Garagen-Streit

Heftige Auseinandersetzung 1985 in der Zechensiedlung Hervest-Dorsten

Bei der Planung Zwischenbebauung kam es zum Garagen-Streit; Foto: Baukunst NRW

Von Wolf Stegemann

Bevor die Zechensiedlung Hervest-Dorsten 1986 eine Gestaltungssatzung bekam und 1987 als „Gartenstädtische Arbeitersiedlung“ unter Denkmalschutz gestellt und saniert wurde, fanden ab 1984 immer wieder heftige Auseinandersetzungen zwischen Bewohnern, Planern, Stadt, Hoesch-Wohnungsgesellschaft statt, der auch über die Lokalpresse ausgetragen wurde. Die anhaltende Kritik und die Berichterstattung darüber veranlasste die Hoesch-Wohnungsgesellschaft zu einer langen Stellungnahme, die in der Lokalpresse – am 17. März 1984 in den „Ruhr-Nachrichten“ – veröffentlicht wurde. „Während die Berichterstattung zumeist sachlich und richtig ausfiel, waren die Kommentare und Leserbriefe häufig emotional geladen und gaben die Tatsachen nicht immer korrekt wieder.“ Die Hoesch-Wohnungsgesellschaft behauptete, dass die meisten Kritiker der Planungsabsichten außerhalb der Bergmannsiedlung wohnten und gar nicht zum Kreis der Betroffenen gehörten. Wenn sich aber betroffene Mieter ihre Interessen von den von ihnen gewählten Ratsmitgliedern und vom Betriebsrat der Zeche Fürst Leopold vertreten lassen, „kann eine ungerechte Einmischung sehr schnell zu einer unerwünschten Bevormundung werden“. Und an anderer Stelle heißt es: „Aus unseren Gesprächen mit vielen Mitarbeitern wissen wir, dass nur wenige noch einen großen Garten bewirtschaften wollen. Die meisten möchten lieber einen kleinen Individualbereich, im dem sie sich an Sonntagen zusammensetzen können. … Die Kinder können auf den neuen Spielplätzen, die von der Stadt Dorsten angelegt werden, nach Herzenslust herumtollen …“

Hartnäckigkeit der Bewohner verhinderte Monster-Garagenhöfe

Dies blieb den Bewohnern dann doch erspart

1985 entbrannte während der anderen anhaltenden Auseinandersetzungen ein Streit, die Errichtung von großen Garagenanlagen in den großflächigen Gärten der Siedlung, der als „Garagenkrieg“ Eingang in die Titelseiten der Medien bis hin in das zuständige Düsseldorfer NRW-Ministerium fand. Denn die Bewohner wollten nicht, dass riesengroße Garagen-Anlagen ihre Gärten verdrängten und das Maß der Bauverhältnisse bewahrt bleibt, so wie es die Stadt wollte. Wie es aussieht, wenn bauliche Maßstäblichkeit nicht eingehalten wird, zeigt aktuell der Mercaden-Bau am Lippetor. Dass die Stadt 1985 ihre Pläne der Monster-Garagen nicht umsetzen konnte, war der damals noch vorhandenen Hartnäckigkeit der Einwohner zu verdanken, die sich dagegen sträubten. Auch agierten damals die gewählten Ratsvertreter bestimmender als heute. Garagen wurden benötigt, aber keine riesigen Anlagen. Als die Siedlung in der Zeit von 1912 bis 1920 gebaut wurde, wurden zwar Schuppen für Holz und Kohle sowie für das Schwein bzw. die Ziege im Garten hinterm Haus errichtet, aber keine Garagen, denn Bergleute hatten damals keine Autos.

Bewohner wollten ihr Grün nicht für Garagenhöfe hergeben

Zwischenbebauung: „Gerade noch Platz für ein Schnittlauchbeet“

Im Mai 1985 wurde einem der so genannten Blocksprecher in der Zechensiedlung, Rolf-Peter Mandera, klar, was die Planung der Zwischenbebauung in der Siedlung für die Bewohner bedeuten würde. „Ich muss ganz offen zugeben“, so zitierten ihn die „Ruhr-Nachrichten“, „dass viele von uns geschlafen haben, als es um die Zwischenbebauung ging.“ Doch dann wurde er wach und mit ihm viele Siedlungsbewohner, deren Gärten durch die Zwischenbebauung teilweise so stark verkleinert werden sollten, dass „gerade noch Platz für ein Schnittlauchbeet“ blieb.  Auch die Bereiche der Zechensiedlung, die von der Wohnbebauung verschont blieben, sollten, so sah es das Planungsamt der Stadt vor, mit zentralen Garagenanlagen und zusätzlichen Stellplätzen versehen werden. Das trieb die Siedlungsbewohner auf die Barrikaden bzw. in ihre Gärten, die ihnen genommen werden sollten. Im Wohnblock 4 war eine Anlage von insgesamt 116 Garagen mit einer Grundfläche von rund 2500 Quadratmetern mitten in die im Inneren des Häuserblocks zusammenlaufenden Gärten geplant. Daher fragten sich die Bewohner, wo denn noch ihre Kinder spielen sollten, denn auch im Wohnblock 1 waren weitere 127 Garagen geplant. Das Planungsamt der Stadt, vom Protest der Bewohner hellhörig geworden, bot den Bewohnern einen Kinderspielplatz an den Gleisanlagen der damals noch fahrenden Zechenbahn an, was Mütter und Väter in Wallungen brachte. Denn, so eine Mutter, wie sollen wie denn dort unsere Kinder beaufsichtigen?

Vorwurf an die Stadtverwaltung: Schlampig gearbeitet oder veraltete Pläne

Siedlungsgärten; Foto Vivawest

Alle Wohnblocksprecher und etwa 99 Prozent aller Betroffenen, so die Garagengegner waren gegen die Garten-Garagenpläne. Blocksprecherin Gabriele Schambach merkte an, dass wegen des lärmenden Autoverkehrs die Schlafzimmer in vielen Wohnungen nach hinten zu den Gärten hin lägen. Jetzt würden die Garagenanlagen ebenfalls Lärm verursachen, wenn dort 127 Garagentore täglich mehrmals aufgemacht und zugeschlagen werden würden. Ein anderer Blocksprecher stellte beispielsweise für das Haus Schachtstraße 37/39 fest, dass die Stadt dort vier Garagen zusätzlich zu den acht Einstellplätzen in den Garten des Hauses geplant hatte. Das waren rechnerisch zwei Garagen zu viel. Daher nahm er in einer Versammlung der Anwohner kein Blatt vor den Mund, als er meinte, dass entweder die Pläne, welche die Stadt erst eine Woche zuvor an die Blocksprecher weitergegeben habe, total veraltet seinen oder dass im Rathaus „schlampig gearbeitet“ wurde. Denn pro Wohneinheit ist laut Gesetz nur eine Garage oder ein Einstellplatz vorgeschrieben. Daher warfen Bewohner der Stadtverwaltung vor, ihnen Garagen aufzuzwingen, die sie gar nicht benötigten. Sprecherin Schambach brachte noch einen finanziellen Aspekt in den Protest ein. „Wir können unsere Häuser für 50.000 bis 60.000 DM kaufen, die Garage soll aber zusätzlich über 10.000 DM kosten. Da stimmt doch was nicht.“

Kritik an die Hoesch-Wohnungsverwaltung: „Nur Wischiwaschi“

SPD-Gespräch mit den Blocksprechern

Dass während der Sanierung und Zwischenbebauung der Zechensiedlung vieles nicht stimmte, schoben die verunsicherten Bewohner nicht nur dem Planungsvorhaben der Stadt zu, sondern auch der Hoesch-Wohnungsverwaltung: „Die lassen uns schmoren. Keiner gibt auf konkrete Fragen eine konkrete Antwort – nur Wischiwaschi!“ Zu einem Bürgergespräch luden Anfang Mai 1985 die damals noch aktiven Dorstener Sozialdemokraten betroffene Bewohner der Zechensiedlung in das Rathaus ein. Denn die der Partei nahestehenden Kumpel sahen in der kompakten Bebauung mit riesigen Garagenanlagen in der „Gartenstadtsiedlung“ eine Fehlplanung. So fürchteten Verwaltung und Politik gleichsam den anhaltenden Bürgerunmut in der Zechensiedlung. SPD-Fraktionsvorsitzender Dr. Dieter Nellen, Wolfgang Windemuth und Günter Biallaß vom Betriebsrat der Zeche stellten sich den Fragen der eingeladenen Blocksprecher. Ebenso nahm ein Vertreter der Hoesch-Wohnungsgesellschaft sowie Frank Gläßner für die Stadtverwaltung teil. Dieter Nellen, der die Versammlung als gesetzlich vorgeschriebene Bürgerbeteiligung leitete, sicherte zu, dass „nichts gegen die Bürger entschieden“ werde, schränkte seine Zusage jedoch wieder etwas ein, dass man einen Kompromiss finden müsse zwischen den Bewohnern, die ein Auto haben und denen, die keins haben. Diesem Kompromiss stimmten die Betriebsratmitglieder der Zeche zu. Frank Gläßner von der Stadtverwaltung betonte, dass die Siedlung ein altes Stück Dorsten sei, das auch unter denkmalpflegerischen Gesichtspunkten nur geschützt werden könne, wenn unter modernen Gesichtspunkten modernisiert wird. Auf die vorliegenden Baupläne angesprochen, die Sammelgaragen in den Gärten vorsehen, erklärte Gläßner, dass diese lediglich Konzepte und Diskussionsgrundlagen seien. Er räumte ein, dass die in den Plänen vorgesehene dichte Bebauung die Qualität der Siedlung mindere. Nach dieser Diskussion mit den Blocksprechern über Standorte von Garagen und Abstellplätzen lösten sich viele Probleme auf. Man einigte sich darauf, dass der vorliegende den „Garagenkrieg“ verursachende Plan nicht entscheidungsreif sei. Allerdings bewegte sich die Verwaltung danach kaum. Daher beschwerten sich die „Garagen-Gegner“ bei Ministerialrat Prof. Ganser vom Düsseldorfer Ministerium für Landes- und Stadtentwicklung. Ganser kam im September 1985 nach Dorsten, besichtigte die Zechensiedlung und traf sich mit den Blocksprechern der Siedlungsbewohner, mit Vertretern von Rat und Verwaltung, des Betriebsrats der Zeche und der Hoesch-Wohnungsgesellschaft.

Ministerialrat Ganser sprach mit den Bewohnern über ihre Probleme

Stadtspitze mit Prof. Ganser (2.v. r.)

Ministerialrat Ganser, ein erfahrener Mann im Umgang mit Problemen der Zechensiedlung, wollte zuerst keine Presse bei dem Gespräch dabei haben., beugte sich aber dem Votum der Beteiligten, und hörte sich dann an, was die Bewohner der Siedlung ihm als den Vertreter des Landes, das Geldmittel für die Modernisierung bereitstellen wird, zu sagen hatten. Im Mittelpunkt standen natürlich die Garagenhöfe inmitten der Gärten. Hier sahen die Bewohner einen Eingriff in den Denkmalschutz und in ihre Wohn- und Lebensqualität. „Die Grünflächen der Zechensiedlung“, so eine Sprecherin, „sind das Wichtigste, was wir haben.“ Und dies werde ihnen jetzt weggenommen. „Wir opfern kein Grün für Beton“, meinte sie, und dass sich die Bewohner von der Stadt wie „Stiefkinder behandelt fühlen“. Neben diesem vordergründigen Garagen-Missmut, standen dann im Gespräch mit Ganser noch andere Probleme an: Erschließungskosten, Auflagen des Denkmalschutzes, Ungewissheit über den Ankauf der Häuser.

Ruhr-Nachrichten vom 4. September 1985 (Ausriss)

Ganser zum Garagen-Streit: „Man muss eine pfiffige Lösung finden!“

Ganser hörte nicht nur zu, er bezog auch Stellung, wobei er mit wenigen Worten den Punkt  traf, auf den es ankam. Er sah durchaus Chancen einer zufriedenstellenden Lösung, was die geplanten Garagen betraf. Die Möglichkeit, Garagen in Randzonen der Siedlung zu bauen, zeichnete sich ab. Prof. Ganser wörtlich: „Man muss eine pfiffige Lösung finden, das ist eine Frage der Kreativität.“ Und in Richtung Stadtverwaltung meinte er, dass, wenn die Verwaltung dazu nicht in der Lage sei, so solle sie einen Sachverständigen beauftragen. Bei so viel finanziellem Aufwand für die Siedlung, so der Ministerialrat, sei dies möglich. Er erhielt Applaus. Ein Blocksprecher zur Presse: „Sonderbar, dass einer kommt und in einem Satz sagt, wie das Problem zu lösen ist, zu dem unsere Verwaltung monatelang nicht in der Lage war.“ – Der „Garagenkrieg“ in der Zechensiedlung Hervest-Dorsten wurde friedlich beigelegt.

Siehe auch: Zechensiedlung Hervest-Dorsten
Siehe auch:
Zechensiedlungen


Quellen: Wolf Stegemann: „Hier wurden Kumpel mit viel Platz und Grün politisch ruhig gehalten“ in RN (DZ) vom 10. März 1984. – Hoesch: „Fast eine Restaurierung“ in RN vom 17. März 1984. – Inge Denmark: „Kein Denkmalschutz für Zechensiedlung“ in WAZ vom 8. Juni 1984. – Ders.: „Bewohner mutmaßen: Veraltete Pläne oder schlampige Arbeit“ in RN vom 3. Mai 1985. – Ders.: „Im Garagenkrieg bahnt sich ein Kompromiss an“ in RN vom 4. Mai 1985. – Ders.: „Ganser zum Garagenbau… Bitte pfiffig und kreativ“ in RN vom 4. Sept. 19985. – Ders.: „Denkmalschutz hat jetzt Zechensiedlung im Griff“ in RN vom 8. Febr. 1986. – Ders.: „Arbeitersiedlung Hervest-Dorsten dokumentiert Sozialgeschichte“ in RN vom 20. Aug. 1988.

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