Neue Schule

2018 soll mit der Unesco-Schule ein neues Schulsystem etabliert werden

Eine Neuausrichtung des Dorstener Schulsystems stand bevor. Wie es andere Städte bereits vormachten, einige waren daran gescheitert, wollte Dorsten eine Sekundarschule errichten. Nach jahrelanger Auseinandersetzung zwischen Pädagogen, Schulpolitikern und Schulverwaltung hat der Stadtrat Mitte Dezember 2016 bei einer Gegenstimme den Grundsatzbeschluss gefasst, bis Mitte 2018 im Pliesterbecker Schulzentrum im Stadtteil Holsterhausen die Sekundarschule zu errichten. Eltern der Zweit- und Drittklässler wurden Anfang 2017 dazu befragt, ob „sie sich vorstellen könnten“, ihr Kind auf die Sekundarschule mit dem pädagogischen Konzept einer „Unesco-Schule“ zu schicken. Gesetzlich vorgeschrieben ist, dass mindestens 75 Eltern aus jedem Jahrgang ihre generelle Bereitschaft erklären mussten, um die Dreizügigkeit der Sekundarschule zu sichern. Im Februar 2018 meldete die Schulaufsicht führende Bezirksregierung Münster, dass die geplante „Neue Schule Dorsten“ nun dreizügig an den Start gehen konnte. Denn Eltern hätten 82 Mädchen und Jungen angemeldet. Und damit sieben mehr als vorgeschrieben. Die Dietrich-Bonhoeffer-Hauptschule sowie die Erich-Klausener-Realschule bildetzen dann ab August 2018 keine Eingangsklassen mehr. Hätten sich die Eltern mehrheitlich gegen die Sekundarschule ausgesprochen, wäre das Projekt Sekundarschule wieder vom Tisch, wie in einem „Schulkampf“ in den 1980er-Jahren eine von der SPD gewollte zweite Gesamtschule. Das war und ist den Dorstener Lokalpolitikern bewusst, denn schon 2014, als das Konzept noch gar nicht vorgelegen hatte, zitierte die „Dorstener Zeitung“ den damaligen Bürgermeister Lambert Lütkenhorst: „Wir brauchen ein groß angelegtes Marketing.“

Unesco-Schule: Bekämpfung der Armut, demokratische Teilhabe u. ä.

Dem Stadtratsbeschluss vom Dezember 2016 lag das 43-seitige pädagogische Konzept „Sekundarschule Dorsten“ zugrunde, das seit vier Jahren ein Arbeitskreis aus Lehrern aller Schultypen unter Leitung des Dorstener Soziologieprofessors Dr. Werner Springer zusammengestellt hatte und in dem die Ausrichtung der Sekundarschule als „Unesco-Schule“ erklärt wurde. Schüler sollten unabhängig von Herkunft, Religion, Weltanschauung und auch Begabung gemeinsam lernen. Die Leitlinien des Unterrichts standen in dem Konzept in vorgegebener Reihenfolge: Schutz der Umwelt, Prinzip der Nachhaltigkeit, Erziehung zur demokratischen Teilhabe, Achtung der Menschenrechte, Selbstständigkeit und Eigenverantwortung, Toleranz und Weltoffenheit, Globale Entwicklung und Bekämpfung der Armut. Doch das Konzept der in Dorsten geplanten Unesco-Schule beinhaltete weitergehende Strukturen, die offensichtlich der Dorstener Arbeitskreis entwickelt hatte: eine emanzipatorische Erziehung (größere Selbstbestimmung der Schüler), ein Rätesystem der Mitverwaltung, in welcher der Schülerrat lt. Darstellung in der Konzeption im Mitteilpunkt steht, und eine individuelle inklusive Förderung. Die Dorstener Sekundarschule sollte kein gymnasiale Oberstufe haben, aber „verbindlich“, wie es in dem Beschlussvorschlag hießt, mit mindestens einem der beiden Dorstener Gymnasien, dem Berufskolleg oder der Gesamtschule Wulfen kooperieren.

Eltern mussten der Schulreform noch zustimmen – oder sie ablehnen

Noch 2013 gab es eine Übereinstimmung, dass eine neu angedachte Sekundarschule ohne Abiturmöglichkeit scheitern könnte. Darauf wies auch ein wissenschaftlicher Gutachter der Universität Bielefeld hin. Auch der Arbeitskreis kam zu dem Besprechungsergebnis: „Wenn die Sekundarschule nicht zur Reste-Schule werden soll, die von den Eltern ignoriert wird, dann muss sie eine Oberstufe bekommen, damit die Kinder dort die Chance haben, gegebenenfalls auch ihr Abitur zu machen“ (DZ). Da aber eine Sekundarschule mit Oberstufe einer Gesamtschule gleich käme, die von der SPD und den Grünen immer wieder neu gefordert wurde, die CDU und die FDP mit ihrer Mehrheit aber dagegen waren, brachte der „Kompromiss“, doch keine Oberstufe einzurichten, Frieden in den „Schulkampf“ der Lokalpolitiker. Zwei Jahre später fand diese Konzeption ohne Abitur die Zustimmung der Politik aller Parteien.

Unmut an der SPD-Basis und bei der Stadtverbandsvorsitzenden

Nachdem der Rat der Errichtung der Sekundarschule und auch einer Befragung der Eltern zugestimmt hatte, regte sich in der SPD öffentlich Unmut. Die Stadtverbandsvorsitzende forderte eine offene Befragung der Eltern und kritisierte in der „Dorstener Zeitung“, dass der Rat die Elternumfrage nicht vor seiner Zustimmung durchführen ließ, wie es beispielsweise in der Nachbargemeinde Raesfeld geschah. Zudem war zu hören, dass weite Kreise in der SPD eine zweite Gesamtschule bevorzugen würde, was schon immer auf der Agenda der SPD gestanden habe. Daher sei die Zustimmung der SPD-Fraktion zur Sekundarschule für etliche SPD-Mitglieder – gelinde gesagt – irritierend.

In NRW gehen Anmeldungen zur Sekundarschule wieder zurück

Die Sekundarschule bis zur Klasse zehn wurde dann 2011 mit großen Erwartungen der Landesregierung NRW eingeführt. Doch die Entwicklung ließ zu Wünschen übrig und entwickelte sich zwiespältig. Die Zahlen der Anmeldungen gingen zurück. Wie das Schulministerium mitteilte, lagen die Anmeldungen 2016/17 an den 114 Sekundarschulen in NRW sogar unter 60 Schülern. Laut Schulgesetz ist diese Zahl bei dreizügigem Schulbestand die Mindestzahl. Einer Studie zufolge soll der Bestand in NRW mindestens bei neun, eventuell sogar bis zu dreißig Sekundarschulen gefährdet sein. Schulgutachter kritisierten, dass das Fehlen der Oberstufe in der Dorstner neuen Schule mit der Abitur-Möglichkeit ein grundsätzliches Problem wegen eines Schulwechsels darstelle. Da würden Eltern ihr Kind lieber gleich zur Gesamtschule schicken. Allerdings habe eine Sekundarschule auch den förmlichen Vorzug der Dreizügigkeit, während eine Gesamtschule vier Klassen haben muss.
Die Zustimmung Dorstener Mitglieder im Schulausschuss des Rats hingegen, die Mitte Dezember 2016 vor dem Ratsbeschluss die Sekundarschule befürworteten, fiel durchweg positiv aus. In der „Dorstener Zeitung“ vom 13. Dezember wurden einige Stimmen wiedergegeben: „Das Konzept hat uns überzeugt!“ (Tristan Zielinski, FDP), Bernd-Josef Schwane, CDU): Die Stadt habe ein ausgewogenes Schulangebot, „in der die Sekundarschule das i-Tüpfelchen darstellt.“ Die SPD-Ratsfrau Eva-Maria Slaghekke meinte, dass sie „froh gewesen wäre“, wenn man uns schon jetzt einen Kooperationspartner für die Oberstufe hätte nennen können. Günter Fraund (Grüne): „Kein Null-acht-fünfzehn-Konzept mit Chance auf Nachhaltigkeit.“ Auch die Lokalzeitung vertrat einen befürwortenden Standpunkt. Claudia Engel schrieb: „Die Sekundarschule in Dorsten hat eine Chance verdient. Das Konzept klingt schlüssig und ist attraktiv…“

Tag der offenen Tür warb im Schulzentrum für die Sekundarschule

Zum Tag der offenen Tür lud der Arbeitskreis „Neue Schule Dorsten“ im November 2017 in die Erich-Klausener-Realschule im Pliesterbecker Schulzentrum ein, um die geplante Sekundarschule vorzustellen. Vorgestellt wurden Musterklassenzimmer mit den Lehrmitteln und den speziellen Sitzarrangements der Schüler sowie die Fächerangebote. Für Fragen standen den Eltern und anderen Interessenten Lehrerinnen für Gespräche zur Verfügung, die im Arbeitskreis für die Sekundarschule mitarbeiten.

Minimal mehr Anmeldungen als erwartet, löste im Rathaus Euphorie aus

Wie die DZ im April 2018 berichtete, lagen nach Abschluss des Anmeldeverfahrens zu diesem Zeitpunkt 125 Anmeldungen für die Sekundarschule vor. Ursprünglich geplant war ein Start mit vier Klassen. Dass Eltern 125 Kinder anmelden würden, wurde ihm Rathaus wohl nicht erwartete, aber jetzt als  „hervorragend“ für die Einführung der „Neuen Schule“ als „stabile Bausteine“ bezeichnet (DZ). Es wurden sechs Kinder mehr angemeldet, als in einer vorangegangenen Umfrage Eltern angegeben hatten, dass sie sich vorstellen könnten, ihre Kinder in der neuen Schule anzumelden. Die übrigen Schulen, die Gesamtschule Wulfen sowie die Gymnasien Petrinum und St. Ursula, hatten so viele Anmeldungen bekommen, dass sie Kinder ablehnen mussten. Das mag mit ein Grund sein, warum die Anmeldezahl minimal höher war als erwartet. Beim Blick in die Statistik, welche Schüler aus welchen Grundschulen die Neue Schule bevorzugt hatten, ist ein hoher Zuspruch von der Agathaschule in der Altstadt (25), von der Antoniusschule in Holsterhausen (23) und von der Augustaschule in Hervest (27) feststellbar. Aber auch die Pestalozzischule auf der Hardt (11) und die Albert-Schweitzer-Schule im Dorf Hervest (13) schickten „Abordnungen“ an die Pliesterbecker Straße. Fünf Schüler der Montessori-Schule in Wulfen gaben der Neuen Schule den Vorzug. Und auch drei Förderschüler würden die Neue Schule besuchen. Sie ist Inklusionsschule. Zwei Millionen Euro aus dem Landesprogramm „Gute Schule 2020“ flossen in die Einrichtung der Sekundarschule für bauliche Maßnahmen und 800.000 Euro aus städtischen Mitteln in die Ausstattung. Die beiden Hauptschulen wurden zum Auslaufen an die Marler Straße in sanierte Gebäude verlagert.

Die Neue Schule profilierte sich als Talentschule

Mit einem neuen Landesschulversuchsollten rund 60 „Talentschulen“ im Land entstehen. Dorstens Schulpolitiker und andere setzten sich massiv für die seit 2018 in Betrieb befindliche „Neue Schule Dorsten“ ein. Jetzt sollte aus dieser Schule versuchsweise eine „Talentschule“ werden. Denn das wollen Dorstens Schulpolitiker. Ab dem Schuljahr 2019/20 nahmen an dem Schulversuch „Talentschule“ landesweit 45 allgemeinbildende und 15 berufsbildende Schulen teil. Es sollte erprobt werden, „ob die Leistungen und Erfolge von Schülerinnen und Schülern an diesen Schulen durch besondere unterrichtliche Konzepte, zusätzliche Ressourcen und Unterstützung bei der Schulentwicklung nachweisbar gesteigert werden können“, hieß es in einer Mitteilung des Schulministeriums. 20 Przent mehr Lehrer wurden dafür eingestellt. Die Stellen eingerichtet „zum Ausbau des Fachunterrichts, zur Entlastung und Unterstützung der Schulleitung, zur Reduzierung von Unterrichtsausfall, zur Erweiterung des außerunterrichtlichen Angebots sowie zur intensivierten Beratung von Schülerinnen und Schülern, so das Schulministerium. Außerdem wurde eine Stelle für Sozialarbeit zum Ausbau der Beratungs- und Elternarbeit eingerichtet. Zudem stand den „Talentschulen“ ein zusätzliches Fortbildungsbudget von 2500 Euro jährlich zur Verfügung. Der Schulträger, also die Stadt Dorsten, musste sich im Gegenzug durch den Einsatz von Mitteln aus Förderprogrammen dazu verpflichten, eine „sehr gute bauliche und digitale Ausstattung der Talentschulen“ zu ermöglichen.
Die Verwaltung, so die „Dorstener Zeitung“ (12. 11. 2018), „hat die Voraussetzungen für eine Bewerbung von Dorstener Schulen geprüft und ist zu dem Schluss gekommen, dass die Neue Schule Dorsten die Bewerbungs- und Auswahlkriterien grundsätzlich erfüllt.“ Weil sie eben auch Digital-Tafeln benutzt. Jetzt bewarb sich die Stadt Dorsten schriftlich für die „Talentschule“, welche die Schulkonferenz der betroffenen „Neuen Schule“ ausdrücklich begrüßte. Der Schulversuch lief dann an allen „Talentschulen“ jeweils für sechs Jahre. Für das Jahr 2026 war eine Evaluation des Schulversuchs geplant.

Für Schulerweiterung wurden 2020 zunächst 500.000 Euro bereitgestellt

Am 29. August 2018 startete die Neue Schule mit fünf Eingangsklassen im Schulzentrum an der Pliesterbecker Straße. Schon mit dem Pionierjahrgang wurde die angedachte Vierzügigkeit überschritten – fünf Klassen konnten seinerzeit gebildet werden. 2019 wiederholte sich der Anmeldeerfolg. Das hat viele Gründe. Einer ist, dass die Neue Schule Dorsten es im zweiten Anlauf die Aufnahme als „Talentschulen NRW“ geschafft hat und somit in den nächsten fünf Jahren eine besondere Förderung bekommt. Talentschulen sollen Chancengerechtigkeit, unabhängig von der Herkunft der Kinder, gewährleisten. Deshalb werden diese Schulen personell besonders gut ausgestattet. Insgesamt 60 Schulen aus NRW nahmen an diesem Schulversuch der Landesregierung teil. Bis zum Schuljahr 2022/23 sollen in der Neuen Schule in Dorsten sechs weitere 85 Quadratmeter große Klassenräume eingerichtet werden, zudem weitere drei Differenzierungsräume, ein Teamraum und drei Fachräume. Für diese Schulerweiterung wurden 2020 zunächst 500.000 Euro bereitgestellt, im Jahr darauf sollen 2,5 Millionen Euro folgen. Diese Mittel wurden im Investitionsprogramm des städtischen Haushaltes eingestellt. Die Räume im Schulzentrum Pliesterbecker Straße teilt sich die Sekundarschule mit der noch existierenden Erich-Klausener-Realschule, die 2024 ausläuft. Bis 2023/24 müssen der Neuen Schule 30 Räume zur Verfügung stehen, um den prognostizierten Schülern Platz zu verschaffen. Die Gesamtinvestitionssumme beziffert die Schulverwaltung bis 2023 auf 6,95 Millionen Euro.

Deutscher IQ-Preis für Hochbegabtenförderung zuerkannt

Die Neue Schule in Dorsten wurde im Oktober 2020 vom Mensa-Verein Deutschlands mit dem Deutschen IQ-Preis für Hochbegabtenförderung ausgezeichnet. Mit dieser Auszeichnung würdigt der 15.000 Mitglieder zählende Mensaverein inzwischen zum 15. Mal Projekte, die sich besonders um das Thema „Hochbegabung“ in der Öffentlichkeit verdient gemacht haben. Das Konzept der Sekundarschule hat die Mensaverantwortlichen beeindruckt. In einer Würdigung heißt es: „Das Konzept der Neuen Schule Dorsten bietet allen Schülerinnen und Schülern individuelle Lern- und Entwicklungsmöglichkeiten. An der Neuen Schule Dorsten kann jedes Kind, seinen Leistungen und seiner Begabung entsprechend, den für sich besten Bildungsabschluss erreichen, und es ergeben sich sehr individuelle Wege zur Vorbereitung auf das Studium oder den Beruf. So kann beispielsweise das Abitur sowohl in acht als auch neun Jahren erreicht werden.“ Mensa-Mitglied werden kann, wer in einem normierten Intelligenztest nachweist, dass er einen höheren Intelligenzquotienten hat als 98 Prozent der Bevölkerung. Ein Zweck des Vereins ist die Förderung von Wissenschaft und Forschung zur menschlichen Intelligenz.


Quellen: Pädagogisches Konzept Sekundarschule Dorsten“. – „Dorstener Zeitung“ vom 15. Okt. 2013, vom 25. März 2014, vom 23. Febr., 2., 13. und 16. Dez. 2016. – Claudia Engel in DZ vom 6. April 2018.  – DZ vom 14. Dez. 2019

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