Bahnhof Dorsten

Langjährige Auseinandersetzung um das mittlerweile desolate Gebäude

Bahnhof Dorsten um 1910

Die Kaiserlichen Dorstener Eisenbahner vor ihrem Bahnhof im Jahre 1912

Von Wolf Stegemann – Der 1835 gebaute Dorstener Bahnhof erhielt seine heutige Gestalt 1877. In den Jahren 1908 bis 1912 wurde in mehreren Bauabschnitten der Bahnhof zu einem bedeutenden Knotenpunkt des Güterverkehrs am Nordrand des Ruhrgerbiet ausgebaut. Im Laufe seiner Geschichte stand der Bahnhof mehrmals im Mittelpunkt von Geschehnissen, so, als 1914 die Freiwilligen und Kriegspflichtigen vom Dorstener Bahnhof in ihre Kasernen fuhren, 1919/20 fanden am Bahnhof Kämpfe zwischen Spartakisten bzw. Roter Ruhrarmee und den Freikorps statt, 1923 besetzten die Belgier den Bahnhof und hielten ihn bis Juli 1925 besetzt – sechs Monate länger als die Stadt selbst.

Postkarte mit dem Bahnhof 1913

Postkarte mit dem Bahnhof 1913

Im Zuge des Kanalbaus begannen 1926 die Bauarbeiten für die neuen Eisenbahnbrücken über Lippe und Kanal, die 1945 von der deutschen Wehrmacht gesprengt wurden, um den Vormarsch der Alliierten zu verzögern. Nach dem Wiederaufbau einer Brücken konnte 1948 der Zugverkehr zwischen Dorsten und Hervest-Dorsten wieder aufgenommen werden. Mit dem zunehmenden Individualverkehr nach dem Zweiten Weltkrieg verlor die Eisenbahn und somit der Bahnhof an Bedeutung. Am 2. März 1965 wurde die letzte im Rangierdienst des Bahnhofs Hervest-Dorsten eingesetzte Dampflok durch eine Diesellok ersetzt (siehe Wasserturm; siehe Eisenbahnlinien; siehe Hervest-Dorsten, Name).

Viele Pläne, kein Ergebnis – zuerst als Kunst- und Kulturbahnhof geplant

Der Dorstener Bahnhof 2003, Foto: JF

Seit Privatisierung der Bundesbahn steht das Gebäude zum Verkauf. 1997 wollten Künstler aus dem Gebäude einen Kultur- und Kunstbahnhof mit Werkstätten und Ateliers für Künstler machen. Die Zusage wurde in „letzter Minute“ von der Deutschen Bahn AG zurückgezogen. 2004 hat ihn die Stadt über die städtische Windor-Gesellschaft von der Bahnflächen-Entwicklungsgesellschaft (BEG) inklusive Parkplätze an der Gelsenkirchener Straße gekauft; insgesamt eine Fläche von 5.000 Quadratmetern. Die Partei „Die Linke“ stellte den Antrag, das Bahnhofsgebäude als „Bürgerzentrum“ einzurichten. Mitte 2010 erwarb der Investor Thomas Fründt den Bahnhof für einen Symbolbetrag von einem Euro von der städtischen Gesellschaft Windor, um eine Gastronomie mit Außenbewirtung einzurichten. Wegen der Insellage des Bahnhofsgebäudes zwischen den Gleisen wurde die vorgesehene Gastronomie-Ansiedlung nicht weiter verfolgt. Eine mögliche Gleisverlegung könnte erst 2018 realisiert werden. Daher möchte der „Investor“ die Immobile wieder an die Stadt zurückgeben. Die Stadt Dorsten bemüht sich seitdem um eine kulturelle Nutzung des Gebäudes.

Langfristige Investitionsplanungen sollen den Bahnhof beleben

Wilde Grafitti in der Unterführung am Bahnhof 2011; Foto: Wolf Stegemann

Graffiti am Bahnhof 2011; Foto: Stegemann

2011 berichtete die Dorstener WAZ, dass zwischen Bauministerium NRW und der Deutschen Bahn eine Vereinbarung für den Umbau des Bahnhofs für rund 30 Millionen Euro getroffen worden sei. Wie die WAZ erfuhr, befürwortete das Land die Aufnahme des Großprojekts in die Finanzierungsvereinbarung von Bund und Bahn:

„Mit der darin enthaltenen Digitalisierung der Streckentechnik können die stadtseitigen Westgleise des Dorstener Bahnhofs nach Osten verlegt werden, um den Bahnhof aus seiner „Insellage“ zu befreien und an die Stadt anzubinden. Damit verbunden sind großräumige Umbauten des Gleiskörpers, was auch die hohen Kosten erklärt. Ursprünglich war dieses Projekt in der mittelfristigen Investitionsplanung der Bahn nicht vorgesehen und ist nun überraschend hochgestuft worden. Für die Entwicklung der Altstadt ist das Projekt von so weit reichender Bedeutung, dass Bürgermeister Lambert Lütkenhorst es durch ein integriertes Handlungskonzept begleiten möchte.“

Bahnhof Dorsten (heute); Foto: Wikipedia, Stefan

Bahnhof Dorsten heute; Foto: Wikipedia

Ende 2011 wurden Details der Pläne bekannt. Die Deutsche Bahn will die Strecke zwischen Coesfeld und Gladbeck, die über Dorsten führt, für rund 30 Millionen Euro modernisieren. Etwa die Hälfte davon sollen rund um den Dorstener Bahnhof verbaut werden. Allerdings wird für die Umgestaltung der Dorstener Gleisanlagen erst 2013 Planungsrecht geschaffen. Dann wird es noch einmal rund anderthalb Jahre dauern, bis die Westgleise verlegt werden, um somit eine attraktivere Zuwege vom Bahnhof zur Stadt zu schaffen. Die Gesamtmodernisierung der Strecke beinhaltet u. a. eine Umrüstung von derzeit noch mechanischen auf elektronisch gesteuerte Leit- und Sicherheitstechnik.

Fortschreitender Verfall des historischen Gebäudes

Inzwischen verfällt das historische Bahnhofsgebäude immer mehr. Der Eisenbahnfreunde-Verein „OnWheels“ lud im Oktober 2014 zu einer Veranstaltung ins Rathaus ein. Dort wurde vom Verein sowie von Besuchern Unverständnis kritisiert, dass die Stadft den Verfall dieses historischen Gebäudes zugelassen hat.

Land finanziert die Sanierung und Umnutzung des Bahnhofs

Der Bahnhof heute; Foto: Stegemann

Der Bahnhof heute; Foto: Wolf Stegemann

Aus dem Städtebauförderprogramm genehmigte das Land NRW im Juni 2015 für Dorsten 1,8 Millionen Euro, wovon 1,35 Millionen für die Umnutzung und Sanierung des Bahnhofs bestimmt sind. Die Stadt will dort in einem „Stadtteilbüro“ ihr Programm „Wir machen Mitte – Dorsten 2020“ vorstellen. Dazu wird eine Pavillon-Konstruktion aus Containern auf einem der frei geräumten Gleise einstehen, die sich im Besitz der städtischen Wirtschaftsförderungsgesellschaft Windor befinden. Dafür sind 200.000 Euro eingeplant. Diese Kosten werden vom Land mit 80 Prozent bezuschusst. Außerdem soll ein Informations- und Willkommenscenter für das regionale 2016-Projekt „BahnLandLust“, ein Stadtteil-Büro für vier bis fünf Beschäftigte, Besprechungs- und Informationsräume eingerichtet werden. Im Außenbereich sind Terrassen mit Sitzgelegenheiten geplant. Auch soll von dem Geld eine Machbarkeitsstudie zur Umnutzung des Bahnhofsgebäudes finanziert werden. Da sich Protest gegen die teure Variante eines Pavillon-Containers regte, ließ die Stadt Ende 2015 über die Lokalzeitung veröffentlichen, dass sie doch an eine billigere Version denke. Im Zuge des Projekts soll nun ein Stadtteil-Büro für die Dauer von drei Jahren für das Projekt „Wir machen Mitte 2020“ eingerichtet werden. Die Bezirksregierung Münster teilte Ende 2015 mit, dass sich das Land mit 2,216 Millionen Euro aus dem Städtebauförderungsprogramm des Landes am Dorstener Bahnhofsprojekt beteilige. Die Stadt wird den Bahnhof endgültig behalten und daraus einen „Bürgerbahnhof“ machen. Bürger sollen Ideen beisteuern. Dies wurde in einem „Werkstattgespräch“ Ende April 2016 beschlossen, zu dem das Planungsbüro „modulaorbeat/Imorde“ eingeladen hatten. 40 interessierte Bürger ließen sich die Planungen erklären. Ankermieter wird die „Dorstener Arbeit“ sein. Unterstützt wird das „Bürgerbahnhof“-Projekt aus Landesfördermitteln „Wir machen Mitte – Dorsten 2020“. Gemeinnützigen Gruppen und Vereinen stehen Räume für ihre Ideen und Nutzungen zur Verfügung.

Umfangreiche Umbaupläne der Bahn bis über das Jahr 2020 hinaus

Jahrzehntelanger Schandfleck; Foto: Stegemann

Jahrzehntelanger Schandfleck; Foto: Stegemann

Bis Ende 2018 wird der Umbau der Bahnsteig- und Gleisanlagen am Dorstener Bahnhof abgeschlossen sein, so die Projektleitung der Deutschen Bahn Duisburg. Die Kosten dafür betragen 30 Millionen Euro, um die Bahnstrecke zwischen Coesfeld und Gladbeck-Zweckel zu modernisieren. Mehr als die Hälfte des Geldes wird auf Dorstener Gebiert investiert. Darunter fallen auch Rampen für Rollstuhlfahrer und andere behindertengerechte Zugänge. Die stadtseitigen Westgleise werden abgebaut und zu dem Ostgleis verlegt. Der Zugverkehr wird dann an der Seite zur Gelsenkirchener Straße hin abgewickelt. Von dort wird es dann einen  direkten Zugang zum „Borkener“ geben. Die Gleise für den „Oberhausener“ werden nicht mehr benötigt, wenn diese Bahnlinie eingestellt wird. Denn der „Borkener“ soll dann jede halbe Stunde fahren. 2019 wird auf der Ostseite ein neues Gleis für den „Coesfelder“ gebaut. Bis dahin soll es einen Behelfsbahnsteig geben. Zu den Neuerungen gehört auch der Abriss der West-Unterführung zur Stadt hin sowie als Ersatz ein ebenerdiger Zugang von der Stadt zu den Gleisen – aber erst nach 2020.

Verfallender Bahnhof im Mittelpunkt einer Licht- und Klanginstallation

Licht- und Klanginstallation 2016

„Blitzkunst“ nannte Sabine Bachem, Vorsitzende des Kunstvereins „VirtuellVisuell“ das Kunstprojekt am Dorstener Bahnhof. Rund 100 Besucher sahen 2016 das Kunstprojekt, in dessen Mittelpunkt der verfalle Bahnhof stand. Licht- und Klanginstallationen bei einbrechender Dunkelheit, Mit ständig wechselndem Licht und musikalischen Klängen wurde das hektische Ankommen und Abfahren der Züge dargestellt. Eine Nebelmaschine ließ alte Zeiten wieder auflebe, als Qualm aus den Schornsteinen der Dampfloks den Bahnhof einhüllten. In den nächsten Jahren sollen weitere Kunstaktionen folgen: 2017 zwei, 2018 drei. Im Jahre 2020 soll dann der sanierte und umgebaute Bahnhof als „Bürgerbahnhof“ und somit als Treffpunkt für Kunst und Geselligkeit wiedererstehen.
Es gibt mehrere heruntergekommene Bereiche in der Stadt. Zum Schandfleck der Stadt ist mittlerweile – und schon seit langem – das Bahnhofsgebäude mutiert (siehe Bilder oben).  Das fiel sogar der angesehenen „Süddeutschen Zeitung“ in München auf. Denn Karl-Heinz Büschemann schrieb am 22. Juli 2016 unter dem Titel „Vom Kurs abgekommen“ über den Dorstener Bahnhof und nimmt ihn als einleitendes Beispiel für einen kritischen Artikel über die Deutsche Bahn. Da ist zu Lesen:

„Der Bahnhof der westfälischen Stadt Dorsten ist steingewordene Tristesse. Fenster und Türen des Gebäudes von 1879 sind vernagelt. Die Reisenden müssen außerhalb des Bahnhofs in heruntergekommener Umgebung auf die Züge warten. Dieser Bahnhof ist keine Werbung für eine Stadt mit 76.000 Einwohnern. Er ist Zeugnis von Vernachlässigung. Er steht für eine falsche Verkehrspolitik, aber auch ein Bahn-Management, das die Misere des Unternehmens nicht in den Griff bekommt…“ – Wie wahr!

„Vorhang auf!“ für weitere Aktionen am Bahnhof; Foto: Helmut Frenzel 2017

„VORHANG AUF!“ – Ouvertüre für den künftigen „Bürgerbahnhof“

Um den denkmalgeschützten und dennoch baulich stark verkommenen Bahnhof wieder ins gute Rampenlicht der Stadt zu stellen, hat sich eine „Bahnhofsfamilie“ gebildet, der Bürger (darunter Mitglieder von etlichen Vereinen), Architekten und Vertreter der Stadt und diverser Behörden angehören. Sie wollen das historische Gebäude als „Bürgerbahnhof“ herrichten. Gemeinnützige Vereinen und Gruppen, Gastronomie, die Arbeitsbehörde „Dorstener Arbeit“ (Qualifizierungsmaßnahmen), aber der übliche klassische Service für Bahnreisende sollen dort unterkommen. Förderanträge werden beim Land gestellt.Im Rahmen des Stadtprojekts „Wir machen Mitte“ ging Ende Mai 2017 am Bahnhof mit einer auf die spätere Nutzung hinweisenden Kunstaktion des Vereins „VirtuellVisuell“ der „VORHANG AUF!“. Als Aufruf, es möge endlich losgehen, aber zugleich als Sinnbild, dass Bewegung in die Sache kommt, nahm die Aktion sich der großen gründerzeitlichen Fenster an, die das Erscheinungsbild des Bahnhofs maßgeblich prägen. Brigitte Stüwe hob mit ihrer Fenster-Installation „VORHANG AUF!“ die optische Schwere des unsägliche heruntergekommen Bahnhofs für acht Tagen auf und brachte Farbe und Bewegung in den Bahnhof.


Siehe auch:
Bahnhöfe

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