Altes Rathaus und Plastikgrün

Über drei Jahre zierten 26 Sücke gleichförmiges Plastikgrün die Fenster

So sahen die Fenster jahrelang bis Oastern 2019 aus; Foto: Wolf Stegemann (2016)

„Geschmacklosigkeit an den Fenstern des Alten Rathauses“. Unter dieser Überschrift veröffentlichte Wolf Stegemann am 16. Oktober 2016 auf der Facebook-Seite von DORSTEN-transparent den folgenden Text:

„Ganz abgesehen davon, dass man die Verwendung von Kunststoff wegen des schädlichen Weichmachers reduzieren und deswegen beispielsweise Papiertüten anstelle von Plastiktüten verwenden sollte, was öffentlich gefordert wird, so sollte man Blumen und Grünpflanzen auch aus ästhetischen Gründen nicht durch Plastik ersetzen. Und schon gar nicht am Marktplatz, den man die „gute Stube“ der Stadt Dorsten nennt. Die Fenster des Alten Rathauses, „Kleinod“ des Platzes, sind mit 26 gleichförmigen grünen Plastikpflanzen in Blumenkästen verschandelt. Ein Blick auf dieses schöne städtische Gebäude, das die Bombardierung der Stadt 1945 als einziges historisches Bauwerk überstanden hat, zeigt, dass die Zuständigen ihre Verantwortung, Plastikmüll und Geschmackloses zu vermeiden, ernster nehmen sollten.“

Entweder haben die Verantwortlichen in der Stadtverwaltung und im Trägerverein des Alten Rathauses diese Veröffentlichung, nicht gelesen, oder wenn sie sie gelesen haben, dann nicht ernst genommen, Denn die 26 Stücke gleich geformtes Plastikgemüse an den Fenstern des Alten Rathauses blieben. Auch mehrmalige Hinweise und Bitten an Vorstandsmitglieder des Trägervereins, zuletzt 2018 im Rathaus selbst, halfen nicht. Man wisse nicht, wer richtige Blumen an den Fenstern gießen sollte, war die persönliche Antwort. Auch die sonst in der Dorstener Interessengemeinschaft Altstadt aktiven Kaufleute störten sich nicht an dem zur Schau gestellten Plastikmaterial. Daher blieb das Plastikgemüse, das ja nicht gegossen werden musste, wohl aber das Haus verschandelte. Auch ein Hinweis an die Redaktion der „Dorstener Zeitung“ zeigte keine Reaktion. Zuletzt machten wir vor wenigen Tagen den SPD-Fraktionsvorsitzenden im Rat der Stadt, Friedhelm Fragemann, darauf aufmerksam. Oh Wunder. Wer am Ostersamstag, den 20. April 2019, seinen Blick zu den Fenstern des Alten Rathauses erhob, der durfte staunen: Das hässliche Plastikgrün war verschwunden. Bunte Pflanzen, rot udn grünes Blattwerk zierten jetzt die Fenster. Was für ein schöner Anblick. Doch nur auf den ersten Blick. Denn auf den zweiten Blick war zu erkennen, dass auch diese Bleumen aus Plastik waren. Sie hingen über ein Jahr lang und verkündeten auf dem Marktplatz, dass die Stadt als Eigentümer des Hauses es nicht ernst, wenn sie die Bürger immer wieder aufruft, auf Plastik in ihrem Alltag zu verzichten. Doch dann das echte Wunder. Ab August 2020 schmücken die Fenster des Alten Rathauses wirklich echte Blumen.

Dorstener Zeitung: Zurückgenommene Glosse kritisiierte das Plastikgrün

Michael Klein, Redakteur der „Dorstener Zeitung“ glossierte treffend die jahrelange Liebe der Verantwortlichen für Plastikblumen am Rathaus. Allerdings wurde die hier abgedruckte Glosse in der Zeitung nicht veröffentlicht, denn die Verantwortlichen kamen der Glosse mit echten Blumen zuvor. Bevor die Glosse in der Zeitung abgedruckt werden sollte, erschien sie bereits auf der Facebook-Seite der DZ, die dann jeder lesen konnte. Vielleicht haben die Verantwortlichen des Trägervereins und/oder der Stadtveraltung sie auch gelesen und nasse Füße bekommen, den die Kritik war in dieser Glosse nicht zu überlesen. Also wurden die Fensterkästen „über Nacht“ mit echten Blumen bestückt, so dass Michael Klein seine Glosse am Tag vor der geplanten Print-Veröffentlichung zurückziehen musste.

Glosse von Michael Klein:
Plastikblumen gewinnen den Hauptpreis beim Umweltwettbewerb
Der von der Stadt Dorsten im Frühjahr ausgelobte und mit 250 Euro dotierte Umwelt-Wettbewerb „Dorsten lebt Grün“ ist entschieden. Die Jury unter Vorsitz der renommierten Botanik-Expertin Rose-Flora Park hat unter den vielen Einsendungen einstimmig den Blumenschmuck an den Fenstern des Alten Rathauses auf dem Dorstener Marktplatz zum Sieger gekürt. Bundesweit erstmalig haben damit künstliche Pflanzen einen solchen Wellbewerb für sich entscheiden können. „Da die Pflanzen nicht gegossen werden müssen, wird der Wasserverbrauch in Dorsten entscheidend reduziert“, heißt es in der Bewertung des Trägervereins Altes Rathaus.

Doch zunächst darf der Vorstand den Hauptgewinn des Wettbewerbs „Dorsten lebt Grün“ bei der Preisverleihung in der Grünen Schule in Wulfen entgegennehmen. Ein Dorstener Bankinstitut hat dafür Blüten in Form von zehn 25-Euro-Scheinen gestiftet. Angesichts des originellen Beitrags des Trägervereins Alten Rathaus überlegt die Stadt übrigens schon jetzt, im kommenden Jahr den Wettbewerb um die Sparte „Sport und Natur“ zu erweitern. „Dabei willen wir den schönsten Kunstrasenplatz in Dorsten prämieren“, teilt die Pressestelle der Stadt mit.
Aber nicht nur diese die natürlichen Ressourcen schonende Besonderheit überzeugte die Jury. Der Kunststoff für die Pflanzten stamme aus dem Marler Chemiepark und trage damit den Gütesiegel ,aus regionaler Produktion’, weist sie auf einen weiteren Umweltschutz-Aspekt hin. In der Begründung wird insbesondere die Vorbildfunktion dieses Blumen-Arrangements hervorgehoben: „Eine solche Bepflanzung wäre insbesondere für Steingärten ein weiterer ökologischer Gewinn“ hofft die Jury auf Nachahmer.
Der Blumenschmuck (Sorte: „nach Art einer Geranie, Gehänge silberig-grün“) sieht beinahe aus wie echt und zeigt sich bereits seit Monaten in voller Pracht. In den Jahren zuvor hatte der Trägerverein mit gleichförmigen synthetischen grünen „Bubiköpfen“ in den Balkonkästen am Alten Rathaus experimentiert. „Doch damit hätten wir bei einem Wettbewerb keinen Blumentopf gewonnen“, betont der Vereinsvorstand.
Das jetzige Plastikgrün am Alten Rathaus soll Nektar suchenden Insekten eine gute Nahrungs- und somit Lebensgrundlage bieten. Der Trägerverein Alten Rathaus will deswegen noch Kunststoff-Schmetterlinge und Plastikbienen mit Anstecknadeln an den Blättern befestigen. Damit will der  Trägerverein noch bei einem weiteren Wettbewerb ins Rennen gehen. „Wir hoffen, dass wir auch den diesjährigen Klimaschutzpreis von Innogy gewinnen werden.“

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