Turbo-Abitur

Unterschriftensammlung gegen G8 und für G9 im 1. Halbjahr 2017 gestartet

Sollen Schüler in Nordrhein-Westfalen das Abitur nach acht oder nach neun Jahren machen? Auf diese Frage wird es vor der Landtagswahl im Mai 2017 keine Antwort geben. Das hat Schulministerin Löhrmann angekündigt. Es sei nicht sinnvoll, dass der jetzige Landtag noch eine Grundsatzentscheidung über das Turbo-Abi treffe, sagte sie. Viele Schüler, Lehrer und Politiker fordern eine Rückkehr zum Abitur nach neun Jahren – wie am Gymnasium Petrinum in Dorsten, der einzigen Schule im Kreis ohne Turbo-Abitur.

Elterngruppe „G9 – jetzt“ will über 1 Million Unterschriften sammeln

Das landesweite Volksbegehren gegen G8 (acht Jahre zum Abitur) startete im Februar 2017 ist gestartet (bis Juni 2017). Die Elterngruppe „G9 – jetzt“ (neun Jahre zum Abitur) will im ganzen Land mehr als eine Million Unterschriften sammeln. Viele Schüler und Eltern wünschen sich das alte Prinzip – Abi nach neun Jahren – zurück. Mit Stand März 2017 gab es das am Gymnasium Petrinum in Dorsten. Die Schule hatte es versuchsweise wieder mit Erfolg eingeführt. Wenn genug Unterschriften zusammen kommen, kann der Landtag die Forderung erfüllen – oder ablehnen. Dann käme es zum Volksentscheid über das Turbo-Abitur.

Gesundheitliche Störungen und sinkende Bildungsqualität

Pädagogen und Psychologen, Ärzte und Eltern halten das in NRW 2005 auf acht Jahre reduzierte Regelschulzeit für gescheitert. Ihre Bilanz: sinkende Bildungsqualität, wachsender Stress für Schüler, mehr Abbrecher. Mit 45 bis 50 Stunden pro Woche sei die Belastung der Kinder höher als es der Arbeitnehmerschutz für Erwachsene vorsehe. Die eingeführte Verkürzung der Schulzeit sei in Wirklichkeit eine „Schulzeitverdichtung“ mit negativen Folgen für die Gesundheit. Stressbedingte Schlafstörungen, Kopfschmerzen und Depressionen hätten zugenommen.

Hohe Anmeldezahlen am Petrinum als Stimmen für G9-Abitur zu deuten

Anmeldezahlen belegen es: Die 13 von über 620 Gymnasien in NRW mit weiterhin neunjähriger Schulzeit sind stark gefragt. Dennoch arbeiten sie nur auf Bewährung. Denn der Schulversuch läuft zunächst einmal nur für gut zehn Jahre. An den Schulen, die G8 und G9 parallel anbieten, will kaum einer das Turbo-Abi. Die Stunde der Wahrheit schlägt einmal im Jahr: Wenn Eltern ihre Kinder für die fünften Klassen anmelden, erfahren die Schulleiter auch, wie es um das Image der eigenen Schule bestellt ist. Von den 13 Gymnasien, welche die Schulzeit nicht verkürzt haben, bieten drei im Rahmen des Schulversuchs die achtjährige und die neunjährige Laufbahn parallel an. Besser gesagt: sie boten sie an. In Lohmar bei Köln hat man so viele auswärtige Anmeldungen fürs G9 gehabt, dass man die Kinder ablehnen musste. In Dorsten ist – wie erwähnt – das Gymnasium Petrinum nach nur zwei Jahren komplett zu G9 umgeschwenkt, wo nur zehn Eltern ihr Kind für G8 angemeldet hatten. Und die zehn Betroffenen sind bis auf zwei gern auch bei G9 zugestiegen. Die zwei Kinder sollten aufs G8, weil die Eltern bald in ein G8-Bundesland umziehen wollten.

Repräsentative Umfrage: Nur Eltern guter Schüler befürworten G8

Seit 2002 haben alle Bundesländer, außer Rheinland-Pfalz, G8 als einzigen gymnasialen Bildungsgang eingeführt. Zunehmend häufiger wurde zwischen 2002 und 2016 erneut die Möglichkeit für den neunjährigen Bildungsgang am Gymnasium geschaffen. Von dem Parallel-Angebot G8/G9 hat sich das Petrinum in 2011 verabschiedet, nachdem die Eltern mit überwältigender Mehrheit ihre Kinder zu G9 anmeldeten. Die Landeselternschaft hat 2016 eine repräsentative Umfrage zu dem Abitur nach acht bzw. nach neun Jahren gestartet. 50.000 Eltern nahmen teil und 79 Prozent davon sprachen sich für G9 in Abstimmungsbögen aus, online waren es sogar bis zu 80 Prozent, teilt die Landeselternschaft mit. Unter den Befragten seien auch Grundschuleltern, ehemalige Eltern und interessierte Mitbürger gewesen. Direktoren von Gymnasien hätten sich zu 70 Prozent für G9 ausgesprochen, außerschulische Lehrkräfte sogar mit 96,7 Prozent dafür gestimmt. Nur Eltern guter Schüler befürworten G8“, hat der Bielefelder Bildungsforscher Rainer Dollase nach der zweiwöchigen Befragung herausgefunden.

Bis Anfang März 1300 Unterschriften im Kreis gegen das Turbo-Abi

Nach einem Monat nach Auslegen der Unterschriftenlisten in den Rathäusern des Kreises hatten sich bereits Anfang März 2017 über 1300 Menschen gegen G8 ausgesprochen. Die meisten Unterschriften wurden in Recklinghausen und Herten gezählt, die wenigsten in Oer-Erkenschwick und Waltrop. Schon drei Monate nach dem Start des Volksbegehrens in NRW lag die Initiative auf einem Guten Weg, wie der Sprecher der „G9-jetzt“, Marcus Hohenstein, gegenüber dpa berichtete. Noch bis zum 7. Juni 2017 muss jede NRW-Kommune die Listen auslegen, auch an zwei Sonntagen (30. April und 28. Mai). Zudem werden bis zum 4. Januar 2018 freie Unterschriftensammlungen gegen das G8-Abitur gesammelt. Für den Erfolg der Initiative benötigt die Initiative Unterschriften von knapp 1,1 Millionen wahlberechtigten NRW-Bürgern.

Trotz Festlegung der neuen Regierung auf G 9 geht Volksbegehren weiter

Obwohl die gewählte neue CDU/FDP-Landesregierung in spe Mitte Juni 2017 verkündete, dass ab 2019 das G 9-Abitur wieder zum Regelfall werde, wird das Volksbegehren gegen das Turbo-Abitur am Gymnasium (G 8) fortgesetzt. Denn viele Details seien noch unklar, so die Initiatoren des Volksbegehrens, es gebe noch Fragezeichen und Ungereimtheiten. Denn sicher sei lediglich das Datum der Umkehr, das Schuljahr 2019/20. Offenbar soll das G 9-Abitur ab 2019 stufenweise eingeführt werden, also mit den Fünfklässlern starten und nicht laufende Gymnasialklassen einbeziehen. So sind Stundentafel und Ganztag, Raumangebot und Kostenhöhe der angekündigten Umstellung auf G 9 noch unpräzise. Elternvertreter fordern eine flächendeckende Umstellung ohne politisch offen gelassene Lücken für G 8-Ausnahmen.

Im Kreis machen nach wie vor mehr Mädchen als Jungen Abitur

Im Kreis Recklinghausen machen nach wie vor mehr Mädchen als Jungen Abitur. 2016 waren knapp 56 Prozent aller Abiturienten weiblich, melden die Landesstatistiker. Die Zahl ist gegenüber dem Vorjahr um zwei Prozent gestiegen. Vor allem in Dorsten machen vergleichsweise viele junge Frauen Abitur. In Herten ist die Quote kreisweit am niedrigsten – dort war weniger als jeder zweite Abiturient ein Mädchen (Stand: Mitte 2017).


Quellen: WAZ vom 14. Nov. 2013. – WDR vom 28. Nov. 2016.  – Claudia Engel „Große Mehrheit will G9“ in DZ vom 3. Januar 2017.

 

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