Ev. Gruppenpfarramt

Ein deutschlandweit einmaliges Experiment von 1973 bis 2000 in Wulfen

Gruppenpfarramt mit Hans Udo Schneider, Frank Maibaum und Bernhard Korn

Von Hans Udo Schneider. – Das Presbyterium der Kirchengemeinde Wulfen entschloss sich 1972 zur Bildung des interdisziplinär gegliederten Gruppenpfarramts. Vorausgegangen waren intensive Beratungen auf kreis- und landeskirchlicher Ebene. Die Evangelische Kirche von Westfalen (EKvW) hatte auf ihrer Synode 1969 die Gemeinden ausdrücklich ermutigt, neue Wege zu gehen und damit verbundene zeitlich befristete Experimente durchzuführen. Die Entwicklung der Neuen Stadt Wulfen und der Bau einer neuen Kirche als Gemeindezentrum galten als ideale Voraussetzung. Es ging um die alte und stets neu zu beantwortende  Frage, wie muss unter den gegebenen sozialen Bedingungen Gemeindeaufbau erfolgen?

Trotz aller Verschiedenheit eint die Menschen ein gemeinsames Interesse

Bis zur kommunalen Neugliederung 1975 war Barkenberg Teil der selbstständigen Gemeinde Wulfen. Beide Ortsteile – so war der Plan – sollten einmal eine Einheit bilden. In Wulfen gab es gewachsene, eher ländlich geprägte Strukturen. Die Menschen arbeiteten als Pendler in Großbetrieben des nahen Ruhrgebiets oder sie waren Angestellte und Handwerker in ortsnahen mittelständischen Betrieben. Ganz anders die Situation in Barkenberg. Alle Menschen waren Neubürger. Bis zur kommunalen Neugliederung 1975 waren es Jahr für Jahr bis zu 1000 Personen, die nach Barkenberg zogen. Vor allem junge Familien suchten in der „Stadt im Grünen“ eine neue Heimat, gute und preiswerte Wohnungen oder ein Grundstück, um ihr Eigenheim zu bauen. Vor allem aber suchen sie auch Orientierung, Kontakte und Gemeinschaft. Eine Kirche, die nahe bei den Menschen sein will, muss darauf Antworten finden. „Drei unterschiedliche Professionen und ein Talar.“ So kennzeichnete der ehemalige Superintendent des Kirchenkreises Gladbeck-Bottrop-Dorsten, Gerd Lautner, einmal das von ihm mitinitiierte Experiment Gruppenpfarramt.  Es war die strukturelle Antwort auf die oben skizzierten Herausforderungen für die Gemeinde und den Kirchenkreis: Neue Wege in der Verkündigung, der Seelsorge, der Kinder- und Jugendarbeit, der Ökumene   und vor allem, Menschen  motivieren und zur Mitarbeit begeistern. 1973 erfolgte die Einstellung des Psychologen Dr. Hans-Udo Schneider auf die 1. Pfarrstelle der Gemeinde. Die 2. Wulfener Pfarrstelle hatte der Theologe Bernhard Korn inne, der 1970 nach Wulfen gekommen war. Wegen der stark ansteigenden Gemeindegliederzahl konnte  eine dritte Stelle geschaffen werden, die einige Jahre später mit dem Pädagogen Frank Maibaum besetzt wurde. Damit war das Gruppenpfarramt komplett.

Die Besonderheiten des Gruppenpfarramtes

Die drei Mitglieder des Gruppenpfarramtes waren in allen Belangen gleichberechtigt. Hier lag der wesentliche Unterschied zu anderen Teampfarrämtern, in denen etwa Pfarrer und Diakone/Katecheten/Jugendleiter zusammenarbeiten. Jeder konnte alle pfarramtlichen Tätigkeiten übernehmen. Die Mitglieder waren zur Zusammenarbeit und ständigen Weiterbildung verpflichtet. Der Vorsitz im Presbyterium wechselte im zweijährigen Rhythmus. Neben diesen Eckpunkten wurde die Gemeindearbeit als Prozess verstanden, der im engen Austausch mit der Gemeinde stattfand. 1977 und 1982 führte die Ev. Landeskirche von Westfalen jeweils eine Visitation des Modells Gruppenpfarramt durch. Die Visitatoren hatten den Auftrag, sich ein eigenständiges Bild über die Arbeit des Modellprojekts zu verschaffen und der Kirchenleitung eine Entscheidungsgrundlage über die Fortsetzung bzw. Beendigung des Projektes zu geben. Die Ergebnisse der Visitationsberichte waren überaus positiv. So heißt es u. a.: „Die Antwort der ev. Kirchengemeinde Wulfen auf die soziale Situation findet sich im absoluten Vorrang der seelsorgerlichen Arbeit. Das Gruppenpfarramt gibt den Menschen Raum und Zeit.“  Das spiegelte sich in der Qualifizierung der Kirchenmusik, der Jugendarbeit, der Ökumene, der seelsorgerlicher Begleitung der Menschen in besonderen Lebenslagen und der sozialpolitischen Verantwortung für das Gemeinwesen. Vor diesem Hintergrund erhielt die Kirchengemeinde Wulfen die ausdrückliche Genehmigung, den eingeschlagenen Weg fortzusetzen, auch für den Fall, dass  Mitglieder des Pfarramtes  ausschieden.

Die klammheimliche Abwicklung des Gruppenpfarramtes

Bernhard Korn, Edith Damm, Frank Maibaum

1993 verließ  Dr. Hans Udo Schneider das Gruppenpfarramt. Er wurde Leiter des Industrie- und Sozialpfarramts im Kirchenkreis Gladbeck-Bottrop-Dorsten. Die dienstrechtlichen Probleme im Hinblick auf einen Wechsel auf eine andere Pfarrstelle umgingen sowohl Schneider wie auch Maibaum, indem beide die 2. theologische Prüfung ablegten und somit anstellungsfähig auch für andere pfarramtliche Tätigkeiten außerhalb der Gemeinde Wulfen wurden. Die Gemeinde ging zunächst konsequent den eingeschlagenen Weg des Gruppenpfarramts weiter. Auf Schneider folgte die Berufung von Edith Damm als Psychologin. Und auch auf der Theologenstelle gab es durch die Pensionierung von Pfarrer Bernhard Korn einen Wechsel. Ihm folgte Pfarrer Daniel Eickmann-Gerland. Leider war Edith Damm nur eine kurze Amtszeit von sechs Jahren beschieden. Sie erkrankte schwer und starb im Jahr 2000. Jetzt kam die Kehrtwende. Eher geräuschlos. Ohne Konsultation mit der Gemeinde verabschiedete sich das Presbyterium von dem Modellprojekt Gruppenpfarramt. Die vakante Psychologenstelle wurde mit einem Theologen besetzt. Damit war das Gruppenpfarramt nach fast 30 jähriger Arbeit beendet.

Nachtrag über das Modell Gruppenpfarramt

Veränderungen solcher Tragweite fallen nicht vom Himmel. Ebenso wie die Entstehung des Gruppenpfarramtes im Zusammenhang der gesellschaftlichen und politischen Lage am Ende der 60er-Jahre zu begreifen ist, gilt das auch für die Zeit der Beendigung dieses kirchenpolitisch wegweisenden Experiments. Die Kirchen als Institution sind immer  ein Spiegelbild der Gesellschaft. So hat der Siegeszug des Neoliberalismus ab Mitte der 90er- Jahre vor den Kirchentoren nicht Halt gemacht. Unter ethischen Gesichtspunkten lässt sich das fassen als Abwendung von der Sozialethik hin zur Individualethik. Einfach ausgedrückt heißt das: Der Blick vieler Kirchengemeinden reicht nur noch bis zum eigenen Kirchturm. Gab es in den 80er- und 90er-Jahren noch eine so genannte „Pfarrerschwemme“, so hat sich das Bild auch in der Ev. Kirche deutlich verändert. Es fehlt an Nachwuchs. Es ist somit nicht auszuschließen, dass das Modell Gruppenpfarramt in unterschiedlichen Formen eine Renaissance erlebt. Viele Anfragen aus dem wissenschaftlichen Bereich und von Gemeinden deuten darauf hin. In der anglikanischen Kirche ist das längst geübte Praxis. Menschen mit ganz unterschiedlicher akademischer Ausbildung finden nach entsprechender theologischer Fortbildung den Zugang ins Pfarramt.

Share on FacebookTweet about this on TwitterShare on Google+Email this to someone