Hundertjährige (Essay)

In einem imaginären Club sind die 100-jährigen Dorstener versammelt

In Stein gemeißelt: Skulptur in Vancouver/Kanada aus dem Jahr 1986

W. St. – Die Zahl 100 ist mythisch, ein Ordnungsbegriff und steht für eine lange aber dennoch überschaubare Zeit. Die alten Griechen nannten sie „Hekatombe“, wenn sie Göttern hundert Rinder opferten. In ihrer Mythologie gibt es drei Wesen mit jeweils hundert Armen. Die mitteleuropäische  europäischen Geschichte gab es einen „Hundertjährigen Krieg“ und im 17. Jahrhundert den „Hundertjährigen Kalender“. In der jüngsten chinesischen Geschichte gab es im Vorfeld der Kulturrevolution die „Hundert-Blumen-Bewegung“ und bei unserer Polizei die „Hundertschaft“ mit dem „Hundertschaftsführer“. Von Gabriel Garcia Márques ist der Roman „100 Jahre Einsamkeit“ bekannt und von Jonasson stammt der Bestseller „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“ (siehe unten). Und wenn einer zu schnell fährt, dann sagt man „mit 100 Sachen um die Ecke“. So etwas tun Hundertjährige wohl kaum noch, womit wir beim Thema wären. .

Prognose: Im Jahr 2050 wird es rund 115.000 Hundertjährige heben

Ausstellung Porträt der 100-Jährigen, Frankfurt

Deutschland ist die zweitälteste Gesellschaft der Welt. Fast 17.000 Deutsche sind über hundert Jahre alt – ein Trend, der anhält. Heutige Hundertjährige, wissenschaftlich „Centenariens“ genannt, sind im Kaiserreich geboren, haben die Weimarer Republik erlebt, den Nationalsozialismus, das Wirtschaftswunder, das überbordende Fernsehen und die Supertechnik der Handys und Computer. Früher waren Hundertjährige eine Sensation, heute sind sie für immer mehr Menschen Realität: Die Zahl der Hundertjährigen wächst – auch in Dorsten. Etwa alle acht Jahre, so eine Studie der Universität Heidelberg, verdoppeln sich die Zahl der Hundertjährigen. 1956 waren es in ganz Deutschland gerade mal hundert. Im Jahr 2000 lebten 5937 Hundertjährige in Deutschland, 2010 waren es 13.198 Personen und 2014 zählte das Statistische Bundesamt bereits 16.860 Senioren im dreistelligen Alter. Nach einer Prognose der Vereinten Nationen könnten in zehn Jahren rund 44.200 Menschen in Deutschland mindestens hundert Jahre alt sein – und 2050 schon 114.700 Personen. Von denen, die in Deutschland nach dem Jahr 2000 geboren sind, hat Prognosen zufolge die Hälfte „gute Chancen“, das hundertste Lebensjahr zu erreichen.

Die Hundertjährigen in Dorsten von 1970 bis heute

Hildegard Meier, Rhade 2015

Die absolut älteste Dorstenerin in den letzten 50 Jahren war Johanna Bongard aus Lembeck. Sie wurde 107 Jahre alt, gefolgt von Marie Kulhawy, die 106-jährig starb. Bei der Durchsicht der Namen und Zahlen fällt auf, dass es meist Frauen waren, die ein dreistelliges Alter erreichten. Dies deckt sich mit den Angaben des Statistischen Bundesamtes über die Lebenserwartung von Frauen und Männern. Der folgende namentliche Überblick über die Ältesten in Dorsten umfasst die letzten 50 Jahre. Der bis April 1970 ältester Einwohner von Dorsten, damals noch die heutige Altstadt mit Hervest und Holsterhausen, war Josef Bergmann („Opa Bergmann“), der gerade 100 Jahre alt war, als er im Oktober 1970 starb. Doch schon einen Monat später, am 6. November 1970, wurde Caroline Maykemper 100 Jahre alt. Sie wurde die älteste Bürgerin von Dorsten und blieb es bis Februar 1975, als sie 104-jährig starb. Zu ihr hatte sich 1973 Aletta van Wasen aus der Gahlener Straße gesellt, die am 21. Januar 100 geworden und ab 1975 älteste Einwohnerin war. Sie starb im April 1976 mit 103 Jahren.

Mal sind auch Männer dabei, aber wenige

Maria Wilkin, Altendorf 1996

Abgesehen von „Opa Bergmann“, der 1970 den Ältestenclub eröffnete, bestimmten fortan, so hat man bei der Auflistung den Eindruck, die Frauen den Club der Hundertjährigen in Dorsten. Männer erreichten dieses Alter selten. Einer von ihnen war der Schreinermeister Heinrich Blome vom Jahnplatz, der am 17. Januar 1975 sich zu den Hundertjährigen gesellte und somit der älteste Dorstener männlichen Geschlechts war. Das war er übrigens schon mit 99 Jahren. Am 30. August 1974 trat Elisabeth Vennemann geb. Horstkamp von der Gahlener Straße dem Club der Hundertjährigen bei. Sie feierte ein Jahr später noch ihren 101. Geburtstag. Ottilia Federau wurde am 20. Februar 1978 hundert Lenze und war zu diesem Zeitpunkt bereits die älteste Dorstenerin, da die anderen bereits gestorben waren. Am 2. August 1980 wurde Minna Burghardt 100 Jahre alt. Die gebürtige Ostpreußin wohnte seit 1928 in Dorsten. Die gebürtige Schlesierin Marie Kulhawy feierte am 10. Mai 1981 ihren 100. Geburtstag und war fünf Jahre lang die älteste Bürgerin der Stadt. Sie starb 1987 als 106-Jährige. Im Alter von 101 Jahren verstarb am 24. Oktober 1989 in Rhade Bernhard Tinnefeld, bis dahin ältester Bürger in Rhade. In Lembeck wurde am 19. November 1992 Anne Komberg 100 Jahre, die in Lembeck die älteste Einwohnerin war. Sie starb am 14. September 1994 im Alter von 101 Jahren. In Altendorf-Ulfkotte feierte Maria Wilkin geb. Balster am 21. September 1996 ihren 100. Geburtstag. Sie starb mit 104 Jahren und war zuletzt Dorstens älteste Einwohnerin. Maria Hölscher wurde am 29. September 1995 im Altenheim St. Anna 100 Jahre alt. Caroline Wrobel im Oktober 1996 mit 102 Jahren die älteste Einwohnerin Dorstens. Johann Dragon aus Holsterhausen, wieder einmal ein Mann, schaffte am 23. Januar 1997 die hundert Jahre, Auguste Platteis aus Dorsten am 19. Februar 1997 und Maria Haarmann konnte am 25. Juni 1999 ihren 100. Geburtstag feiern. Letztere starb bereits im darauffolgenden Februar.

Älteste Dorstenerin schaffte 107 Jahre, der älteste Mensch der Welt 116

100 Jahre wurde Agnes Tillmann aus Wulfen am 27. November 1999. Sie war in Wulfen die älteste Einwohnerin und konnte noch ihren 101. Geburtstag feiern. Johanna Bongard aus Lembeck trat am 23. Februar 2001 in den Club der Hundertjährigen ein, war zwischendurch  die älteste Einwohnerin Dorstens. 2008 konnte sie noch ihren 107. Geburtstag feiern. Somit war sie die bis heute älteste Bürgerin Dorstens. Der älteste Mensch der Welt, der Japaner Kimura wurde 116 Jahre und schaffte es somit in das Guiness-Buch der Weltrekorde. Am 13. März 2001 feierte Martha Jopp aus Dorsten ihren 100sten. Sie kam 80 Jahre vorher als Flüchtling aus Gleiwitz nach Dorsten. Wieder Männer: Josef Rieger aus Dorsten feiert am 4. Juni 2001 seinen 100. Geburtstag. Der Oberschlesier lebte seit 1974 in Dorsten. Otto Müller starb mit gerade gewordenen 100 Jahren im März 2005. Mittlerweile war Elisabeth Grabosch die älteste Bürgerin in Wulfen. Sie starb 2008 im Alter von 102 Jahren. Am 12. Mai 2007 wurde in Lembeck Maria Kukin 101 Jahre alt.

Immer mehr Frauen im Kreis der Hundertjährigen

Asta Klatt, 2012

Gerade 100 Jahre geworden, verstarb am 27. April 2008 Magdalena Rosenberger. In Gelsenkirchen-Buer feierte am 18. Februar 2010 der gebürtige Dorstener und ehemalige Kassenleiter beim Amt Hervest-Dorsten, Heinrich Greiwe, seinen 100. Geburtstag. Diesen erreichte am 10. März 2010 auch die gebürtige Dorstenerin Erna Stein. Sie starb 2014 mit 104 Jahren in Hervest. Im Altenheim St. Anna feierte die gebürtige Wanne-Eickelerin Elfriede Matzek am 14. Mai 2010 ihren 100. Geburtstag, am 2. August 2010 Maria Streletz im Seniorenzentrum Lembeck und Käthe Glander am 5. November 2010 in Dorsten. 105 Jahre alt wurde am 9. November 2010 Hedwig Kummer. Im Seniorenzentrum in Barkenberg feierte am 16. Dezember 2010 die gebürtige Leipzigerin Charlotte Lenke ihren 100. Geburtstag. Die in Schlesien geborene Asta Klatt wurde am 7. Juni 2012 im Altenheim Maria Lindenhof 100 Jahre alt, am 27. Februar 2015 Auguste Keil in Dorsten, in Rhade am 26. März 2015 die gebürtige Schlesierin Hildegard Meier, die sich durch Sport fit gehalten hat, und im Seniorenzentrum am Südwall am 22. Dezember 2015 die gebürtige Recklinghäuserin Maria Feuerbaum ihren 102. Geburtstag.

„Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“

Romantitel

Das Interesse an Hundertjährigen steigt – wohl auch in der Literatur. 2009 ist der Debütroman des schwedischen Journalisten und Autors Jonas Jonasson „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“ erschienen, der sich schnell zu einem internationalen Bestseller entwickelte. Seine Übersetzungsrechte wurden bis 2013 in mindestens 35 Länder verkauft. In deutscher Sprache erschien der Roman im August 2011. – Jonas Jonasson erzählt  von einer urkomischen Flucht und zugleich die irrwitzige Lebensgeschichte eines eigensinnigen Mannes, der sich zwar nicht für Politik interessiert, aber trotzdem irgendwie immer in die großen historischen Ereignisse des 20. Jahrhunderts verwickelt war: Allan Karlsson hat Geburtstag. Er wird 100 Jahre alt. Eigentlich ein Grund zu feiern. Doch während sich der Bürgermeister und die lokale Presse auf das große Spektakel vorbereiten, hat der Hundertjährige ganz andere Pläne. Er verschwindet einfach – und schon bald steht ganz Schweden wegen seiner Flucht auf dem Kopf. Doch mit solchen Dingen hat Allan seine Erfahrung, er hat schließlich in jungen Jahren die ganze Welt durcheinander gebracht.

Eine peinliche und dennoch amüsante Verwechslung in Altendorf-Ulfkotte

Auch gibt es eine kleine Anekdote in Bezug auf eine Hundertjährige in Altendorf-Ulfkotte und einem Journalisten, der sie einen Tag vor ihrem Geburtstag mit dem Fotografen besuchte, um dieses Ereignis in der Zeitung entsprechend zu würdigen. Den Besuchstermin vereinbarte er mit der Tochter der Hundertjährigen telefonisch. Also klingelten er und der Fotograf zu ausgemachten Stunde an der Tür. Es dauerte lange bis sie geöffnet wurde. Eine sehr sehr alt aussehende Frau öffnete und ging dann mit dem Besuch mühselig auf einen Stock gestützt zurück in die gute Stube. Der Journalist fragte sie, wie es ihr denn so gehe, so kurz vor ihrem Ehrentag. Sie antwortete: gut. Der Journalist dachte, na ja, so gut oder so schlechtes eben einer Hundertjährigen gehen kann. Es begann ein lockeres Gespräch über die Bewältigung des Alltags. Etwas weiter weg saß in einem Sessel eine weitere Person, die sich still verhielt. Jünger aussehend und zuhörend. Wohl die Tochter, dachte der Gast. Sie stand dann auf und stellte Knabberzeug auf den Tisch. Als der Fotograf sich anschickte, die Hundertjährige in ihren Sessel zu fotografieren, wehrte diese ab, und meinte: „Fotografieren Sie doch nicht mich, sondern meine Mutter!“


Anmerkung: Kein Anspruch auf Vollständigkeit der Hundertjährigen in Dorsten. Quellen: „Dorstener Zeitung“, Heimatkalender der Herrlichkeit Lembeck und der Stadt Dorsten. – Statistisches Bundesamt 2016. – „Die Welt“ vom 10. Nov. 2015.

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