Goethe-Tafel

Kulturpolitiker diffamierten ehrenamtliches Engagement von Bürgern

Einweihung; von links: Grete Mai, Wolf Stegemann, Stadtrat Hans Löns, Stadträtin Petra Somberg, Werner KIrstein MdL, Bürgermeister F. Fragemann, Peter Mai

Einweihung der Bronzetafel; Bilderklärung am Ende des Textes

1999 etablierte sich unter dem Namen „Goethe-Stammtisch“ eine Gruppe Dorstener Bürger und Bürgerinnen, die bis 2003 zu öffentlichen Veranstaltungen mit klassischer Musik und Literatur in das Alte Rathaus am Markt eingeladen hatte, so dass 2004 der Trägerverein Altes Rathaus sowohl auf die Idee wie auf das Publikum des „Goethe-Stammtisches“ zurückgreifen konnte. Im Jahre 2000 brachte der Goethe-Stammtisch am Marktbrunnen eine Bronzetafel an, die an den kurzen Aufenthalt Goethes am Marktplatz 1792 erinnert. Der Tafel-Text lautet:

Auf der Rückreise von der „Campagne in Frankreich“ kehrte
Johann Wolfgang von Goethe
am 6. Dezember 1792 in die Schankstube des Rathauses am Markt ein
und trank Wein für 28 Stüber.
Für 15 Stüber wurde seine Kutsche geschmiert;
18 Stüber zahlte der Dichter für das Passieren der Lippebrücke
sowie vier Taler und 15 Groschen an der Poststation für Kutsche, Postillon und Pferde.

Planungsausschuss genehmigte ohne Diskussion und Gegenstimmen

g-goethe-tafelDen Nachweis, dass Goethe tatsächlich in Dorsten war, was früher schon mehrmals veröffentlicht aber nie belegt wurde, fand der Kultur-Journalist Wolf Stegemann (Ruhr-Nachrichten) 1984 im Goethe-Schiller-Literaturarchiv in Weimar. Goethes Diener hatte auf den Reisen von Frankreich über Düsseldorf und Dorsten nach Münster ein Büchlein geführt, in das er alle Ausgaben eintrug, auch die in Dorsten. – Die „Campagne in Frankreich“ war ein Kriegszug der deutschen Fürsten gegen die Revolutionsarmee Frankreichs, an dem Goethe als „Feldschreiber“ seines Weimarer Fürsten teilnehmen musste. „Campagne in Frankreich“ ist auch der Titel seiner niedergeschriebenen Erinnerung. Das bürgerschaftliche Engagement des Dorstener Goethe-Stammtisches, das auch die gesamte Finanzierung der Tafel-Aktion betraf, stieß bei Mitgliedern der CDU-Fraktion im städtischen Kulturausschuss, bei der Kulturveraltung und bei Mitgliedern des Vereins für Orts- und Heimatkunde auf bissige Ablehnung, da aus diesen Kreisen zu diesem Zeitpunkt der Beginn einer eigenen Aktion mit Geschichtstafeln geplant war. Zuvor genehmigte der zuständige Planungsausschuss der Stadt die Aktion des „Goethe-Stammtisches“ ohne Diskussion und Gegenstimmen. Der Kulturausschuss war überhaupt nicht zuständig. Für die Mitglieder des Goethe-Stammtisches ist es daher bis heute unerfindlich, warum sich öffentliche Ablehnung der Kulturpolitiker, die verwaltungstechnisch nicht damit befasst waren, mit beißendem Spott über Bürger der Stadt ergoss, die sich ehrenamtlich um dieses kleine Teilchen der Geschichte der Stadt bemühten. Die „Dorstener Zeitung“ schrieb am 27. Juni 2000 unter der Überschrift: „CDU-Politiker verbittert über Anbringung der Goethe-Gedenktafel“, dass Jochen Schräjahr (CDU) in der Kulturausschusssitzung gefragt habe, ob der Goethe-Stammtisch nun auch noch ein Goethe-Institut gründen wolle und der Leiter des Amtes für Kultur und Bildung, Franz-Josef Stevens, davor warnte, „Privatinitiativen derart gewähren zu lassen“. Dazu schrieb Rechtsanwalt Bernd Freer einen Leserbrief, der am 28. Juni 2000 in der DZ veröffentlicht wurde:

„Offensichtlich ist es in Dorsten nicht mehr möglich, an irgendeiner öffentlichen Veranstaltung teilzunehmen, ohne Gefahr zu laufen, von gewissen Kreisen einer gewissen Partei möglicherweise auch noch öffentlich diffamiert zu werden, überdies noch von Personen, die nach Kenntnis des Unterzeichnenden kulturell nicht unbedingt auf höchstem Niveau stehen…“ (Auszug).

Es war die Campagne in der Champagne, von der Goethe zurückkehrte

Stammtisch-Button

Stammtisch-Button

Die politische Ablehnungsposse eines Teils der Politiker fand eine öffentlich-mediale Ergänzung durch die Berichterstattung der Dorstener Ausgabe der „Westdeutschen Allgemeinen Zeitung“ (WAZ), weil deren Kulturredakteur glaubte, Goethe wäre nicht von einer „Campagne“ in Frankreich zurückgekehrt, sondern aus der „Champagne“. Und so stand es irrtümlich auch auf der Tafel. Denn der Mitarbeiter der Gießerei, der die Platte anfertigte, dachte, dass im vorgegebenen Wort „Campagne“ das h fehle. Ohne Rückfrage beim Auftraggeber machte er aus der „Campagne“ die „Champagne“ und glaubte, das wäre richtig so. Da vor Anbringung der Tafel diesen Lapsus kein Mitglied des Goethe-Stammtisches zu Gesicht bekam, blieb es bei der fehlerhaften und dennoch richtigen „Champagne“.

Nachdem Bibliothekar Christian Gruber als erster den Fehler bemerkte, informierte er den Goethe-Stammtisch, der beim Hersteller Ersatz für die fehlerhafte Tafel bekam. Zwischenzeitlich berichtete ein „Informant“ dem WAZ-Kulturredakteur über die Verwechslung des Wortes „Campagne“ mit „Champagne“, was dieser allerdings vorerst nicht als Schreib-Fehler betrachtete, sondern öffentlich bezweifelte, dass Goethe überhaupt aus der Champagne gekommen war, und begründete seine Zweifel mit der Feststellung, dass, sollte Goethe dort gewesen sein, dies in Dorstens Partnerstadt Dormans sicherlich bekannt sein müsste, den Dormans liege mitten in der Champagne.

„J. W. Goethes (Schaum)-Weinkonsum in allen Ehren – aber in der weinseligen Champagne ist der Herr Geheimrat nie gewesen. Sonst hätte Dorstens Partnerstadt Dormans womöglich auch die Ehre, an den deutschen Dichter erinnern zu dürfen…“ (WAZ).

Zeitung „türkte“, um zu diffamieren – der Schuss ging nach hinten los

Karikatur in der WAZ

Karikatur in der WAZ von Heiko Sakurai

Die Zeitung suggerierte den Lesern mit einem gestellten Foto, auf dem zwei Sektgläser und eine Sektflasche auf der Bronzetafel standen, dass wohl der sprudelnde Sekt den Mitgliedern des Goethe-Stammtisches so zugesetzt hätte, dass sie nicht mehr wussten, ob Champagne oder Campagne. „Campagne in Frankreich“ heißt ein Buch von Goethe, in dem er den Kriegszug, also die „Campagne in Frankreich“ beschrieb. Und diese „Campagne“ fand – was nachzulesen ist – in der „Champagne“ statt.  Die Duplizität der Begriffe mit und ohne -h- zu begreifen, war wohl für einige Dorstener zu hoch. Die WAZ bemühte sogar ihren Karikaturisten Sakurai, die Mitglieder des Goethe-Stammtisches deshalb auf die Schippe zu nehmen. Eines von ihnen wurde allerdings nicht mit Sekt- oder Weingläsern dargestellt, was für Goethe-Fans passender gewesen wäre, sondern mit einem schwingenden Bierhumpen in der Hand à la Oktoberfest. Was für ein Stilbruch! Andererseits aber: welche Ehre, karikiert zu werden! Goethe hätte sicherlich nicht nur über diese Karikatur geschmunzelt, vielleicht auch über die ganze Provinz-Posse, wenn er sie überhaupt zur Kenntnis genommen hätte.

Dem Goethe-Stammtisch gehörten an: Dr. Helmut Frenzel, Maria Frenzel, Magnus Kremser, Grete Mai, Peter Mai, Margret Scheich, Petra Somberg-Romanski, Wolf Stegemann, Günter Vonhoff und Dr. Karl-Christian Zahn.

Einweihung der Tafel

Auf YouTube ist unter „Goethe in Dorsten“ ein Ausschnitt eines Films zu sehen, der die Einweihung der Goethe-Tafel zeigt.

Facharbeit einer Schülerin mit einer Umfrage zur Goethe-Tafel am Markt

Goethe besteigt in Dorsten die Kutsche

Goethe besteigt in Dorsten die Kutsche

Im Schuljahr 2000/2001 verarbeitete Judith Kolbe die Provinz-Posse um die Goethe-Tafel in ihrer Facharbeit im Leistungskurs Deutsch des Gymnasium Petrinum unter dem Titel „Goethe und Dorsten. Der Dichterfürst in der kleinen Hansestadt“. Minutiös berichtete sie in ihrer Arbeit über die Auseinandersetzung im Kulturausschuss, in der CDU und in den Zeitungen. Ein halbes Jahr danach wollte sie in einer Umfrage auf dem Marktplatz wissen, ob Goethe mit Dorsten in Zusammenhang zu bringen sei. Sie befragte 120 Frauen, 100 Männer und 50 Jugendliche. Nur 15 Prozent der Befragten war der Besuch Goethes in Dorsten 1792 bekannt und nur fünf der 220 Befragten Dorstener hatten die Gedenktafel bereits im Original gesehen, andere hatten nur aus Zeitungsbereichten darüber gelesen. Befragte Personen im Alter von über 70 Jahren wussten mehrheitlich von Goethes Aufenthalt (Frauen 25 Prozent, Männer 40 Prozent). Von den 20- bis 30-Jährigen wusste keiner der Befragten, dass Goethe schon einmal in Dorsten gewesen war, bei den 30- bis 40-Jährigen nur Eindrittel und von den gleichaltrigen Frauen wusste keine Befragte davon. Judith Kolbe veröffentlichte auch Eindrücke von der Reaktion der Befragten. Diese waren unterschiedlich: „Nein, ist mir aber auch egal.“, „Kann ich mir nicht vorstellen, dass der mal hier war“, „Ach, das ist ja interessant“, „Also, das glaube ich Ihnen jetzt aber nicht“, andere flüchteten mit ihrem Nichtwissen in Ausreden: „Wir kommen nicht aus Dorsten, wir sind zugezogen“. – Das obige Foto zeigt die Einwehung der Tafel am Marktplatz mit Grete Mai, Wolf Stegemann, Stadtrat Hans Löns, Stadträtin Petra Somberg, Landtagsabgeordneter Werner Kirstein, Bürgermeister Friedhelm Fragemann und Peter Mai (v. l.).


Siehe auch:
Marktplatz


Quellen:
Broschüre „Goethe in Dorsten“ hg. vom Goethe-Stammtisch 2000. – RN vom 22. Juni 2000. – RN vom 28. Juni 2000. – WAZ vom 8. Juli 2000. – Michael Klein „CDU-Politiker verbittert über Anbringung der Goethe-Gedenktafel – Nun auch noch ein Goethe-Institut?“ in Dorstener Zeitung vom 27. Juni 2.000. – Ralph Wilms (raw) „Der Durst des Dichters“ in WAZ vom 3. Juni 2000. – Ralph Wilms (raw) „Champagne ohne Goethe“ in WAZ. – Ralph Wilms (raw) „Hier war Goethe nicht“ in der WAZ vom 28. Juni 2000. – Heiko Samurais Karikatur in der WAZ vom 1. Juli 2000. – Judith Kolbe „Goethe und Dorsten“, Facharbeit im Leistungskurs Deutsch, Gymnasium Petrinum, Schuljahr 2000/01. – In Youtube (Goethe in Dorsten) ist ein Ausschnitt eines Films zu sehen, der die Einweihung der Goethe-Tafel zeigt.

Share on FacebookTweet about this on TwitterShare on Google+Email this to someone