Schönherr, Michael

Auseinandersetzung mit sich selbst, um Mensch zu werden

Pfarrer und Lyriker Schönherr

1954 in Essen bis 2006 in Groß Reken; Pfarrer, Maler und Lyriker. – Bevor er 1994 Pfarrer an St. Heinrich in Groß Reken und von 2001 bis 2006 Definitor im Dekanat Borken wurde, war er zwei Jahre lang Kaplan an St. Agatha in Dorsten. In dieser kurzen Zeit erfreute sich der Geistliche in der Gemeinde und vor allem bei Jugendlichen (Jugendausschuss) einer großen Beliebtheit. In Dorsten veröffentlichte der Kaplan einen ansprechenden Gedichtband.

Die Stille des Klosters gesucht

Michael Schönherr fand auf Umwegen zum Priesteramt. Zunächst war der gebürtige Essener Groß- und Außenhandelskaufmann, suchte dann die Stille des Klosters, um danach in das Blumengewerbe (Floristik) zu gehen. Dann zog es ihn doch zur Kirche. Nach dem Theologiestudium erhielt er 1988 in Münster die Priesterweihe, war zunächst Kaplan in Harsewinkel, bevor er 1992 nach Dorsten kam. Hier kümmerte er sich in erster Linie um Seelsorge und nahm sich viel Zeit für Einzelgespräche und Begegnungen mit Menschen. Ihn beschäftigte der zentrale Gedanke, dass der einzelne Mensch in der Gefahr der Isolierung und der damit verbundenen Vereinsamung sei, aus der er nur durch ein Zurückfinden in die Gemeinschaft befreit werden könne.

Er schrieb Gedichte, aber keine frommen

Zur Entspannung von seiner Arbeit in der Gemeinde ging Schönherr kreativen Hobbys nach. Er spielte Gitarre, las viel, wobei er psychologische Themen bevorzugte, und malte. In seinen Bildern setzte er sich mit dem Glauben und mit sich selbst auseinander. Weit gespannte Gedanken vom Leben, Leiden und der Auferstehung spiegelten sich in seinen großformatigen Ölbildern wider. „Auseinandersetzung mit sich selbst, um Mensch zu werden“ lautete sein Credo, wenn er Gedichte schrieb. Es sind aber keine frommen Texte, die Schönherr in seinem Gedichtband „Wagnis leben“ veröffentlichte. Dazu sagte er selbst, als er 1995 als Rekener Pfarrer Dorsten besuchte und hier aus seinem Büchlein las: „Wenn sich ein Pfarrer als Lyriker versucht, muss nicht das Jesuskindlein im Tiefflug durch die Gedichte brausen.“ Vielmehr sind es oft alltägliche Gedanken, mit denen sich Michael Schönherr schreibend auseinandersetzte. Dabei sparte er Persönliches nicht aus, wie in dem Gedicht „Für Lisa“ am Ende des Bandes. Ulla Witteberg schrieb im Vorwort:

„Dieser Gedichtband lässt so vieles zu Wort kommen, das in jedem von uns lebt: unsere Angst, Ohnmacht, Zweifel, Traurigkeit und  Begrenzung, aber auch unsere Wünsche, Hoffnungen, die Zärtlichkeit und Liebe.“

Die Auflage war innerhalb weniger Wochen vergriffen. – Pfarrer Michael Schönherr starb 2006 an einer tückischen Krankheit. Er ist auf dem Friedhof in Groß Reken bestattet.

Ich will gegen die giftigen Worte und Reden
meine Wahrhaftigkeit wagen
und alles ins Leben werfen,
was Gott mir gegeben –
auch meine Angst, meinen Alptraum,
meine Ohnmacht, Begrenzung und Zweifel –
die Traurigkeiten mit dem Beigeschmack
salziger Tränen nicht ausschließend,
selbst wenn mein Mut vor diesem
So-leben-wollen
manch Kleinmut und Scheitern im
Nicht-ganz-sein
umschließt


Siehe auch:
Literaten, verstorben


Quelle:
Entnommen: „Wagnis Leben“, Selbstverlag, Dorsten 1995.

Share on FacebookTweet about this on TwitterShare on Google+Email this to someone