Eisendrath, Familie

Ausgewandert: In Chicago Produktionsbetriebe für Lederwaren aufgebaut

Eisendrath-Besuch aus Chigaco 1952 in Dorsten, Lippestraße

Eisendrath-Besuch aus Chicago 1952 in Dorsten, Lippestraße

Von Wolf Stegemann – Die Dorstener jüdischen Eisendraths haben in Chicago ein Firmenimperium geschaffen, das in den Vereinigten Staaten noch heute einen guten Klang hat, auch wenn die besten Zeiten aufgrund der Weltwirtschaftkrise von 1929 vorbei sind. Damals schrumpfte etlichen der vielen Familienmitgliedern das Vermögen. Doch der Zusammenhalt des Eisendrath-Clans ist geblieben. Noch heute existiert der 1920 gegründete „Eisendrath-Cousin-Club“, der 1933 schon über 3.000 Mitglieder zählte.

Der erste Eisendrath kamen im 19. Jahrhundert von Haltern nach Dorsten

Eisendraths zu Besuch in Deutschland: oben Hofbräuhaus München 1910

Oben:  Besuch in Münchener,Hofbräuhaus 1910

Ihre Wurzeln haben die Eisendraths allesamt in Dorsten, wo der Urvater Samson Nathan Eisendrath, geboren in Haltern, 1811 aufgrund des Napoleonischen Toleranzedikts die Niederlassungserlaubnis bekam. Er war Metzger, Händler und Gerber. Er kaufte in der Wiesenstraße ein Haus, dann andere Häuser dazu, richtete in einem dieser Häuser eine Synagoge ein, der erste Gebetsraum der Juden in Dorsten, bevor die Gemeinde 1868 dafür ein eigenes Haus kaufte. Die Eisendraths prägten jahrzehntelang das jüdische Leben in der Stadt. Seine Söhne schickte der Patriarch auf das Gymnasium Petrinum. Sie wurden Metzger, Kaufleute und Lohgerber, ein Handwerk, dem die Eisendraths in Amerika treu geblieben sind. Zwei der drei großen Eisendrath-Zweige bauten in Chicago Produktionsbetriebe für Lederwaren auf. Daher fragte man in Amerika immer dann, wenn der Name auftauchte: „Sind sie mit den Lederwaren-Eisdendraths verwandt?“ 1931 erschien in Amerika eine wissenschaftliche Arbeit über die Familie Eisendrath. Die Verfasserin, Ruth Eisendrath, beschreibt darin die Herkunft der Familie in typisch amerikanischer Eigenart. Ihre Vorfahren in Dorsten sieht sie mit märchenhafter Verzückung in einer mittelalterlichen niedlichen Kleinstadt. Sie sieht den Urvater der Familie als sehr reichen Mann, der kein Geld hatte, aber Gold, das in Scheffeln gemessen wurde. Und sie schrieb, dass jedermann in Dorsten diese Familie liebte. Das traf in Wirklichkeit natürlich nicht zu. Juden waren damals keineswegs so gut angesehen in Dorsten wie Ruth Eisendrath mit erkennbarem Familienstolz schrieb.

Prominente Familienmitglieder in ihrer neuen Heimat Nordamerika

...... Eisendrath (USA)Einer der Söhne des ersten Eisendrath-Auswanderers in die USA, Dr. Daniel Nathan Eisendrath (1867 – 1939) machte sich mit medizinischen Forschungen einen Namen. Einer seiner Brüder, der Rabbiner Dr. Maurice Nathan Eisendrath, erlangte als einflussreicher Präsident der weltweiten Vereinigung des progressiven Judentums internationale Bedeutung.
In Chicago zu Geld gekommen, finanzierten sie von dort aus die Instandhaltung des jüdischen Friedhofs in Dorsten, auf dem viele der Angehörigen begraben sind. Von den Eisendrath-Dollars bekam der Friedhof eine Mauer und ein Tor. In den Jahren der Weimarer Republik besuchten Eisendraths aus Amerika mehrmals ihre Heimatstadt Dorsten – und natürlich auch das Hofbräuhaus in München. Nach der Machtübernahme Hitlers 1933 schrieb der 1920 in Chigaco gegründete Eisendrath-Cousin-Club an den Reichspräsidenten Paul von Hindenburg und bat ihn, „aus tiefem Mitgefühl und Gerechtigkeitssinn den Juden zu helfen“. Und weiter heißt es in dem Schreiben: „Eine Nation, die sich hergibt zu Ungerechtigkeit, Grausamkeit, Intoleranz, Engstirnigkeit und blindem Eifer wird nicht geachtet bleiben und ist zwangsläufig zum Niedergang und Fall bestimmt.“ Das war 1933. Die Geschichte hat den Eisendraths Recht gegeben. Mehr darüber in der Online-Dokumentation „Dorsten unterm Hakenkreuz“ (www.dorsten-unterm-hakenkreuz.de).

Familienverband auf den Spuren der Familie in Dorsten

Im Jahre 2010 kamen fast 60 Angehörige der einstigen Dorstener Familie aus den USA und Belgien zu einem Familientreffen nach Dorsten, zu dem Elisabeth Cosanne-Schulte-Huxel vom Trägerverein des jüdischen Museums eingeladen hatte. Der älteste Teilnehmer war 89, die Jüngste gerade fünf Jahre alt. Neben Vorträgen im jüdischen Museum standen auch eine Führung durch die Innenstadt und eine Busfahrt durch die Stadtteile auf dem Programm. Ende 2012 erschien das kleines Bändchen „From Dorsten to Chiagaco“, das die Geschichte der Eisendraths und den Besuch der Familienmitglieder in Dorsten mit Texten und Fotos dokumentiert. Das jüdische Museum richtete vom Oktober 2015 bis Januar 2016 eine Ausstellung zur Geschichte der Familie aus. – Nachfahren der Familie Eisendrath besuchten im April 2017 die Stadt ihrer Vorfahren. Die Familie Stern-Moskovitz aus Baltimore/USA gehört zur 7. Generation und stammen von Moses und Bertha Eisendrath ab, die 1869 Dorsten verließen.


Quelle:
Wolf Stegemann „Eisendraths gründeten in Chicago ein Firmenimperium“ in RN vom 29. April 1989.

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