Franziskanerkloster

Stadtgeschichte ist stark von der Ordensniederlassung geprägt

Gebäudefront mit Pforte zur Klosterstraße

Gebäudefront mit Pforte zur Klosterstraße

Das Dorstener Franziskanerkloster ist das älteste der Sächsischen Ordensprovinz, das in der Bundesrepublik heute noch besteht. Der Gründung im Jahre 1488 vorausgegangen war eine Fehde zwischen dem Ritter Goswin von Raesfeld zu Ostendorf, der auf dem Rittergut zwischen Lippramsdorf und Annaberg lebte, und der Stadt Dorsten, über deren Gründe heute nichts mehr bekannt ist. In jenen Jahren waren in langen Fehden etliche Dorstener zu Tode gekommen. Bei der Fehde, die zur Klostergründung führte, ging es vermutlich um Grenz- und Jagdgerechtigkeiten (siehe Fehde mit Goswin von Raesfeld). Der Bruder des Fehde-Ritters, Bitter von Raesfeld, war als P. Antonius der Guardian des Franziskanerklosters in Leiden und schlichtete den Streit. Beim Friedensschluss 1441 versprachen beide Parteien, in der Stadt ein Kloster für die Franziskanerobservanten zu bauen. Die alte Magdalenenkapelle im westlichen Stadtteil, die bislang dem Hospital und dem Beghinenhaus gedient hatte, sollte zusammen mit einem leeren Platz dem Orden übergeben werden. Die Besitzübertragung erfolgte 1488. Bald danach begann der Ausbau der Kirche, den Bürger mit Schenkungen und Stiftungen förderten.

Hessen funktionierten das Kloster zum Waffenarsenal um

Gründungsurkunde 1487

Gründungsurkunde 1487

Das erste im 17./18. Jahrhundert vergrößerte Kloster war klein und hatte Platz für gerade 20 Mönche. Papst Innozenz VIII. fertigte 1487 eine Bulle über die Gründung aus, die im Franziskanerkloster erhalten ist. In der Folgezeit nahm das Kloster, das auch eine Brauerei unterhielt, teil an den guten und schlimmen Wendungen der Stadtgeschichte. Als im Dreißigjährigen Krieg 1633 evangelische Hessen die Stadt besetzten, vertrieben sie die Franziskaner gewaltsam nach Recklinghausen (bis 1641) und richteten im Kloster das Hauptwaffenarsenal ein. Nach Vertreibung der Hessen und Rückkehr der Franziskaner nach Dorsten stellten die Patres ab 1642 die Lehrer für das neu gegründete Gymnasium Petrinum. 1741 quartierten sich französische Soldaten ein und 1794 diente das Kloster österreichischen Truppen als Lazarett. 1814 nahmen russische, dann preußische Truppen Quartier. Während des Kulturkampfes wurden die Patres 1875 ausgewiesen und konnten erst 1887 zurückkehren. Stets war der Adel Förderer des Klosters. Das Memoirenbuch weist Namen wie die der Familien von Oer, von Heiden, von Schauenburg zu Gemen, von Beck, von Malenburg, von Merveldt auf.

Schild am Dorstener Franziskanerkloster 1875

Schild am Dorstener Franziskanerkloster 1875

Bis 1627 gehörte das Kloster der kölnischen Ordensprovinz, danach bis 1803 der Sächsischen Provinz Hl. Kreuz an, was die durch Reformation und Dreißigjährigen Krieg fast völlig untergegangene Ordensprovinz wieder beleben sollte. Alle nördlich des Mains und östlich des Rheins gelegenen Klöster wurden von der Kölnischen Provinz getrennt und der Sächsischen überschrieben. Nach der Säkularisation von 1803 hatte das Kloster bis 1864 keine Neuzugänge. Allerdings legte die Lockerung der Klostergesetze ab 1843 den Grundstein für weitere Neuaufnahmen. 1902 richtete der Orden im Kloster eine Ordenshochschule ein. Nach Inhalt und Aufbau entsprachen die Studien denen der philosophisch-theologischen Akademien. 1938 lebten im Kloster 117 Franziskaner, davon studierten 67 an der Ordenshochschule, die über die Grenzen Deutschlands hinaus eine große Beachtung fand. Kleriker kamen zum Studium nach Dorsten aus Ungarn, Kroatien, Bosnien, aus Spanien, Portugal und den USA. Im Zweiten Weltkrieg wurden 78 Patres zur Wehrmacht eingezogen, von denen 20 fielen.

Einzigartiges Missionsmuseum im Dorsten Franziskanerkloster

Gottesdienst in der später abgerissenen Kirche

Gottesdienst in der später abgerissenen Kirche

Missionare trugen ab 1909 eine Sammlung aus den Missionsgebieten in aller Welt im Dorstener Franziskanerkloster zusammen, darunter Deutschlands größte Sammlung chinesischer Münzen. 1943 wurde das Museum aufgelöst und die Exponate ins Kloster nach Werl geschafft, wo 1962 das Völkerkundemuseum der Franziskaner eröffnet werden konnte. Das mehrfach erneuerte und erweiterte Museum will den Dialog mit anderen Völkern, Religionen und Kulturen fördern, so die Franziskaner. – Im März 1945 zerstörten Bomben Kloster und Klosterkirche völlig. 1952 baute der Orden unter großer Anteilnahme und mit praktischer Mithilfe der Dorstener Bevölkerung Kirche und Kloster wieder auf. Die Ordenshochschule wurde nach Münster verlegt.

Abriss der Kirche – Provinzial als „Mörder“ beschimpft

1960 stellten die Franziskaner eine von Bernd Hartmann (Wiedenbrück) geschaffene Bronzebüste des Dorstener Paters Gregor Janknecht auf, der die franziskanische Herz-Jesu-Provinz in Nordamerika gründete. 1975/76 erregten der Verkauf des halben Klostergrundstücks an den Kaufhauskonzern Woolworth und der damit verbundene Abriss von Kloster und Kirche die Gemüter in der Stadt.

Franziskanerkirche mit Blick vom Marktplatz vor 1970

Franziskanerkirche mit Blick vom Marktplatz vor 1970

Der Generalobere der Franziskaner wurde öffentlich gar als „Mörder“ beschimpft. Erstmals in der 500 Jahre alten Wechselbeziehung zwischen Kloster und Bürgern verlief ein tiefer und lautstarker Bruch. Die Dorstener waren nicht einverstanden, dass ihre in der Nachkriegszeit mit vielen Opfern und handwerklicher Hilfe wieder aufgebaute Franziskanerkirche an einen Kaufhauskonzern verschachert werden sollte. Die Eheleute Dornseifer aus Dorsten legten Einspruch gegen den aufliegenden Bebauungsplan ein. Sie schrieben:

„Dieser Abbruch würde deutlich machen, dass die Stadt den Wert der Geschichte und der dahinter stehenden geistigen Kräfte als nicht wesentlich ansehen könnte…Ein Stadtzentrum bedeutet nicht nur die Ansammlung von Geschäften, Dienstleistungsbetrieben und Wohnungen. Dieses Zentrum soll auch Raum bieten für vielfältigere Bedürfnisse des Lebens…Der Abbruch der Franziskanerkirche zu Gunsten eines Kaufhauses würde u. E. einen schweren Eingriff in das äußere Bild und in die innere Struktur dieser Stadt bedeuten…“

Kaufhaus-Betonklotz mitten in der Innenstadt war ein Ärgernis

Auffällige Namenswerbung

An der Stelle der Klosterkirche ein Konsumtempel

Am Ende ihres Einspruchs zitierten sie eine Äußerung des Bundespräsidenten, in der er die Meinung vertrat, dass in den Städten nun wirklich genug abgerissen worden sei. Anmerkung der Lexikon-Redaktion:  In der Tat haben Rat und Verwaltung in der Vergangenheit nie einen Sinn für den Wert der Geschichte für wesentlich erachtet: Aufhebung des historischen Friedhof an der Bovenhorst, Abriss Winks Mühle, jahrelange Weigerung, dem Alten Rathaus einen denkmalgerechten Anstrich zu geben, Auflösung des Museums im Alten Rathaus. Die Franziskanerkirche wurde abgerissen und der Orden erhielt ein neues Kloster und eine neue Kirche gleich neben dem neu errichteten Woolworth-Betonklotz (6.400 qm), den das 2009 wegen Konkurs aufgelöste Kaufhaus auf ehemals klösterlichen Grund hinstellte. Bei den Bauarbeiten wurde ein so genannter Geheimgang entdeckt. – Heute lebt nur noch eine Handvoll Patres in dem von den Architekten Ludes und Zschoch errichteten Kloster, dessen Schließung in absehbarer Zeit erwartet wird. Karl Jesper, Pfarrer von St. Agatha, ging 1976 in seiner Büttenrede auf den Abriss der alten Klosterkirche ein:

Die Straßen der Altstadt sind so verschlissen,
die Häuser werden abgerissen.
Der heilige Franz ist schon gestorben.
St. Ursula schreit: Hört auf mit den Morden!
Die Bürger rufen: Lasst das sein,
am Ende tragt ihr selbst die Pein.
Doch liebe Leute: Lasst das Klagen.
Hört nur, was Rat und Verwaltung euch sagen:
Der Klöster Zellen sind bald leer,
drum müssen Woolworth und Horten her.
Sie werden schon das Geld uns bringen,
dann werden in Dorsten die Kassen klingen.
[…]
So manchem war’s so schwer ums Herz.
Carl Ridder hatte großen Schmerz.
In manches Gewissen er richtig laut schreit,
über Dorsten hinaus, man hört es weit:
Wir wollen nicht an heiliger Stelle
Eine Kapelle „Zu klingenden Münze“ nennen.

Was half das Jammern, Klagen und Warnen,
das Ende konnt’ man schon vorher erahnen.
Es hört nun auf, der ganze Jammer.
St. Franz kommt unter den Abbruchhammer.

Wo jetzt noch fromme Gebete wehen,
da wird bald Woolworth neu entstehen.
Es dauert nicht lange, da fand man den Namen:
„Kaufhaus zum hl. Franz – Ramsch für die Armen“.

Heute nur noch eine Bleibe für eine Handvoll Franziskaner-Senioren

Franziskanerkirche heute

Franziskanerkirche heute

Wie die Gesamtbevölkerung sind auch die Ordensgemeinschaften überaltert. Das heutige Dorstener Franziskanerkloster ist vor allem als Senioren-Bleibe gedacht, als Haus für Ordensangehörige, die aus dem aktiven Dienst ausgeschieden sind, aber dennoch vielseitigen Verpflichtungen nachgehen wie Messenlesen im Krankenhaus, im Ursulinenkloster, im Altenheim St. Anna, Krankensalbungen im Krankenhaus, geistliche Vorträge für die Ordensschwestern in umliegenden Klöstern, geistliche Begleitung beim Besuchsdienst im Krankenhaus. Dazu kommen seelsorgerliche Aushilfsdienste in den Pfarreien. Guardian Pater Urban Hachmeier verließ 2016 mit 80 Jahren das Kloster und zog als Ruheständler in ein kleines Franziskus-Kolleg in Hamburg. Vor mehr als 40 Jahren zuvor hatte er in Hamburg seine erste Pfarrstelle angetreten, in der er 20 Jahre lang blieb.

Bruder Tobias Ewald neuer Guardian – 2016 insgesamt neun Ordensbrüder

Im letzten Quartal des Jahres 2016 wurde der Konvent um drei „Neue“ aufgestockt. Ordensbruder Tobias Ewald trat die Nachfolge von Pater Urban Hachmeier als Guardian an. Mit ihm kamen Bruder Lutwin Krämer und Bruder Thomas Maria Folger nach Dorsten. Somit umfasst der Dorstener Konvent neun Patres bzw. Brüder im Alter von 53 bis 89 Jahren. Guardian Tobias ist mir 53 Jahren der Jüngste. Die meisten der Brüder sind bereits verrentet, übernehmen aber noch Gottesdienste bei den Ursulinen, im Krankenhaus in der eigenen Franziskanerkirche sowie Beichtseelsorge.
Bruder Tobias stammt aus Gelsenkirchen, war in Franziskanerklöstern in Euskirchen, München und bei Aachen vornehmlich als Schul- und Internatsseelsorger tätig. Bevor er nach Dorsten kam, gehörte er dem Konvent in Dortmund an. Bruder Lutwin Krämer (geb. 1936) ist Saarländer und war, bevor er in den Orden eintrat, Bergmann. Er lebte im Kloster zu Trier, das geschlossen wurde. Danach war er in den Klöstern Essen, Euskirchen und Neviges als Kaplan tätig. Bruder Thomas Maria Folger (geb. 1939), gebürtiger Schlesier, arbeitete viele Jahre in der Krankenhausseelsorge, war 20 Jahre lang in Berlin und danach in Paderborn und arbeitete auch als Pilgerseelsorger in Werl.


Siehe auch:
Klöster


Quellen/Literatur:
Prof. Dr. Julius Evelt „Beiträge zur Geschichte der Stadt Dorsten und ihrer Nachbarschaft“ in „Zeitschrift für vaterländische Geschichte und Altertumskunde Westfalens“, Münster, 1863/64, 1866. – RN vom 28. Juni 1975. – P. Heribert Griesenbrock „500 Jahre Franziskaner in Dorsten“, Dorsten 1988. – Johann Harding „500 Jahre Franziskanerkloster in Dorsten“ in HK 1989. – Prospekt der Franziskaner 2007.

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