Kirchenaustritte

Seit Jahren kehren immer mehr Gläubige ihren Kirchen den Rücken

Finsteres Gewölk über den Kirchen. Exakt 178.805 Katholiken sind 217.716 bundesweit aus der katholischen Kirche ausgetreten, das hat die Deutsche Bischofskonferenz Mitte Juli 2015 gemeldet. Damit liegt die Zahl der Kirchenaustritte doppelt so hoch wie im Jahr 2010, als die Missbrauchsskandale in der katholischen Kirche bekannt wurden, und sie liegt deutlich höher als 2013. „Die Menschen haben zum Teil keine Bindung mehr zur Kirche“, sagt Superintendentin Katrin Göckenjan 2018. Die aktuellen Zahlen bestätigen dies: Die Mitgliederzahlen im Katholischen Kreisdekanat Recklinghausen und Evangelischen Kirchenkreis sind 2017 erneut gesunken – um 1,1 Prozent bei den Katholiken, um 1,4 Prozent bei den Protestanten. Insgesamt sind im Jahr 2017 in der Region 1716 Menschen aus den beiden Kirche in der Region ausgetreten. Der Mitgliederschwund hält an. Ein Trend, der seit vielen Jahren besteht, wie der langfristige Vergleich zeigt: Von 2005 bis 2017 ist die Mitgliederzahl in der evangelischen Kirche um 15,6 Prozent, in der katholischen um 14,5 Prozent gefallen. Im Jahr 2017 traten von 204.344 Katholiken im Kreisdekanat 1064 aus, von 102.068 Protestanten im KIrcvhenkreis Recklinghausen earen es 652.
Woran liegt das? Eine Umfrage der Deutschen Presseagentur (dpa) hat ergeben, dass der feudale Umgang des früheren Limburger Bischofs Tebartz-van Elst mit Geld einer der wichtigsten Gründe für Katholiken gewesen war, ihre Mitgliedschaft zu kündigen. Meistens geht diesem Schritt ein langer Entfremdungsprozess voraus, am Ende reicht ein Skandal wie der legendäre Tropfen im Fass, um auszutreten: die unsensible Beerdigungsfeier der Mutter mit einem Priester, der nicht einmal den Namen richtig aussprach. Oder der nicht erfüllte Patenwunsch bei der Taufe des jüngsten Enkels.
Beide großen Kirchen begründen die drastische Kirchenaustrittswelle 2014 allerdings mit einer Änderung im Steuerrecht. Ab 1. Januar 2015 wird die Kirchensteuer auf Kapitalerträge automatisch von den Banken an den Fiskus weitergeleitet, statt wie bisher der Betroffene sie über seine Steuererklärung zahlt. Das führte 2015 zu einer weiteren Austrittswelle. 2013 hatte beispielsweise die evangelische Kirche knapp 5 Milliarden Euro ein. Gut 75 Millionen Euro (1,5 Prozent) entfielen auf die Kapitalertragssteuer.

Bistum und Stadt Münster: Große Austrottssteigerungen

Dunkles Gewölk seit Jahren über den Kirchen

Im Bistum Münster begann die Kirchenaustrittswelle schon weitaus früher. Waren es dort im Jahr 2011 knapp 5.900 Austritte, stieg die Zahl bis 2013 auf über 10.100. In Münster selbst, einer sehr katholische Stadt, meldeten 2012 bei Amtsgericht 1.200 Bürger aus der Kirche ab, 2013 waren es schon 1.800. Im Jahr 2014 erreichte die Austrittswelle in der katholischen Kirchen einen neuen Höhepunkt.  In disem Jahr kehrten 11.859 Katholiken ihrem Bistum den Rücken. Das sind so viele wie noch nie in einem Jahr und 17 Prozent mehr als 2013. Im Kreisdekanat Recklinghausen betrug die Austrittssteigerung von 2013 zu 2014 sogar 24 Prozent. Hier erklärten 2014 exakt 1.604 Menschen ihren Austritt. Der Geschäftsführer für das Dekanat Recklinghausen sieht die Gründe neben der allgemeinen Unzufriedenheit vor allem auch zu einzelnen Themen und Ereignissen: Missbrauch, katholische Position zu wiederverheirateten Geschiedenen und gleichgeschlechtlichen Ehen.

Kirchenaustritt des Holsterhausener Bergmanns und KPD-Mitglieds Gustav Labendz 1928

Ev. Bergleute traten in Holsterhausen bereits ab 1919 aus

Deutlich mehr Dorstener sind 2013 aus der katholischen Kirche ausgetreten als im Jahr zuvor. 192 Personen haben der Kirche den Rücken gekehrt, davon 72 allein aus der Gemeinde St- Agatha. Gegenüber 2012 ist dies eine Steigerung um 84 Prozent. Im gesamten Kreis Recklinghausen entschieden sich im vergangenen Jahr 1.294 Personen zu diesem Schritt, ein Anstieg um 87 Prozent im Vergleich zu 2012 (692).
In der evangelischen Martin-Luther-Gemeinde waren die Austritte ab 1919 kontinuierlich und steigerten sich bis in die Notjahre Anfang der 1930er-Jahre. Meist waren es Bergleute, die samt ihrer Frauen der Kirchen den Rücken kehrten. Bei Durchsicht der Namen fällt auf, dass es bei den meisten wohl politische Gründe waren. Denn ihre Namen tauchen wieder auf in den Mitgliederlisten der KPD, der SPD und der USPD sowie im Streik um die so genannte Gottlosenschule in Holsterhausen.

1937 Rekord in der katholischen St. Agatha-Gemeinde: 402 Austritte

In der Chronik der St. Agatha-Gemeinde, die Dechant Ludwig Heming 1913 angefangen und Pfarrer Franz Westhof weitergeführt hatte, ist das Thema Kirchenaustritte nur einmal vermerkt:

„Im Jahr 1937 erreichte die Zahl der Kirchenaustritte den Rekord von 402 Personen. Davon gehörten allerdings nur 34 zu den eigentlichen Pfarrkindern. Die übrigen 368 stammten fast ausnahmslos aus dem sog. SA-Hilfswerklager, das in der Nähe von Dorsten an der Lippe eingerichtet worden war [Lager an der Schleuse]. Es handelte sich dabei um Österreicher, die aus politischen Gründen aus ihrer Heimat geflüchtet waren.“

Im Dritten Reich Austritt aus den Kirchen und dann „gottgläubig“

Gottgläubigkeit ohne Kirche

Erstmals 1847 durch das Toleranzedikt Friedrich Wilhelm IV. in Preußen ermöglicht, wurden seine Bedingungen in Deutschland im Rahmen des Kulturkampfes gesetzlich festgelegt. Die Forschung unterscheidet mehrere Kirchenaustrittsbewegungen in der deutschen Geschichte. Die erste geschah schon vor dem Ersten Weltkrieg (getragen von Sozialdemokraten), die zweite ab 1919 (ebenfalls vornehmlich aus der Arbeiterschaft heraus, aber auch dem Bürgertum). Zwischen 1936 und 1940 waren in Deutschland und Österreich ähnlich viele Kirchenaustritte wie nach 1968 und nach 1989 zu verzeichnen. 1933 bis 1936 und nach 1945 in Westdeutschland (Adenauer-Zeit) gab es sogar Kircheneintrittsbewegungen. 1936 wurde auf den Melde- und Personalbögen der Einwohnermeldeämter sowie den Personalpapieren der Begriff „gottgläubig“ eingeführt. Da die Zugehörigkeit zu einer Religionsgemeinschaft wie auch „Freidenkertum“ im Nationalsozialismus nicht als karrierefördernd galt, bot die amtliche Bezeichnung „gottgläubig“ für konfessionslose Nationalsozialisten einen Ausweg, um so zu dokumentieren, dass man durch einen Kirchenaustritt nicht automatisch „ungläubig“ wurde.) getragen.

Demografie und Säkularisierung der Gesellschaft

Behördenschild, wo es hingeht!

Als Grund der Austritte führte der Religionssoziologe Detlef Pollack 2012 die Missbrauchsskandale in der katholischen Kirche an. Hinzu kämen die demografische Entwicklung und die allgemeine Säkularisierung der Gesellschaft. In einer Studie der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) aus dem Jahr 2014 wurden für Kirchenaustritte drei Hauptgründe festgestellt: Die Kirche sei unglaubwürdig, die Kirche sei gleichgültig und man brauche keine Religion fürs Leben. Auch wird als Grund für die vielen Kirchenaustritte die Änderung im Steuerrecht angeführt. Manche Wissenschaftler sehen darin sogar den Hauptauslöser der aktuellen Kirchenflucht. Bislang galt eine Übergangsregelung, nach der man wählen konnte, ob das Bankinstitut über die Kirchenzugehörigkeit informiert wurde oder entsprechende Angaben in der Steuererklärung gemacht wurde. Ab 2015 wird die Kirchensteuer auf Kapitalerträge automatisch von den Banken an das Finanzamt weitergeleitet, statt wie bisher bei der Steuererklärung angegeben. Das hat die Menschen verunsichert. Der Trend der Kirchenaustritte hielt auch 2015 an. Im Kreisdekanat der katholischen Kirche traten 1174 Menschen aus, im evangelischen Kirchenkreis 727. Vergleicht man die Zahlen mit denen von vor zehn Jahren, so ist bei beiden Volkskirchen ein Minus von elf Prozent zu erkennen.

Dorstener Katholiken-Bilanz für 2016

Die Zahl der Kirchenaustritte im Dekanat Dorsten ist 2016 im Vergleich zum Vorjahr zurückgegangen. 193 Katholiken erklärten 2016 ihren Austritt aus der katholischen Kirche, 216 waren es im Jahr 2015. Im Jahr 2016 sind im Bistum Münster 14.670 Menschen durch die Taufe neu in die Kirche aufgenommen worden, 353 mehr als 2015. Die Katholikenzahl in der Diözese lag Ende des Jahres 2016 bei 1,89 Millionen, das sind 16.636 weniger als ein Jahr zuvor. Münster ist hinter dem Erzbistum Köln weiterhin die zweitgrößte Diözese in Deutschland.
Ende 2016 waren 48.111 Dorstener Mitglied der katholischen Kirche. Ein Jahr zuvor waren es 48.438. Die Zahl der Gottesdienstbesucher (4923) blieb im Vergleich zum Jahr 2015 (4976) nahezu konstant. 374 Taufen wurde gefeiert (+32), 113-mal wurde kirchlich geheiratet (+1). Weniger Austritte, mehr Taufen – dennoch sinkt die Zahl der Protestanten und Katholiken auch in Nordrhein-Westfalen immer weiter. Das liegt vor allem an der Alterung der Gesellschaft. Immer mehr Gemeindemitglieder sterben.

Mehr Menschen kehrten 2018 der Kirche den Rücken zu

Die Zahl der Kirchenaustritte ist 2018 in Nordrhein-Westfalen deutlich gestiegen. Bei den Amtsgerichten erklärten insgesamt 88.510 Menschen den Kirchenaustritt, so das Justizministerium. Das sind rund 22 Prozent mehr als 2017. Damals hatten 72.588 Menschen der katholischen oder der evangelischen Kirche den Rücken gekehrt. Auch das bedeutete schon einen Anstieg gegenüber dem Jahr zuvor. 2016 gab es landesweit 70.717 Austritte. Dem Justizministerium lagen keine Daten zu der Verteilung nach Konfessionen und zu den Kircheneintritten vor. Auch zu den Motiven für die Kirchenaustritte konnte das Ministerium keine Angaben machen. In NRW leben laut der Medienberichte etwa 12,4 Millionen Kirchenmitglieder. Unter ihnen sind demnach rund 7,4 Millionen Katholiken und knapp fünf Millionen Protestanten. Der Kölner Kardinal Rainer Woelki sagte angesichts der Zahlen: „2018 war ein sehr dunkles Jahr, in dem das Vertrauen in die Kirche schwer erschüttert wurde. Wir wollen das Vertrauen der Menschen wiedergewinnen.“ Dazu gehöre, Fehler der Vergangenheit weiterhin schonungslos und konsequent aufzuarbeiten, um Misstrauen und Enttäuschung auszuräumen. Dazu gehört auch die sexualisierte Gewalt von katholischen Geistlichen an Kindern, die der Kölner Kardinal Rainer Woelki als „beschämend“ bezeichnete.

Warum treten Jahr für Jahr so viele Menschen aus den Kirchen aus?

Dazu gibt es unterschiedliche Theorien. Viele Experten warnen aber davor, allein akutes Entsetzen über Skandale oder das Verhalten von Kirchenfürsten – Stichwort „Protzbischof“ Tebartz-van Elst – als Auslöser zu sehen. Es gibt dann zwar mitunter erkennbare Ausschläge, etwa nach dem Missbrauchsskandal 2010 und die Aufdeckung der jahrzehntelangen Missbräuche im Chor „Regensburger Domspatzen“ um ein Beispiel zu nennen. Und während die Kirchen früher im Leben ihrer Mitglieder durchregierten, sind sie heute noch eine Institution unter mehreren. Dazu Andreas Herholz in den „Ruhr-Nachrichten“ vom 22. Juli 2017:

„Die Führungen der Katholiken und Protestanten dürfen nicht länger die Augen verschließen, sondern müssen handeln. Da wird an alten Dogmen, überkommenden Traditionen eisern festgehalten. Da öffnet sich die Kirche zu wenig, reagiert nicht auf den gesellschaftlichen Wandel und hat es mit Reformen alles andere als eilig. Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit.“


Quellen: Pressestelle des Bistums Münster (Juli 2017). – „Süddeutsche Zeitung“ vom 22./23. Juli 2017.  – „Ruhr-Nachrichten“ (Dortmund) vom 22./23. Juli 2017.

 

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