Spectra-Verlag

Engagierter Lehrmittel-Verlag startete 1971 in Dorsten

Einzig in seiner Art war in Dorsten der in Wulfen bis 2004 ansässige Spectra-Verlag. 1971 von Franz-Josef Kuhn gegründet und von ihm bis 2006 geführt, gehörte der Verlag, der jetzt seinen Sitz in Essen hat, nach Verkauf 1998 zunächst der Holzbrinck-Gruppe an, die ihn an die Westermann-Gruppe verkaufte. Logo des VerlagsDer Verlag, dessen Programm europaweit auf das Interesse von Pädagogen, Jugendforschern und Erziehungswissenschaftlern stößt, stellt Lehrmittel für Schulen der Klassen 1 bis 6 und für Kindergärten her. Der Verlag entwickelte eine eigene Philosophie des Lernens durch praktische Anwendung. Inzwischen hat der ehemals Dorstener Verlag, der die Zeitschrift „Elternratgeber“ herausgibt, Lizenznehmer in Polen, Österreich und in den Niederlanden. Er exportiert nach Slowenien, in die USA, nach Russland und Frankreich. 1995 gründete der Verlag die nach dem russischen Erziehungswissenschaftler genannte Nikitin-Gesellschaft für ganzheitliches Lernen. Auch ist die „abc-Gesellschaft zur Förderung des Lesen- und Schreibenlernens in der 3. Welt“ eine Initiative des Verlegers.

Franz-Josef Kuhn Gründer und kreativer Lehrmittel-Gestalter

Buchtitel "Caesar"

Buchtitel “Caesar”

1971 gründete Franz-Josef Kuhn den Verlag als Ein-Mann-Betrieb in der Marienstraße, zog dann um zum Südwall, expandierte und hatte zeitweilig über 20 Innendienst-Mitarbeiter/innen und über 30 im Außendienst. Der Verlag entwickelte jedes Jahr drei bis vier neue Unterrichtsmaterialien, die über ein eigenes Vertriebsnetz den 20.000 Schulen in Deutschland angeboten wurden. So nahm Kuhns Spectra-Verlag die Nr. 1 in Sachen didaktische Lehrmittel ein. In den 1980er-Jahren versuchte der Verlag eine Belletristik-Abteilung (Internationale Literaturfabrik im Multi Media Verlag Dorsten) zu schaffen. Nach Herausgabe einiger Bücher wie beispielsweise „Der Tod auf dem Drachenfels“ von Ivan Ibanji, stellte der Verlag das Vorhaben wieder ein. Ein Buch über Dorsten, das der Verlag 1992 für den Heimatkundeunterricht der 3. Grundschul-Klassen herausgab, war ein voller Erfolg.

Franz-Josef Kuhns bemerkenswerte Verlagsarbeit begann mit Haftbildelementen und dem Grundschulpaket für Rechnen und Mathematik. Beide Lernprojekte waren sehr erfolgreich und wurden “Verkaufsrenner”. Das pädagogisch gut ausgearbeitete Programm seines Verlags, der Kontakte auch in die Schweiz, nach Moskau, Österreich, Ungarn, in die Tschechoslowakei und vor der Wiedervereinigung auch in die DDR unterhielt, war:

„Die Schüler sollen so oft und so lange wie möglich persönliche und konkrete Erfahrungen machen, handelnd lernen und sich selbst kontrollieren, damit sie im Gleichgewicht von Innen und Außen leben und ZU SICH Vertrauen gewinnen können.“

„Caesaris commentarii belli Gallici: Bellum Helveticum“

Ein Buch des damals noch in Dorsten ansässigen Spectra-Lehrmittelverlag machte 1988 Furore an Gymnasien: C. J. Caesar et Rubricastellanus (Karl-Heinz Graf von Rothenburg) et Faber (Walter Schmid): „Caesaris commentarii belli Gallici: Bellum Helveticum“. Zwei behelmte Wächter tun wie geheißen. Sie bringen, begleitet von einem keltischen Priester in langem Gewand und mit wallender Haarpracht, die Landkarte Galliens herbei, entfalten sie, und der Druide, versehen mit einem spitzen Zeigestock, beginnt zu erklären: „Gallia est omnis divisa in partes tres …“ Dieser wohl bekannteste Anfangssatz eines lateinischen Buches steht in der Sprechblase eines neuen Comics, der Schülern die Lektüre eines Standardwerkes erleichtern soll, durch das Generationen von Latein-Eleven sich haben quälen müssen: Gajus Julius Caesars Bericht über seinen Feldzug gegen die Völker jenseits der Nordgrenzen des römischen Imperiums.

Die Idee hatte der Altphilologe Karl-Heinz Graf von Rothenburg, der sich mit dem Grafiker Walter Schmid zusammentat, um die ersten 29 Kapitel der Originalausgabe von Caesars Krieg gegen die Gallier als Comic für Schüler neu herauszugeben, textgetreu und mit lustigen Bildern. Im Gegensatz zu den erfolgreichen „Asterix“-Geschichten, in denen die Römer meist „durch den Kakao gezogen“ werden, rückt Graf Rothenburg im Caesar-Comic die „römische Geschichte wieder zu Recht“.  Die Mixtur aus Geschichte und Originaltext, ergänzt durch Schmids witzigen Strich, ist mit einer verkauften Auflage von über 11.000 Exemplaren gleich nach Herausgabe des 60 Seiten umfassenden Buches bei Schulen und Schülern gut angekommen („Der Spiegel“, 18. April 1988).

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