Kirchenaustritte, katholisch

Informationen, Hintergründe und Zahlen im aktuellen Überblick

Immer mehr Menschen in Deutschland kehren den Kirchen den Rücken zu. Die Anzahl der Kirchenmitglieder sinkt kontinuierlich. Die Daten zeigen einen eindeutigen Trend: Den christlichen Kirchen fehlt es zunehmend an Mitgliedern. Mit Reformen möchten sie dem Weggang der Unterstützer und der Bedeutungslosigkeit entgegenwirken. Doch ihnen läuft die Zeit davon: Immer mehr Mitglieder in Deutschland treten aus der Kirche aus. Nach den letzten vollständigen Zahlen gehören den beiden großen christlichen Kirchen rund 41,4 Millionen Mitglieder an. Davon entfallen 21,6 Millionen auf die katholische Kirche, 19,7 Millionen Mitglieder sind evangelisch. Etwa jeder zweite Deutsche ist somit einer der beiden großen Kirchen zugehörig. Inzwischen sind jedoch auch etwa 34 Millionen Bundesbürger ohne eine Konfession. Ein anhaltender Trend: Waren es 1990 noch etwa 57,9 Millionen Deutsche, die Mitglied einer Kirche waren, sind es heute über 16 Millionen Gläubige weniger. Zugleich ist die Bundesbevölkerung weiter angestiegen. So kommt es, dass die Kirchen seither über ein Viertel ihrer Anhänger verloren haben. Im Jahr 2021 ist die Anzahl der Kirchenmitglieder erstmals unter die Marke von 50 Prozent der Gesamtbevölkerung gefallen.

Die markantesten Rückgänge hatte die katholische Kirche zu verzeichnen

360.000 Mitglieder verließen 2021 die Glaubensgemeinschaft. Die Anzahl der Kirchenaustritte liegt damit auf einem Rekordhoch. In Zukunft dürfte der Anteil der Kirchenanhänger nach Annahmen von Experten noch deutlich unter 50 Prozent liegen. Die Rede ist von einem Erosionsprozess. Längst ist diese Entwicklung von den hohen Glaubensvertretern wahrgenommen worden – Stichwort Synodaler Weg. Über diepassenden Mittel, um dem Mitgliederschwund entgegen zu wirken, herrscht jedoch weiterhin Uneinigkeit. In der katholischen Kirche, die besonders stark von der Entwicklung betroffen ist, ist ein reger Streit um die Zukunft des Glaubens ausgebrochen. Nach Veröffentlichung dieser Zahlen zeigten sich erstaunlich viele amtliche Kirchenvertreter verbal selbstkritisch. Georg Bätzing, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz: „Die Skandale, die wir innerkirchlich zu beklagen und in erheblichem Maße selbst zu verantworten haben, zeigen sich in der Austrittszahl als Spiegelbild.“ Der Würzburger Bischof Franz Jung sagte: „Ich bin verärgert über das problembeladene Bild, das wir als Kirche abgeben. Es darf niemanden verwundern, dass derzeit viele Menschen der Kirche das Vertrauen entziehen und auch unserem guten Tun die Zustimmung versagen.“ Der Freiburger Erzbischof Stephan Burger erklärte, dass ihn jeder einzelne Aistritt schmerzt. Die Gründe der Menschen könne er jedoch nachvollziehen. Generalvikar Ulrich Graf von Plettenberg vom Bistum Trier sprach von einer „Abstimmung mit den Füßen“. Auch Generalvikar Markus Magin vom Bistum Speyer erklärte, dass ihn die Zahlen der Jahrsstatistik traurig machten. „Die Zahlen zeigen deutlich, dass viele Menschen eine innere Bindung an die Kirche verloren haben und nun auch die äußeren Bindungen kappen.“

Viele Menschen haben sich von der Kirche entfremdet

Der Rückgang der Kirchenmitglieder lässt sich anhand mehrerer Faktoren erklären. So gibt es weniger junge Menschen, die mit kirchlichem Hintergrund aufwachsen. Die Anzahl konfessionsloser Kinder steigt. Auch später finden nur noch vergleichsweise wenig Menschen den Weg in eine Kirchengemeinschaft. Die große Mehrheit der ausgetretenen Mitglieder, ob Katholiken oder Protestanten, so die der Studie, nennen überhaupt keinen konkreten Anlass für ihren Austritt. Sie haben sich im Laufe der Jahre einfach von der Kirche entfremdet und ziehen irgendwann den Schlussstrich. Ein auffälliger Unterschied zwischen Katholiken und Protestanten sei jedoch, dass Katholiken häufiger austräten, weil sie sich wirklich über den Zustand ihrer Kirche aufregten, zum Beispiel über die massiven Missbräuche von Kindern und Jugendlichen und das verschleiernde Verhalten der vorgesetzten Amtsträger, die Diskriminierung von Frauen und Homosexuellen.
Der Reformstau der Kirchen: Vor dem Hintergrund der Abwanderung vieler Menschen stehen die christlichen Kirchen in Deutschland vor der Aufgabe, die Kirche an eine moderne Gesellschaft anzupassen. Darunter sind viele ungeklärte Fragen: Der Umgang mit Homosexuellen, die Rolle der Frau, Themen wie Abtreibung oder der Zölibat in der katholischen Kirche. In vielen dieser Fragen bedarf es mehr Debatte und Veränderung. Die Kirchen selbst sind im Streit um Veränderung und Erneuerung. – Zeitungsauszug: FAZ vom 3. August 2014.
Die Versäumnisse der Kirchen: Mit dem Bekanntwerden der Missbrauchsskandale ab Anfang der 2000er-Jahre sind die Kirchen in eine Vertrauenskrise geraten. Die Kirchenmitglieder an der Basis haben die Skandale um die jahrzehntelangen Vertuschungen sexuellen Missbrauchs Minderjähriger tief getroffen. Die Kirchen selbst ringen bis heute um den richtigen Umgang und die Aufarbeitung der Skandale. Besonders schwer betroffen ist davon die katholische Kirche. Sie ist durch die Vorkommnisse in eine schwere Vertrauenskrise geraten. In allen deutschen Bistümern sind inzwischen Missbrauchsfälle dokumentiert worden, es gibt zehntausende Opfer. Die Dunkelziffer dürfte weitaus höher sein. Kritiker werfen den Amtsträgern der katholischen Kirche vor, die Täter weiterhin zu decken, die Aufarbeitung zu behindern und Opfer nicht angemessen zu entschädigen.
Die Kirchensteuer: Und schließlich geht es noch ums Geld – die Kirchensteuer. So erheben die christlichen Kirchen für die Mitgliedschaft immerhin einen Satz von acht oder neun Prozent der Einkommensteuer. Je nach Einkommen kann die Kirchensteuer auf das Jahr gerechnet dann einige hundert Euro betragen. Wenn das Geld in Zeiten hoher Inflation sowieso knapp ist und zugleich die Identifikation mit der Kirche schwindet, geraten die Kosten für eine Kirchenmitgliedschaft in den Blick. Noch sprudeln die Einnahmen der Kirchen. Nicht zuletzt aufgrund des allgemein hohen Steueraufkommens. In den vergangenen fünf Jahren verbuchten sie so über zehn Milliarden Euro im Jahr.

Mit 155.322 Kirchenaustritten 2021 – Rekordzahl in NRW

Im Jahr 2021 waren in Nordrhein-Westfalen 155.322 Menschen aus der Kirche ausgetreten – so viele wie noch nie in der bis 2011 zurückreichenden Statistik des Justizministeriums. Der bisherige Höchstwert lag bei 120.188 Austritten im Jahr 2019. Im Jahr darauf, 2020, waren es 89.694, was im Allgemeinen mit der Corona-Pandemie erklärt wurde. Es dauerte lange, bis die Amtsgerichte etwa die Möglichkeiten für Online-Austritte ausgebaut hatten. Aus den Zahlen lässt sich nicht ablesen, wie sich die Austritte nach Konfessionen aufschlüsseln. 2021 war aber vor allem für die katholische Kirche eine Krisenzeit, die wegen der Missbräuchen und deren Vertuschungen durch die Bistümer anhält. Kirchenrechtler Thomas Schüller von der Universität Münster sagte, es sei derzeit nicht zu erkennen, wie die Talfahrt noch gestoppt werden könnte. „Die katholische Kirche rast mit diesen Zahlen in den Abgrund ihrer Bedeutungslosigkeit“ (dpa),

Kirchenaustritts-Rekord im Bistum Münster – erstmals mehr als 20.000

Die Zahl der Kirchenaustritte im Bistum Münster hat einen neuen Höchststand erreicht. 2021 verließen 22.604 Katholiken in dieser Diözese die Kirche, teilte die Bischöfliche Pressestelle mit. Im bisherigen Rekordjahr 2019 hatten 16.654 Katholiken die Kirche verlassen. 2020 gab es vorübergehend weniger Kirchenaustritte; damals 12.698. Dieser Rückgang kann allerdings auch damit zu tun haben, dass in den Lockdowns zu Beginn der Corona-Pandemie die Kirchenaustrittsstellen bei den Amtsgerichten zeitweise nicht erreichbar waren. 2021 stieg die Zahl der Austritte gegenüber 2020 um 9916. Die Austrittszahlen bilden das Geschehen im Bistum Münster 2021 ab; die Auswirkungen der jüngst veröffentlichten Studie der Universität Münster zum sexuellen Missbrauch im Bistum sind noch nicht berücksichtigt. Geradezu abgestürzt ist die Zahl der Teilnehmenden an Sonntagsgottesdiensten. 2021 waren dies 65.016 Menschen, das sind nur noch 3,7 Prozent der 1.763.393 Katholiken im Bistum Münster. 2020 waren es noch 89.062 Gottesdienst-Teilnehmende gewesen.

Immer weniger Gottesdienstbesucher/innen

Auch wenn der Rückgang der Messbesucher nicht unerwartet kommt, ist die Heftigkeit bemerkenswert: Zu Beginn der Corona-Pandemie im Frühjahr 2020 waren bundesweit wochenlang gar keine Gottesdienste in Präsenz gefeiert worden. Obwohl es solch umfassende Einschränkungen 2021 nicht mehr gab und Gottesdienste – mit Abstand und Mund-Nase-Maske – kontinuierlich gefeiert werden konnten, ging die Teilnehmendenzahl 2021 um 24.046 oder um beinahe 30 Prozent gegenüber dem ersten Pandemie-Jahr zurück. 2019 hatte der Gottesdienstbesuch noch bei 8,1 Prozent der Katholiken gelegen, in absoluten Zahlen bei 147.268 Menschen. Damit hat sich die Zahl der Messbesucher gegenüber der Vor-Corona-Zeit mehr als halbiert. Bischof Felix Genn sagte nach Angaben seiner Pressestelle, vor allem hätten „gravierende Fehler kirchlicher Verantwortungsträger im Umgang mit sexuellem Missbrauch zu den hohen Kirchenaustrittszahlen beigetragen“.

Bistum Köln: Massenhaft Austritte 2021 wegen Missbrauchsvertuschung

Das enorm gestiegene Interesse an Online-Terminen für Kirchenaustritte hat am Freitag in Köln zu einer Überlastung des Servers geführt. „Ich kann Ihnen sagen, dass wir mehr oder weniger zeitgleich etwa 5000 Zugriffsversuche hatten“, sagte ein Sprecher des Amtsgerichts Köln. Das habe den Server zusammenbrechen lassen, sodass die Buchungsseite nicht mehr abrufbar war. Derzeit erhitzt eine Krise um den Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki die Gemüter. Woelki hält ein Gutachten zurück, das den Umgang von Bistumsverantwortlichen mit Vorwürfen des sexuellen Missbrauchs gegen katholische Priester untersucht. Dieses Vorgehen Woelkis hat eine beispiellose Vertrauenskrise im größten deutschen Bistum ausgelöst. Der Kölner Stadtdechant Robert Kleine hatte gesagt, er könne derzeit niemandem einen Austritt aus der Kirche verdenken (dpa).

Austrittsbescheinigung des Holsterhausener Bergmanns Gustav Labendz, 1928

Im Dritten Reich Austritt aus den Kirchen und dann „gottgläubig“

Erstmals 1847 durch das Toleranzedikt Friedrich Wilhelm IV. in Preußen ermöglicht, wurden seine Bedingungen in Deutschland im Rahmen des Kulturkampfes gesetzlich festgelegt. Die Forschung unterscheidet mehrere Kirchenaustrittsbewegungen in der deutschenGeschichte. Die erste geschah schon vor dem Ersten Weltkrieg (getragen von Sozialdemokraten), die zweite ab 1919 (ebenfalls vornehmlich aus der Arbeiterschaft heraus, aber auch dem Bürgertum). Zwischen 1936 und 1940 waren in Deutschland und Österreich ähnlich viele Kirchenaustritte wie nach 1968 und nach 1989 zu verzeichnen. 1933 bis 1936 und nach 1945 in Westdeutschland (Adenauer-Zeit) gab es sogar Kircheneintrittsbewegungen. 1936 wurde auf den Melde- und Personalbögen der Einwohnermeldeämter sowie den Personalpapieren der Begriff „gottgläubig“ eingeführt. Da die Zugehörigkeit zu einer Religionsgemeinschaft wie auch „Freidenkertum“ im Nationalsozialismus nicht als karrierefördernd galt, bot die amtliche Bezeichnung „gottgläubig“ für konfessionslose Nationalsozialisten einen Ausweg, um so zu dokumentieren, dass man durch einen Kirchenaustritt nicht automatisch „ungläubig“ wurde.) getragen.

1937 Viele Kirchenaustritte in der Dorstener Agatha-Gemeinde

In der Chronik der St. Agatha-Gemeinde, die Dechant Ludwig Heming 1913 angefangen und Pfarrer Franz Westhof weitergeführt hatte, ist das Thema Kirchenaustritte nur einmal vermerkt:

„Im Jahr 1937 erreichte die Zahl der Kirchenaustritte den Rekord von 402 Personen. Davon gehörten allerdings nur 34 zu den eigentlichen Pfarrkindern. Die übrigen 368 stammten fast ausnahmslos aus dem sog. SA-Hilfswerklager, das in der Nähe von Dorsten an der Lippe eingerichtet worden war [Lager an der Schleuse]. Es handelte sich dabei um Österreicher, die aus politischen Gründen aus ihrer Heimat geflüchtet waren.“

Katholiken in Dorsten verlassen seit Jahren die Kirche in Scharen

Auch im eins „stockkatholischen“ Dorsten erlebt die katholische Kirche extremen Mitgliederschwund. Aber nicht erst in den Jahren um 2020. Die Pfarreien in Dorsten haben seit dem Jahr 2019 insgesamt rund 1.800 Mitglieder verloren. Das belegen aktuelle Zahlen, die das Bistum Münster auf Anfrage der „Dorstener Zeitung“ (DZ) zur Verfügung gestellt hatte. Deutlich wird in der Statistik aber auch, dass die Zahl der Gottesdienstbesucher in den letzten zwei Jahren deutlich zurückgegangen ist. Das hat mit der Corona-Pandemie zu tun, aber nicht nur. Der Besucherschwund setzte schon 20 Jahre vorher ein. In den Jahren um 2000 stellte der damals pensionierte Rendant Gerd Jägering fest, dass immer weniger Gemeindglieder im Kreisdekanat Dorsten die Gottesdienste besuchen. Er hatte es eich zur privaten Aufgabe gemacht, sonntags die Gottesdienste in den Kirche des Kreisdekanat zu besuchen und die Gottesdienst- und Messebesucher zu zählen. Er schrieb darüber Listen und war entsetzt, dass in einer Kirche, wo anfangs von rund 100 Besucher gezählt hatte dann nur noch 47 kamen. Als er die jeweiligen Pfarrer von seinen Zahlen in Kenntnis setzte, winkten sie nur ab. Jägering meinte, dass es ihnen entweder peinlich war oder sie wollten das wirklich nicht wissen.

Dechant Dr. Stephan Rüdiger: „Es muss sich fundamental etwas ändern“

Und heute? „Wenn ich Sonntag für Sonntag die leeren Kirchenbänke anschaue, dann weiß ich, dass das Interesse einfach nicht mehr da ist, und dass sich fundamental etwas ändern muss, damit Kirche wieder attraktiv wird und wir somit die Leute wieder erreichen können“, meint Dechant Dr. Stephan Rüdiger von St. Agatha in der DZ. Die Zahl der Katholiken in Dorsten ist von 35.323 (im Jahr 2019) auf 33.516 (2021) gesunken. Die Pfarrei St. Agatha hat 387 Mitglieder verloren, St. Paulus (Hervest) 242, in St. Matthäus (Wulfen, Deuten, Barkenberg) waren es 199, in St. Antonius/St. Bonifatius (Holsterhausen) 190 und in St. Laurentius (Lembeck, Rhade) 188 Mitglieder. Der Rückgang der Mitgliederzahl zwischen 2019 und 2021 ist zur Hälfte (928) auf Austritte enttäuschter oder verärgerter Mitglieder zurückzuführen: St. Agatha verließen 296 Gläubige, St. Matthäus 142, St. Antonius/St. Bonifatius 131, St. Laurentius 242 und St. Paulus 117 Mitglieder. Gleichzeitig tritt kaum noch jemand in die katholische Kirche ein. Im Jahr 2020 sogar niemand, im Jahr 2021 fünf – alle in St. Laurentius. Wieder aufgenommen in den Kreis der Katholiken wurden 2019 nur fünf Dorstenerinnen und Dorstener, 2020 waren es sechs und 2021 zehn. Auch die Zahl der Taufen ist seit 2019 (mit Ausnahme in St. Laurentius) rückläufig, ebenso die Zahl der Firmungen. Die Teilnehmerzahlen an der Erstkommunion sind seit 2019 zumindest in Holsterhausen, Lembeck/Rhade und Hervest leicht steigend. Den Pfarrer der Gemeinde St. Antonius/St. Bonifatius, Peter Boßmann, wundert die Entwicklung überhaupt nicht. „Das ist nicht überraschend und ich finde den Mitgliederschwund auch nicht besorgniserregend, sondern eher konsequent.“ Die Skandale der letzten Jahre, besonders der sexuelle Missbrauch an Kindern durch kirchliche Amtsträger, habe das Fass bei vielen zum Überlaufen gebracht. Kinder wurden auch von Dorstener Geistlichen missbraucht. Bekannt und erwiesen sind Missbräuche durch Kapläne an St. Agatha und von Montfortaner Patres im früheren Erziehungsheim Maria Lindenhof in der NS-Zeit, sowie in den 1960-Jahren im Dorstener Franziskanerkloster (siehe Missbrauch-Artikel im Dorsten-Lexikon).
Dechant Dr. Stephan Rüdiger glaubt, wie er in der DZ zitiert wurde, dass viele Menschen zwar immer wieder mal in ihrem Leben nach Gott oder einer „höheren Macht“ fragen, „aber offenbar braucht es beim Suchen nach Gott keine Kirche mehr“. Diese Haltung ziehe sich mittlerweile durch Generationen. Diese zunehmende Entfremdung führt nach Meinung von Stephan Rüdiger auch dazu, dass es immer weniger Priester gibt. „Wo sollen die Priester herkommen, wenn Heranwachsende damit nicht mehr vertraut gemacht werden und sie kirchliche Gemeinschaft nicht mehr erleben?“

Zur Sache: Rechtliches Verfahren des Kirchenaustritts

Der Austritt aus einer Kirche oder aus einer sonstigen Religions- oder Weltanschauungsgemeinschaft öffentlichen Rechts mit Wirkung für den staatlichen Bereich (z. B. Wegfall der Kirchensteuerpflicht, Wechsel der Konfession) ist durch Kirchenaustrittsgesetze der Länder geregelt. Er erfolgt durch Erklärung bei der zuständigen Behörde, i.d.R dem Amtsgericht, in dessen Bezirk der Erklärende seinen Wohnsitz hat. Die Erklärung kann mündlich zur Niederschrift des Urkundsbeamten des Amtsgerichts oder schriftlich in öffentlich beglaubigter Form abgegeben werden. Der Erklärende muss sich bei einer mündlichen Erklärung durch Vorlage eines gültigen Personalausweises ausweisen; sonstige Ausweispapiere reichen ggf. nur in Verbindung mit einer aktuellen Meldebescheinigung aus. Der Austritt kann von Personen, die das 14. Lebensjahr vollendet haben und nicht geschäftsunfähig sind, selbst erklärt werden, auch gegen den Willen des gesetzlichen Vertreters. Für Kinder unter 14 Jahren und Geschäftsunfähige erfolgt die Erklärung durch die gesetzlichen Vertreter, denen das Sorgerecht zusteht. Jedoch können nach dem Gesetz über religiöse Kindererziehung die gesetzlichen Vertreter ab dem zwölften Lebensjahr den Austritt nicht gegen den Willen des Kindes erklären. Die Zustimmung zum Austritt kann nur das Kind selbst abgeben. Das Amtsgericht erteilt eine Austrittsbescheinigung. Der Austritt wird mit Ablauf des Tages wirksam, an dem die Niederschrift über die mündliche Erklärung unterzeichnet oder die Erklärung in schriftlicher Form bei dem Amtsgericht eingegangen ist. Für den Kirchenaustritt wird eine Gebühr von 30 Euro erhoben.

Welche Folgen hat der Austritt aus der Kirche?

Der Kirche und den kirchlichen Verbänden entgehen durch die austretenden Mitlieder vor allem Einnahmen. Durch die fehlenden Steuereinnahmen kann die Finanzierung kirchlicher Projekte unter Druck geraten. Zahlreiche Wohltätigkeitsorganisationen, etwa die Caritas und die Diakonie, sind den Kirchen angeschlossen. Die Kirchen sind außerdem einer der größten Arbeitgeber des Landes. Rund 1,3 Millionen Angestellte beschäftigen die Kirchen als Träger der jeweiligen Unternehmen und Einrichtungen aktuell in Deutschland. Auch Bildungseinrichtungen wie Kindergärten, Schulen oder auch Hochschulen sind mitunter in kirchlicher Trägerschaft. Hinzu kommen kirchliche Einrichtungen aus dem Gesundheitswesen – Kliniken sind ein Teil davon. Zumindest teilweise werden die Kosten hierfür aus Mitteln der Kirchensteuer finanziert. Die Kirchen in Deutschland verfügen zudem über Tausende Baudenkmäler in Deutschland, nicht zuletzt historische Kirchen und Klöster, deren Instandhaltung die Kirchen mithilfe der Kirchensteuer ermöglichen. In vielen Fällen sind es aber pragmatische Gründe, die zum Verbleib der Mitglieder in der Kirche führen. Seit längerem sind arbeitsrechtliche Fragen ein Streitthema. Denn bis heute wird den Kirchen ein eigenes Arbeitsrecht zugestanden, nach welchem Arbeitnehmer kirchlicher Unternehmen sich richten sollen. Ist eine Person bei einem Unternehmen in kirchlicher Trägerschaft angestellt und tritt dann aus der Kirche aus, ist sie gewissermaßen auf die Duldung des Arbeitsverhältnisses durch die Kirchen angewiesen. Das gilt auch für Neueinstellungen. Auch dürfen beispielsweise nur Paare kirchlich heiraten, wenn zumindest eine der beiden Personen Mitglied der jeweiligen Kirchen ist.

Siehe auch: Missbrauch (Artikelübersicht)
Siehe auch:
Missbrauchsfälle


Quellen: Pressestelle des Bistums Münster (Juli 2017). – „Süddeutsche Zeitung“ vom 22./23. Juli 2017.  – „Ruhr-Nachrichten“ (Dortmund) vom 22./23. Juli 2017. – Angaben EKD/ Deutsche Bischofskonferenz zum Stand 31. Dez. 2021. – Stefan Diebäcker in DZ vom 2. Juli 2022. – WirtschaftsWoche, Thomas Ragniet, 28, Juni 2022. – Kirche+Leben vom 27. Juni 2022. 

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