Baugenehmigungen soll das Lippetor-Center 2012 abgerissen und bis 2013 das neue Zentrum eröffnet werden. Auf drei Etagen sollen 12.000 Quadratmeter Verkaufsfläche für das Lebensmittel- und Elektronik-Segment sowie den Einzelhandel entstehen. Im Vergleich: Alle Dorstener Geschäfte der Innenstadt haben zusammen 30.000 qm Verkaufsfläche. Die Stadt und der Rat bewertete dieses Konzept positiv. Im Oktober 2011 hat der Investor zwei angrenzende Nachbargrundstücke erworben. Der Kauf der beiden Wohnhaus-Grundstücke erweitert die Lippe-Galerie mit einer zusätzlichen Fläche von rund 1.200 Quadratmetern. Der Investor ist mit seinen Plänen in Verzug geraten. Ende 2012 stand noch das leergezogene und mit Brettern vernagelte Lippetor-Center. Kein schöner Anblick.

Im neuen Namen verschwindet das Wort Lippe

Statt versprochenem Abriss hat der neue Besitzer einen neuen Namen für das zukünftige Einkaufszentrum erfunden: „Mercaden Dorsten“. Vom Projektentwickler war zu hören, dass dieser Name  eine „eigenständige Kreation“ sei und ein „stärkeres Identifikationspotenzial für Dorsten“ biete, das „für Besucher aus dem Umland Zugkraft“ auslöse. Die Wortschöpfung leitet sich ab aus mercatus (lat. Markt). Auch schwinge in dem Wort „südländische Lebensfreude und Gastfreundschaft mit“. Herbert Krämer sieht in dem Namen auch, dass er neue Impulse für den in der Innenstadt ansässigen Handel setze.

Mitte Oktober stellte Herbert Krämer eine erweiterte Planung für sein Mercaden-Projekt der Öffentlichkeit vor. Stadt und Projektbetreiber wollen für die Neugestaltung des Lippetor-Areals nun zweigleisig fahren, wie die DZ am 16. Oktober schrieb. Angrenzende Wohngrundstücke und das des ehemaligen Kinderheims sollen in das Verkaufsareal mit einbezogen werden. Die DZ berichtete: „Das neue Konzept basiert auf einem SB-Warenhaus im Obergeschoss des Einkaufszentrums. Die Parkplätze sollen im Untergeschoss untergebracht und über Aufzüge, feste Treppen und Rolltreppen mit dem Ladenbereich verbunden werden. 18 weitere Ladenlokale mit Größen von rund 200 bis 1.200 Quadratmeter Verkaufsfläche sollen gemeinsam mit Gastronomie-Zonen das Mercaden-Zentrum ergänzen. Die Gesamtverkaufsfläche werde unverändert 12.500 Quadratmeter betragen.“ Die zuständige Ratskommission für Stadtentwicklung hat lt. DZ bereits Zustimmung signalisiert.

Eröffnungstermin immer wieder verschoben

Ende 2012 informierte der Projekt-Entwickler Herbert Krämer Stadt und Öffentlichkeit, dass er sich nun für die große Lösung (60-Millionen-Objekt) mit erweiterter baulicher Lösung festgelegt habe. Laufe alles glatt, könne die Bebauungsplanung im Sommer 2013 abgeschlossen sein, nach der Baugenehmigung das alte Lippetor-Center abgerissen und das neue Mercaden-Einkaufszentrum sollte im Frühjahr 2015 eröffnet werden. Eröffnet wurde das Center im März 2016, allerdings ohne den wichtigsten Mieter (Ankermieter) Kaufland und mit etlichen zugeklebten Leerständen (siehe unten).

Inzwischen warnte das Online-Magazin „DORSTEN-transparent“ in mehreren Veröffentlichungen vor einer möglichen Unseriösität des verschachtelten Finanzierungs- und Beteiligungskonzepts Manfred Krämers sowie wegen der überdimensionierten Größe des Mercaden-Projekts vor Folgen der Innenstadtunverträglichkeit. Allerdings blieben diese Argumente in der Stadtverwaltung und im Rat ungehört.

Abriss des alten Lippetor-Centers Ende 2013

Im August 2013 konnte der Projektentwickler, der mangels Eigenkapital nicht selbst als Investor auftreten konnte, die „OFB Projektentwicklung“, eine Tochter der Hessischen Landesbank, für sein 60-Millionen-Euro-Projekt gewinnen. Daher konnten nach jahrelangen Verzögerungen im September 2013 die Bagger und Abrissbirnen anrollen, um das mittlerweile stark heruntergekommene ehemalige Lippetor-Einkaufszentrum und einige Nachbarhäuser abzureißen. Richtfest konnte am 15. September 2015 gefeiert werden, die Eröffnung am 3. März 2016.

Zahlen rund um den fertiggestellten Rohbau Mercaden (September 2015)

Gebäude: 28.500 Kubikmeter Beton, 5000 Tonnen Stahl, 15.225 Meter Spannbetonbinder, 39.600 Quadratrmeter verlegte Deckenelemente; Bruttogeschossfläche 40.500 Quadratmeter, Volumen der Mercaden 238.938 Kubikmeter. – Elektro: 200.000 Meter Sicherheitskabel fürStark- und Schwachstrom, dazu 2.600 Meter Sicherheitskabel nur für Starkstrom und 56.000 Meter Sicherheitskabel für Schwachstrom; 14.000 Meter Kommunikationskabel und 8.000 Meter Antennenkabel, 4.500 Meter Kabeltrassen. – Lüftung: 13.800 Quadratmeter Blechkanal und über 7.500 Meter Wickelfalzrohr. Heizung/Sanitär/Kälte: 2.000 Meter Kupferrohr, 1.800 Meter Stahlrohr für den Betrieb und zudem 4.500 Meter Stahlrohr für Kälte. – Verkaufsfläche: 12.500 Quadratmeter für 50 Geschäfte und Gastronomiebetriebe; 400 Parkplätze. – Investitionen: Angegeben mit 60 MIllionen Euro (Zahlenangaben nach „Dorstener Zeitung“ vom 16. September 2015).

Eröffnung lockte 2016 Scharen Neugieriger in das Einkaufszentrum

Bevor die Dorstener Bevölkerung am 3. März 2016, 9 Uhr, in das eröffnete Mercaden strömen durfte, wurden am Abend vorher VIPs zum „Pre-Opening“ (Lokalzeitung) eingeladen. Für Bürgermeister, Stadtspitze, Ratsmitglieder, Beteiligte und andere. Den Befürchtungen, das Mercaden könnte dem Handelsleben der Innenstadt schaden, wurde mit Optimismus begegnet. Angesichts der vielen Leerstände in der Innenstadt meinte der Bürgermeister sogar, dass die Innenstadt „gut aufgestellt“ sei!  Wie auch immer! Gut aufgestellt war das Mercaden bei der Eröffnung nicht. Es fehlten Mieter. Der größte Mieter Kaufland eröffnete erst zwei Wochen später und etliche Leerstände waren als nicht vermietet noch zugeklebt, obgleich ein Mercaden-Manager durch das Mikrofon sagte, dass alles vermietet sei und am Vortrag noch im WDR-TV die Information ausgegeben wurde, dass 85 Prozent vermietet sei. Dadurch, dass im Obergeschoss eine Zwischenwand gezogen wurde, die annähernd 1.500 Quadratmeter abtrennt, ohne dies sichtbar zu machen, war auch die Quote von 85 Prozent vermieteter Raum am 3. März 2016 offensichtlich nicht stimmig. Während der weiteren Wochen nach der Eröffnung wurde noch gebaut, Elektroleitungen gezogen und Handwerkertrupps zogen mit Leitern und Werkzeugkoffern durch das flanierende Publikum. Manchmal war der Krach ohrenbetäubend. Das Center ist ohne Zweifel Konkurrenz zu den Geschäften in der Innenstadt, auch wenn der Projektentwickler bei der Eröffnung sagte, dass das Mercaden die Innenstadt beleben würde. Was er immer damit meinte, doch wohl nicht den Umsatz der Innenstadtgeschäfte. Die „Dorstener Zeitung“ befragte Innenstadt-Händler, ob Mercaden den Altstadtgeschäften neue Kunden bringen würde und zitierte am 4. März einen Geschäftsmann, der „schon lange nicht mehr so viele Menschen in Dorsten gesehen“ hatte. Es war der Eröffnungstag! Und eine andere Altstadt-Händlerin meinte: „… aber die meisten laufen nur durch, mehr Kunden habe ich dadurch nicht.“ Der Vorsitzende der „Dorstener Interessengemeinschaft Altstadt” (DIA), Thomas Hein, von der Zeitung befragt, wie er als Vertreter der Kaufmannsmannschaft das sehe, meinte, dass es Aufgabe sein werde, neue Käuferströme nach Dorsten zu ziehen. „Dann profitieren alle davon.“ Woher die kommen sollen, ließ er offen. Gleichzeitig machte er aber darauf aufmerksam, dass man in Recklinghausen durch das neue Einkaufszentrum „Palais Vest“ in der Altstadt einen Leerstand nach dem andern sehe. Allerdings meint er auch: „In Dorsten wird das anders sein.“

Ohne die gesamtstädtischen Belange im Sinn zu haben, ist das Einkaufszentrum Mercaden im Inneren ein trotz einiger (bleibenden) Mängel ansprechendes Einkaufszentrum mit Branchenmix, vielen Cafés und Schnellimbissen. Für den Konsumenten ist Mercaden angesichts der sichtbar desolat gewordenen Innenstadt einladend.  Entsprechend waren auch die Schlagzeilen in der„Dorstener Zeitung“: „Eine Bereicherung für Dorsten“, „Neupositionierung als Einkaufsstadt“, „Wir kommen wieder”, „Neugierig auf das Neue“ und „Das Center ist für Dorsten ein Bereicherung“. Wer dennoch eine andere Meinung vertritt und sie in den Netzwerken veröffentlicht, wurde in der gleichen Ausgabe als „Nörgler und Bedenkenträger“ apostrophiert. Die Zeitung zitierte einen 66-jährigen Besucher, der empfiehlt: „Mercaden annehmen … es ist alles so hell und offen hier drin.“

Nachträglich neue Ladezone errichtet – Nachhaltiger Stau an der Brücke

Im Oktober/November 2016 gab es einen wochenlangen Stau auf der an den Mercaden vorbei- und über die Kanalbrücke führenden Bundesstraße 224, weil der Mercaden-Betreiber nachträglich an dieser Seite des Mercaden-Gebäudes eine zusätzliche Anlieferungszone einrichtete. Die Straße musste verbreitert werden. Während der Bauzeit wurde der Verkehr auf eine Fahrspur reduziert, was zu nachghaltigen Beeinträchtigungen des Verkehrs führte.

Neues Mercaden-Management soll schleichenden Flopp aufhalten

Die Eigentümerin der Mercaden, die „Galerie Lippe GmbH“, bestellte Anfang 2018 für das bislang mehr schlecht als recht laufende Mercaden-Einkaufszentrum ein neues Center-Management: Andrea Hegenbarth vom Hamburger Unternehmen „Kopria iQ“, die erst einmal eine Bestandsaufnahme machen wird. Gegenüber der „Dorstener Zeitung“ sagte sie: „Wir haben keinen Zauberstab in der Tasche!“

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