Bücherkorb

Ein authentisches Exponat im jüdischen Museum mit eigener Geschichte

Bücherkorb kam von Bottrop über Essen ins jüdische Museum nach Dorsten

Eines der authentischsten Exponate, das im Dorstener Jüdischen Museum Westfalen zu sehen ist, ist ein stark ramponierter Weidenkorb mit rund 150 Büchern, Zeitschriften, zionistischer Literatur, belletristischen und historischen jüdischen Bänden sowie einige Ausgaben des „Jüdischen Blindenjahrbuchs“, Kinderbücher und -zeichnungen, Reiseliteratur und ein Tütchen mit einem Kinderbackenzahn. Dieser Inhalt und wie er in diesem Korb 1988 auf dem verstaubten Dachboden eines Wohnhauses in Bottrop aufgefunden wurde, nachdem die Besitzer rund 50 Jahre vorher ihre Habe und Heimat verlassen mussten, sich retten konnten oder auch nicht, erschüttert. Dieser Korb ist der Rest von einstigem Dasein und eines gewaltsamen Weggehens. Diese Bücher hinterließen die einstigen Besitzer vielleicht in der Hoffnung, beim Zurückkehren sie wieder in Empfang nehmen zu können. Die Namen oder Stempel der Besitzer stehen in den Büchern. Die Alte Synagoge in Essen hat diese Geschichte dieses Fundes für eine Ausstellung in der Alten Synagoge mit dem Titel „Spurensuche – eine jüdische Gemeinde, die nicht mehr existiert“ aufgearbeitet und darüber auch eine Broschüre herausgegeben.

Eine spannende Versteigerung mit Happyend für Essen udn Dorsten

So wurde der Korb 1988 aufgefunden

Allein wie die Alte Synagoge in den Besitz des Bücherkorb kam – und danach das jüdische Museum in Dorsten –, ist eine eigene Geschichte, über die durchaus geschmunzelt werden darf. In Bottrop wurde nach dem Tod einer Hausbesitzerin, die letzte Überlebende einer Erbengemeinschaft, der gesamte vorgefundene Haushalt versteigert. Die Auktionatoren fanden bei der Vorbereitung zur Auktion auf dem Speicher die Bücherkiste und zwei zugenagelte Holzkisten mit Porzellan, Küchengeräten und Besteckteilen. Ob diese auch aus vormals jüdischem Besitz stammen, konnte nicht geklärt werden. Über einen Anruf des Auktionators erfuhr der Vorstand des „Dokumentationszentrum für jüdische Geschichte und Religion“, so hieß der spätere Trägerverein für das in Planung befindliche jüdische Museum in Dorsten, von dem Fund und der anstehenden Versteigerung. Also fuhren der 2. Vorsitzende Wolf Stegemann und Christel Winkel, Kassiererin des Trägerverein, zur Auktion nach Bottrop. Wolf Stegemann erinnert sich an den denkwürdigen Tag der Auktion. Es war der 14. Januar 1989:

„Es waren viele Leute da und wir hatten den festen Vorsatz, den Bücherkorb unbedingt zu ersteigern. Doch leichter gesagt als getan. Denn wir trafen dort auf Dr. Michael Zimmermann von der Alten Synagoge, der ebenfalls unbedingt die Bücher erwerben wollte und – wie unsere Christel Winkel – dafür auch ein dicken Portemonnaie dabei hatte. Als er uns sah, stutzte er ebenfalls. Nach einer kurzen Begrüßung kamen wir auch schon zur Sache und stellten fest, dass wir beide den Bücherkorb haben wollten. Er für Essen ich für Dorsten. Wir tauschten vorerst noch freundlich Argumente aus, mit denen wir den anderen zu beeindrucken und zu überzeugen versuchten, dass die Bücher eigentlich nach Dorsten bzw. Essen gehörten. Dann gesellte sich noch der Bottroper Stadtarchivar dazu, der ebenfalls sein Interesse mit dem Argument begründete, das die Bücher schließlich aus der jüdischen Gemeinde mitgliedern Bottrops gehörten. Jeder hatte gute Argumente. Das machte ein Übereinkommen schwer, wenn nicht unmöglich. Die Argumente uns dann auch aus, was allerdings unsre Auseinandersetzung nicht beendete. Sie wurde lauter und heftiger, je näher die Eröffnung der Auktion heranrückte. Zuletzt war sie so laut, was dazu führte, dass der Auktionator mehrmals klingelte und andere uns böse Blicke zuwarfen und mit den Fingern an den Lippen Zischlaute verursachten. Jetzt wurde Michael Zimmermann als erster wieder vernünftig. Er bot mir an, dass die Essener Synagoge den Korb ersteigern und in Besitz nehmen, den Fund dann wissenschaftlich sichten und in einer Ausstellung zeigen würde. Danach könnte der Korb mit den Büchern für die Ersteigerungssumme in unseren Eigentum übergehen und die Aufarbeitung kostenlos obendrein. Der Archivar lenke wegen Aussichtslosigkeit seiner Position ein, wollte dann durch Gebote den Preis nicht hochtreiben dun bekam dafür aus dem Korb fünf Bücher nach eigener Wahl für das Bottroper Archiv. Wir schlugen den Deal ein wie Viehhändler und Michael Zimmermann ersteigerte den Korb für 608,92 DM inklusive Mehrwertsteuer.“

Dazu bemerkte abschließend Dr. Michael Zimmermann im Katalog der mit dem Stadtarchiv zusammen konzipierten Ausstellung der Bücher  „Spurensuche – eine jüdische Gemeinde, die nicht mehr existiert“:

„Jeder kann gute Gründe dafür anführen, dass gerade seine Institution die Bücher ersteigern müsse – der Bottroper Stadtarchivar, dass es sich immerhin um die Bottroper jüdische Gemeinde handele; die Dorstener, dass die Bottroper jüdische Gemeinde zumindest bis 1932 ja nur eine Synagogengemeinde der Synagogenhauptgemeinde Dorsten gewesen sei, der Vertreter der Alten Synagoge. Dass die Stempel der Bibliothek und der Volksschule der jüdischen Gemeinde Essen auf eine enge Bindung eben an diese Essenerjüdische Gemeinde schließen ließen. Kurz: ein bemerkenswertes Beispiel für die gegenwartsbezogene Relevanz historischer Argumentationen. Als alles klar war, wie hoch die einzelnen nieten könnten und würden, einigte man sich auf die [oben beschriebene] salomonische Lösung.“

Holocaust-Überlebender entdeckte 2006 seine Kinderzeichnung im Korb

Zerrissene Kinderzeichnung von Josef Dortot

Wie Nachforschungen ergeben haben, wurde der Bücherkorb 1942 im dem so genannten Judenhaus an der Kirchhellener Straße in Bottrop versteckt bzw. hinterlassen. Er gehörte der Familie Dortort, die in Bottrop ein Möbel- und Manufakturwaren-Geschäft hatte. Der Vater Julius und seine Tochter Marta waren zusammen mit anderen Bottroper Juden vor der Deportation in den Osten in diesem als Judenhaus deklarierten Gebäude an der Kirchhellener Straße untergebracht. Julius Dortort wurde in Dachau ermordet, Tochter Marta im KZ Stutthoff. Ihr Bruder Emil, der 1938 nach Frankreich flüchtete, wurde später ebenfalls ermordet. Nur Josef, ein weiterer Bruder, überlebte den Holocaust, übersiedelte danach nach England und besuchte Bottrop mehrmals. Bei einem Besuch des jüdischen Museum in Dorsten im Jahre 2006 erkannte er eine von ihm gemalte Kinderzeichnung wieder, die in dem Bücherkorb aufgefunden wurde. 2009 erscheint ein historischer Reiseführer über Orte im Ruhrgebie5t, die in nationalsozialistischer Zeit eine Rolle gespielt hatten. Darin wird auch über den Bottroper Bucherfund aus dem Jahre 1988 berichtet, der heute im Jüdischen Museum Westfalen in Dorsten zu sehen ist.


Quellen: Dr. Michael Zimmermann: „Spurensuche. Eine jüdische Gemeinde, die nicht mehr existiert“,  Alte Synagoge Essen, o. J. – Marie-Luise Schmand: „Seltener Fund an sicherem Ort“, in WAZ vom 8. August 2009.

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