Atlantis-Erlebnisbad

Sprudelndes Wasser, planschende KInder und ein Quell der Ungemach

Ende 2001 eröffnete das 1996 durch den damaligen Dezernenten Dr. Johannes Backherms entwickelte und im Rat heftig umstrittene „Atlantis“-Freizeit- und Erlebnisbad auf dem Konrad-Adenauer-Platz im Bereich Maria Lindenhof nach 16-monatiger Bauzeit. Durch die Bebauung des Konrad-Adenauer-Platzes fiel die bisher für Kirmes und Großveranstaltungen genutzte stadtnahe Fläche weg. Die Baukosten wurden damals gerade mit 40 Millionen DM beziffert. Zeitgleich sollte derselbe Investor das Freibad in Holsterhausen für 4,5 Millionen DM und das Freizeitbad in Wulfen modernisieren.

Freizeit- und Erlebnisbad „Atlantis“, Foto: JF

Die Stadt Dorsten hatte dem Investor und Betreiber des Spaßbades einen jährlichen Zuschuss in Höhe von zwei Millionen DM gezahlt. Den wollte sich die Stadt von der EU-Kommission in Brüssel wieder holen und stellte einen entsprechenden Antrag, der allerdings abgelehnt wurde, weil die Errichtung und Nutzung des Bades nicht den Förderrichtlinien der EU entsprach. Als das Bad durchgängig rote Zahlen schrieb, stellte die Stadt 2004 einen Insolvenzantrag, übernahm das Erlebnisbad in eigene Regie und gründete gleichzeitig eine Auffanggesellschaft für die Dorstener Bäder (Atlantis, das noch zu bauende Freibad, Freibad Wulfen-Barkenberg). Im Zuge der Auseinandersetzungen mit dem früheren Betreiber stellte die Stadt gegen diesen Strafanzeige wegen Konkursbetrugs.

Atlantis-Logo

Atlantis-Logo

Für die Verluste der Dorstener Bäder (Atlantis und Wulfen) muss die Stadt Dorsten einstehen. 2010 liegt der erwartete Fehlbetrag bei 1,33 Millionen Euro. Allein das Bad Atlantis hat daran einen Anteil von 1,08 Millionen Euro. Nach Abzug von Pachteinnahmen verbleiben noch rund 808.000 Euro. Im September 2011 geriet das Bad Atlantis wieder in die negativen Schlagzeilen, als bekannt wurde, dass über Jahre hinweg aus der Atlantis-Kasse insgesamt 14.000 Euro angeblich entwendet wurden, Finanzkontrollen gar nicht oder nur ungenügend stattgefunden hätten. Nach dem Bekanntwerden prüften ein Wirtschaftsprüfer und das Rechnungsprüfungsamt die Ausgaben des Atlantisbads. Auch die Staatsanwaltschaft ermittelt. Die Liste der Probleme und Vorfälle der letzten Jahre wurde länger: „Mieses Betriebsklima, eine Gastronomie, der Lebensmittel abhanden kamen, nachts im Bad gedrehte Sexfilmchen und jetzt das verschwundene Geld“, schrieb die WAZ am 21. September 2011. Im Oktober 2011 wurde dem Geschäftsführer Reinhard Plettenberg fristlos gekündigt.

Auseinandersetzung vor Gericht mit dem Geschäftsführer

Atlantis-Bad; Foto: Helmut Frenzel

Eingang zum Bad; Foto: Helmut Frenzel

Er und sein früherer Arbeitgeber, die Stadt Dorsten, zogen vor das Arbeitsgericht Herne, vor dem sich die Parteien Mitte 2012 auf einen Vergleich einigten. Die fristlose Kündigung wurde in eine fristgerechte umgewandelt und ein Arbeitgeberkredit kann in Raten zurückgezahlt werden. Wie die „Dorstener Zeitung“ berichtete, ging es bei der Kündigung Plettenbergs „unter anderem um die angebliche Dreherlaubnis für erotische Videos im Freizeitbad. Plettenberg hatte abgestritten, davon gewusst zu haben – in Wahrheit soll er eine Aufsicht angewiesen haben, auf diesbezügliche Nachfragen keine oder falsche Angaben zu machen. Weitere Vorwürfe betrafen erfundene Spesenabrechnungen. Plettenberg soll etwa zu einer Vortragsreise nach Weiden (Oberpfalz) mit dem eigenen Privatwagen gereist sein, dafür aber eine Falschabrechnung mit Flug-, Mietwagen- und Treibstoffkosten in Höhe von 1500 Euro eingereicht haben“. Mit dem Vergleich vor dem Arbeitsgericht ist das Atlantis-Kapitel für Reinhard Plettenberg wohl noch nicht vom Tisch. Weil die Stadt Anzeige wegen Betrug und anderer möglicher Tatbestände erstattet hatte, ermittelt weiterhin die Staatsanwaltschaft.S

Schwere Baumängel – Stadt klagte und verlor den Prozess

Atlantis-Kuppel

Atlantis-Kuppel

Nach der Übernahme des Bades durch die Stadt traten schwere Baumängel zu Tage. Die Stadt wollte zwei Ingenieurbüros für die Schäden in Anspruch nehmen, die seinerzeit im Auftrag der Stadt den Bau durch zwei Investoren begleiteten. Die Stadt verklagte die beiden Ingenieurbüros auf Schadenersatz in Höhe von 3,9 Millionen Euro und verlor den Prozess vor dem 21. Zivilsenat beim Oberlandesgericht (OLG) Hamm im November 2011. Während der städtische Beigeordnete Gerd Baumeister, selbst Jurist, Revision beim Bundesgerichtshof (BGH) in Karlsruhe einlegen wollte, entschied die Mehrheit des Rates mit CDU und FDP bei Prozesskostenfreistellung den Vorschlag des Oberlandesgerichts anzunehmen, und sich mit den Beklagten zu vergleichen. Bei ihrer Ablehnung scheuten die Politiker weniger, eine erneute und endgültige Schlappe, sondern die Prozesskosten in Höhe von 60.000 Euro.
28 Jahre lang muss die Stadt jährlich eine Million Euro an Krediten für das Spaßbad abzahlen, ganz gleich, ob das Bad in Betrieb ist oder nicht. 2011 besuchten 344.000 Gäste das Spaßbad, darunter nach Aussage von Bürgermeister Lambert Lütkenhorst vom 22. Februar 2012 auf einer CDU-Aschermittwochveranstaltung nur 15 Prozent Dorstener. Die große Mehrheit der Besucher kam aus dem nicht Dorstener Umland. Dies kann erfreulich sein, ist es aber im Falle von „Atlantis“ wegen des hohen Defizits des Bades nicht. 2010 wurden durch Eintrittspreise 2,8 Millionen Euro sowie durch Sondererlöse 200.000 Euro eingenommen. Dem stehen Gesamt-Aufwendungen (u. a. Kapitaldienst, Gebäudemanagement) in Höhe von rund sechs Millionen Euro gegenüber. Somit wurde rechnerisch jede Eintrittskarte – in Mehrheit die der Besucher von außerhalb Dorstens – von der Stadt Dorsten mit einer horrenden Summe „subventioniert“.

Südliches Flair; Foto: Internet

Südliches Flair; Foto: Internet

Mitte März 2012 wurde die Geschäftsführung mit dem Ziel neu aufgestellt, die Ergebnisse des Atlantis-Bades zu verbessern: Mehr Besucher bei geringeren Kosten! Nach dem Sommer des Jahres soll dann die Politik eine Grundsatzentscheidung treffen, wie es mit dem Bad weitergeht. Im ersten Jahresquartal 2012 besuchten über 60.000 Personen das Bad, was gegenüber dem Vorjahr eine Steigerung von vier Prozent bedeutet. Auch wurden acht Prozent mehr Saunagäste gezählt (siehe Bäder).

Juristische Nachspiele, falsches Zeugnis, Haftbefehle, Intrigen

Die juristischen und personellen Folgen der Eskapaden rund um das Bad gestalteten sich zum Dauerbrenner. Nach der Sexfilm-Affäre stellte das Personalamt der Stadt einer 24-jährigen Mitarbeiterin des entlassenen Prokuristen ein schlechtes Zeugnis aus, das jeden Arbeitgeber vor einer Anstellung abschrecken würde. Daher klagte sie im April 2012 beim Arbeitsgericht Herne. Die Stadt musste auf richterliche Anordnung etliche Formulierungen  verbessern. Kaum war dies zur Zufriedenheit gelöst, titelte die „Dorstener Zeitung“ am 26. April 2012:

„Haftbefehl: Ehemaliger Atlantis-Prokurist ist untergetaucht“. Im Artikel steht: „Reinhard Plettenberg, der frühere Prokurist des Freizeitbades Atlantis, wird per Haftbefehl gesucht und ist womöglich untergetaucht. Er war zu einem Behördentermin nicht erschienen. … Plettenberg, gegen den die Staatsanwaltschaft Essen ermittelt, sollte eine eidesstattliche Versicherung abgeben, fehlte aber unentschuldigt. Dem Vernehmen nach weiß weder seine Familie noch sein früherer Anwalt, der jetzt das Mandat niedergelegt hat, wo Plettenberg sich zurzeit aufhält. […] Dabei ist das polizeiliche Ermittlungsverfahren noch längst nicht abgeschlossen. Jürgen Ehrl vom Rechnungsprüfungsamt berichtete am Mittwoch dem zuständigen Ausschuss, dass er seinen Prüfungsauftrag derzeit nicht im gebotenen Umfang ausführen könne, weil alle notwendigen Unterlagen zur Auswertung von der Polizei beschlagnahmt worden sind.“

Einen Tag später titelte die Zeitung „Ehemaliger Atlantis-Prokurist: Reinhard Plettenberg sieht sich als Opfer einer Intrigen“. Plettenberg kam in die Redaktion und stellte klar:

 „Bisher habe ich mich an die Friedenspflicht gehalten und während des schwebenden Verfahrens nichts zu meiner Sicht der Dinge gesagt“, erklärt Plettenberg, „aber da offenbar wiederholt Falschinformationen gestreut wurden, die an Rufmord grenzen, ist es Zeit, dass ich einiges gerade rücke. […] Weder habe ich mich persönlich bereichert, noch habe ich jemand unter Druck gesetzt, um sein Schweigen zu erzwingen.“ Punkt zwei: „Man kann mir zwar einen leichten Hang zum Chaos vorhalten, aber keine Unterschlagungen oder kriminelle Handlungen. Im Gegenteil: Das Fehlen von 12.000 Euro in der Kasse habe ich aufgedeckt, Zugang zu dem Geld hatten aber nur die Kassiererin und Geschäftsführer Kesselmann.“

Weiter schreibt die DZ:

„Die ,Rache-Aktion’ der beschuldigten Frau haben dann den Stein ins Rollen gebracht. Wobei Plettenberg inzwischen grübelt, ob nicht ein Drahtzieher Regie führte. Sein größter Wunsch sei es, dass die Polizei nun schnell Licht ins Dunkel bringt: Denn ermittelt wird auch gegen Kesselmann. Oberstaatsanwalt Kassenböhmer hat dies auf Anfrage der Redaktion bestätigt.“

Neue Energieproduktionsgesellschaft soll Zuschüsse reduzieren

Atlantis-Impression: Rutschbahn

Atlantis-Impression: Rutschbahn; Foto: Helmut Frenzel

Um den Zuschussbedarf für das „Atlantis-Bad“ zu senken, will die Stadt ein neues und steuergünstiges Trägermodell entwickeln. In einer Art Holding sollen das Atlantis-Bad, die stadteigene Wirtschaftsgesellschaft Windor und eine neu zu gründende Energieproduktionsgesellschaft zusammengefasst werden. Bürgermeister Lambert Lütkenhorst sieht darin, wie der gegenüber der DZ zu glauben meinte, auf diese Weise die Verluste aus dem Bäderwesen reduzieren zu können.

Entwicklung der Besucherzahlen 2012 und 2013 positiv

2012 hatte das Bad rund zehn Prozent mehr Besucher und zwölf Prozent mehr Umsatz als 2011. Die Zahl der Besucher war um über 30.000 gestiegen – von 321.000 in 2011 auf nunmehr 353.000. Diese Atlantis-Gäste hatten dafür gesorgt, dass der Umsatz auf 3,1 Millionen Euro kletterte, was 8,80 Euro pro Kopf ausmachte. Der Anteil der Dorstener Besucher hatte sich 2012 von früher 16 Prozent auf nunmehr gut 30 Prozent gesteigert. 105.000 Badegäste kamen aus Dorsten. In einem Kooperationsvertrag wurde vereinbart, dass alle Mitglieder von Vereinen, die dem Stadtsportverband angeschlossenen sind, das Angebot des Freizeitbades vergünstigt in Anspruch nehmen können. Immerhin sind das 22.000 Dorstener und deren Angehörigen. Im Oktober 2013 informierten die beiden städtischen Leiter des Freizeitbads „Atlantis“ eine städtische CDU-Gruppe von Parteispitze und Sportpolitikern, dass der Anteil der Badegäste, die aus Dorsten selbst kommen, von elf auf 30 Prozent gestiegen sei. Auch gaben sie ihre Hoffnung Ausdruck, dass sie das Ziel hätten, beim Zuschuss der Stadt zur Aufrechterhaltung des Badebetriebs jährlich unter einer Million Euro zu bleiben. Die Besucherzahlen lägen bei 380.000 im Jahr, Schul- und Vereinsschwimmen nicht mitgezählt. 2015 registrierte das Bad mehr als 400.000 Besucher. Ab Dezember 2014 wurde das Bad in Teilbereichen saniert,. Der Kleinkinderbereich bekam das bauliche Outfit einer Dschungellandschaft und die Kuppel des Bades ist jetzt abends von 24 LSD-Strahlen in blaues Licht getaucht.

Fast 450.000 Besucher – Rekordzahlen im Jahr 2016

Im Jahr 2016 kamen fast 450.000 Besucher – so viele wie seit der Eröffnung vor 16 Jahren nicht mehr. Ende des Jahres 2017 wird sich das Atlantis optisch etwas verändern: Außen und innen bekommt das Bad eine neue Farbe. Die Eintrittspreise sollen gleich bleiben.


Siehe auch:
Maria Lindenhof


Quellen:
Martin Ahlers „Bäder: Defizit für 2012 soll bei 1,55 Millionen Euro liegen“ in WAZ vom 29. November 2011. – Bertold Fehmer: „Arbeitsgericht Herne: Ehemaliger Atlantis-Prokurist schloss Vergleich mit Stadt“ in DZ vom 16. Januar 2012. – Klaus-Dieter Krause „Haftbefehl: Ehemaliger Atlantis-Prokurist ist untergetaucht“ in DZ vom 26. April 2012. – Klaus-Dieter Krause „Ehemaliger Atlantis-Prokurist: Reinhard Plettenberg sieht sich als Opfer einer Intrigen“ in DZ vom 27. April 2012. – „380.00 Besucher und weniger als ein Million Euro Verlust“ in WAZ vom 25. Oktober 2013.

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