Dorstener Künstlertreff

Wenige Jahre voller kreativer Vielfalt und Aktivitäten in der Eisdiele

Künstlertreff-Teilnehmer Herbert Stöckle (Stadtbibliothek) und Ludger Heiming (Kulturamt)

Künstlertreff-Teilnehmer Herbert Stöckle (Leiter der Stadtbibliothek) und Ludger Heiming (Leiter des Kulturamts)

1979 luden der Dorstener Bildhauer Antonio Filippin und der Journalist Rudolf Boden Maler, Bildhauer und Literaten zu einem Treffen in Filippins Eisdiele am Markt ein, woraus der „Dorstener Künstlertreff“ entstand, der einmal monatlich Maler und Literaten aus dem ganzen Ruhrgebiet in Dorsten zusammenführte. Ausstellungen, Lesungen und Happenings machten den Künstlertreff regional zu einer gern besuchten Zusammenkunft. Zum 25. Treff erschien 1982 eine Dokumentation, die Querelen zwischen Literaten und bildnerischen Künstlern auslöste. Ein Jahr später trennten sich die Literaten von den Malern und gründeten den Literarischen Arbeitskreis Dorsten (LAD). Ein weiteres Jahr später löste sich der verbliebene Künstlertreff auf.

Im „Lido“ wurde nicht nur Eis gemacht, auch Kunst im Keller

Der Künstlertreff hatte in der Person von Antonio Filippin, italienischer Eiskonditor und Künstler, eine Vorgeschichte. Während der Vater Eis anrührte, rührte Antonio Filippin mit 14 Jahren im Keller der Eisdiele am Markt Gips an, mit dem er Szenen aus der italienischen Geschichte zu modellieren versuchte. Das Haus am Markt, gleich neben dem Alten Rathaus war gerade erst wieder aufgebaut worden. Man schrieb das Jahr 1955. „Lido“ stand in einem selbstgemachten Schild an diesem Haus und in unbeholfenen Lettern „Italienisches Eis“.

Dreh- und Angelpunkt der Kreativen war in Dorsten die Eisdiele Filippin

f-filippin-KetteSein Vater Orazio Filippin hatte fünf Eisdielen, davon drei in Dorsten. Finanziell hatte er sich übernommen. Sein Sohn Antonio und dessen Ehefrau Hannelore übernahmen die Eisdiele des Vaters am Marktplatz Mitte der 1960er-Jahre samt Schulden. Mit Fleiß und Geschick gelang es dem Ehepaar, das „Lido“ wieder schuldenfrei zu macahen. Mit einer Musikbox und Liebesschlagern wie Conny Frances’ „Die Liebe ist ein seltsames Spiel“ lockten die Filippins die halbstarke Generation in ihre Eisdiele. An Nierentischen mit roten Tropfkerzen fand so manches Liebepärchen den Weg von der Eisdiele zum Traualtar. Der Name „Lido“ trat bald in den Hintergrund. Man ging zu „Antonio“. Von seiner Frau Hannelore und seinen drei Kindern Alexandra, Antonio jun. und Janina trennte er sich. Wenn es seine Zeit zuließ, formte er im Keller der Eisdiele mit Ton Köpfe und schlug aus Mooreichen seine Skulpturen, darunter erotische und exotische Frauenkörper. Er beteiligte sich an regionalen Ausstellungen und hatte nald als bildhauernder Künstler einen Namen.
1971 wurde die Dorstener Ursuline und Künstlerin Tisa von der Schulenburg (Sr. Paula) auf Antonio in der Nachbarschaft des Klosters aufmerksam. Zwischen ihnen begann ein reger freundschaftlicher und künstlerischer Austausch, der bis zur Ausreise Antonio Filippins 1996 auf die Seychellen anhielt. Immer mehr wurde die Eisdiele am Markt durch Antonios Kreativität zu einer Galerie und einem Dreh- und Angelpunkt anderer kreativer Dorstener. Das Behauen von Holzstämmen zu oft weiblich ausladenden Figuren fand nicht nur Freunde, zumal der Agatha-Pfarrer die Unruhe vor seiner Kirche und auf Friedhofsboden als störend empfand und meinte, unter Zuhilfenahme der Behörden einschreiten zu müssen.

Nach der Herausgabe des Buches fiel der Künstlertreff auseinander

Antinio Filippin, Gemälde von Gonschor 1977

A. Filippin, Gemälde von Gonschor 1977

Die künstlerische Unruhe, seine Kreativität und seine sympathische Kommunikation führten 1980 schließlich zum „Künstlertreff“. Zweimal monatlich trafen sich samstags Maler, Bildhauer, Kunstlehrer, Autoren zum Austausch von Gedanken und Anregungen beim „Antonio“. Sogar Dorstener Politiker ließen sich sehen und gerne von Pressefotografen ablichten. Ein festes Gefüge, so schien es. Doch es brauchte nur einen geringen Anlass, und die Kreativen, die Maler und Dichter, liefen 1983 auseinander. Grund war die gemeinsame Herausgabe einer bebilderten Dokumentation zum 25. Künstlertreff. Da fühlten sich dann die einen nicht genug gewürdigt und meinten, das andere übertrieben dargestellt wurden, warum diese mit Fotos und jene nicht, wo doch die eine oder der andere noch gar keine Ausstellung hatten und sowieso nicht malen könnten. In missgünstiger Stimmung wurde gestritten. Einige Literaten waren zudem beleidigt, weil sich in dem Buch, gemessen an den Malern, zu kurz gekommen fühlten. Sie gründeten daraufhin in der Marienschule ihren eigenen Verein, den Literarischen Arbeitskreis Dorsten (LAD). – Antonio Filippin hatte das Nachsehen. Viele Künstler ließen ihn gegen die Vereinbahrung auf dem Packen Büchern und den Kosten sitzen. Daraufhin stellte er den „Dorstener Künstlertreff“ 1994 ein.

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