Brotmanns Höhle

Deserteur Werner Kempken versteckte sich über zehn Jahre lang im Wald

Brotmanns Höhle in der Nähe des Freudenbergs, Foto: JF

Inmitten der wieder aufgeforsteten Sandgrube „Im Steinbruch“, in der Nähe des Freudenbergs (B58 / A31) liegt die „Brotmanns Höhle“. Sie ist benannt nach einem jungen Mann, der von 1865 bis 1875 in der Höhle lebte und für einfache Dienste bei den Bauern in der Umgebung Brot bekam. Er hieß Werner Kempken, wurde 1839 als Bauernsohn im Emmelkamp (damals noch Altschermbeck, heute Holsterhausen) geboren und versteckte sich vor dem Militär, dem er bereits zwei Mal entwichen war. Wegen Desertion drohte ihm die Todesstrafe, schließlich lag Deutschland 1870/71 mit Frankreich im Krieg und zuvor mit Österreich. Als er 1958 zum dreijährigen Militärdienst nach Wesel einberufen wurde, verließ er zum ersten Mal seine Emmelkämper Heimat. Bereits nach einem Jahr beim Militär desertierte der Bauernsohn, suchte bei seinem Vater Unterschlupf, wurde dort ergriffen und wegen Fahnenflucht auf unbestimmte Zeit in der Festung Wesel inhaftiert, wo er seine nächste Flucht plante. Am Fronleichnamstag 1865 gelang ihm bei freier Gartenarbeiten die Flucht, indem er sich von den Aufsichtswärtern unbemerkt in eine vorbeiziehende Fronleichnamsprozession einreihte. Er versteckte sich in der legendären Höhle, wo ihn sein Vater mit Lebensmitteln und Werkzeug versorgte, mit dem er die Höhle „wohnlich“ herrichtete.

Mit Hilfe der Dorstener Franziskaner 1875 in die USA entkommen

Einsam und zurückgezogen lebte Werner Kempken in steter Angst, entdeckt zu werden. Im Winter erschien er auf den Höfen in Deuten, Brosthausen, Sölten und Emmelkamp, verkaufte Besen aus Birkenreiser und Heidekraut und bat um Brot. Das brachte ihm schließlich den Namen „Brotmann“ ein. Um nicht erkannt zu werden, legte er sich eine Lebenslegende zurecht, die er erzählte, wenn er gefragt wurde. Er stamme vom Niederrhein, seine Braut habe ihn verlassen, was ihn dann entwurzelt hätte. Nach zehn Jahren Waldeinsamkeit war er verschwunden. Mit Hilfe seines Vaters und der Dorstener Franziskaner, an die sich sein Vater um Hilfe für seinen Sohn gewandt hatte, ließ sich Werner Kempken 1875 unter falschem Namen mit dem Pass seines Schwagers in Hamburg auf einem Ozeanriesen der Hapag Lloyd-Linie als Schiffszimmermann anheuern. Fortan war er als Henry Keller unterwegs. In der Missionsstation Teutopolis (Illinois) der Dorstener Franziskaner fand er zunächst Unterkunft. Durch Vermittlung der Franziskaner wurde der Dorstener „Brotmann“ Werner Kempken alias Henry Keller von einem alten und kinderlosen Einwanderer- und Farmerehepaar adoptiert. Um 1900 erbte er die Farm. Er blieb ledig und kinderlos. Zehn Jahres später starb er. Seine Höhle im Sandsteinbereich seitlich der Bundesstraße 58 erinnert immer noch an den Bauernsohn, Deserteur, Auswanderer, US-Farmer aus dem Emmelkamp.


Quellen/Literatur: Franz-Josef Kellner im Heimatkalender (HK) der Herrlichkeit Lembeck 1926. – Ludwig Tüshaus im HK 1989. – Nachlass Josef Markforts im Besitz von Ludwig Tüshaus. – Anke Klapsing-Reich „Der Brotmann und seine Höhle“ in DZ vom 8. März 2018. Anmerkung: Über die Geschichte der Brotmanns Höhle und seinem Bewohner gibt es in Veröffentlichungen mehrere unterschiedliche Varianten; einmal wird er als „altes Männlein“ bezeichnet, das um 1900 in der Höhle lebte und irgendwann ins Unbekannte verschwand, dann wird sein Aufenthalt in der Höhle in die Mitte der 1920er-Jahre verlegt und viel über ihn geschrieben, das weder schlüssig noch belegt ist.

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