Vestischer Kalender

Unter Schirmherrschaft der Landräte sind bislang 90 Ausgaben erschienen

Der Vestische Kalender ist das zweite, jüngere Publikationsorgan des Arbeitskreises vestischer Geschichts- und Heimatvereine e. V., des Dachverbandes aller Heimatvereine im Kreis Recklinghausen: ein facettenreicher Almanach für die Kultur und Geschichte zwischen Emscher und Lippe. Der Vestische Kalender entstand auf Initiative des Recklinghäuser Landrates Dr. Erich Klausener, der von 1919 bis 1920 zunächst kommissarischer, dann von 1920 bis 1924 regulärer Landrat des Kreises Recklinghausen war. Seitdem gibt es wie bei der Vestischen Zeitschrift die Tradition, dass der amtierende Landrat die Schirmherrschaft über dieses einmal jährlich erscheinende Magazin ausübt.

Der erste Kalender hatte 98 Seiten, heute ist er über 200 Seiten stark

1. Ausgabe 1923

Die erste Ausgabe des Vestischen Kalenders datiert vom Jahr 1923, in welchem die französisch-belgische Ruhrbesetzung und die Hyperinflation große Not ins Ruhrgebiet und ins Vest Recklinghausen brachten. Das erste Heft hatte 98 Seiten und weist bereits ein inhaltliches Konzept auf, dass sich – trotz aller Modernisierungen in der äußeren Gestalt – bis heute unverändert erhalten hat: bebilderte Beiträge aus den Sachgebieten Geschichte, Bergbau, Brauchtum und Heimatkunde, Sagen und Legenden sowie Kultur und Natur des Vestes, die durchschnittlich zwei bis fünf Druckseiten lang sind, lösen sich ab mit literarischen Texten in Prosa und Lyrik. Von Anfang an war daran auch die mittelwestfälisch-plattdeutsche Mundart beteiligt, und zwar in der Spielart, wie sie traditionell zwischen Emscher und Lippe gepflegt wurde und wird.

Ergänzung zur wissenschaftlich geprägten „Vestischen Zeitschrift“

Von seiner Gründungsphase an ist der Vestische Kalender ein Organ für die Heimatpflege im Vest und Kreis Recklinghausen geblieben. Der historische begründete Einzugsbereich reicht dabei von Bottrop und Buer bis Waltrop, von Lembeck, Dorsten und Haltern bis nach Castrop-Rauxel. Mit seinen vielseitigen populärwissenschaftlichen Beiträgen bildet er seit 1923 eine ideale Ergänzung zur streng wissenschaftlich ausgerichteten „Vestischen Zeitschrift“, deren umfangreiche Aufsätze sich ausschließlich der Stadt- und Landesgeschichtsforschung des nördlichen Ruhrgebietes widmen. Von 1937 bis 1951 hatte der Kalender im Namen den Zusatz „zugleich Heimatkalender für die Herrlichkeit Lembeck“, da dieser in jenen Jahren nicht erschien. Weil das Vest Recklinghausen eigentlich das bis 1803 kurkölnische Gebiet südlich der Lippe war (also nicht genau dem heutigen Kreis Recklinghausen entspricht), wurde die Herrlichkeit Lembeck in den anderen Jahrgängen fast nicht behandelt.

1934 der nationalsozialistischen Heimatideologie angepasst

Ausgabe 2017

Herausgeber und Autoren des Vestischen Kalenders unterwarfen sich der nationalsozialistischen Geschichts- und Heimatideologie. Etliche Dorstener Autoren, die für den Heimatkalender der Herrlichkeit Lembeck nicht mehr schreiben konnten, weil der Heimatverein Lembeck als Herausgeber das Erscheinen nach 1934 eingestellt hatte, arbeiteten für den „Vestischen Kalender“ weiter (Rassenkunde, Germanismus, Heimatgedanke als Ausgrenzung anderer usw.). Kriegsbedingt musste das Erscheinen des Kalenders 1944 und 1945 ausgesetzt werden. Erst 1949 wurde der Kalender wieder herausgegeben und anfangs  auch mit nationalsozialistisch belasteten Autoren wiederbelebt. – 1975 hat das Stadtarchiv Recklinghausen die redaktionelle Gestaltung des Kalenders übernommen, der in einer Auflage von 5000 Exemplaren erscheint und auf rund 200 bis 240 Seiten etwa 50 bis 60 Artikel veröffentlicht werden.

Václav Sedláček – ein vergessener Held aus Recklinghausen

Der Vestische Kalender 2020 enthält etwa 50 Beiträge, die sich auf 228 Seiten mit der Geschichte und der Gegenwart des Vests befassen, mit der Heimat, mit Kunst und Kultur sowie mit Freizeit und Sport. Es ist die nunmehr 91. Ausgabe, herausgeben von Maria Schütz und zusammengestellt von Matthias Kordes. Besonders beeindruckend ist eine Geschichte des tschechischen Historikers Martin Krsek über Václav Sedláček, auf den seit 2018 auf dem Friedhof in Prag-Branik eine Gedenktafel  verweist. Václav Sedláček stammte aus Recklinghausen und war Bäcker. Der 1917 in Recklinghausen geborene Václav Sedláček wuchs als Sohn eines Bergmanns in Dortmunder Straße in Recklinghausen auf, wo zahlreiche tschechische Familien lebten und sowohl ihr Nationalbewusstsein als auch ihr Zusammengehörigkeitsgefühl bewahrten. Im Zuge der Weltwirtschaftskrise kehrte die Familie 1932 zurück nach Böhmen. Dort fing Vaclav mit 15 Jahren als Hilfsarbeiter in einer Bäckerei an – und landete schließlich in Prag. Als sich der junge Recklinghäuser am 28. Oktober 1939 an Demonstrationen von Tausenden Tschechen gegen die deutsche Besatzungsmacht beteiligte, wurde er in der Žitná-Straße unweit des Wenzelplatzes von einer Polizeikugel tödlich getroffen. Er starb mit gerade mal 22 Jahren. Václav Sedláček war somit vermutlich das erste Opfer der nationalsozialistischen Besatzer im sogenannten Protektorat überhaupt. „Überraschenderweise blieb er aber für Jahrzehnte ein anonymer Held“, schreibt Krsek. Dem gegenüber wurde der zeitgleich am selben Ort erschossene Student Jan Opletal zu einem Symbol des Widerstands gegen die nationalsozialistische Okkupation. Warum dieser Unterschied? Auch darüber gibt der Artikel Auskunft.

Siehe auch: Heimatkalender der Herrlichkeit Lembeck


Quellen: Nach Online-Auftritt „Arbeitskreis vestischer Geschichts- und Heimatvereine“ (Aufruf 2017). – GenWiki „Vestischer Kalender“ (Aufruf 2017).  

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