Arad, Ron

Trauriges Schicksal eines jungen israelischen Offiziers aus Hod Hasharon

Von Wolf Stegemann – 1958 in Hod Hasharon, seit 1986 vermisst, vermutlich in Gefangenschaft gestorben;  israelischer Luftwaffenoffizier. – Ron Arad kennt in Israel jedes Kind. Er ist der zum Mythos gewordene israelische Soldat, der 1986 im Libanon von den schiitischen Amal-Milizen gefangen genommen und später der Hisbollah übergeben wurde.

Familie Arad in Hod Hasharon

Familie Arad in Hod Hasharon

Der Deutsch-Israelische Freundeskreis Dorsten Hod Hasharon führte im August 1993 eine Informationskampagne über das Schicksal des israelischen Piloten durch, um von Bundespräsident von Weizsäcker, Bundeskanzler Helmut Kohl und anderen zu fordern, sich weiter um die Freilassung Ron Arads zu bemühen. Es wurden Unterschriftenlisten ausgelegt, sie dem Bundeskanzler übergeben und diese vom damaligen Vorsitzenden des Freundeskreises, Wolf Stegemann, bei der Feierstunde zur Eingehung der Städtepartnerschaft Dorsten-Hod Hasharon im Oktober 1994 Bürgermeister Esra Benjamini überreicht. Bei einer Kundgebung im Herbst 1995 in Hod Hasharon, das jährlich zur Erinnerung an Ron Arad von der „Maarach“-Jugend (Arbeitspartei) auf einem Feld veranstaltet wurde, sprach der Dorstener Wolf Stegemann im Beisein der Familie Ron Arad auf Einladung des damaligen stellvertretenden Bürgermeisters Moshe Perlman über die Bemühungen des Dorstener Freundeskreises Dorsten-Hod Hasharon. – Bis heute gibt es keinen stichhaltigen Nachweis darüber, wie und wann Ron Arad in der Gefangenschaft ums Leben kam, wenn auch eine geheime Kommission des israelischen Militärs das Schicksal ihres vermissten Offiziers ergründet haben will.

Von Gefängnis zu Gefängnis geschleppt

Ron Arad als junger Soldat

Ron Arad als junger Soldat

In der Geschichte des Staates Israel – einer Geschichte von Kampf und Überleben – ist der Fall Ron Arad einzigartig. Seit 1986 beschäftigt sich die israelische Öffentlichkeit mit der Frage, ob der vermisste Soldat noch lebt oder schon längst tot ist. Jedes Mal, wenn die Israelis bereit waren, den Gedanken zu akzeptieren, dass Arad in irgendeinem unbekannten Gefängnis gestorben ist, tauchte plötzlich ein Informant auf, der bezeugen konnte, dass der israelische Oberleutnant sich in iranischen, syrischen oder libanesischen Händen befindet. Am 16. Oktober 1986 flogen der Navigator Ron Arad und der Pilot Yishai Aviram einen Angriff auf PLO-Ziele nahe der Stadt Sidon im Libanon. Eine mitgeführte Bombe explodierte vorzeitig und beschädigte das Kampfflugzeug so stark, dass die beiden mit dem Fallschirm aussteigen mussten. Während der Pilot mit einem israelischen Hubschrauber gerettet werden konnte, wurde Ron Arad gefangen genommen.

Ron Arad

Ron Arad mit Tochter Tuvia

Ein Gefangenenaustausch zwischen den Amal-Milizen und Israel war geplant, doch die Gespräche scheiterten an der starren Haltung Israels 1988. Seit dieser Zeit gab es kein Lebenszeichen mehr von Ron Arad – nur noch Gerüchte. Da die Hisbollah befürchtete, Israel könnte den Gefangenen militärisch befreien, wurde Arad – so eine Version – an iranische Revolutionsgarden übergeben, die im Libanon operierten. Israelische Geheimagenten, die den Aufenthaltsort herausfinden sollten, wurden erkannt und getötet. Schließlich setzte die israelische Organisation „Zur Freiheit geboren“ im Jahr 2003 eine Belohnung von 10 Millionen Dollar für Informationen aus, die den Aufenthaltsort Ron Arads nachweisbar belegen. Ohne Erfolg.

Militärkommission stellte den Tod von Arad fest

Im Jahr 2004 gründete der israelische Militärgeheimdienst eine geheime Kommission, die das Schicksal Ron Arads untersuchen sollte. Diese kam 2009 zu dem Ergebnis, dass Rod Arad tot sei. Dem Bericht zufolge sei Arad im Jahre 1990 an den Iran übergeben worden, wo Arad von  Revolutionsgarden unter strenger Geheimhaltung und in völliger Isolation gehalten wurde. Der Bericht stellte fest, dass Arad in die Mitte der 1990er-Jahre starb, nachdem er schwer krank wurde und ihm ärztliche Behandlung verweigert worden war. Er soll im Bekaa-Tal im Libanon begraben sein. Das Büro von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu reagierte mit der Feststellung, dass Israel dennoch weiterhin annehme, dass Arad am Leben sei.

Fünf Milliarden Dollar für den Iran – vergebens

Ron Arad in Gefangenschaft

2005 veröffentlichte die israelische Zeitung „Yedioth Ahronoth“ eine Meldung, dass in den frühen 1990er-Jahren Israel in Zusammenarbeit mit den USA dem Iran fünf Milliarden Dollar für Ron Arad angeboten hätte. Das Geld war als iranisches Vermögen bei der Revolution im Iran gegen den Schah 1979 auf Konten in den USA eingefroren worden. Doch daraus wurde nichts. 2006 war offensichtlich, dass wohl keiner der iranischen und arabischen Beteiligten mehr wusste oder wissen wollte, wo und wer gerade Ron Arad hatte und wo er verblieben war. Der libanesische Rundfunk berichtete am 28. August 2006, dass Ron Arad bereits 1988 erschossen worden sei, nachdem Israel einen Häftlingsaustausch abgelehnt hatte.

Ein Brief an die Familie mit zwanzigjähriger Verspätung

Im Oktober 2007 erhielt Israel einen 20 Jahre alten Brief von Ron Arad, den er an seine Familie in Hod Hasharon geschrieben hatte. Es war sein letztes Lebenszeichen, datiert vom 5. Mai 1988, seinem 30. Geburtstag:

„Ich muss euch sagen, dass ich mir sehr wünsche, euch wieder sehen zu können. Eine lange Zeit ist schon vergangen. Ein Jahr, nicht wahr? Ab und zu träume ich von euch, aber am Tag versuche ich, nicht zu oft an euch zu denken, um nicht zu deprimiert zu werden. Meiner Hand geht’s besser. Die wird aber nur okay sein, wenn ich wieder voll aktiv sein kann. Ich weiß nicht, wie ich es sagen soll, aber sagt bitte denjenigen was, die oben sitzen – unseren Leadern, der Regierung, denen, die irgendetwas unternehmen können, um mich hier rauszuholen. Der Libanon ist kein Ort, an dem man gerne sein möchte. Man sollte nicht in Gefangenschaft bleiben, wenn es andere Optionen gibt. Mit Hoffnung und gutem Willen kann alles passieren. Spielt aber nicht mit der Zeit. Tut, als gäbe es keine Zeit.“

In arabischer bzw. iranischer Gefangenschaft

In arabischer bzw. iranischer Gefangenschaft

Es war ein jahrelanges Auf und Ab von Hoffnungen und sich wiederholenden Enttäuschungen. Bis heute kann keine offizielle Stelle sagen, wo Ron Arad ist und wie es ihm geht. Ein Albtraum für seine Familie in Dorsten Partnerstadt Hod Hasharon: Die Tochter Arads, Yuval, war ein paar Monate alt, als das Flugzeug ihres Vaters im Libanon abstürzte. Auf einem inzwischen durch weltweite Kampagnen bekannt gewordenen Bild – das letzte Familienfoto – sieht man das kleine Baby auf den Schultern des jungen, stolzen Vaters sitzen. Wenige Wochen nach dieser Aufnahme ist der Vater zu einem Gespenst geworden. Ehefrau Tami, Mutter Batya und die beiden Brüder Rons – Chen und Dudi – reisten durch die ganze Welt, um Informationen über Rons Aufenthaltsort oder Zustand zu erhalten. Sie trafen Präsidenten, Regierungschefs, Uno-Beamte, Diplomaten, Geschäftsleute, Journalisten – Menschen, die Zugang und Kontakt zu den Schlüsselfiguren und Ländern haben könnten, die in diese Affäre verwickelt waren oder sind. Bis heute ist es trotz internationaler Bemühungen, vieler deutscher Initiativen der Geheimdienste und des Bundeskanzleramtes, und einer  Belohnung von zehn Millionen Dollar, die der Verein „Zur Freiheit geboren“ ausgesetzt hatte, nicht gelungen, Ron Arad lebend oder seine sterblichen Überreste wieder nach Hause zu bringen. Arads Spuren verloren sich.

2012 flog Dorstens Bürgermeister Lambert Lütkenhorst zusammen mit seinem Mitarbeiter im Bürgermeisterbüro nach Israel, um an einem Kommunalkongress in Jerusalem teilzunehmen. Zudem war er von Dorstens Partnerstadt Hod Hasharon an der jährlichen Gedenkfeier für Ron Arad eingeladen. Diese fiel aber wegen schlechten Wetters aus.


Quellen:
Eldad Beck, Deutschland-Korrespondent der israelischen Tageszeitung „Yedioth Achronot“. – Gespräche Wolf Stegemann mit der Familie Arad in Hod hasharon 1990, 1994, 1995. – Wolf Stegemann „Ron Arad – unser Anliegen“ in Israel-Nachrichten, Jerusalem 1991 und 1995. – Anke Klapsing „Freiheit für Ron Arad“ in „Freundeskreis Dorsten Hod Hasharon“, Dorsten 1994.

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