Kirchenaustritte

Seit Jahren kehren immer mehr Gläubige ihren Kirchen den Rücken

Finsteres Gewölk über den Kirchen. Exakt 178.805 Katholiken sind 217.716 bundesweit aus der katholischen Kirche ausgetreten, das hat die Deutsche Bischofskonferenz Mitte Juli 2015 gemeldet. Damit liegt die Zahl der Kirchenaustritte doppelt so hoch wie im Jahr 2010, als die Missbrauchsskandale in der katholischen Kirche bekannt wurden, und sie liegt deutlich höher als 2013. Woran liegt das? Eine Umfrage der Deutschen Presseagentur (dpa) hat ergeben, dass der feudale Umgang des früheren Limburger Bischofs Tebartz-van Elst mit Geld einer der wichtigsten Gründe für Katholiken gewesen war, ihre Mitgliedschaft zu kündigen. Meistens geht diesem Schritt ein langer Entfremdungsprozess voraus, am Ende reicht ein Skandal wie der legendäre Tropfen im Fass, um auszutreten: die unsensible Beerdigungsfeier der Mutter mit einem Priester, der nicht einmal den Namen richtig aussprach. Oder der nicht erfüllte Patenwunsch bei der Taufe des jüngsten Enkels.
Beide großen Kirchen begründen die drastische Kirchenaustrittswelle 2014 allerdings mit einer Änderung im Steuerrecht. Ab 1. Januar 2015 wird die Kirchensteuer auf Kapitalerträge automatisch von den Banken an den Fiskus weitergeleitet, statt wie bisher der Betroffene sie über seine Steuererklärung zahlt. Das führte 2015 zu einer weiteren Austrittswelle. 2013 hatte beispielsweise die evangelische Kirche knapp 5 Milliarden Euro ein. Gut 75 Millionen Euro (1,5 Prozent) entfielen auf die Kapitalertragssteuer.

Bistum und Stadt Münster: Große Austrottssteigerungen

Dunkles Gewölk seit Jahren über den Kirchen

Im Bistum Münster begann die Kirchenaustrittswelle schon weitaus früher. Waren es dort im Jahr 2011 knapp 5.900 Austritte, stieg die Zahl bis 2013 auf über 10.100. In Münster selbst, einer sehr katholische Stadt, meldeten 2012 bei Amtsgericht 1.200 Bürger aus der Kirche ab, 2013 waren es schon 1.800. Im Jahr 2014 erreichte die Austrittswelle in der katholischen Kirchen einen neuen Höhepunkt.  In disem Jahr kehrten 11.859 Katholiken ihrem Bistum den Rücken. Das sind so viele wie noch nie in einem Jahr und 17 Prozent mehr als 2013. Im Kreisdekanat Recklinghausen betrug die Austrittssteigerung von 2013 zu 2014 sogar 24 Prozent. Hier erklärten 2014 exakt 1.604 Menschen ihren Austritt. Der Geschäftsführer für das Dekanat Recklinghausen sieht die Gründe neben der allgemeinen Unzufriedenheit vor allem auch zu einzelnen Themen und Ereignissen: Missbrauch, katholische Position zu wiederverheirateten Geschiedenen und gleichgeschlechtlichen Ehen.

Städte im Kreis Recklinghausen

Auch im Kreis Recklinghausen sind die Austrittszahlen der katholischen und evangelischen Kirche seit 2012 stark gestiegen.
Dorsten im Jahr 2012: 81Evangelische, 103 Katholiken; 2014: 169 Evangelische, 220 Katholiken
Marl im Jahr 2012: 128 Evangelische, 115 Katholiken; 2014: 225 Evangelische, 263 Katholiken
Haltern im Jahr 2012: 43 Evangelische, 76 Katholiken; 2014: 74 Evangelische, 160 Katholiken
Gladbeck im Jahr 2012:  95 Evangelische, 124 Katholiken; 2014: 218 Evangelische, 222 Katholiken

Kirchenaustritt des Holsterhausener Bergmanns und KPD-Mitglieds Gustav Labendz 1928

Ev. Bergleute traten in Holsterhausen bereits ab 1919 aus

Deutlich mehr Dorstener sind 2013 aus der katholischen Kirche ausgetreten als im Jahr zuvor. 192 Personen haben der Kirche den Rücken gekehrt, davon 72 allein aus der Gemeinde St- Agatha. Gegenüber 2012 ist dies eine Steigerung um 84 Prozent. Im gesamten Kreis Recklinghausen entschieden sich im vergangenen Jahr 1.294 Personen zum diesem Schritt, ein Anstieg um 87 Prozent im Vergleich zu 2012 (692).
In der evangelischen Martin-Luther-Gemeinde waren die Austritte ab 1919 kontinuierlich und steigerten sich bis in die Notjahre Anfang der 1930er-Jahre. Meist waren es Bergleute, die samt ihrer Frauen der Kirchen den Rücken kehrten. Bei Durchsicht der Namen fällt auf, dass es bei den meisten wohl politische Gründe waren. Denn ihre Namen tauchen wieder auf in den Mitgliederlisten der KPD, der SPD und der USPD sowie im Streik um die so genannte Gottlosenschule in Holsterhausen.

1937 Rekord in der katholischen St. Agatha-Gemeinde: 402 Austritte

In der Chronik der St. Agatha-Gemeinde, die Dechant Ludwig Heming 1913 angefangen und Pfarrer Franz Westhof weitergeführt hatte, ist das Thema Kirchenaustritte nur einmal vermerkt:

„Im Jahr 1937 erreichte die Zahl der Kirchenaustritte den Rekord von 402 Personen. Davon gehörten allerdings nur 34 zu den eigentlichen Pfarrkindern. Die übrigen 368 stammten fast ausnahmslos aus dem sog. SA-Hilfswerklager, das in der Nähe von Dorsten an der Lippe eingerichtet worden war [Lager an der Schleuse]. Es handelte sich dabei um Österreicher, die aus politischen Gründen aus ihrer Heimat geflüchtet waren.“

Im Dritten Reich Austritt aus den Kirchen und dann „gottgläubig“

Gottgläubigkeit ohne Kirche

Erstmals 1847 durch das Toleranzedikt Friedrich Wilhelm IV. in Preußen ermöglicht, wurden seine Bedingungen in Deutschland im Rahmen des Kulturkampfes gesetzlich festgelegt. Die Forschung unterscheidet mehrere Kirchenaustrittsbewegungen in der deutschen Geschichte. Die erste geschah schon vor dem Ersten Weltkrieg (getragen von Sozialdemokraten), die zweite ab 1919 (ebenfalls vornehmlich aus der Arbeiterschaft heraus, aber auch dem Bürgertum). Zwischen 1936 und 1940 waren in Deutschland und Österreich ähnlich viele Kirchenaustritte wie nach 1968 und nach 1989 zu verzeichnen. 1933 bis 1936 und nach 1945 in Westdeutschland (Adenauer-Zeit) gab es sogar Kircheneintrittsbewegungen. 1936 wurde auf den Melde- und Personalbögen der Einwohnermeldeämter sowie den Personalpapieren der Begriff „gottgläubig“ eingeführt. Da die Zugehörigkeit zu einer Religionsgemeinschaft wie auch „Freidenkertum“ im Nationalsozialismus nicht als karrierefördernd galt, bot die amtliche Bezeichnung „gottgläubig“ für konfessionslose Nationalsozialisten einen Ausweg, um so zu dokumentieren, dass man durch einen Kirchenaustritt nicht automatisch „ungläubig“ wurde.) getragen.

Demografie und Säkularisierung der Gesellschaft

Behördenschild, wo es hingeht!

Als Grund der Austritte führte der Religionssoziologe Detlef Pollack 2012 die Missbrauchsskandale in der katholischen Kirche an. Hinzu kämen die demografische Entwicklung und die allgemeine Säkularisierung der Gesellschaft. In einer Studie der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) aus dem Jahr 2014 wurden für Kirchenaustritte drei Hauptgründe festgestellt: Die Kirche sei unglaubwürdig, die Kirche sei gleichgültig und man brauche keine Religion fürs Leben. Auch wird als Grund für die vielen Kirchenaustritte die Änderung im Steuerrecht angeführ. Manche Wissenschaftler sehen darin sogar den Hauptauslöser der aktuellem Kirchenflucht. Bislang galt eine Übergangsregelung, nach der man wählen konnte, ob das Bankinstitut über die Kirchenzugehörigkeit informiert wurde oder entsprechende Angaben in der Steuererklärung gemacht wurde. Ab 2015 wird die Kirchensteuer auf Kapitalerträge automatisch von den Banken an das Finanzamt weitergeleitet, statt wie bisher bei der Steuererklärung. Das hat die Menschen verunsichert. Der Trend der Kirchenaustritte hielt auch 2015 an. Im Kreisdekanat der katholischen Kirche traten 1174 Menschen aus, im evangelischen Kirchenkreis 727. Vergleicht man die Zahlen mit denen von vor zehn Jahren, so ist bei beiden Volkskirchen ein Minus von elf Prozent zu erkennen.

Dorstener Katholiken-Bilanz für 2016

Die Zahl der Kirchenaustritte im Dekanat Dorsten ist 2016 im Vergleich zum Vorjahr zurückgegangen. 193 Katholiken erklärten im letzten Jahr ihren Austritt aus der katholischen Kirche, 216 waren es im Jahr 2015. Im Jahr 2016 sind im Bistum Münster 14. 670 Menschen durch die Taufe neu in die Kirche aufgenommen worden, 353 mehr als 2015. Die aktuelle Katholikenzahl in der Diözese lag Ende des Jahres 2016 bei 1,89 Millionen, das sind 16.636 weniger als ein Jahr zuvor. Münster ist hinter dem Erzbistum Köln weiterhin die zweitgrößte Diözese in Deutschland.
Ende 2016 waren 48.111 Dorstener Mitglied der katholischen Kirche. Ein Jahr zuvor waren es 48  438. Die Zahl der Gottesdienstbesucher (4923) blieb im Vergleich zum Jahr 2015 (4976) nahezu konstant. 374 Taufen wurde gefeiert (+32), 113-mal wurde kirchlich geheiratet (+1). Weniger Austritte, mehr Taufen – dennoch sinkt die Zahl der Protestanten und Katholiken auch in Nordrhein-Westfalen immer weiter. Das liegt vor allem an der Alterung der Gesellschaft. Immer mehr Gemeindemitglieder sterben.

Beide Kirchen verlieren stetig Mitglieder – und Steuereinnahmen

Für viele ein Ärgernis!

Wenn es auch weniger Kirchenaustritte 2016 gegeben hat, so geht die Erosion in den fünf nordrhein-westfälischen Bistümern weiter. In den Diözesen Aachen, Essen, Köln, Münster und Paderborn gibt es 7,25 Katholiken, das sind rund 75.000 weniger als 2015. In Deutschlands größter Diözese, dem Erzbistum Köln, rutschte die Zahl der Katholiken erstmals unter die Zwei-Millionen-Marke. Auch bei der Evangelischen Kirche von Westfalen ging die Zahl der Gläubigen 2016 um 1,6 Prozent auf 2,28 Millionen zurück (Vorjahr: 2,31) zurück. Der zweitgrößten deutschen Landeskirche im Rheinland gehörten 2016 noch 2,58 Millionen Mitglieder an – nach 2,63 Millionen im Vorjahr. Die Welle der Kirchenaustritte verlangsamte sich sowohl bei Katholiken als auch bei Protestanten. So traten 2016 noch insgesamt knapp 39.000 Katholiken in NRW aus der Kirche aus nach etwa 44.000 im Vorjahr.
Aus Sicht von Religionssoziologen hat der Mitgliederschwund der Kirchen tiefer gehende Gründe als nur akuten Ärger über die Kirchensteuer oder Skandale („Protzbischof“ Tebartz-van Elst, Missbrauch von Kindern). Die Kirchensteuer sei über Jahrzehnte eines der wichtigsten Motive, aus der Kirche auszutreten. Aber das dürfe man nicht isoliert sehen. Die Kirchensteuer werde von vielen als Belastung angesehen, weil sie sich schon komplett von der Kirche entfremdet hätten. Der entscheidende Punkt sei, dass Eltern ihre Kinder heute viel weniger religiös erziehen und taufen lassen würden. Grundsätzlich verlaufe die Abwanderung relativ stetig. Das spricht für langfristige Faktoren, eine Entfremdung über Jahre hinweg.

Warum treten Jahr für Jahr so viele Menschen aus den Kirchen aus?

Dazu gibt es unterschiedliche Theorien. Viele Experten warnen aber davor, allein akutes Entsetzen über Skandale oder das Verhalten von Kirchenfürsten – Stichwort „Protzbischof“ Tebartz-van Elst – als Auslöser zu sehen. Es gibt dann zwar mitunter erkennbare Ausschläge, etwa nach dem Missbrauchsskandal 2010 und die Aufdeckung der jahrzehntelangen Missbräuche im Chor „Regensburger Domspatzen“ um ein Beispiel zu nennen. Und während die Kirchen früher im Leben ihrer Mitglieder durchregierten, sind sie heute noch eine Institution unter mehreren. Dazu Andres Herholz in den „Ruhr-Nachrichten“ vom 22. Juli 2017:

„Die Führungen der Katholiken und Protestanten dürfen nicht länger die Augen verschließen, sondern müssen handeln. Da wird an alten Dogmen, überkommenden Traditionen eisern festgehalten. Da öffnet sich die Kirche zu wenig, reagiert nicht auf den gesellschaftlichen Wandel und hat es mit Reformen alles andere als eilig. Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit.“


Quellen: Pressestelle des Bistums Münster (Juli 2017). – „Süddeutsche Zeitung“ vom 22./23. Juli 2017.  – „Ruhr-Nachrichten“ (Dortmund) vom 22./23. Juli 2017.

 

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