Wahlplakat „Halde“

Wie die CDU 1984 die Kommunalwahl verlor! Durch ein Wahlplakat?

Blick nach Altendorf; Foto: Wolf Stegemann

Blick nach Altendorf; Foto: Wolf Stegemann

Wer in den Wochen vor Wahlen durch die Stadt fährt, wird an manchen Stellen, die werbewirksam sind, zum Beispiel an Straßenkreuzungen von großen und kleinen Plakaten angelächelt – oft genug geht das Lächeln der Bürgermeisterkandidaten im direkten Sinn – oder im übertragenen – ins Leere. Plakate sind obligatorischer Bestandteil von Wahlen, wobei das Plakat, sei es ein Groß- oder ein Kleinflächenplakat, als Wahlhelfer nicht zu unterschätzen ist. Großflächenplakate werden meist von der Bundespartei aufgestellt, sind auch recht kostenintensiv, das Aufhängen der kleineren wird meist von Kreis- und Ortsverbänden besorgt und das ist meist arbeitsintensiv. Auch das Abhängen. Daher wird man nach der Wahl noch wochenlang so manche Plakate hängen sehen, dessen abgebildeter Kandidat entweder schon auf dem Bürgermeisterstuhl sitzt oder bereits der Vergessenheit anheim gefallen ist. Lächelnd grüßt er dann noch die Vorbeifahrenden, die überlegen: „Wer war das eigentlich?“ Der Blick aufs Plakat ist für den Kandidaten wichtig, zwingt er doch den künftigen Wähler, ihn sich suggestiv einzuprägen, ob er will oder nicht, positiv oder negativ, das sei dahingestellt. Die Werbestrategen wissen das.

Geheime Zusage bevor das Haldenprojekt öffentlich wurde

So war es auch vor 30 Jahren, als im Herbst 1984 in Nordrhein-Westfalen Kommunalwahlen stattfanden, die in Dorsten eine politische Wende brachten. Eine hochgespielte Affäre um ein Wahlplakat löste einen Eklat aus. Denn Bürgermeister Hans Lampen und mit ihm erstmals die CDU, die bis dahin die Bürgermeister stellte, wurden von der SPD abgelöst. Heinz Ritter saß von da an am schwarzen Bürgermeisterschreibtisch. Die Schuld daran gaben die Wahlverlierer, also Hans Lampen und die CDU, dem Journalisten Wolf Stegemann und einem von ihm angeblich manipulierten Foto eines Wahlplakats. Hier die Geschichte im groben Umriss:

FDP fehlte es an Stimmen

Die Christlichen Demokraten rechneten nicht damit, in dieser bis dahin traditionell konservativen Stadt abgelöst zu werden, und schon gar nicht der populäre Hans Lampen, der nach Paul Schürholz 20 Jahre lang das Amt des Bürgermeisters versah. Die CDU, die zur Bürgermeisterwahl die FDP brauchte, konnte die Stimmen dazu aber nicht mehr aufbringen, denn ein Projekt, das Hans Lampen gegen den Willen der Altendorfer Bürger politisch dort durchziehen wollte, war der Bau der Hürfeldhalde. In einem „geheimen“ Telefongespräch sagten Bürgermeister Hans Lampen und Stadtdirektor Dr. Zahn (auch CDU) dem Bergbau zu, in Altendorf eine Kohlenhalde aufschütten zu dürfen, sie würden dies städtischerseits unterstützen. Das Gespräch war insofern geheim, weil Rat und Öffentlichkeit zu diesem Zeitpunkt von dem Projekt noch nichts wussten, das das gesamte Hürfeld zwischen Altendorf, dem Stadtsbusch und der B 225 (bis zum heutigen poco) in Anspruch nehmen sollte. Irgendwie kam diese politisch blamable und von Gegnern als abgekartet angesehene Zusage ans Licht der Öffentlichkeit. Die Bevölkerung von Altendorf-Ulfkotte ging fast geschlossen gegen die CDU und den Rat und seinem Bürgermeister auf die Barrikaden. Die meisten der damaligen Mitglieder der SPD-Fraktion (so genannte Kohlefraktion) waren mit ihrem BM-Kandidaten Heinz Ritter im Bergbau beschäftigt, wie viele Mitglieder der CDU-Fraktion und Hans Lampen auch.

Altendorfer gingen auf die Barrikaden und wählten den Bürgermeister ab

Bürgermeister Heinz Lampen (r.) gratuliert Heinz Ritter zur gewonnenen Wahl 1984

Bürgermeister Heinz Lampen (r.) gratuliert Heinz Ritter zur Wahl 1984

Einwohner von Altendorf-Ulfkotte gründeten eine Bürgerinitiative gegen den Bau der Hürfeldhalde, der sich fast alle Einwohner anschlossen, darunter auch führende CDU-Mitglieder. Den Vorsitz übernahm Rechtsanwalt Willi Ax, ebenfalls CDU. Doch gegen den Machtblock des Bergbaus, die mächtigen Kohle-Fraktionen im Stadtrat und gegen die damalige Heiligsprechung von allem, was Bergbau ist, konnten sich die Bürger letztendlich nicht durchsetzen. Und mitten in diesem Polit-Spektakel um die umstrittene Planung sagte der damalige Redaktionsleiter der Ruhr-Nachrichten (heute DZ) Rudolf Plümpe zu seinem Redaktionskollegen Stegemann etwa sechs Wochen vor der oben erwähnten Kommunalwahl, er möge doch einen Artikel über die Probleme in Altendorf-Ulkotte schreiben, schließlich wohne er in Altendorf und kenne sich dort bestens aus. Gesagt getan. Einige Tage später erschien eine Seite in den Ruhr-Nachrichten mit kritischen Anmerkungen, wie die Stadt Dorsten ihren ländlichen Ortsteil wie ein „Stiefkind“ behandelte und wie sich die Parteien dort während des Wahlkampfes gebärdeten. Entscheidend für den weiteren Verlauf der Geschichte waren zwei Fotos von Wahlplakaten der CDU und SPD. Der RN-Fotograf Holger Steffe lichtete die Plakate ab und Stegemann malte quer über die beiden Fotos dick mit Filzstift das Wort „Halde“ mit dem Bildtext, dass die Altendorfer, sähen die die Wahlplakate, das Wort „Halde“ vor sich hätten. Das war natürlich fiktiv gemeint. So gingen Text und Fotos ins Druckhaus nach Dortmund.

Wahl und Bürgermeisteramt verloren

Anderntags fuhr der CDU-Ortsvorsteher von Altendorf-Ulfkotte schon um sechs Uhr morgens mit dem Rad in seinem Ortsteil herum, um das Plakat mit dem Wort „Halde“ zu finden, das er natürlich nicht fand, denn es war ja eine fiktive Botschaft in der Zeitung. Dessen ungeachtet beschwerte sich die gesamte Dorstener CDU-Parteiriege, angefangen vom Fraktionsvorsitzenden über den Stadtverbandsvorsitzenden bis hin zum Bürgermeister beim Verleger in Dortmund über die „Fotofälschung“ und verlangte eine Wiedergutmachung in Form einer öffentlichen Entschuldigung und eines halbseitigen und von der CDU vorgegebenen Textes auf der ersten Lokalseite, wie gut die Partei doch sei, was Ihnen der Redaktionsleiter um „des lieben Friedens Willen“ auch gewährte.

Grünen gewannen unverdient hoch Stimmen dazu

In der darauffolgenden Kommunalwahl verlor die CDU Stimmen. In Altendorf-Ulfkotte, eigentlich eine „Insel der CDU-Seligen“, verloren die Christdemokraten heftig. Und die Grünen, die sich in dieser Sache gar nicht zur Wort gemeldet hatten, bekamen aus dem Stand heraus rund 10 Prozent. Diese Stimmen fehlten dem Bürgermeister Hans Lampen, der bis zuletzt dem Journalisten persönlich Schuld gegeben hatte, dass er von Heinz Ritter abgelöst wurde. Auf die Entgegnung, dass es doch das Kohlehalde-Projekt und die Wähler in Altendorf-Ulfkotte letztlich waren, sowie der nicht verborgen gebliebene Druck, der von der CDU auf Redaktion und Journalist öffentlich ausgeübt wurde, reagierte Hans Lampen in Gesprächen mit Wolf Stegemann nur mit ablehnendem Kopfschütteln. Er blieb bei seiner Deutung der Geschichte. – So hatte das eigentlich nichtssagende Foto eines Wahlplakats, darüber gemalt das Wort „Halde, eine große Wirkung.

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