Hod Hasharon

Bürger der israelischen Partnerstadt förderten jüdischen Museum

Dorstens israelische Partnerstadt Hod Hasharon („Perle des Bezirks“) liegt etwa 22 km nordöstlich von Tel Aviv an der alten römischen Heerstraße, die Jerusalem mit Caesaraea verband. Die heute 35.000 Einwohner große Stadt entstand in den 1960er-Jahren durch Zusammenlegung von fünf kleinen Gemeinden: Ramataim ist die älteste (gegründet 1924), Ramat Hadar, Hadar und Magdiel. 1991 wurde dieser Zusammenschluss zur Stadt erhoben. Hod Hasharon ist eine typische Pionierstadt der 1930/40er-Jahre. Im Ortsteil Ramat Hadar leben viele deutschstämmige Familien, die bereits in den 1930er-Jahren nach Palästina einwanderten.

Der moderne Teil der Stadt

Der moderne Teil der Stadt in der Nähe von Tel Aviv

Partnerschaft: Noch bevor Hod Hasharon 1994 Partnerstadt wurde, gab es vielfältige Kontakte: Forschungsgruppe Regionalgeschichte/Dorsten unterm Hakenkreuz, St. Ursula-Gymnasium, Jüdisches Museum, Freundeskreis Dorsten-Hod Hasharon (später umbenannt in Deutsch-Israelischer Freundeskreis Dorsten-Hod Hasharon). Bürger in Hod Hasharon sammelten für das jüdische Museum Exponate. Im Stadtteil Ramat Hadar wurde 1994 ein Dorsten-Park eröffnet. Gegenseitige private und offizielle Besuche und Reisen vertieften die Beziehungen. – In den 2000er-Jahren wurde von Seiten der Verwaltung in Hod Hasharon die Partnerschaft nicht mehr gepflegt, der Deutsch-Israelische Freundeskreis Dorsten-Hod Hasharon übte keine Aktivitäten mehr aus, so dass der Freundeskreis 2010 wegen Inaktivität aufgelöst wurde. Das Vermögen ging an das Jüdische Museum Westfalen. – Bei einem Besuch Bürgermeister Lütkenhorst und seines für Städtepartnerschaften zuständigen Mitarbeiters Ludwig Küpers im März 2011 in Hod Hasharon wurde in Gesprächen mit dem dortigen Bürgermeister Hay Adiv beschlossen, die Städtepartnerschaft zwischen Dorsten und der israelischen Stadt zu reaktivieren. Ende 2012 nahm Bürgermeister Lütkenhorst mit seinem Mitarbeiter Ludwig Küppers aus dem Bürgermeisterbüro an einem vom Israelisch-deutschen Städte- und Gemeindebund initiierten Kommunalkongress in Jerusalem teil und besuchte bei dieser Gelegenheit auch die Partnerstadt Hod Hasharon. 2014 war überraschend Hod Hasharons stellvertretender BürgermeisterAmir Kochavi in Dorsten, wo er von Bürgermeister Tobias Stockhoff empfangen wurde. Im Gespräch waren sich beide Kommunalpolitiker einig, die „Funkstille“ in dieser Städtepartnerschaft zu beenden und den Austausch, der jahrelang brachlag, wieder zu intensivieren.

BM Lambert Lütkenhorst und Hod Hasharons BM ....................2011

Dorsten BM Lambert Lütkenhorst (r.)  mit seinem Amtskollegen Hay Adiv 2011; Foto: photodina

 Standpunkte Pro und Contra Städepartnerschaft 1992

Contra: Weniger ist oft mehr!

Von Klaus-D. Krause
Hand aufs Herz, können Sie noch auf Anhieb sagen, wie viele Partnerstädte Dorsten zurzeit hat? Kleiner Tipp: 21 Städtepartner wie die Kölner haben die Dorstener nicht, aber sie geben sich alle Mühe, den Vorsprung der Rheinländer aufzuholen! Gegenwärtig stehen gleich zwei Kommunen, Rybnik in Polen und Hod Hasharon in Israel, im Wartestand für eine neue Städte-Ehe. Der Dorstener Harem dürfte sich bald weiter füllen, bleibt nur die Frage, ob auch das Dorstener Herz (und der Geldbeutel) für jede neue Bindung groß genug ist. Genau da setzt die Kritik ein. Jede neue Städtepartnerschaft nimmt den bestehenden Freundschaften etwas von ihrer Bedeutung, durch die inflationsartige Vermehrung geht das Besondere verloren. Dafür wachsen die Kosten: Ein Minimum an offiziellen Kontakten muss trotz aller Aktivitäten der Bürger aufrechterhalten werden, die neuen Partner erwarten sogar ein Maximum. Jede Reise, jedes Telefonat, jede Bewirtung von Gastdelegationen kostet aber Geld, das anderswo fehlt.
Es gibt respektable Gründe, Bindungen mit Rybnik und Hod Hasharon einzugehen. Die gab es auch im Falle von Crawley, Ernée und Dormans, ebenso sprach vieles für Waslala, Newtownabbey und Hainichen. Aber gibt es nicht auch gute Gründe für viel andere Städte auf dem Globus, aus nachbarschaftlichen gründen in Holland und Dänemark, aus humanitären Aspekten in Albanien, Russland oder Rumänien, aus welt- und entwicklungspolitischen Überlegungen zu Kommunen in Afrika oder Asien?

Wenn allein Bürgerkontakte den Ausschlag geben, die Stadt nur ihr Siegel hergibt und sonst kaum Aufwendungen (außer dem Verlust der ursprünglichen Idee einer engen Bindung) entstehen, dann lasst uns Köln doch endlich überholen, dann plädiere ich nicht für zwei, sondern für zehn, zwanzig, von mir aus fünfzig neue Partnerstädte.
Wenn jedoch vom Gedanken der internationalen Verständigung durch Jugendaustausch und persönliche Kontakte, noch etwas übrig ist, dann plädiere ich dafür, die Zahl der Partnerstädte zu reduzieren.Bigamie wird bestraft, Städte-Ehen mit acht Partnern führen zwangsläufig zum „Liebesentzug“ – wie im richtigen Leben verkommen echte Freundschaften zu flüchtigen Bekanntschaften, wenn es durch das Überangebot nicht mehr möglich ist, ausgewählte Beziehungen vernünftig zu pflegen. Zuerst würde ich übrigens Hainichen von der Partnerliste streichen. Bevor es Proteste hagelt: Dies ist eine reine „Etiketten-Frage“, die sich durch das deutsche Zusammenwachsen aufdrängt. Unter einer internationalen Städtepartnerschaft verstehe ich etwas anderes, nichts hindert die Dorstener, nach einem Wechsel des Status die Anstrengungen um die deutsch-deutsche Städte-Patenschaft Hainichen noch zu verstärken.

Pro – „Wenn nicht Dorsten, welche Stadt dann?“

Von Wolf Stegemann
Als Deutschland nach dem Krieg von der Völkergemeinschaft isoliert am Boden lag, wurde den deutschen Städten vor allem von amerikanischen Kommunen Partnerschaften angetragen. Eine amerikanische Stadt im mittleren Westen wollte schon 1947 mit Dorsten in freundschaftliche Beziehungen treten. Die Akten geben keine Auskunft darüber, warum Dorsten damals die entgegen gestreckte Hand nicht angenommen hat. Nicht nur wirtschaftliche Hilfe stand damals im Vordergrund der Anfrage aus Amerika. Man wollte persönliche Beziehungen zwischen den Bürgern beider Städte, um durch das Kennenlernen des jeweils anderen, Gräben zuzuschütten und Vorurteile abzubauen, die durch das menschenverachtende Wüten des deutschen Staatsterrors in Europa entstanden sind. Unwissen sollte durch Wissen ersetzt, die Toleranz gestärkt und Freundschaften geschlossen werden, die an Grenzen nicht haltmachen.

Jetzt haben Bürger eines Landes der Stadt Dorsten wieder die partnerschaftliche Hand gereicht: Bürgermeister, Rat und Einwohner der israelischen Stadt Hod Hasharon. Fast 50 Jahre nach dem Holocaust geben sie uns damit ein Zeichen der Verständigung und des Verständnisses. Vor dem Hintergrund unserer Geschichte stehen wir Deutsche in besonderer Verpflichtung und Verantwortung gegenüber den jüdischen Menschen unter uns und dem jüdischen Volk in Israel.
Bürger in Dorsten stellen sich schon lange dieser Verantwortung: Seit einem Jahrzehnt gibt es die Forschungsgruppe, die freundschaftliche Beziehungen zu ehemaligen Dorstener in Israel unterhält, seit wenigen Wochen gibt es hier ein jüdischen Museum, das nicht nur bei den Bürgern in Hod Hasharon Anklang und Bewunderung findet, es gibt eine rührige Volkshochschule und den Freundeskreis Dorsten Hod Hasharon, dessen Mitglieder den Erwachsenenaustausch pflegen, es gibt Schulpartnerschaften zwischen Dorsten und Hod Hasharon.

Dorstener Politiker stehen nun in der Pflicht, ihren Teil zu dieser Partnerschaft beizutragen, indem auch sie sich zu dieser Partnerschaft bekennen. Mit Frankreich, England, mit den Niederlanden sind wir bereits versöhnend zusammengewachsen. Hier bedürfte es kaum noch einer Partnerschaft unter dem Aspekt des gegenseitigen Kennenlernens. Rat und Verwaltung tun sich schwer, die Hand aus Israel anzunehmen. Oft hört man, dass sich Dorsten weitere Partnerschaften nicht „leisten könne“. Es ist noch keine Stadt an seinen Partnerschaften zugrunde gegangen, noch keine Stadtverwaltung und kein Rat haben sich an einer Städtepartnerschaft überarbeitet. Wer die Partnerschaft mit Israel oder die mit der polnischen Stadt Rybnik – auch hier stehen wir in einer besonderen Verpflichtung – aus finanziellen Gründen ablehnt, hat von Partnerschaften nichts verstanden.
Eine Stadt, die sich so zur jüdischen Geschichte und zum Geist der Toleranz und Aussöhnung bekennt wie Dorsten, steht eine Partnerschaft mit einer israelischen Stadt gut an. Das Pferd ist gesattelt, die Stadt braucht nur aufzusitzen. Wie sagte doch Ministerpräsident Rau, als er bei der Eröffnung des jüdischen Museums auf die noch ausstehende Partnerschaft mit der israelischen Stadt angesprochen wurde: „Wenn nicht Dorsten, welche Stadt dann?“

Beide Kommentare erschienen am 8. August 1992 in derselben Ausgabe der Dorstener Lokalausgabe „Ruhr-Nachrichten“.


Siehe auch:
Arad, Ron
Deutsch-Israelischer Freundeskreis
Dorstener Herbstgespräche
Israel-Stiftung
Israel-Tag
Löwenthal, Amos
Refaeli, Bar

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