Alternde Stadtgesellschaft (Essay)

Kabarettist Hape Kerkeling: „Oder hast du auch ’ne Oma in Dorsten?“

789-senioren 2-format2101Von Wolf Stegemann – Seit Ende der 1980er-Jahre befasst sich die Dorstener Verwaltung mit der Generation der alten Menschen. Sie legte den ersten „Altenhilfeplan“ vor, der, weil er zu negativ nach Gebrechlichkeit und Bedürftigkeit klang, 2009 in „Seniorenförderplan“ umbenannt wurde. Darin ist die Situation der Alten erfasst, um Grundlagen für eine Bedarfsanalyse zu erarbeiten. Künftig wird es mehr alte als junge Bürger geben: Die Zahl der über 60-Jährigen, die derzeit bei etwa 25 Prozent liegt, wird bis 2023 auf 32,6 Prozent steigen.

Allg. Sonntagszeitung: „Noch nie war alt werden so schön wie heute“

1989 gab es in Dorsten 132 über Neunzigjährige. 2007 stieg ihre Zahl auf 408 an, von denen acht Bürger über 100 Jahre alt waren. Damit einher ging eine extreme Zunahme des Anteils von Menschen mit Demenz. Noch 1970 waren 53,4 Prozent der Dorstener Kinder und Jugendliche unter 15 Jahren (Jugendquotient); 24,6 Prozent waren älter als 65 (Altersquotient). Dieses Verhältnis kippt immer schneller: 2011 lag der Jugendquotient nur noch bei 20,5 Prozent und der Altersquotient (ab 65) bei 32,6 Prozent. Bis zum Jahr 2050, so die Demographen, werden in Dorsten 30 Prozent Kinder zusammen mit 54,6 Prozent Menschen leben, die älter als 65 sind.  Es werden dann mehr alte Singles geben als Senioren, die in der Familie eingebunden sein werden. Wegen der medizinischen Fortschritte wird ein immer höheres Lebensalter erreicht werden. Das bedeutet eine stärkere Versorgung und Pflege. Die Kosten dafür werden immens steigen. Die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ titelte eine Betrachtung zur Generation 60plus mit „Noch nie war alt werden so schön wie heute“. Abgesehen davon, dass Altwerden nie schön ist, mag dahingestellt bleiben, ob manche das als schön empfinden.

Seniorenagentur – Wissensbörse für ältere Menschen

Im Jahre 2000 öffnete die erste Seniorenagentur, eine gemeinsame Einrichtung von Stadt und Seniorenbeirat, in der Begegnungsstätte „An der Vehme“ und ist Anlaufstelle für alle Bürger und Bürgerinnen, die über 50 Jahre alt sind. Sie ist Vermittlungsstelle für alle, die sich engagieren möchten oder Hilfe suchen, Wissensbörse für ältere Menschen, die ihre Lebenserfahrungen weitergeben möchten sowie Kontaktstelle und Treffpunkt für Anbieter und Nutzer. Die Seniorenagentur bietet Informationen rund ums Älterwerden.

Seniorenbeirat – Im Jahr 2009 von der Stadt wiederbelebt

Die Stadtverwaltung hat den Seniorenbeirat bei der Stadt Dorsten, der schon lange existiert, aber zuletzt nicht mehr aktiv war, 2009 durch Wahl von Seniorinnen und Senioren aus allen Stadtteilen in Zusammenarbeit mit der Landesseniorenvertretung wiederbelebt. Senioren und Seniorinnen sollen an weitgesteckten Themen mitarbeiten: Mitwirkung bei der Stadtplanung, in sozialen, kulturellen, sportlichen und gesundheitlichen Bereichen. Der letzte Seniorenbeirat in Dorsten scheiterte allerdings an mangelnder Beteiligung der Mitglieder. Daraufhin gaben die wenigen Aktiven entnervt auf.
Unter den 16 Mitgliedern sind sechs Delegierte von Vereinen (evangelische und katholische Kirche, Moscheeverein Ditib, Arbeitsgemeinschaft 60plus, Seniorenunion und AG Wohlfahrtsverbände) sowie zehn gewählte Vertreter der Stadtteile. Der Seniorenbeirat arbeitet derzeit (2012) an einem Zertifikat-Projekt „Generationenfreundliches Einkaufen in Dorsten“, für das der Beirat in Dorstener Läden werben will. Ausgezeichnete Betriebe sollen sich durch rollstuhlgerechte und barrierefreie Erreichbarkeit und Befahrbarkeit, gut lesbare Preisauszeichnung und kleine Packungen für Alleinlebende auszeichnen. Am Jahresende hat  Friedhelm Ashoff den Vorsitz im Seniorenbeirat aufgegeben. Er begründet seinen Rücktritt damit, dass sein Engagement zuletzt zum Vollzeitjob geworden war und er deshalb die „Reißleine“ habe ziehen müssen.

Wählen darf, wer über 60 Jahre alt ist

Den Seniorenbeirat können alle Bürgerinnen und Bürger wählen, die am Tag der Beiratswahl das 60. Lebensjahr vollendet habe, deren Hauptwohnsitz im jeweilgen Stadtteil befindet, in dem die Wahl stattfindet, und die nicht vom allgemeinen Wahlreich ausgeschlossen sind. Als Kandidaten zur Wahl können sich Bürger und Bürgerinnen aufstellen lassen, die das 55. Lebensjah vollendet haben und vom Wahlrecht nicht ausgeschlossen sind. Im Oktober 2014 fanden erneut Wahlen statt. Heidrun Römer (Rhade) wurde in ihrem Amt als 1. Vorsitzende bestätigt. – Der Dorstener Friedhelm Stoltenberg wurde im Dezember 2016 zum Vorsitzenden des 2010 in der Nachbargemeinde Schermbeck gegründeten Seniorenbeirat gewählt.

2013 gab es neun Einwohner im Alter von 100 Jahren

In Dorsten gab es 2013 neun Menschen, die 100 Jahre alt oder älter waren, die älteste Einwohnerin sogar 103 Jahre alt. Insgesamt ist jeder fünfte der rund 77.000 Einwohner Dorstens über 66 Jahre, so die aktuellen Zahlen der Strukturdaten der Stadt von 2013. 540 Menschen haben sogar die Marke von 90 Jahren überschritten. 1989 waren laut dem Altenhilfeplan erst 132 Einwohner über 90 Jahre alt.

In Dorsten gedeihen viele Seniorenheime

Im Marienviertel in Hervest entstand 2016 an der Molkerei 30 das Seniorenzentrum St. Marien mit 80 Plätzen, 68 Einzel- und vier Doppelzimmern. Insgesamt stehen den Bewohnern 4400 Quadratmeter Nutzfläche zur Verfügung. Mit 55 Quadratmeter pro Bett liege dies über den Vergleichswerten anderer Häuser, so der Betreiber. Zusätzlich umgeben rund 3000 Quadratmeter Grünfläche das Seniorenheim. 70 Mitarbeiter sind für die Bereiche Pflege, Hauswirtschaft, Reinigung und Küche verantwortlich. Es ist das vierte Haus, welches das Unternehmen Brüninghoff betreibt. Er hat noch zwei Häuser in Recklinghausen und das Seniorenheim am Südwall in Dorsten.
Weitere Seniorenheime in Dorsten:  Awo-Seniorenzentrum am See in Barkenberg, Evangelisches Altenzentrum Maria Lindenhof „Jochen-Klepper-Haus“ (gegründet 1981), Alten- und Pflegeheim St. Anna in der Feldmark, Alten- und Pflegeheim Haus „Am Kamin“ in der Altstadt (gegründet 1995), Alten- und Pflegeheim „Haus Keller“ in Holsterhausen, Senioren-Wohnanlage „Paulinum“ in Holsterhausen, Seniorenwohnungen Krietemeyer am Ostwall, Seniorenstift St. Elisabeth in der Altstadt, Alten- und Pflegeheim Hebestreit in Wulfen, Seniorenheim St. Laurentius in Lembeck, das „Haus der Geborgenheit“ in Rhade u. a. Um Letzteres gab es 2014 einen Skandal um schlechte Arbeitsbedingungen und Missstände bei der Pflege. Die Heimaufsicht des Kreises hatte „Mängel bei der medizinischen und pflegerischen Betreuung“ ausgemacht. Mitarbeiterinnen, die dies beanstandeten, wurde vom privaten Betreiber gekündigt und die Vorwürfe als haltlos bezeichnet.
Die Residenzgruppe Bremen baut für neun Millionen Euro an der Halterner Straße ein weiteres Altenheim. Das „Bellini Seniorenzentrum Dorsten“ soll 2018 mit 80 vollstationären Pflegeplätzen (nur Einzelzimmer) auf einer Nutzfläche von 5000 Quadratmetern fertiggestellt sein.

Kontrolle durch den Medizinischen Dienst

Der Medizinische Dienst der Krankenversicherungen (MDK) überprüft regelmäßig Gesundheitsdienste und Pflegeinrichtungen und verteilt Noten. Ein Pflege-TÜV also, der ein Haus nach vier Kriterien (Pflege und medizinische Versorgung – Umgang mit demenzkranken Bewohnern – soziale Betreuung – Wohnen, Verpflegung, Hygiene) jeweils mit Einzelnoten und schließlich noch mit einer Gesamtnote bewertet. Im Kreis Recklinghausen, dem bevölkerungsreichsten in Deutschland, gibt es 70 Senioren- und Pflegeheime mit annähernd 7.000 Betten (Stand 2011). Dabei erhielten die beiden Dorstener Einrichtungen folgende Bewertungen zwischen gut und befriedigend: „Haus am Kamin“ 2,7 und „St. Anna“ 2,9.

Altersentwicklung im Vest

Seniorenwohnungen aller Preisklassen, Seniorenheime und -häuser schießen in den letzten Jahren in Dorsten und im Kreis Recklinghausen wie Pilze aus dem Boden. Vor allem auch in den ländlichen Gemeinden, in denen bislang alte Menschen in den Familien geblieben waren. Die Zahl der über 65-Jährigen ist im Kreis rasant angestiegen. 129.790 Menschen haben diese Altersgrenze 2007 überschritten und es werden immer mehr. 121.200 sind unter 18 Jahre alt. Bis zum Jahr 2020 wird die Zahl der unter 18-Jährigen um 25 Prozent abnehmen. Parallel dazu werden die Menschen im Vest immer älter. Das Durchschnittsalter der Männer wird von ehemals 72 auf 80 Jahre und mehr ansteigen und das Durchschnittsalter der Frauen von 78,5 auf 83 Jahre.
Von den 4.700 Pflegebedürftigen im Kreisgebiet, die in Senioren-Einrichtungen untergebracht sind, müssen 55 Prozent Mittel der öffentlichen Hand in Anspruch nehmen, weil eigenes Einkommen oder Vermögen zur Finanzierung der Heimplätze nicht ausreichen. Dafür werden rund 40 Millionen Euro aus Steuermitteln aufgewandt. Auch in Dorsten ist eine wachsende Zahl von Menschen auf diese Zuwendungen angewiesen. Denn die Pflegesätze steigen nahezu jährlich, Renten und Einkommen halten damit nicht Schritt, so Caritas-Geschäftsführer Klaus Schrudde zur DZ. – 2015 wurde bekannt, dass auf dem Gelände der früheren Zeche Fürst Leopold in Hervest-Dorsten ein weiteres Seniorenheim entstehen soll, was planungsrechtlich zulässig wäre.

Dorsten mit den vielen Altenheimen ist bereits Gegenstand von Kabarettsendungen im Fernsehen geworden. Der Entertainer Hape Kerkeling hat in seiner unübertrefflichen Rolle des Chefredakteurs der Grevenbroicher Zeitung, Schlemmer, einmal auf der Bühne gesagt: „… oder hast du auch ’ne Oma in Dorsten?“

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