Dorstens erster Mensch

Ein von Gott aus Lehmbrocken gemischtes Wesen – so Werner Wenigs Satire

Am Werk, den Dorstener zu schaffen!

W. St. – Wo die Dorstener herkommen und wie sie sich entwickelt haben, wie und warum sie so sind, wie sie sind, darüber haben sich im Laufe der letzten zweihundert Jahren viele Dorstener und andere launige Gedanken gemacht. Da sagte mal einer, Dorsten sei entstanden, weil ein alkoholkranker römischer Soldat seinerzeit beim Lippeübergang so durstig war, dass er sich besoffen hatte und im Gebüsch diesseits der Lippe wie tot liegen blieb. Nachdem er seinen Rausch ausgeschlafen hatte, war seine Legion schon weitergezogen. Ein junges Germanenmädchen sorgte sich um den verkaterten Römer, der immer wieder „durstig durstig“ rief. Das Germanenmädchen glaubte, das sei sein Name und als die beiden eine Familie und einen Hofstätte in de Öde gegründet hatten, nannten sie diese natürlich „Durstig“, woraus in leichter Abwandlung in den folgenden Jahrhunderten Durstina entstand und das heutige Dorsten mit 76.000 Dorstenern. Ihre Herkunft ist nicht zu leugnen. Noch heute fließt in ihnen – wie ihrem damaligen römischen Gründer – der Alkohol im Blut und die Dorstener schwärmen jedes Jahr über die „Bierbörse“ und das Besäufnis mit über 600 verschiedenen Biermarken in der Innenstadt. Und dann gibt es diejenigen, die Dorstener so beurteilen, als hätten diese ihre geistigen Zugbrücken hochgezogen, wie weiland die echten an den nicht mehr existierenden Toren der Stadt. Mauern sind immer noch in manchen Köpfen anzutreffen, war erst kürzlich zu hören. Da mittlerweile die Dorstener durch die 1975 einverleibten Dörfer auch bäuerliche Züge angenommen haben, mag man sich an den französischen Revolutionsasylanten Paillot erinnern, der vor 200 Jahren jenes Bäuerliche so beschrieb und meinte damit die Lembecker:

„Er ist misstrauisch gegen neue Entdeckungen, Kunstgriffe, ökonomische Vorteile und vorzüglich gegebene Vorschläge, welche Verbesserungen des öffentlichen Gottesdienstes und des Schulwesens zum Zwecke haben, und er erkennt die Kurzsichtigkeit und Eingeschränktheit seines Verstandes erst dann, wenn ihm die nützlichen Folgen sonnenklar in die Augen leuchten.“

Werner Wenig

Doch einer von denen, die sich gegenwärtig launige Gedanken machen, woher die Dorstener eigentlich kommen – und wie sie sind, ist Dr. Werner Wenig, emeritierte Professor und Autor in Wulfen. Seine Gedanken und Folgerungen gehen weiter zurück als nur zu den Römern. Er sagt, dass der liebe Gott höchstpersönlich die Dorstener eigens erschaffen hat, wobei ihm Petrus, der erste Papst, mit Sinn und Verstand geholfen habe. Möglich, dass deshalb am Ende des Dreißigjährigen Krieges der päpstliche Nuntius Fabio Chici, der spätere Papst Alexander VII., die Dorstener besuchte, um zu sehen, was aus den Dorstenern geworden ist, die von dem von Gott und Petrus geschaffenen ersten Dorstener abstammten.

Wie Gott mit eigenen Händen den ersten Dorstener schuf
Von Werner Wenig

Vor langer, langer Zeit, kurz nachdem Gott die Welt er­schaffen hatte, formte er im nordwestlichen Europa eine liebliche Landschaft, die mit Sonne und Regen gleicher­maßen beglückt war, in der Roggen und Weizen in rei­chem Masse wuchsen, und in der sich die Tiere wohlfühl­ten wie sonst nirgendwo. Die Wälder aalten sich in sat­tem Grün, die Wiesen waren weich wie Samt, und mitten hindurch wand sich ein Fluss, den man Lippe nannte.
Hier nun ließ sich Gott eines Tages, erschöpft von der vie­len Arbeit, nieder und sagte zu Petrus: „Lass uns ein we­nig in dieser Aue verweilen, hier finde ich die Ruhe, die ich brauche. Petrus antwortete: „Gewiss, oh Herr, ist dies eine Landschaft, der es scheinbar an nichts mangelt. Doch etwas fehlt noch.“„Was könnte das sein?“ murmel­te Gott, der gerade einschlafen wollte.
„Nun, oh Herr, du hast zwar Wald und Flur erschaffen, du hast Rehe und Hasen hineingesetzt, und Vögel und Fische erfreuen das Herz. Doch du hast den Menschen vergessen, der die Na­tur hegt und pflegt und der die Felder bestellt.“
„Du hast recht“, gähnte Gott und richtete sich auf, „lass uns eine Siedlung gründen. Ich werde Häuser und Ställe an diesen Fluss stellen und den Ort Dorsten nennen, denn dieser Name gefällt mir.“ So tat er es auch, und als er sein Werk vollbracht hatte, legte er sich zufrieden nieder.
Doch Petrus ließ nicht locker: „Und nun musst du noch den ersten Dorstener schaffen“, mahnte er. Gott reckte und streckte sich, griff eine Hand voll Lehm, und formte aus ihm einen Menschen. Ein großer starker Mann ent­stand so, ein breitschultriger Huhne, wie geschaffen für die harte Arbeit auf Feld und Hof. Gott betrachtete stolz sein Werk und zeigte es Petrus. Der aber protestierte: „Das ist ein stattlicher Recke, den du da geschaffen hast, Herr, doch du hat ihn aus dem Lehm nördlich der Lippe geschaffen, das kann niemals ein richtiger Dorstener sein.“
Gott knetete den Lehm wieder zusammen und legte den Klumpen beiseite. Nun füllte er die andere Hand mit Lehm und formte aus ihm einen wohlgestalteten Jüng­ling. Gott zeigte ihn Petrus und fragte: „Bist du nun zu­frieden? Dieser Jüngling ist zwar nicht so stark wie der Bauer, den ich aus dem Lehm nördlich der Lippe geformt habe, aber er ist intelligent genug, sich sein Leben so zu gestalten, dass er ein auskömmliches Leben findet.“
Doch Petrus widersprach auch jetzt. „Das geht nicht, Herr, dieser Jüngling ist zwar schön und klug, und er könnte ein wunderbarer Dorstener sein, doch er ist aus Lehm westlich des Schölzbachs, das kann niemals ein richtiger Dorstener sein.“
Gott richtete sich enttäuscht auf. Er beschloss, es noch einmal zu versuchen. Diesmal griff er etwas weiter aus, füllte wieder die Hand mit Lehm und formte aus ihm ein wunderschönes Mädchen. Er kannte seinen Petrus und war sicher, diesmal auf keinen Widerspruch zu stoßen.
Petrus sah das Mädchen mit Wohlgefallen an. „Dies ist ein gar liebliches Geschöpf, oh Herr, du bist ein wahrer Meister, dass du so etwas Schönes erschaffen kannst. Doch leider muss ich dich wieder enttäuschen. Du hast Lehm vom Kirchhellener Gebiet genommen. Daraus kann nun wahrlich keine Dorstenerin entstehen, und sei sie auch noch so schön.“
Doch nun verlor Gott die Geduld. Er stand auf, nahm zornig alle drei Klumpen Lehm, knetete sie zusammen, vermischte sie mit Lippewasser, und formte aus diesem Gebräu einen Menschen.

Und so sind die Dorstener auch heute noch. Sie stehen auf zarten Beinen, haben einen Körper wie ein Jüngling, und einen Kopf stur wie ein Bauer. Und wenn sie sich über die Menschen nördlich der Lippe, westlich des Schölzbachs oder südlich der Stadtgrenze beklagen, so wissen sie doch, dass sie selbst von diesem Fleische sind. Und so ist der Dorstener gastfreundlich, weltoffen und hat Freude am Leben. Und wenn Gott mal wieder in diese Gegend kommt, lässt er sich nieder und betrachtet zu­frieden sein Werk, dass er einst vor langer Zeit geschaf­fen hat.


Quellen: Werner Wenigs Geschichte ist 2002 im HW-Verlag Dorsten von Edeltraud Moers herausgegebenen Band „Neue Dorstener Geschichten“ erschienen. Hier veröffentlicht mit frdl. Genehmigung des Autors. – Amtmann Franz Brunn „Chronik der Herrlichkeit Lembeck“ (1840/42).

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