Filippin, Antonio (I)

Von der Dorstener Eismaschine ins heiße Paradies der Seychellen

Mit der Motorsäge die Grundform der Skulptur schaffen; Foto: Wolf Stegemann

Mit der Motorsäge die Grundform der Skulptur schaffen; Foto: Wolf Stegemann 1999

Von Wolf Stegemann – Geboren 1941 in Erto/Dolomiten; Bildhauer. – Generationen von Schülern und Schülerinnen der beiden Gymnasien und viele Dorstener aus der Kunst- und Literaturszene der 1970/80er-Jahre dürfte der 1993 in den Inselstaat Seychellen ausgewanderte Künstler und Eiskonditor Antonio Filippin mit seinem Eiscafé am Markt noch bestens in Erinnerung sein. Auch erinnern an ihn noch zwei Betonskulpturen im öffentlichen Raum (Freiheitsstraße und Bismarckstraße), die er bei seiner Auswanderung der Stadt hinterlassen hatte. – Antonio Filippin kam zehnjährig erstmals nach Dorsten, als sein Vater eine Eiskonditorei am Markt eröffnete. Mit 14 Jahren blieb er dann ganz in Dorsten, interessierte sich für Kunst mehr als für die Schule, lernte als Hospitant am Gymnasium Petrinum Deutsch und fing an, aus Holz Figuren zu schnitzen. Auf ihn aufmerksam gemacht, förderte Tisa von der Schulenburg (Sr. Paula) seine Fähigkeiten, lehrte ihn, mit Schnitzmesser, Stechbeitel und Hammer fachgerecht umzugehen und förderte auch seine künstlerische Begabung. Nach dem Tod seines Vaters übernahm er das Eiscafé, blieb aber all die Jahre der Bildhauerei treu.

Die Eisdiele war jahrelang ein Treffpunkt von Künstlern und Literaten

Antonio Filippin in seiner Eisdiele am Markt 1974

Antonio Filippin in seiner Eisdiele am Markt 1974

Ende der 1970er-Jahre gründete er zusammen mit dem Journalisten Rudolf Boden den „Künstlertreff Dorsten“, beteiligte sich an Workshops, Openair-Kunstveranstaltungen und Ausstellungen. 1985 wollten er und eine Gruppe anderer Künstler ein Kunsthaus am Südwall (heute jüdisches Museum) errichten. Sie scheiterten aber an der Ablehnung im Rat. 1993 wanderte er auf die Seychellen im Indischen Ozean aus, betreibt dort eine Galerie, ein Café und sein Bildhauer-Atelier („Antonio’s Sculpture-Studio“). „Ich habe mein Paradies gefunden“, sagt er. Für den Präsidenten-Palast (State-House) schuf er die überlebensgroße Büste des ersten Gouverneurs der Insel. Beteiligungen an Kultur- und Folklore-Messen der Indischen Ozean-Inseln brachten ihm mehrmals erste Preise ein. Wolf Stegemann in den RN über die Ausstellungseröffnung „Metamorphose“ 1987 in der Stadtbibliothek:

„Filippin ist ein konsequenter Künstler, der seine Ideen umzusetzen weiß und an ihnen festhält. Dabei bricht sein südländisches Temperament mit ihm da durch, wo er die Symbolik zu sehr befrachtet. Mythologische und symbolhaltige Themen verleiten ihn zuweilen zu Ausschweifungen hin zum Illustrativen. [Seine Skulpturen] provozieren, regen an, stoßen vielleicht den einen oder anderen Betrachter bzw. die Betrachterin ab. Wie auch immer: Antonio Filippins Skulpturen geben Anstöße. Und das soll Kunst – unter anderem – auch tun.“

Sein Haus, sein Berg, sein Pool, seine Kunst, sein Leben

Filippin-Kunstwerk "Die Kette"

Filippin-Kunstaktion “Die Kette” in Dorsten

Nach einer fast lebenslangen Suche zwischen Dolomiten und Lippe, zwischen Speiseeis- und Kunst hat er seit fast 20 Jahren auf den Seychellen sein Paradies gefunden. „Antonio in paradise“ meldet er sich, wenn das Telefon klingelt. Von seiner Kunst lebt Filippin gut. Denn sonst könnte er sich das schöne Haus über der Bucht von Beau Vallon auf der Hauptinsel Mahé nicht geleistet haben und seit dem Jahre 2000 ein noch größeres Anwesen mit Plantagenhaus im südafrikanischen Stil mit eigenem Berg und Schwimmbad im Süden der Insel. Es gibt keinen Reiseführer und keinen Bildband, die nicht auf ihn als Künstler, auf seine Galerie und das Künstlercafé seiner Lebensgefährtin Marie, einer Seychellois, hinweisen. Hier gestaltet er, der in den eisigen und karstigen Hochdolomiten geboren wurde, unter Palmen, bei 30 Grad steter Temperatur und 90-prozentiger Luftfeuchtigkeit sein Leben als Bildhauer und kreativer Immer-wieder-was Neues-Erfinder (Spielsachen, Masken, Hängematten, Verkleidungen). Und wenn seine Zeit kommt, dieses sonnige Eiland endgültig zu verlassen, dann will er in seinem vorbereiteten Höhlengrab unter riesigen Granitsteinen auf luftiger Höhe über der Bucht von Anse la Liberte im Südwesten von Mahé Einzug in sein endgültige Paradies finden.

Sonnenparadies unter Palmen, Mafiosi, Geldwäschern und Korrupten

Antonio Filippin auf den Seychellen; Foto: Wolf Stegemann

A. Filippin und Marie; Foto: Wolf Stegemann

Antonio Filippin, um den sich in Beau Vallon und im Süden der Insel ein Kreis deutscher Freunde geschart hat, ist ein bemerkenswerter Mann. Nicht, weil er sein politisch und wirtschaftlich stark beflecktes Seychellen-Paradies ohne Makel sieht, ohne Korruption und Machenschaften der Staatspartei, der vorherrschenden Russenmafia und der rücksichtslosen arabischen Prinzen, denen mittlerweile der Staat zu gehören scheint, sondern weil er sich nach Überschreiten seines Lebenszenits zu einem anderen Leben entschieden hat, von dem die ihn besuchenden Urlauber wohl träumen, sie aber nie den Mut finden, in dieses anderen Leben „umzusteigen“. Filippin hatte den Mut. Er ist inzwischen Staatsbürger der Seychellen geworden. Bemerkenswert ist er auch deshalb, weil er ein guter Erzähler ist, der die Resultate seines bislang gelebten Lebens in eine zugegeben auf ihn maßgeschneiderte Philosophie gießt, die unwillkürlich an Paul Gauguins Bilder erinnert.

Er wird beachtet auf den Seychellen. Botschafter und Regierungsvertreter besuchen ihn. Für die Regierung schuf er aus Waschbeton meterhoch den Kopf des  französischen Gouverneurs der Insel, Pierre Poivre, der 1772 die ersten Zimt- und Gewürzplantagen auf der Insel anlegen ließ. Die Skulptur steht im Park des Präsidentenpalastes. Sie ist den Blicken der Touristen, Einheimischen und selbst des Künstlers hinter einer Mauer verborgen, vor der höchstes Zutrittsverbot gilt. Mit dem Presseausweis des Autors dieses Artikels konnte Filippin erstmals sein Kunstwerk im Präsidenten-Palast sehen. Antonio Filippin ist ein Mann, der sich mit den unsozialen Verhältnissen im Staat arrangiert. Wochenlang kein Wasser? Er zuckt mit den Schultern! Keine Zigaretten? Was soll’s! Kein Zement? Irgendwann gibt es wieder Zement! Und wer braucht schon Zement, wenn man Holz zum Bauen hat! Kein Holz da? Na egal! Die teuren Lebensmittel und Getränke? Fisch und Reis sind billig, sagt er. Übrigens stehen die Seychellen an vierter Stelle im Pro-Kopf-Verbrauch von Alkohol in der Welt. Teure Privatschulen? Filippin winkt ab. Das im Post-Sozialismus verankerte öffentliche Schulsystem reicht aus! Und der Gesundheitsdienst ist kostenlos!

Und dann ist da noch die Kleinheit der Insel, auf der er lebt

Antonio Filippin und seine Skulptur im Garten des Statehouse auf den Seychellen; Foto: Wolf Stegemann

Filippin und der Gouverneur; Foto: Wolf Stegemann

Antonio Filippin hat sich seinem Paradies angepasst. Nur so kann er es als Paradies  bezeichnen. Er stellt nichts in Frage, was in Frage gestellt werden müsste. Rechtssicherheit der Bürger? Er schüttelt den Kopf so, als wolle er sagen, dass er niemals in die Lage kommen werde, in der Rechtssicherheit für ihn wichtig werden könnte. Filippin kann sich auch mit der Mentalität der Seychellois, Abkömmlinge früherer schwarzafrikanischer Sklaven, Inder und wenig Weiße, weit besser arrangieren als seine Freunde, ein Dutzend Deutsche, von denen sicherlich die meisten den berüchtigten Inselkoller haben, ihn hinter sich gebracht oder ihn noch vor sich haben – immer wieder. Es heißt, auf den Seychellen leben etwa 60 Deutsche. Man trifft nur einige von ihnen, denn ihre sozialen Ebenen sind höchst unterschiedlich. Da gibt es dollarschwere Großunternehmer und wohlhabende Geschäftsleute, Techniker und Manager wie woanders auch. Und doch sind sie alle irgendwie anders als woanders. Es gibt Deutsche, junge und alte, die sich durchs Leben schlagen und von der Hand in den Mund leben. Man trifft sie in einem der beiden Cafés in der Hauptstadt Victoria immer an, vormittags, mittags, nachmittags. Dann wird über das Leben und die Verhältnisse auf der Insel geklagt. Auf höchst unterschiedliche Weise findet jeder unter Palmen das ganz persönliche Paradies, und jeder hat ein anderes, das auch schnell zur Hölle werden kann, wenn man in seiner Haltung nicht gleitfähig genug ist, um nach dem Motto „leben und leben lassen“ leben zu können.

Dann bringt ihn das Licht zum Stern

Antonio Filippin will in seinem Paradies sterben und wirkt etwas abgehoben, wenn er seine Lebensgeschichte im Gespräch vorausschauend vollendet: Sobald er fühlen wird, dass seine Zeit gekommen ist, um sein Paradies zu verlassen, dann wird er sich auf einen großen vorbereiteten Granitstein legen, der auf der Spitze seines Berges liegt. Von dort hat er einen Ausblick auf das türkisblaue Meer des Indischen Ozeans. Dann wird ihn von dort das Licht – das hofft er – in das endgültige Paradies bringen.


Siehe auch:
Künstler, bildende


Hinweis:
Dieser Artikel ist auch in DORSTEN-transparent veröffentlicht.

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