Lehnert, Engelbert

„Schwarzer Waldmensch“ lebte 41 Jahr lang in der Einsamkeit

1889 in Heiden bis 1964 in Lembeck; Waldmensch. – Schwarz und ungeschoren sein Bart, Gesicht und Hände vor Schmutz starrend und dunkel verfärbt, war er eine Erscheinung, der man nicht gerade Vertrauen entgegenbringen konnte. Alles, was er besaß, trug er auf dem Leib, manchmal bis zu sieben Hosen und Jacken, die keine Knöpfe mehr hatten und mit Draht zusammengehalten wurden. Doch Engelbert Lehnert, der 41 Jahre lang in den Wäldern der Herrlichkeit lebte, war weder ein Unhold noch ein Kinderschreck. Er konnte nicht Tritt fassen in der ländlichen Gesellschaft, in die er am 26. Dezember 1889 in Heiden hineingeboren wurde. Daher lebte er von den Gaben der Bauern. Diese Art von Leben brachte ihm zweifelhafte Berühmtheit ein. „Schwarzer Engelbert des Münsterlandes“, „Geheimnisvoller Waldmensch“, „Der Unheimliche aus den Wäldern“ titelten die Medien.

Grabstein Lehnerts

Grabstein Engelbert Lehnerts an der Michaeliskapelle in Lembeck

Leben im Wald wurde zunehmend beschwerlich

Seine Eltern starben schon bald nach dem Ersten Weltkrieg, seine Geschwister zogen fort, das elterliche Anwesen ging in andere Hände über. Engelbert Lehnert hatte kein Zuhause mehr. So lebte er draußen, im Sommer wie im Winter, selbst wenn das Thermometer 20 Minus-Grade anzeigte. Den Zweiten Weltkrieg überlebte Engelbert in seinen Wäldern. Im ersten Kriegsjahr sah er die Flugzeuge, die über sein Gebiet zum Angriff nach Holland flogen, in den nächsten Jahren waren es Brände. Welche Ängste Engelbert in den Bombennächten ausgestanden haben mag, weiß niemand. Er überlebte den Krieg und danach die plündernden Russen und Polen. Engelbert Lehnert blieb in seinem Wald, auch wenn es mit zunehmendem Alter beschwerlicher für ihn wurde.

In der Abenddämmerung vom Auto angefahren

Am Rosenmontag des Jahres 1956 wäre er beinahe verbrannt, als seine Kleidung an einem angeheizten Futterkessel Flammen fing und seine Haut dabei hochgradig in Mitleidenschaft gezogen wurde. Engelbert kam ins Lembecker Michaelisstift in Obhut eines Arztes und der resoluten Schwester Herma. Nach einiger Zeit bezog er dort eine einfache Kammer. Es dauerte Monate, bis Engelbert Lehnert wieder gesund war. Er sollte – vom Sozialamt betreut – acht Jahre im Michaelisstift bleiben, verschlossen und wortkarg. Fragte ihn jemand nach seinem Waldleben, wurde er zornig, drohte mit der Faust und wendete sich ab. An einem Wintertag, es war der 1. Dezember 1964, wurde er in der Abenddämmerung von einem Auto angefahren. Schwer verletzt kam er ins Krankenhaus. „Mir fehlt nicks. Ik heb bloß de Beene tebrocken.“ Doch am 8. Dezember endete die ungewöhnliche Lebensgeschichte Engelbert Lehnerts. Eine große Trauergemeinde gab ihm in Lembeck das letzte Geleit.

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