Dittmer, Melanie

Hetzende Karrierefrau in der rechtsextremen Szene im Rheinland (NRW)

Melanie Dittmer ; Foto: ifa

Melanie Dittmer ; Foto: ifa

Von Wolf Stegemann – Geboren 1978 in Höxter, aufgewachsen in Dorsten; Journalistin und Fotografin, fremdenfeindlich. – Sie wuchs in Dorsten auf, bekam hier das schulische Rüstzeug fürs Leben, driftete als junges Mädchen in die rechte Szene und wurde auffällig. Da war sie gerade 16 Jahre alt. Heute ist sie 37 und in rechtsradikalen Kreisen als Vorsitzende der „Dügida“ (Düsseldorfer Ableger der Pegida-Bewegung) bekannt und produziert Schlagzeilen wie „Ermittlungen gegen Dügida-Chefin“, „Dügida setzt Demo-Route vor Moschee durch“, „Dittmer: Rosenmontag als Terrorist verkleiden“, „Zwei Anklagen gegen Dügida-Organisatorin“, „Weitere Vorwürfe gegen Dügida-Chefin“, „Melanie Dittmer wegen Hetze zu Bewährungsstrafe verurteilt“.

Zu acht Monaten Gefängnis auf Bewährung verurteilt

Im April 2016 wurde Melanie Dittmer vom Amtsgericht Düsseldorf wegen Volksverhetzung zu acht Monaten Haftstraße auf Bewährung verurteilt. Die Strafe nahm sie „ohne sichtbare Regung“ auf, wie der Gerichtsreporter der „Rheinischen Post“ berichtete. Den Straftatbestand der Volksverhetzung sah das Gericht erfüllt, da sie als „Dügida“-Chefin islamfeindliche Aufmärsche organisiert und Anfang 2015 vor einer Moschee in Düsseldorf  über Megaphon von „Salafistenschweinen“ und „pädophilen Muslimen“ getönt habe. Auch habe sie Polizisten mit einem Körperteil bezeichnet, das auch in einem Ausspruch Götz von Berlichingens vorkommt. Ein Polizist erstritt auf dem Weg der Privatklage wegen Beleidigung 1.500 Euro von ihr. Zudem fotografierte sie als „Pressefotografin“ Staatsschützer und veröffentlichte die Bilder im Internet. 2015 war ihr der weitere Vorsitz der „Dügida“-Bewegung vom Verwaltungsgericht verboten worden.
Eine weitere Schlagzeile lautet: „Dügida-Organisatorin Dittmer will ,Schlange Merkel’ Kopf abschlagen“. Wie die antifaschistische Zeitung in NRW „Lotta“ berichtete, gehe aus einem Video hervor, dass sie Bundeskanzlerin Angela Merkel als Schlange bezeichnete, der man den Kopf abschlagen müsse. Das brüllt Melanie Dittmer auf einer Kundgebung von Neonazis in Frankreich am 24. September 2015 in ein Mikrofon.

Berufung – und Weitermachen wie bisher

Auf die Frage eines Reporters der Internetseite „Novorossia Today“, wie sie das Urteil verkrafte, sagte sie am 31. Mai: „Das verkrafte ich ganz gut. Es ist ja nichts Neues in der BRD. Zwar neu für mich persönlich, mir ist das bislang noch nicht passiert, aber ich habe es bei genug anderen mitbekommen. Ich bin nicht vorbestraft gewesen. Mein polizeiliches Führungszeugnis hatte bisher den Vermerk: Keine Eintragungen. Das Urteil erging vor dem Amtsgericht in Düsseldorf. Dagegen bin ich in Berufung gegangen. Also ist dieses Urteil noch nicht rechtskräftig und es muss komplett neu verhandelt werden. Dieses Mal eine Instanz höher vor dem Landgericht. Mal sehen, wie die Richter den Fall dort bewerten.“
Dann die Frage, was sich seit dem Urteil in ihrem Leben verändert habe. Melanie Dittmer: „Nichts. Ich mache genauso weiter wie bisher.“

Die militante Neonazi-Szene in NRW-Szene mitbestimmt

Zur rechten Neonazi-Szene im Kreis Recklinghausen und in Dortmund fand die Ex-Dorstenerin schon früh. 1994, gerade 16 Jahre, wurde sie „Kreisbeauftragte Dorsten“ der Partei Deutsche Nationalisten, ein Jahr später führte sie die Dorstener Gruppe der FAP-Nachfolge-Gruppierung Kameradschaft Recklinghausen und kam wiederum ein Jahr später als „Stützpunktleiterin Dortmund“ zu den „Jungen Nationaldemokraten (JN),  deren Landesvorstand NRW sie zeitweise angehörte. Durch ihre Mitarbeit bei verschiedenen rechtsradikalen Zeitungen – bei einigen von ihnen wurde sie auch als Redaktionsmitglied geführt –, galt Melanie Dittmer „in der militanten Neonaziszene in NRW“ als eine Person, „die den politischen Kurs entscheidend mitbestimmte. Sie zählt zu den wenigen Frauen, die in der nordrhein-westfälischen Neonazi-Szene überhaupt etwas zu sagen haben.“ (Terz, Düsseldorfer Stattzeitung, Febr. 2000).

Hausdurchsuchungen in Dorsten: Schlagwaffen und Propagandamaterial

Mit ähnlichen Delikten Melanie Dittmers hatten es Polizisten des politischen Kommissariats im Polizeipräsidium Recklinghausen und der Polizeiwache in Dorsten zu tun. Das ist allerdings schon 20 Jahre her. 1996 starteten die Strafverfolgungsbehörden die „Aktion Gegenwind“. 150 Polizisten nahmen bei 15 Hausdurchsuchungen in Dorsten und sieben in Schermbeck mehrere Personen der rechten Szene fest und beschlagnahmten Propagandamaterial und Waffen. Kopf der Dorstener Rechtsradikalen war die damals erst 17-jährige Melanie Dittmer, die bereits mehrmals einschlägig in Erscheinung getreten war. In diesem Jahr, am 15. März 1996, wurde der Rhader Martin Kemming (26) an der Haustür von dem Rechtsextremisten Tomas Lemke (27) aus Gladbeck erschossen, weil er aus der Szene ausgestiegen ist (siehe Links am Ende des Textes). Durch Gründung des NPD-Kreisverbandes Recklinghausen 1998 und die Gründung von Ortsverbänden in Gladbeck und Dorsten hatte die NPD Zulauf durch meist jugendliche Skinheads. Bei den JN/NPD-Demonstrationen im Herbst 1998 in Münster und Bonn war Melanie Dittmer noch dabei. Danach wurde sie bei den JN/NPD-Demonstrationen nur noch einmal gesehen: am 28. Oktober 2000 in Düsseldorf. Im Übrigen hatte der Einfluss der NPD auf die Skinhead-Szene abgenommen.

Dittmers rechtsgerichteter Beitrag auf „Lokalkompass“ gelobt

In den 20 Jahren, die zwischen der Polizeiaktion in Dorsten und der Düsseldorfer Verurteilung liegen, machte die 1979 in Höxter geborene Melanie Dittmer rechte „Karriere“ und war auch propagandistisch unterwegs. Der Aachener Kreisverband „Die Rechte“ jubelte 2014 auf seiner Facebook-Seite über einen Artikel, der „wohl der beste Artikel zu unserer Demonstration“ war und verwies auf den Artikel der Dittmer auf der Internet-Seite „Lokalkompass“.  Melanie Dittmer wohnte an der Borkener Straße in Holsterhausen, zog 1999 nach Düsseldorf und Essen und wohnt aktuell in Bornheim (Rhein-Sieg-Kreis). Ihren Lesern von „Lokalkompass“ verriet sie u. a. ihren beruflichen Lebensweg von der „gelernten Veranstaltungsfrau“ zur „freien Journalistin im Deutschen Presse-Verband“. „Redakteurin bei „the spine“ (Musik, Buch, Film)“ war sie von 2010 bis 2012 in der „Presse- und Öffentlichkeitsarbeit“ in Essener Kulturzentrum Zeche Carl tätig gewesen und veranstaltete danach bundesweit „Outdoor Events“. Auch soll sie bei der RWE beschäftigt gewesen sein. Für die Landeszentrale für politische Bildung NRW war sie an der Gestaltung der Podcast-Reihe „My Deutschland“ beteiligt und auch für das ZDF soll sie gearbeitet haben.

Abfuhr: Kein „Ruhrkampftag“ in Dorsten

In Dorsten wollte sie am 28. Juni 1997 für den  „Junge Nationaldemokraten“-Landesverband NRW eine große Demonstration unter dem Motto „Ruhrkampftag – Kohle und Stahl nur mit uns“ veranstalten. Dies wäre für Melanie Dittmer ein lokales Highlight in ihrer Herkunftsstadt gewesen. Doch das wurde ihr von den Behörden verboten. Nachdem sich der JN-Landesverband NRW wegen personeller Streitigkeiten spaltete und Melanie Dittmer ausschied, tauchte ihr Name 1999 im neugegründeten „Bildungswerk Deutsche Volksgemeinschaft“ (BDVG) auf und kurzfristig im Impressum der kurzlebigen Zeitschrift „Wille und Weg“. In jenem Jahr nahm sie gemeinsam mit ihrer Lebensgefährtin Wohnsitz in Düsseldorf, wo sie wieder neonazistischen Kreisen angehörte. Sie gründete in Heerdt einen Versandhandel für rechtsextreme Produkte, vor allem Skinhead-Musik und Neonazi-Publikationen. Ende 2002 gab sie einem Fernsehsender ein Interview, nach dessen Ausstrahlung es zu ihrer Entlassung bei einem Telekommunikationsunternehmen kam.

Am Zürcher Theater-Projekt Christoph Schlingensiefs beteiligt

Zu dieser Zeit suchte der Zürcher Theaterregisseur Christoph Schlingensief Ausstiegswillige aus der Neonazi-Szene als Mitwirkende bei einem Theaterstück. Melanie Dittmer meldete sich. 2002 schrieb sie darüber rückblickend einen Artikel mit dem Titel „Mein Ausstieg vom Ausstieg“ und hob darin hervor: „Mir ging es von Anfang an nicht darum, ‘aus der rechten Szene auszusteigen’. Da gibt es keinen Grund für mich. […] Ich habe bei Schlingensief mitgemacht, weil ich zeigen wollte, dass ich bereit bin, mich auseinanderzusetzen mit Andersdenkenden. Die Grundidee war, zu sagen: ich kann das, nun setzt euch auch mit mir/uns auseinander.“ Dittmer stieg vorzeitig aus dem Schlingensief-Projekt aus und privatisierte. „Ich genieße endlich mein Leben in vollen Zügen und schäme mich nicht vor meinen ‘Kameraden’.“

Im Jahr 2002 am Dorstener Brunnenplatz aufgetreten – Platzverweis

Allerdings ist sie 2002 noch einmal in Dorsten aufgetreten. Ende Februar 2002 luden antifaschistische Jugendliche der „antifajugend“ Dorsten zu einer Veranstaltung gegen Rechts auf dem Brunnenplatz in Hervest ein. Ein Polizeigebot stand bereit, da mit Störungen gerechnet werden musste. Und die kamen dann auch durch die Person der Ex-Dorstenerin Melanie Dittmer und rund eine Gruppe von 15 „militanten Neonazis aus dem Ruhrgebiet“. Eine Beteiligte beschreibt als Augenzeugin den Vorfall auf der  „indymedia“-Seite im Internet: Nachdem ihr vom Veranstalter der Zutritt zu der Veranstaltung gegen Rechts verboten worden sei, ging Melanie Dittmer zu den anwesenden Polizisten. Dort habe sie sich über eine angebliche Körperverletzung beklagt, die ihr zugefügt worden sei. Die Polizisten hätten nun die Personalien der Veranstalter „mit rabiatem Auftreten und Hantieren mit Schlagstöcken“ überprüft. Inzwischen hätte auch eine mit „Schlagwaffen ausgerüstete 15-köpfige Gruppe militanter Neonazis versucht, den Brunnenplatz zu erreichen“. Diese seien allerdings von der Polizei aufgehalten worden.

Dittmer zum „Spiegel“: Unerheblich, ob es den Holocaust gegeben hat

Die Stille um ihre Person hielt an, bis 2012 das Magazin „stern“ Fotos von Veranstaltungen der rechten Gruppierung „pro NRW“ veröffentlichte, deren Urheber mit Melanie Dittmer angegeben waren. Bei diesen „pro NRW“-Veranstaltungen kam es zu Angriffen auf Islamisten. Von da an war die Ex-Dorstenerin wieder häufig am Rande solcher Demonstrationen zu sehen, wo sie fotografierte. Ihre politische Herkunft und Absicht blieb den meisten linken Gegendemonstranten verborgen. Sie glaubten, hier einer neutralen Fotografin gegenüberzustehen und hielten sie für „sehr freundlich“. Denn die meist Jüngeren der gegen die Rechten protestierenden Antifaschisten kannten Melanie Dittmer wegen ihrer fast zehnjährigen Abstinenz bei Aktivitäten der rechtradikalen Szene nicht mehr. Sie fiel erst 2014 wieder auf, als sie über Demonstrationen der rechten Szene in der Plattform „Lokalkompass“ wohlwollende Berichte veröffentlichte, die nach Leser-Protesten entfernt wurden. Melanie Dittmer positionierte sich wieder aktiv und offen in der rechtsextremen Szene. Dem „Spiegel“ sagte sie, dass es für sie unerheblich sei, ob es den Holocaust gegeben habe.

Seit Dezember 2014 wurde sie als Beisitzerin in den Vorstand von pro NRW berufen und meldete die Pegida-Ableger in Düsseldorf „Dügida“ und Bonn „Bogida“ an. Sie baute so genannte „identitäre“ Gruppen vor allem im Raum Bonn/Rhein-Sieg-Kreis auf, organisierte im Sommer 2014 an ihrem Wohnort Bornheim das „Identitäre Sommerlager Rheinland“, machte im gleichen Jahr bei einer städtischen Informationsveranstaltung in Sachen Notunterkünfte für Flüchtlinge öffentlich Stimmung dagegen, trat in einer Journalistenweste auf, die sie dann aber auszog, um höchstpersönlich Hetz-Flugblätter zu verteilen und den Mob mit „Volksverräter-Rufen“ zu mobilisieren. In Duisburg traf sie auch ehemalige Mitstreiter aus den NPD-Zeiten im Kreis Recklinghausen und Dortmund der 1990er-Jahre wieder.

Ein Jahr später, 2015, demonstrierte sie, wie eingangs beschrieben, in Düsseldorf vor einer Moschee und beschimpfte die Muslime und Polizisten, was dann zur Verurteilung führte. Das ist der bis jetzt letzte Akt in ihrem extremen Lebensweg – aber sicherlich nicht die letzte Aktion von Melanie Dittmer, deren rechtsextremes Denken und Handeln in Dorsten begann und das sich zu einer Gesinnung entwickelte, die sie mit Power und individuellem Selbstbewusstsein, vielleicht auch mit Intellekt, konsequent und mitunter hasserfüllt vertritt.


Siehe auch:
Fremdenfeindlichkeit


Quellen:
Erschienen auch in Dorsten-transparent (3. Juni 2016). – Terz, Düsseldorfer Stattzeitung, Febr. 2000. – Indymedia-Online-Seite vom 1. März 2002. – Alexander Brekemann in „LOTTA – die antifaschistische Zeitung aus NRW“ vom 1. November 2014 (der Autor widmete sich umfassen mit Melanie Dittmers Aktivitäten). –  „Spiegel“-tv vom 21. Dezember 2014. – „Rheinische Post“ vom 17. Januar, 20. Oktober, 14. Dezember 2015, vom 21. Januar, 20. April, 28. April 2016.  – Interview in „Novorossia Today“ vom 30. Mai 2016. – „General-Anzeiger“ Bonn vom 6. Januar 2015 und 28. April 2016. – WDR-Nachrichten vom 14. Oktober 2015 und 28. April 2016 (Benjamin Sartory). – Dorsten-Lexikon (Aufruf 2016 Kemming)

Share on FacebookTweet about this on TwitterShare on Google+Email this to someone