Zeche Baldur

Aufstieg und Fall des Unternehmens: der Bergbau veränderte das Dorf

Zeche Baldur in Holsterhausen um 1912

Zeche Baldur in Holsterhausen um 1912

Von Wolf Stegemann – Kohle hat in den beiden Gemeinden Holsterhausen und Hervest-Dorsten für einen vorher nicht gekannten wirtschaftlichen Aufschwung und für eine tief greifende Veränderung des Ortsbildes und der Gesellschaft gesorgt, aber auch für späteren wirtschaftlichen Niedergang und soziale Not, besonders nach der endgültigen Schließung der Zeche Baldur in Holsterhausen im Sommer 1931.

Ein Jahr nach den Probebohrungen von 1897 versuchte man, zwei Schächte in Holsterhausen niederzubringen. Aber bereits in elf bzw. 22 Metern Tiefe verwehrte fließender Sand die Fortführung des Ausschachtens. Da dies ein Problem war, das man noch nicht kannte und für das eine Lösung erst gefunden werden musste, ging man erst wieder 1906 erneut ans Werk. Und wieder gab es unvorhergesehene Schwierigkeiten. Gewaltige Wassermassen brachen ein. Das Wasser konnte aber durch eine bestimmte Technik gefroren werden, was zur Folge hatte, dass auch der Fließsand, der 1898 die Arbeiten zum Erliegen brachte, bis zu einer Tiefe von 175 Metern einfror. In 564 Metern Tiefe war das Kohlengebirge erreicht, das dann bis auf 770 Metern erschlossen wurde. Sohlen wurden in 600 Metern, 675 Metern und 750 Metern errichtet. Damit konnten 27 Flöze mit einer Mächtigkeit von 24,7 Metern erschlossen werden. Die eigentliche Kohleförderung auf Baldur begann erst 1911.

Zeche hatte eine eigene Ziegelei für den Häuserbau in den Kolonien

Ziegelei der Zeche Baldur 1909

Ziegelei der Zeche Baldur 1909

Bis dahin hatten Finanzwirtschaft, Wissenschaft, Technik und Unternehmergeist sowie ein unermüdlicher Arbeitereinsatz alle Widerstände überwunden. Nun brauchte man Arbeiter, Beamte, Ingenieure, die nicht nur aus allen Gegenden Deutschlands nach Holsterhausen kamen, sondern auch aus dem Ausland. 1911 waren 518 Männer auf der Zeche beschäftig, 1913 schon 1.292. Nach Ende des Ersten Weltkriegs stieg die Zahl auf 2.110, 1922 waren es 2.479 Bergleute, die in diesem Jahr 443.535 Tonnen Kohle förderten. 1927 verzeichnete Baldur mit 537.762 Tonnen und 1.880 Mann Belegschaft die höchste Förderung. 1922 betrug die Einwohnerzahl Holsterhausens 5.850 Personen, darunter 24 Polen, 220 Österreicher, 18 Holländer, 55 Galizier, zwei Belgier, zwei Russen und zwei Italiener. Die Zeche Baldur hatte eine eigene Ziegelei, die 1922 täglich zwischen 12.000 und 18.000 Zechensteine für den Bau der Bergarbeiterhäuser in den Kolonien herstellte.

Bautätigkeit inmitten einer idyllischen Waldeinsamkeit

Fähre in Holsterhausen (Zeche Baldur) 1910 begann die Bergwerksgesellschaft Trier mit dem Bau der Zechenkolonie Baldur rechts der Borkener Straße und der Beamtenkolonie Gartenstraße mit 50 Wohnungen in 20 Häusern. Über den Bau der Zechensiedlung berichtete die „Dorstener Volkszeitung“ am 4. August 1910 folgendes:

„Inmitten idyllischer Waldeinsamkeit hat sich im hiesigen Gemeindebezirk seit einigen Wochen eine rege Bautätigkeit entfaltet. […] Es werden in diesem Jahre etwa 25 Doppelhäuser mit 50 Wohnungen fertig gestellt und voraussichtlich noch in diesem Herbst bezugsfertig sein. Das Bauterrain liegt wenige Minuten östlich der Landstraße Dorsten-Freudenberg. Mit der Ausführung der Bauarbeiten sind die Unternehmer H. Schwering, Joh. Feller und H. Schulte-Dieckhoff zu Holsterhausen sowie Franz Kleinken zu Dorsten, betraut. Zur Herbeischaffung der Baumaterialien führt eine eigens zu diesem Zwecke angelegte Schmalspurbahn von der Zeche zum Baugelände. Die Koloniehäuser werden aus weißen Kalksteinen errichtet. […] Die einzelnen Koloniehäuser werden mit je einem Vorgarten und einem Gemüsegarten versehen und einen malerischen Anblick bieten…“

Siedlungen für Bergleute: „Neue Kolonie“ schaffte notwendigen Wohnraum

Richtfest in der Baldur-Kolonie 1911

Richtfest in der Baldur-Kolonie 1911

Nach Anwachsen der Bevölkerung wurde 1914 mit der Bebauung eines 6,5 Hektar großen Areals links der Borkener Straße begonnen, das den Namen „Neue Kolonie“ bekam. Zuerst wohnten dort die auf der Zeche Baldur arbeitenden belgischen Zwangsarbeiter (1917 waren es  425). Dann kamen aus Zwickau sächsische Bergleute, durch die die „Neue Kolonie“ den Namen „Sachsensiedlung“ erhielt. Als Baldur nach der Übernahme von Hoesch 1931 geschlossen wurde, zogen die meisten Sachsen zurück in ihre alte Heimat. Doch der Name der Siedlung blieb bis heute erhalten (siehe Sachsensiedlung).

Neue Siedlungen für die Bergarbeiter hießen Kolonien

In der Bergarbeiterkolonie entstanden bis 1922 genau 451 Wohnungen in 119 Zweifamilien-, 65 Einfamilien- 30 Vierfamilien- und drei Dreifamilienhäusern, in denen 3.170 Personen wohnten, von denen 862 auf der Zeche arbeiteten. Zudem errichtete die „Bergwerkssiedlung Recklinghausen“ Häuser mit 800 qm Gartenland, die von den Bergleuten mit 37 Jahre langer Ratenzahlung als Eigentum  erworben werden konnten.

Beamtenverein Baldur, Gesangsabteilung 1927

Beamtenverein Baldur, Gesangsabteilung 1927

Durch das gleiche Baumaterial hatten die Siedlungen ein einheitliches Aussehen mit großzügigen Gartenflächen und Ställen hinter den Häusern. Kartoffeln und Gemüse wurde angebaut und Kleinvieh wie Schweine, Hühner, Ziegen, Kaninchen und Tauben bereicherten den Speiseplan. 1922 wurden in Holsterhausen 45 Schafe, 192 Ziegen und 669 Schweine gezählt. Anfänglich hatten die Kolonien Ghettocharakter, da sie weit entfernt vom Dorf entstanden sind. Auch die Bewohnerstruktur von Dorf und Kolonien waren unterschiedlich. Im Dorf lebten überwiegend Bauern, Handwerker und Kaufleute, in den Kolonien Bergarbeiter; im Dorf wohnten überwiegend Grund- und Hausbesitzer, in den Siedlungen Mieter, die Dörfler waren überwiegend katholische, die Kolonisten evangelisch, im Dorf wurde das Zentrum gewählt, die Kolonisten wählten sozialistisch. So entstanden neue Ortsteile mit neuen Straßen. Die Borkener Straße wurde zur Hauptstraße und zum Mittelpunkt zwischen den beiden Kolonien. Der als Marktplatz vorgesehene Antoniusplatz (später Adolf-Hitler-Platz) zwischen Dorf und Kolonien ist als Zentrum nie angenommen worden. Am 18. Februar 1923 rückten belgische Soldaten in Hervest-Dorsten und Holsterhausen ein und besetzten die Zechen. Bergarbeiter waren stets den Übergriffen der Soldaten ausgesetzt, bis sie sich am 10. Dezember 1924 wieder zurückzogen

Ende der Zeche: Massenentlassungen, Arbeitslosigkeit, Hungerjahre

Steiger mit Wetterlampe 1916

Steiger mit Wetterlampe 1916

1928 schwappte die Weltwirtschaftskrise auch nach Holsterhausen. Die geförderte Kohle konnte nicht mehr abgesetzt werden. Die Kohlehalde von Baldur wuchs ständig an, die Feierschichten und Entlassungen steigerten Not und Arbeitslosigkeit. Die Gemeinde ließ von arbeitslosen Bergleuten Notstandsarbeiten durchführen. Der Zechenhafen entstand. Anhaltender Frost beschleunigte 1929 die Arbeitslosigkeit und 1930 lebte jeder sechste Holsterhausener von der Arbeitslosenunterstützung oder der Wohlfahrt. Im Zechenhafen wuchsen die Haldenbestände, auf Baldur waren nur noch 1.213 Bergleute beschäftigt.
Als 1931 die Eisenindustrie im Ruhrgebiet einknickte, ging der Verbrauch an Kohle rapide zurück. Am 1. Februar stellte die Zeche Baldur beim Demobilisierungskommissar den Antrag, 500 Bergleute entlassen zu dürfen, was zwei Wochen später geschah. Zur gleichen Zeit explodierte auf Baldur ein Kessel, was 100.000 Mark Schaden anrichtete. Am 12. Februar wurden schwere Schäden an der Straßenkanalisation der Gemeinde festgestellt, was zu Sperrungen ganzer Straßenzüge führte. Am 15. März erhöhte der Landrat für alle Gemeinden der Herrlichkeit die Biersteuer auf 10 Mark. Der Gemeindetat wies im Mai 1931 einen Fehlbetrag von 200.000 Reichsmark auf. Bis auf 129 Arbeiter, die unter und über Tage für Erhaltungsarbeiten der Anlagen verblieben, wurden alle Bergleute von Baldur am 23. März 1931 entlassen. Das offizielle Ende von Baldur war am 1. April gekommen. Die Baldurschächte wurden nun für die Bewetterung der Zeche „Fürst Leopold“ in Hervest-Dorsten genutzt.

Holsterhausen zählte zu den ärmsten Gemeinden in Deutschlands Industriegebieten. Die Not der Menschen verschlimmerte sich täglich. Die Gemeinde mit einer der höchsten Arbeitslosenquoten im Reich wurde zahlungsunfähig. Die Reichsregierung erklärte Holsterhausen zum Notstandsgebiet und setzte wegen der schlechten Finanzlage einen Staatskommissar ein.

Heute: der letzte sichtbare Teil der ehem. Zeche thront noch immer über Holsterhausen, Foto: JF

Baldur der Tapfere und Schöne: Baldur (oder Baldr, Balder) war der germanische Lichtgott, der Sohn Odins und der Frija. Nach der Edda war er tapfer, milde und schön. Da das Schicksal der Götter von Baldur abhängt, nimmt Frija allen Dingen und Wesen einen Eid ab, Baldur nicht zu verletzen. Loki gibt den nicht vereidigten Mistelzweig dem blinden Hödur, der Baldur damit tötet. Baldurs Tod leitet das Ende der Götter ein. Nach Erneuerung der Welt kehren Baldur und Hödur gemeinsam zurück.


Quelle:
Wolf Stegemann „Holsterhausen im Umbruch – Kaisers Krieg und Weimars Not. 1900 bis 1933“, S. 88-91 „Aufstieg und Fall der Zeche Baldur“, hg. von Ökumenischen Geschichtskreis Holsterhausen, Dorsten 2007.

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