Agathakirche III

Ausmalung: Der unbotmäßige Pfarrer im Streitgespräch mit seinem Bischof

Expressive Deckenbemalung in der Vorkriegskirche

Expressionistische Deckenbemalung in der Vorkriegskirche

Im Jahre 1922 beschlossen Pfarrer Heming und der Kirchenvorstand, dass die Agatha-Kirche ausgemalt werden sollte. Künstler stellten ihre Entwürfe in Schaufenstern Dorstener Geschäfte aus, was Anlass für fast endlose Streitigkeiten über das war, was Kunst sei, was gefällt, was keine Kunst sei und was abzulehnen war. Schließlich einigten sich die Verantwortlichen auf den Entwurf des Kunstmalers Dürnholz. Es musste nur noch das Generalvikariat in Münster die Entwürfe absegnen. Pfarrer Ludwig Heming schrieb im Juni 1922 in seine Chronik:

„Merkwürdigerweise verweigerte die Behörde die Genehmigung der Ausmalung mit der Begründung, dieselbe sei zu expressionistisch, der Engelreigen um den Altar wäre unschön, verschiedene Bilder im Gewölbe geradezu unkirchlich. Das Gerüst stand schon. Der Maler war bereits an der Arbeit und nun war guter Rat teuer. Der Gesamtklerus Dorstens war mit mir der Ansicht, unbedingt weiter arbeiten zu lassen, weil die Inflation tagtäglich fortschritt, und wir so des Geldes verlustig gehen würden.“

Pfarrer Heming setzte sich also über das Verbot des Generalvikars hinweg und ließ weiter malen. Er schreibt:

Da bekam ich plötzlich einen Brief vom Hochw. Herrn Bischof Johannes, der mich ersuchte, zu ihm zu kommen. Ich fuhr nach Münster. Der Bischof empfing mich mit der Frage: „Nun, Herr Pastor, wie weit sind Sie mit der Ausmalung ihrer Kirche?“

„Bischöfl. Gnaden“, antwortete ich, „das Chor ist bereits fertig und die Arbeit schreitet rüstig weiter.“
„Wir haben Ihnen doch die Genehmigung verweigert. Sie desavouieren ja unser Generalvikariat. Über all in der Diözese sagt man: Der Pastor von Dorsten tut, was er will!“
„Bischöfl. Gnaden“, erwiderte ich, „Herr Professor Witte aus Köln hat mir die Zusage gemacht, dass er die Angelegenheit mit dem Generalvikariat regeln will.“
„Herr Professor Witte geht uns nichts an“, sagte der Bischof.
„Er leitet doch das Institut für religiöse Kunst“, war meine Antwort.
„Das geht uns auch nichts an.“
„Aber dieses Institut ist doch im Pastoralblatt der Diözese ausdrücklich empfohlen.“
„Auch das Pastoralblatt geht dem Generalvikariat nichts an.“
„Aber“, sagte ich, „es trägt doch Ihre Imprimatur.“
„Nun, was soll denn nun geschehen, wie soll die Sache geregelt werden?“
Ich erwiderte: „Ich schlage Ew. Bischöfl. Gnaden vor, eine Kommission nach Dorsten zu schicken.“
„Das wäre ein Gedanke. Gehen Sie auch mal zum Generalvikar Hasenkamp und besprechen Sie die Sache mit ihm.“ Als ich zu ihm kam, empfing er mich mit den Worten: „Ah, da ist er ja! Ich hätte Sie suspendieren können.“ Ich darauf: „Nanu, ich komme gerade vom Hochw. Herrn Bischof, der spricht aber anders.“
„Dann gehen Sie wieder zum Bischof hin“, sagte er. Darauf erwiderte ich allen ernstes:
„Herr Generalvikar, man kann dieselbe Sache in grober und in freundlicher Weise sagen. Ich bin zu Ihnen gekommen, um mit Ihnen zu überlegen, was jetzt geschehen soll.“
„Wofür sind Sie Pastor in Dorsten?“, erwiderte er. Darauf bin ich fort gegangen…

„Überstreichen, Herr Pastor, überstreichen!“

Im Jahr darauf kam der Bischof nach Dorsten, um mit seinen Dechanten zu konferieren, aber auch, um die fertig ausgemalte Agathakirche zu begutachten. Er war schon missmutig angekommen, weil die Belgier, die Dorsten besetzt hielten, ihn zuerst zu schikanieren versuchten, ihn dann aber über die Lippebrücke haben fahren lassen. Pfarrer Heming schreibt unter dem 15. Februar 1923 in seine Chronik:

Wir gingen also in die Kirche. Verschiedene Dechanten waren schon da. Ich erklärte nun dem Hochw. Herrn und seiner Begleitung die einzelnen Gemälde. Der Bischof, der wenig Kunstverständnis besitzt, stellte sich immer mitten unter die Kolossalgemälde und drehte seinen Kopf missbilligend nach oben. Ich sagte recht freundlich: „Wenn Bischöfl. Gnaden ein Bild besichtigen wollen, dann geschieht dies am besten aus gewisser Entfernung.“

Doch er hörte gar nicht darauf. Nun standen wir hinten im Turm und ich machte den Bischof und alle dort weilenden Dechanten aufmerksam auf die Schönheiten der Malerei, und wie der Künstler es meisterhaft verstanden habe, den Raum der Kirche zu erfassen usw. Tiefes Schweigen.
Neben mir stand der Dechant von Recklinghausen, Heiermann. Ich fragte ihn:
„Nun, was sagst Du denn zu unsrer Kirche?“
„Mir gefällt sie wohl“, antwortete er, „ich habe selbst einige Gemälde dieser Art  in meiner Dechanei.“
Das war wenigstens einer, der etwas Verständnis für die neue Kunst hatte. Nun wollte ich mit dem Bischof zur Pastorat gehen. Auf dem Wege kamen wir an der Kriegergedächtniskapelle vorbei, die ich dem Bischof wegen der stark expressionistischen Ausmalung nicht zeigen wollte. Doch der Bischof sagte: „Was ist da in der Kapelle?“
„Das ist die Kriegergedächtniskapelle“, antwortete ich.
„Die muss ich sehen“, sagte er.
„Nun, was soll das geben?“
Ich erklärte eingehend die beiden großen Freskengemälde. Auf einmal sagte der Bischof:
„Überstreichen, überstreichen, Herr Pastor!“ Ich erwiderte ehrerbietigst: „Hochwürdigster Herr, das ist das Schönste in unserer Kirche.“ Er schüttelte mit dem Kopf und ging weiter. Da sah er noch oben zum Gewölbe, das nicht glatt gestrichen, sondern wolkig bemalt war und sagte: „Da oben hat’s ja reingeregnet.“
„Nein, Hochwürdigster Herr, das muss so sein.“
Auf einmal fasste er sich auf den Kopf und entdeckte, dass er sein Pilaolum (Bischofskäppi) verloren hatte. Wir haben alles nachgesucht und konnten es nicht wieder finden. Später, nach seiner Abreise, entdeckten wir es unter den Bänken und haben es gelegentlich im Bischöfl. Palais abgegeben…

Aus Ludwig Hemings Pfarrchronik St. Agatha


Siehe auch:
Kirchen, kath.
St. Agatha

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