Kleihues-Ladenpassage

Ein Kunstwerk: ästhetisch, kühl, präzise - umstritten und nicht funktional

Die Neue Stadt Wulfen ist oft Zankapfel und Austragungsort von Liebeserklärungen zugleich. Auch wenn es in Barkenberg etliche nicht funktionierende Bauprojekte gab (und gibt), so wurden die Diskussionen darüber durch Abriss mittlerweile beendet. An einem Architektur-Projekt, das noch steht, scheiden sich nachhaltig bis heute die Geister der Zustimmung und Ablehnung. Es ist die Ladenpassage am Barkenberger Marktplatz des weltbekannten Architekten Josef Paul Kleihues. Wenn man auf dem Platz steht, dann ergibt sich das Bild eines räumlich geschlossenen und durch Bäume gegliederten Marktplatzes, der sich zum See hin öffnet. Beeindruckend ist vor allem der spannungsreiche Wechsel zwischen dem weiten Marktplatz und der engen Passage des Geschäftszentrums.

Ein frühes Bild der Passage; Foto: Christian Gruber

Ein frühes Bild der Passage; Foto: Christian Gruber

Sollte verbindender Mittelpunkt werden

Josef Paul Kleihues griff mit der Marktpassage in Barkenberg einen Bautyp des 19. Jahrhunderts auf, der um 1800 in Paris entstanden ist und bald darauf auch andere Städte eroberte. In den wettergeschützten und für den Fahrverkehr gesperrten Passagen etablierten sich Läden, Restaurants, Cafés, Hotels, Vergnügungsstätten. Hier konnten die Fußgänger in aller Ruhe einkaufen und flanieren. Passagen entwickelten sich zu gesellschaftlichen und ökonomischen Mittelpunkten und mit ihrem Erfolg zu Objekten der Bauspekulation, die den Eigentümern mitunter enorme Gewinne brachten.

Ladenpassage am Wulfener Markt heute; Foto: Christian Gruber

Ladenpassage am Wulfener Markt heute; Foto: Christian Gruber

Hierbei spielte der Standort eine wesentliche Rolle. Wenn Passagen stark besuchte Straße und Plätze miteinander verknüpften, dann wurden sie auch häufig benutzt, um Wege abzukürzen. Dieser Aspekt erlangte in der Wulfener Passage eine große Bedeutung: Sie rahmt den Dimker Weg, der den alten Wulfener Ortskern mit der Neuen Stadt Wulfen verbindet, und wurde als Achse zwischen dem Marktplatz und einem Warenhaus konzipiert. Ohne das Warenhaus als „Kundenmagnet“ würde die Passage ihre städtebauliche Funktion als Bindeglied verlieren. Die Schwierigkeiten, mit denen das Kleihues’sche Geschäftszentrum Ladenpassage bis heute zu kämpfen hat, hängen u. a. mit dieser Problematik zusammen. Da der Bau des Warenhauses durch Stadtverwaltung und Rat der Stadt Dorsten hinausgezögert wurde, um dem Lippetor-Center in der Innenstadt in der Konkurrenz um Kaufkraftströme einen Startvorteil zu gewähren, blieb das Wulfener Zentrum über Jahre hinweg auch in funktionaler Hinsicht ein Torso. Vom Wulfener Markt aus gesehen führt die Passage ins Nichts. Nebenbei bemerkt: Heute kann man feststellen, dass sowohl die Ladenpassage in Wulfen als auch das Lippetor-Center in jeder Hinsicht gescheitert sind.

Falsche Mietbescheinigungen zum Schaden der Stadt

Am 18. Februar 1988 hatte sich der Haupt- und Finanzausschuss nicht nur mit dieser Millionen-Forderung zu befassen, er musste sich auch mit der Sache Medico-Fonds beschäftigen. Ein Mitarbeiter des Amtes für Wohnungswesen hatte dem Bauherrn des Einkaufszentrums am Wulfener Markt (rund 120 Mieter) einen falschen, d. h. zu niedrigen Mietgenehmigungsbescheid rechtskräftig ausgestellt, der 5,70 DM je Quadratmeter anstatt 9,03 DM betrug. Dieser Bescheid war rechtsungültig, wurde aber rechtswirksam, weil die Frist, diesen Bescheid zurückzunehmen, von der Stadt „verbummelt“ wurde. Hätte sie den Bescheid fristgerecht zurückgenommen, wäre der Stadt kein Schaden entstanden. So musste die Stadt rund 300.000 DM aus eigener Tasche zahlen.

Den Architekten nicht zum alleinigen Sündenbock machen

Neben der Kommunalpolitik müssen sinkende Realeinkommen, Massenarbeitslosigkeit und eine stagnierende Bevölkerungsentwicklung als die entscheidenden Ursachen der Vermietungsprobleme in der Wulfener Passage angesehen werden. Viele Kritiker des Wulfener Zentrums übersehen diese gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und erklären die Architektur zum alleinigen Sündenbock. Die Eröffnung des Warenhauses Anfang des Jahres 1984 brachte eine schlagartige aber nur kurzfristige Verbesserung des Zentrums und füllte die Ladenpassage mit mehr Leben. Doch nach relativ kurzen Zeiten des Bestehens wechselten die Supermarktketten (Prisma, Aldi, Globus, REWE), die letztlich aber nicht mehr über die Passage zu erreichen und somit abgekoppelt waren. Da die Passage einen langen Schlauch bildete, der an beiden Enden geöffnet war, pfiff der Wind durch die Passage. Es entstand ein Windkanal. Durch eine bauliche Maßnahme wollte man im Nachhinein Abhilfe schaffen, doch der Architekt Kleihues widersetzte sich diesem Vorhaben aus künstlerisch-ästhetischen Gründen. Lediglich einer zurückhaltenden Aufspannung von „Segelplanen“, die dem Winddurchzug mindern sollten, stimmte er zu. Sie hängen heute noch.

Da das Warenhaus seitlich angebaut wurde, fehlt dennoch der eigentliche räumliche Abschluss. So fielen die ursprünglich geplanten Standorte, die das Gebäude in den Fluchtpunkt der Passage gerückt hätten, aus. Da für eine weitere Bebauung keine Investoren zu finden waren (und sind), werden die Freiflächen auch weiterhin ein städtisches Gesamtbild verhindern. Wer die Passage vom Marktplatz aus betritt, geht nicht nur an vielen mit Zeitungen beklebten Schaufenstern leerer Geschäfte vorbei, spürt entweder den zugigen Gegen- oder Rückenwind, dem öffnet sich nach und nach die weite Landschaft der Wiesen und Felder mit der Silhouette des alten Wulfener Ortskerns. Die Hoffnung, diese Fläche bebauen zu können, um so die Funktion der Passage zu retten, ist schon längst gestorben. Unmissverständlich macht die Passage im derzeitigen Zustand auf das Problem der Stadtentwicklung bzw. Rückentwicklung in Barkenberg mahnend aufmerksam.

Baugeschichte als Quelle der Erkenntnis

Die Kleihues’sche Architektur – ohne Verzierung, blockhaft, mit scharfen Konturen und in geometrischer Maßordnung – folgt einer strengen Formensprache. Sie ist kühl und präzise, was ihr den Vorwurf der „klirrenden Kälte“ einbringt. Der fachkundige Betrachter wird zwischen Schaudern und Entzücken hin- und hergerissen. „Die Form“, so der Architekten und Stadtplaners Egbert Bremen, „soll sich nicht einfach aus der Funktion ergeben, sondern steht neben der Funktion als eigenständiger künstlerischer Wert.“ Nur hat die Kunst für die Menschen, die dort einkaufen oder verkaufen wollen, flanieren möchten und wohnen müssen, für die das Kunstwerk gebaut wurde, keinen Wert. Der Architekt muss sich bei allem Respekt für seine künstlerische Leistung die Frage gefallen lassen, in welchem Verhältnis die künstlerische Form zum Inhalt des Gebauten und zu den Leistungsansprüchen der Bewohner steht. So haben etliche Wohnungen ungünstig zugeschnittene oder unzureichend belichtete Räume. Egbert Bremen:

„Wird hier der Grundriss zum Sklaven eines ästhetisch ausgeklügelten Rasters, oder liegt das nur  an den eingeschränkten Normen des sozialen Wohnungsbaus, die dem Kunstwerk zugrunde lagen? Wurden die Chancen einer flexiblen Nutzung innerhalb eines starren Konstruktionssystems dadurch verspielt, dass die Gestaltung bis hin zur Türklinke vorgegeben ist? Es besteht unstreitbar eine Diskrepanz zwischen dem rational-ästhetischen Anspruch des Architekten und den Gefühlen vieler Besucher. So wirken die engen und hohen Treppenhäuser, die zu den Wohngalerien der Passage führen, wie Schluchten, die den Bewohner sowohl faszinieren als auch bedrücken. Die generelle Zweigeschossigkeit der Ladengeschäfte schafft für einige Branchen Probleme der Nutzung, Kontrolle und Heizung.“

Seit Fertigstellung eine zu geringe Käuferfrequenz

Lobenswert sei am Wulfener Markt und an der Kleihues’schen Passage, so Egbert Bremen weiter, „die Ehrlichkeit des rigorosen Formalismus der ,Rationalen Architektur’, während andere Architekten ihr Desinteresse an den Betroffenen hinter kleinteiligen Schnickschnack verbergen.“ Zusammenfassend und rückblickend auf die 30 Jahre des Bestehens der Ladenpassage darf man durchaus die Feststellung treffen, dass sie seit ihrer Eröffnung 1982 an einer zu geringen Käuferfrequenz mit der Folge von ständig wechselnden Geschäften und auch dauerhaften Leerständen litt. Die Herausgeber von „Neue Stadt Wulfen – Idee, Entwicklung, Zukunft“ kommen zu dem Schluss: „Dagegen hat sich der [vor dem Eingang der Ladenpassage befindliche] Marktplatz mit dem Wochenmarkt zu einem lebendigen Treffpunkt entwickelt.“


Quellen:
Wolf Stegemann: Stark gekürzt, verändert und aktualisiert nach Egbert Bremen in RN vom 14. April 1984. – „Neue Stadt Wulfen – Idee, Entwicklung, Zukunft“, herausgegeben von Sabine Bornemann, Peter Broich, Rainer Diebschlag, Horst Melles, Joachim Thiehoff, Dorsten 2009. – Wulfen-Wiki, Christian Gruber.

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