Holocaust-Gedenken 2022

Dorstener Erinnerungen an die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar

Stolpersteine, die an die Dorstener Familie Schöndorf erinnern

Am 27. Januar 1945 befreite die Rote Armee die Vernichtungslager Auschwitz und Auschwitz-Birkenau. An diesem Tag wurde international der Opfer des Holocaust gedacht. In Dorsten gab es rund um dieses Datum etliche Veranstaltungen.

Trio mit Musik und Texten in der Gnadenkirche Wulfen. Bereits am Sonntag (23. Januar) präsentierten vor rund 40 Besuchern Barbara Seppi (Alt), Jutta Wilbertz (Akkordeon und 2. Stimme) und Thomas Wilbertz (Klarinette und Gitarre) jiddische Lieder und Texte in der Gnadenkirche Wulfen. Damit erinnerten sie auf den Tag genau an die Deportation der letzten Dorstener Juden vor 50 Jahren, am 23. Januar 1942. Barbara Seppi beschäftigt sich schon seit vier Jahren intensiv mit der durch den Holocaust fast verlorenen gegangenen jiddischen Sprache, die eine große Ausdruckskraft aus einer Mischung von Lebensfreude mit Traurigkeit hat. So war es ihr ein Anliegen, genau am 80. Jahrestag der Deportation der verbliebenen Dorstener Juden an diese früheren Nachbarn zu erinnern. Barbara Seppi verlas ihre Namen, die von der Forschungsgruppe Dorsten unterm Hakenkreuz in persona Wolf Stegemann in den 1980er-Jahren erforscht und publiziert wurden und auf den Dorstener Stolpersteinen verzeichnet sind. Doch das Programm enthielt nicht nur grausige Erinnerungen, sondern auch den berühmten „Tanz auf dem Vulkan“. Bei dem Stück des Kabarettisten Friedrich Hollaender „An allem sind die Juden schuld“ lagen Witz und Tragik ganz nah beieinander: Der damalige Zeitgeist wurde sehr treffend auf die Schippe genommen. Barbara Seppi und Jutta Wilbertz sangen auch altbekannte Swing-Nummern wie „Bei mir biste sheyn“ uns ähnliche. Eingebettet in die Musik waren auch Texte. Barbara Seppi erzählte von Jenny Aloni, die am Tag nach der Reichspogromnacht 1938 vor der Brandruine ihres Elternhauses in Paderborn das Gedicht „Nach dem Sturm“ geschrieben hat. Auch Paul Celan hat einen drastischen Text über die Shoa verfasst: „Die Todesfuge“. Mit einem sehr schönen Klarinettensolo konnte Thomas Wilbertz den Schluss der Veranstaltung einleiten. Ganz am Schluss sangen die Besucher mit: „Shalom Aleichem“ – „Friede sei mit dir!“

Am eigentlichen Holocaust-Gedenktag (27. Januar) öffnet das Jüdische Museum von 14 bis 18 Uhr den Garten für alle Menschen, die im Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus einen Moment innehalten wollen.

Veranstaltungen des Paul-Spiegel-Berufskollegs. Seit Langen gehören zu Schulkultur des Paul-Spiegel-Berufskollegs Aktionen des jährlichen Holocaust-Gedenktags. Daher darf sich die Schule seit 2019 „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ nennen. Unter dem Motto „Ich – Du – Wir“ organisierte die Schule auch 2022  vielfältige Veranstaltungen als Beitrag zu Toleranz und Demokratieförderung, gegen Ausgrenzung und Rassismus. So führten zwei Abschlussklassen der Höheren Berufsfachschule Gesundheit und Soziales ihre Mitschüler durch ihre selbst erstellte umfangreiche Holocaust-Gedenkausstellung, zwei speziell geschulte Schülerinnen der Fachschule für Sozialpädagogik veranstalteten als Peer Coaches einen Workshop „Argumentationstraining gegen rechte Parolen“ und viele Klassen setzten sich kreativ mit dem Anlass auseinander und gestalteten Gedenkblätter, die nun in der Pausenhalle aushängen. Ein besonders ehrenvolles Andenken galt neben Paul Spiegel auch dem im Dezember 2021 verstorbenen Zeitzeugen Rolf Abrahamsohn (Foto), der die Schule oft besucht hat, um der jungen Generation von seinem Leben zu berichten und über die Unmenschlichkeit des NS-Regimes aufzuklären.
Den Höhepunkt der Woche bildete eine zentrale Gedenkfeier am 27. Januar, die erstmals digital als Videokonferenz präsentiert wurde. Musiklehrerin Silvia Pielmeier eröffnete die Gedenkstunde mit dem Lied „Für die Liebe“ (Berge) und der darin enthaltenen Botschaft: Wir haben die Wahl, uns zu entscheiden – für die Liebe, für die Menschlichkeit, für den Frieden. Nie wieder Hass – dazu rief auch eine vierköpfige Schülergruppe in Form eines Poetry Slams auf, die vom Profi Abdul Kader Chahin in einem Workshop auf diese Darbietung vorbereitet wurden. Ein Zeichen für Demokratie und Menschenwürde – „denn wir alle sind: Paul Spiegel!“

Erinnerungsrundgang mit Barbara Seppi. Rund 100 Teilnehmer, darunter eine Vielzahl Schüler des Gymnasium Petrinum, machten sich auf zum Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus und auf die Spurensuche durch die Stadt gegen das Vergessen. Die Veranstaltung am Holocaust-Gedenktag wurde initiiert durch das Bündnis „Wir in Dorsten gegen Rechts“, der Stadt Dorsten und unter Mitgestaltung durch Schüler des Gymnasium Petrinum. Ausgangspunkt war das Jüdische Museum, wo Moderatorin Barbara Seppi von der Stadtinfo an diejenigen erinnerte, die die nationalsozialistische Ideologie zu Feinden erklärt und verfolgt hatte. Sie erinnerte aber auch an diejenigen, die mutig Widerstand leisteten und anderen Schutz und Hilfe gewährten. Dazu wurde ein von den Schülern gemaltes Plakat „Zusammen gegen Antisemitismus“ gezeigt, das in Form von Buttons an die Teilnehmer verteilt wurde. Erste Station war die Gedenktafel für die jüdischen Mitbürger Dorstens, die während der nationalsozialistischen Diktatur gedemütigt, verfolgt, vertrieben und ermordet wurden. Barbara Seppi führte aus, dass es in Dorsten seit 1942 kein jüdisches Leben mehr gibt. Die Synagoge in der Wiesenstraße wurde 1938 zerstört.
Anschließend begaben sich die Teilnehmer zu den Stolpersteinen der Familien Metzger, Reifeisen und Joseph, wo das Schicksal der Familien  anschaulich und beeindruckend durch die Schüler beschrieben wurde, beispielsweise durch die szenische Darstellung der Verhaftung der Familie Metzger. In jedem Moment der Veranstaltung wurde deutlich, wie sehr sich die Schüler mit dem Thema Nationalsozialismus und dem Schicksal der Opfer aus Dorsten auseinandergesetzt haben. Die Schüler gestalteten Stolpersteine, auf denen das Leben der Familie aufgezeichnet wurde, sammelten Schlagworte zu den negativen Ereignissen, machten aufmerksam auf das Tagebuch der Anne Frank, das auch heute nichts an Wichtigkeit eingebüßt hat. Es wurde immer ein Gegenwartsbezug hergestellt und zum Abschluss sorgte ein von Schülern verfasstes Gedicht für einen Gänsehautmoment. Die letzten Zeilen werden sicherlich alle Teilnehmer noch lange begleiten: „Lasst uns gemeinsam dafür sorgen, dass sich dies nicht wiederholt. Für ein besseres Morgen ohne Angst und Sorgen, denn egal, wer du bist, du bist immer noch ein Mensch, der es betrifft. Was tust du, um es zu verhindern, um die Schmerzen der Betroffenen zu lindern.“

Die SPD Wulfen lud zum früheren Wohnhaus Moises ein. Zum Holocaust-Gedenktag lud die SPD Wulfen am Gedenktag zu einer Erinnerungsveranstaltung ein, zu der rund 30 Personen kamen. Gedenkort war das ehemalige Wohnhaus der früheren jüdischen Familie Moises an der Hervester Straße in Altwulfen (heute Sparkassen-Gebäude). Dort brachte der Heimatverein Wulfen 2013 eine Gedenktafel an, die an die prominente Familie Moises erinnert, die aus Wulfen von Wulfenern in übler Weise vetrieben wurde. In den 1960er-Jahren besuchte Joseph Moises zum ersten Mal wieder seinen Heimatort und war entsetzt, als er von alten Wulfenern im Hotel Humbert Stimmen hören musste: „Was will denn der Jude wieder hier!“ Das Meinungsbild hat sich geändert. Verena Rentmeister trug die Geschichte der Wulfener Familie Moises vor. Swen Coralic sprach über jüdisches Totengedenken und bat die Anwesenden, eine geknickte Rose vor der Tafel abzulegen. Musikalisch umrahmt wurde die Veranstaltung von Daniel Grüber mit Posaunenstücken.

Jüdisches Museum Westfalen. Am 30. Januar (Sonntag) eröffnete das Jüdische Museum (regulär geöffnet von 14 bis 17 Uhr) die Ausstellung „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ mit Werken der Künstlerin Maria Antonia Bußhoff. In ihren Arbeiten versucht die Künstlerin, Antisemitismus, Unterdrückung und Ausgrenzung am Beispiel der jüdischen Gemeinschaften entgegenzuwirken. Das Jüdische Museum und das Central-Kino-Center laden ein zur Vorstellung des Films „Winterreise“ zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus. Die Vorführung war zunächst für den 23. Januar geplant, wurde aber Pandemie-bedingt auf den 13. März, 11 Uhr, verschoben.

Auch das:
Entwürdigende Vergleiche des Holocaust 2022 in Marl mit Milch, Butter, Mehl …

Auch das: Mit einem fragwürdigen Holocaust-Vergleich hat Marls Bürgermeister Werner Arndt auf seiner Facebook-Seite eine Debatte ausgelöst – ausgerechnet am Jahrestag der Befreiung von Auschwitz  Zuerst trat die Redaktion der ZDF-Satire-Sendung „heute Show“ ins Fettnäpfchen: „Dinge, die man mal vergessen kann: Milch, Butter, Mehl. Dinge, die man nie vergessen darf: den Holocaust“ – Mit diesem Tweet wollten die ZDF-Redakteure das Gedenken an den Holocaust „humoristisch“ aufgreifen. Doch vielen Twitter-Nutzern blieb das Lachen im Halse stecken. Aufgrund der Kritik löschte die ZDF-Redaktion den Tweet und räumte ein, dass er missverständlich sei. Doch Marls Bürgermeister postete ihn am Gedenktag  auf seiner Facebook-Seite. „Der Vergleich ist unangebracht und verletzend“, reagierte eine Nutzerin entsetzt. Andere Nutzer verteidigten ihn als „Facebook angepasst“, „provozierend und zum Nachdenken anregend“. Der Bürgermeister meinte daraufhin in der Marler Lokalzeitung, er sehe im Vergleich des Holocaust mit Milch, Butter und Mehl die unsäglichen Gräueltaten des NS-Regimes nicht verharmlost.  Es käme ihm darauf an, die Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus lebendig zu halten, da seit Beginn der Corona-Pandemie antisemitische Verschwörungstheorien Aufwind erhielten.

… und 2014 in Rothenburg Celans „Todesfuge“ mit einem Fußballspiel

Über einen ähnlichen Vorfall weiß der Dorstener Journalist und Auto Wolf Stegemann aus Süddeutschland zu berichten. Der Autorenverband Franken lud im September 2010 auf Anregung des Mitglieds Stegemann zur Mitglieder-Jahresversammlung nach Rothenburg ob der Tauber ein. Bei einer Stadtführung erläuterte er den Schriftstellern und Dichtern die weit zurückreichende jüdische Geschichte der Stadt. Bei der abendlichen Lesung der Mitglieder trug auch der Vorsitzende des Autorenverbandes einen eigenen Text vor. Unter Beibehaltung des Textflusses und der Vortragsweise hatte er Celans „Todesfuge“ umgetextet. In der Todesfuge ist die Qual und der Tod jüdischer Menschen unübertrefflich und zu Herzen gehend dargestellt und setzt den ermordeten Juden eine Erinnerung. Aus dem Todeslager machte der Vorsitzende des Autorenverbandes einen Fußballplatz, aus den gepeinigten Juden Fußballer und aus dem Ganzen ein Fußballspiel. Dass niemand der anwesenden fränkischen Literaten und Literatinnen die Unmöglichkeit eines solchen Vergleichs aufgefallen zu sein schien, ist nach Ansicht von Wolf Stegemann zumindest unerklärlich. Daher brachte er seinen Protest zum Ausdruck und trat mit sofortiger Wirkung aus dem Autorenverband Franken aus.

Siehe auch: Forschungsgruppe Dorsten unterm Hakenkreuz
Siehe auch: Jüdische Gemeinde Dorsten
Siehe auch: Jüdisches Museum Westfalen

Anmerkung: Über die Zeit des Nationalsozialismus und der Geschichte der jüdischen Gemeinde und der Familien in Dorsten und in den damaligen Dörfern, heute Stadtteile, wird von Wolf Stegemann ausführlich in der Online-Dokumentation „Dorsten unterm Hakenkreuz“ (www.dorsten-untem-hakenkreuz) informiert. Zugrunde liegen die von ihm und Dirk Hartwich in den 1980er-Jahren herausgegebenen vier Bände „Dorsten unterm Hakenkreuz“, Ergebnisse jahrelanger Forschungsarbeit der damaligen gleichnamigen Forschungsgruppe, die dann auch das Jüdische Museum gründete.


Quellen: DZ-Artikel von Stefan Diebäcker (22. Jan.), Sabine Bornemann (25. Jan.), Hans-Peter Mohr (28. Jan.), Thomas Schönert (29. Jan.).   

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