Brockmann, Doris

Schriftstellerin: „Literatur kann ablenken, trösten, bilden, erheitern...“

Von Wolf Stegemann. – Fragt man im Bekannten- und Freundeskreis herum, wer die Erbseninseln kennt, wo sie liegen und ob es sie überhaupt gibt, bekommt von den meisten Befragten wohl ein Achselzucken zurück oder bestenfalls Antworten wie diese: „Ach die, irgendwo da oben!“ Der Verfasser dieser Geschichte konnte zwei Dorstener ausmachen, welche die dänischen Erbseninseln kennen. Helmut Frenzel, der mit seiner Yacht irgendwann an den zu Dänemark gehörenden Inseln anlegte und von ihnen total begeistert war, und Doris Brockmann, die sogar ein Büchlein über die Erbseninseln geschrieben hat, aber selbst nie dort war. Sie kann das gut, denn sie ist Kurzgeschichten- und Roman-Autorin und ihr 2014 erschienenes Büchlein „Die Erbseninseln – Zehn Passagen zur wohl kleinsten Inselgruppe Europas“ ist eine Inselbegehung im Kopf. Hier treffen Informationen auf Fantasie, gerüstet mit klaren Gedanken und glaubhaften Einbildungen. So entstand an ihrem Schreibtisch in Holsterhausen eine vergnügliche literarische Inselfantasie auch mit informativen Begebenheiten. Britta Langhoff schrieb darüber in der „Literaturzeitschrift“: „Sorgfältig recherchiert, sich nicht in den Fallstricken gelegentlichen Seemannsgarns verheddernd, verleiht sie dem Inselalltag einen poetischen Zauber und nimmt uns mit auf den Weg von den Festungsmauern bis zum Ende der Welt… Dieses Buch ist eine kleine Kostbarkeit, nicht nur wegen der zauberhaften Texte, sondern auch wegen seiner kunstvollen Gestaltung…“
In dem kürzlich erschienenen Roman „Tuppek am seidenen Faden“, der eine Neubearbeitung des Jahre zuvor erschienenen E-Books, schreibt der im Krimi-Schreiben unerfahrene Romanheld Tuppek mit Verbissenheit und Verzweiflung verschiedene Geschichten, in denen so unterschiedliche Delikte vorkommen, wie Diebstahl, Stalking, Börsenbetrug, Fälschung, Mord und Totschlag. Das alles macht neugierig auf die Autorin Dr. Doris Brockmann, die zusammen mit ihrem Ehemann Matthias Klagges seit 1997 in Dorsten wohnt, wo sie erst „so richtig“ zum Schreiben kam.

Doris Brockmann bekam etliche Preise für ihre Kurzgeschichten

Doris Brockmann wurde 1958 im ostwestfälischen Paderborn geboren, wuchs dort auf, besuchte die Realschule St. Michael, dann die Höhere Handelschule. Im Gespräch mit ihr bemerkt man eine weitere familiäre Wurzel: ihre Frohnatur und ihren Humor. Nach dem Vollabitur studierte Doris Brockmann Germanistik und Theologie fürs Lehramt. Nach der Promotion arbeitete sie als wissenschaftliche Angestellte und Lehrbeauftragte in Forschung und Lehre, vornehmlich zu feministisch-theologischen Themen. Ende 1995 zog sie mit ihrem Lebenspartner von Paderborn nach Schermbeck, befasste sich mit alternativen Heilmethoden, legte 2001 in Essen die Heilpraktikerprüfung ab und arbeitete bis 2014 in eigener Praxis in der Marthin-Luther-Straße in Holsterhausen. In diesem Jahr erschien auch ihr Erbseninsel-Büchlein in der Edition Krill in Wien. Immer stärker wendete sie sich dem literarischen Schreiben zu: „Literatur kann ablenken, trösten, bilden, erheitern, Leben verändern, Mut machen, Nähe herstellen, zum Weinen bringen, nachdenklich stimmen, mitunter ziemlich schlecht sein und nerven.“
In diesem Sinne folgten weitere Arbeiten – vor allem Kurzgeschichten. Doris Brockmann beteiligte sich erfolgreich an etlichen Literatutwettbewerben. Kurzgeschichten gehören zu ihrem literarischen Spezialgebiet.
Schon 2008 erhielt sie den ersten Preis beim 10. Münchner (Menü-) Kurzgeschichtenwettbewerb für ihre Geschichte „Ina“. 2014 wurde ihre Kurzgeschichte „Das Haus“ zum „Text des Monats“ (November) des Literaturhauses Zürich gewählt. 2015 gewannen ihre Texte „Staller & Wadloff“ und „Mit Händen und Füßen“ beim Kurzgeschichten-Wettbewerb des Literaturbüros Ruhr. 2017 kam sie auf den Longlistplatz beim „Blogbusterpreis 2017“ für ihre Geschichte „In Bhutan steckt Hut“. Ein Jahr später war sie Finalistin des „20. Irseer Pegasus“ mit ihrem Romanauszug  „In Bhutan steckt Hut“. Im gleichen Jahr kam sie mit „Tuppek am seidenen Faden“ auf die Longlist beim „Blogbusterpreis 2018“. Ebenfalls 2018 war sie mit „Heaven’s Cake“ Finalistin des 11. Wartholz Literaturwettbewerbs in Wiener Neustadt. Für ihre Geschichte „Emilia“ erhielt sie 2019 den erostepost-Literaturpreis des Literaturhauses Salzburg.

Das Schreiben begleitet sie ihr Leben lang

Doris Brockmann ist als Schriftstellerin familiär nicht vorbelastet. Die Lust am Formulieren bemerkte sie allerdings schon als Kind, als ihre Mutter ihr Geschichten von Tünnes und Schäl erzählte. „Das Schreiben begann für mich mit heimlich in rote Kladden geschriebenen Internatsgeschichten, in denen immer ein Bernhardiner vorkam.“ So begleitete sie das Schreiben ihr Leben lang. Mal mehr mal weniger. Während ihres Studiums schloss sie sich einem Literaturzirkel an und schrieb in erster Linie Kurzprosa aber auch Gedichte. In den letzten Jahren wagte sie sich an die schwierige literarische Fassung von Romanen. Wie alles andere, so ist ihr auch das gelungen. Nachzulesen zwischen den Deckeln ihrer Bücher. Über Bücher allgemein sagt sie: „Ein Buch muss ein Zimmer sein, in das man sich setzt und Vertrautes erkennt, aber als etwas Anderes. Manchmal entdeckt man auch völlig Neues und kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus. Mindestens einmal muss dieses Zimmer die Lesenden zum Lachen bringen. Mindestens.“

Neues Buch: Wenn Frauen Liebe suchen, aber Gewalt ernten

Doris Brockmann hat 2020 ein neues Buch mit dem Titel „Nur ein kleines bisschen Glück“ veröffentlicht, in dem sie von Frauen erzählt, die Liebe suchen, aber Gewalt ernten. Die Holsterhausener Autorin ließ sich von einem 2016 stattgefundenen grausamen Verbrechen im „Horrorhaus von Höxter“ inspirieren, das die Bundesrepublik erschütterte. Die Täter wurden im Oktober 2018 verurteilt. Der Mann zu elf Jahren und seine Ex-Frau zu 13 Jahren Haft wegen zweifachen Mordes und Mordes durch Unterlassen verurteilt. Das Täterpaar hatte jahrelang Frauen, die es über Kontaktanzeigen kennengelernt hatte, im ihrem Wohnhaus psychisch gedemütigt, emotional manipuliert und körperlich schwerst misshandelt. Daher beschäftigt Doris Brockmann seitdem die Frage, „warum Frauen sich auf diese extreme Situation mit dem Täterpaar eingelassen und Fluchtmöglichkeiten teilweise nicht genutzt haben“.
Mit der kurzen Erzählung „Nur ein kleines bisschen Glück“ hat sie versucht, sich einer Antwort auf diese Frage zu nähern. Ihre fiktive Protagonistin schreibt in ihr Tagebuch aber keineswegs Erfundenes, sondern das, was Doris Brockmann in Aussagen des Höxter Täterpaares und von Zeuginnen an Material gesammelt hat. Das in ihrer Erzählung von ihr erfundene Opfer zieht zu ihrem zunächst zärtlich-charmanten Peiniger, den sie übers Internet kennengelernt hat, aufs Land, wo er mit seiner angeblichen Schwester wohnt, die in Wahrheit seine geschiedene Ehefrau ist. Der Sex ist leidenschaftlich, die Schwester ein sadistisches Biest, der Geliebte ein unberechenbarer, sadistischer Brutalo. Sie wird gehalten wie eine Sklavin und ist dennoch überzeugt: „Ich bin nicht ohnmächtig. Ich liebe.“ Sie vertraut sich niemandem an. Sie bleibt. So erging es im Horrorhaus von Höxter gleich mehreren Frauen. Mindestens zwei bezahlten das mit ihrem Leben. Doris Brockmann ist zu der Überzeugung gelangt, dass es offenbar um sehr eigene Formen der Liebessehnsucht, unbedingten Hingabe, Hoffnung auf Glück ging und darauf, dass Liebe alles zum Guten wenden, Berge versetzen kann. – Die Erzählung „Nur ein kleines bisschen Glück“ ist bei Amazon erschienen und kostet 1,23 Euro als E-Book und 3,99 Euro als Taschenbuch mit 58 Seiten (Quelle letztes Kapitel: Petra Berkenbusch in DZ vom 2. Dez. 2020).


Anmerkung: Text auch erschienen im Online-Magazin Dorsten-transparent

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