Vestische Straßenbahnen

1973 wurden die letzten Linien eingestellt - seitdem fahren nur noch Busse

Straßenbahn in der Dorstener Vestischen Allee

Straßenbahn in der Vestischen Allee in Dorsten

Die Vestische Straßenbahnen GmbH (kurz Vestische) betreibt einen großen Teil des öffentlichen Nahverkehrs im Kreis Recklinghausen, der Stadt Bottrop und dem nördlichen Teil der Stadt Gelsenkirchen heute mit Bussen. Der Name der Gesellschaft leitet sich vom Vest Recklinghausen ab. Sitz der Verwaltung sowie der Hauptbetriebshof befinden sich in Herten. Die Vestische gehört zu 77 Prozent dem Kreis Recklinghausen, 12 Prozent der Stadt Gelsenkirchen und 11 Prozent der Stadt Bottrop. Insgesamt beschäftigt das Unternehmen 1.019 Arbeitnehmer (Stand 2009). Auf 106 Linien mit einem Liniennetz von 1.390 Kilometern befördern 224 Busse jährlich 63,5 Millionen Fahrgäste, davon allein in Dorsten 3,5 Millionen. Auf Dorsten entfallen 19 Linien, zuzüglich zwei Anruf-Sammeltaxi-Linien. Die Busse fahren jährlich rund 18,3 Millionen Kilometer, wovon auf Dorsten 1,5 Millionen Kilometer entfallen. Es gibt 3.600 Haltestellen, in Dorsten 375. Zu versorgen hat die Vestische in einem Einzugsgebiet von 928 Quadratkilometern rund eine Million Menschen. Der Dorstener ZOB Europaplatz ist das Drehkreuz für rund 4.700 Fahrgäste täglich (ohne Schulbusse). Mit dem Bus zur Innenstadt kommen täglich etwa 2.200 Fahrgäste. Die am stärksten frequentierte Strecke ist die Verbindung zwischen Wulfen und dem ZOB, die jährlich mehr als 900.000 Fahrgäste nutzen. Ein Großbrand vernichtete kurz vor Weihnachten 2011 im Betriebshof Bottrop 68 Linienbusse. Durch logistische Maßnahmen war der planmäßige Verkehr trotz dieses verheerenden Brandes kaum beeinträchtigt.

Aus Kostengründen wurde 2013 der Busspätverkehr reduziert

Früheres Personen-Transportmittel

Früheres Personen-Transportmittel vor dem Depot

Beim Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) zahlen die Städte im Kreis mit 24,5 Millionen Euro pro Jahr bei der Vestischen kräftig drauf. Davon zahlt die Stadt Dorsten 2,5 Millionen Euro. Anfang 2013 haben Rat und Verwaltung beschlossen, in der Bürgermeister-Konferenz ein Sparkonzept für die Vestische vorzuschlagen, die effizienter werden soll. Denn die Städte im Nachbarkreis Wesel kommen ohne ÖPNV-Umlage aus. Im September 2013 empfahl die Stadtverwaltung Dorsten den Bus-Spätverkehr der Vestischen in Dorsten bis spätestens Mitte 2014 zu reduzieren. Damit will die Verwaltung rund 17.000 Euro für den ÖPNV über die Kreisumlage einsparen. Dorstener, die in ihrer Mobilität auf Busse angewiesen sind, müssen dann abends vorzeitig nach Hause fahren. Ab Mitte 2014 wird das Spätverkehrsnetz aus Kostengründen ausgedünnt. Dies gilt ab 22 Uhr sowie an Sonn- und Feiertagen ganztags. Damit spart die Stadt Dorsten über die Kreisumlage jährlich rund 17.000 Euro. Sie bis dahin 34 Linien des Spätverkehrsnetzes (ohne Wochenend-Nachtexpress) sind 17 reduziert worden. Dadurch spart das Unternehmen nach eigenen Angaben rund 282.000 Euro Betriebskosten im Jahr ein.

Bus der Vestischen

Bus der Vestischen

Standardisierte Kameraüberwachung in Bussen nicht erlaubt

Die Vestische wollte bis Jahresende 2013 hundert Prozent seiner Busse mit Videokameras ausstatten. Der NRW-Landesdatenschutzbeauftragte reagiert verwundert, da eine standardisierte Überwachung nicht erlaubt sei. Tiaden kündigt an, das Thema im Auge zu behalten und gegebenenfalls einzuschreiten. Die Videoüberwachung in Bussen der Vestischen gibt es bereits seit 2002. Rund 97 Prozent der Busse sind daher mit Kameras bereits ausgestattet, jeder Bus mit zwei bis vier Kameras. Dazu der Sprecher der Vestischen: „Die Zahl der Übergriffe hat sich im Vergleich zu 2001 mehr als halbiert. Die Kameras tragen zur Sicherheit der Fahrgäste bei.“ Der NRW-Landesdatenschutzbeauftragte sieht das anders. Videoüberwachung dürfe nicht der Regelfall sein, sondern nur stattfinden, wenn sie notwendig sei. Einzelprüfungen seinen vorgeschrieben. Es dürfe keine automatische Ausstattung aller Verkehrsmittel mit Kameras stattfinden. – Ab September 2015 werden wieder „Schaffner“ eingesetzt, die jetzt „Busbegleiter“ heißen. Die als solche eingesetzten zehn Langzeitarbeitslosen sollen während der Fahrt Fahrgästen helfen, Auskünfte geben udn nicht zuletzt für Ruhe, Ordnung umd Sauberkeit da sorgen, wo es angebracht ist. Ihnen steht nach einem Jahr die Möglichkeit offen, den Busführerschein zu erwerben.

Fahrscheinkontrolleure in den Bussen – Schwarzfahrer zahlen 60 Euro

Nicht zu übersehen sind in den Bussen die Schilder, die vor Schwarzfahren warnen. Wer es dennoch tut und dabei zwischen den 3600 Haltestellen erwischt wird, zahlt ein „erhöhtes Beförderungsentgeld“ von 60 Euro.  Wer sein Monatsticket nur vergessen hat, zahlt 5 Euro „Erinnerungsgebühr“. Der Abschreckungseffekt scheint im Kreis Recklinghausen äußerst gering zu sein. Niemand weiß, wie hoch die Dunkelziffer der Schwarzfahrer ist. Allerdings registrierte die Vestische im Jahr 2015 mehr als 700.000 Schwarzfahrer. Das ist eine hohe Zahl angesichts dessen, dass der Einstieg in die Busse vom Fahrer kontrolliert wird. Die Verluste der Vestischen durch Schwarzfahrer, rund 650.000 Euro pro Jahr, werden von den kommunalen Gesellschaftern (Kreis Recklinghausen, Bottrop, Gelsenkirchen) – also vom Steuerzahler – ausgeglichen. Das Schwarzfahren gilt als Kavaliersdelikt, doch ist es eine Straftat. Wer mehrmals erwischt wird, erhält von der Vestischen eine Strafanzeige. „Reuige Sünder werden in den Bussen der Vestischen gern gesehen“, so Norbert heißt es aus der Pressestelle der Vestischen. „Deshalb machen wir Schwarzfahrern folgendes Angebot: Wenn sie innerhalb von drei Tagen nach der Fahrausweiskontrolle in einem unserer KundenCenter ein persönliches Monatsticket kaufen, verzichtet die Vestische auf die Zahlung des erhöhten Beförderungsentgeltes und die Einleitung  weiterer rechtlicher Schritte.“  – 60 Euro in Deutschland als „erhöhtes Beförderungsentgeld“ für Schwarzfahrer sind im Vergleich zu Nachbarstaaten ein geringer Betrag. In Belgien werden 200 Euro kassiert, in Frankreich 180 Euro, in der Schweiz und in Luxemburg 160 Euro, in Dänemark und Österreich 100 Euro.

Bis 1899 transporteirten Pferdeomnibusse die Passagiere 

LInie 10

LInie 10

Gegen Ende des 20. Jahrhunderts hatte sich der Steinkohlenbergbau aus seinen Kerngebieten nach Norden über die Emscher in das Vest Recklinghausen vorgeschoben, was zu einer beträchtlichen Zunahme der Bevölkerung führte. Die vorhandenen Verkehrsmittel reichten daher nicht mehr aus. So entstand im Jahre 1896 auf rein kommunaler Grundlage die Straßenbahnverbindung Herne-Recklinghausen. Andere Linien folgten. Bis 1899 waren auf den Strecken Recklinghausen-Herten-Wanne Pferdeomnibusse unterwegs. Im Laufe der Zeit entstanden vier vertraglich zusammengeschlossene kommunale Verbände, die Straßenbahnlinien betrieben. Kurz vor dem Ersten Weltkrieg entschloss man sich, das Gesamtunternehmen in eine GmbH zusammenzufassen. Sie erhielt den Namen „Vestische Kleinbahnen GmbH“, der 1940 in „Vestische Straßenbahnen GmbH“ geändert wurde. Erst am 2. Dezember 1930 führte die Recklinghäuser-Marler Strecke durch Verlängerung nach Dorsten. Zu jener Zeit wurden 19 Linien auf insgesamt 235 Kilometern betrieben. Im März 1945 stellte die Straßenbahn den Betrieb ein. Doch schon im April sorgten die Alliierten für die Wiedereröffnung. Der Zweite Weltkrieg hinterließ auch bei den Vestischen Straßenbahnen seine Spuren. Der Bestand war von 60 Großraumfahrzeugen auf 34, bei den Kraftomnibussen von 135 auf acht Fahrzeuge zurückgegangen. Außerordentliche Schäden waren im Gleisnetz zu verzeichnen. Bis 1953 waren alle 23 Linien wieder in Betrieb. Die letzten Straßenbahnlinien der „Vestischen“, teilweise im Gemeinschaftsverkehr, fuhren 1973 (siehe auch Straßenbahn).

Noch 15 Minuten bis Dorsten – eine Schilderung

Die Wochenzeitung „Die Zeit“ brachte in ihrer Ausgabe Nr. 5 vom 29. Januar 1982 einen literarischen Text, der sich mit einer Fahrt der „Vestischen“ von Essen nach Dorsten befasst.

„Endstation, bitte, einfach.“ Der Mann hinter dem Lenkrad nimmt drei Mark fünfzig und legt den zweiten Gang ein. Der erste, meint er, tauge nichts. Essen an einem Freitag, exakt 12 Uhr 35, Fahrpläne kennen keine halben Stunden. Der Bus fährt vor, Linie 189, die Endstation heißt Dorsten. 220 Pferdestärken bringen sechs Fahrgäste zur ersten von insgesamt 32 Haltestellen. Niemand steigt aus, eine alte Frau ein.
„Fahren Sie bis Rathaus?“ „Ja, da fahr ich.“ Jochen Geier, Kraftomnibus-Fahrer seit nahezu 15 Jahren, legt wieder den zweiten Gang ein. 169 Kilometer Ruhrgebiet liegen vor ihm, wie viele schon hinter ihm liegen, hat er sich nie gefragt. Sein Dienst dauert an diesem Tag sechs Stunden und vierzig Minuten. Haltestelle Zeche Anna. „Einmal Autobahn/Ausfahrt Hannover“. Der Tramp, der zusteigt, vergisst das Wort „Bitte“.
In Gladbeck kommt Leben in Geiers rollende Bude. Es ist kurz nach eins, der Bus füllt sich bis auf den letzten Platz mit Stimmungskundschaft: mit Schülern. Unübersehbar das Schild „Jeder Fahrgast ist verpflichtet, sich einen festen Halt zu schaffen.“ Junge Leute haben da ihre festen Ansichten: Haltestangen werden gemieden. Die Häuser werden kleiner, die Kreuzungen übersichtlicher, Fahrradfahrer treten häufiger an die Stelle der Autos, umherschwirrende kleine, aggressive Ameisen – aus der Sicht des Busfahrers.
Die Menschen schweigen vor sich hin, unbeteiligt registrieren sie die eine oder andere Haltestelle. Nur Geier ist hellwach. Er weiß, warum: Jedes Vierteljahr wird die Tachoscheibe herausgenommen, werden die Fahrqualitäten bewertet. „Mir ist aber nur ein Fall bekannt“, sagt der 44-Jährige, „wo man gesagt hat, so kannst du nicht fahren. Voraussetzung fürs Fahren: zwei Jahre unfallfrei auf einem Lastwagen, eine Omnibus Prüfung, ein physiotechnisches Examen – Angst vor Unfällen hat der Busfahrer nicht, das kommt eben viel zu oft vor, der kleine Crash ist stets kalkuliert im Nahverkehr. Ob er mit dem Bus zur Arbeit fahre? Nein, nein, da brauche er ja eine Dreiviertelstunde länger.
Der Bus schluckt vierzig Liter auf hundert Kilometer. Es sind noch fünfzehn Minuten bis Dorsten, der Endstation. Ein Mann steigt zu, der aussieht wie der Kontrolleur. Wer je „schwarz“ fuhr, kennt ihn: Humphrey Bogart Typ im Trenchcoat. Der Mann lässt sich viel Zeit. Er steigt als letzter ein. Prüfend blickt er auf den Fahrer und nimmt die Rechte aus der Tiefe der Manteltasche. Und dann zückt er blitzschnell den Ausweis: Es ist die Monatskarte für die Linie. Der Kontrolleur im Direktionsbereich Essen heiße Krebs, erzählt Geier, und habe ein Einzugsgebiet von hundert Kilometern. Er sei der einzige im ganzen Revier. Im Durchschnitt sieht Herr Geier Herrn Krebs einmal im Jahr.
Zehn Minuten vor drei. Endstation und eine Minute Verspätung „Adieu, Herr Geier“. „Halt, warten Sie – wie die Menschen hier sind, will ich Ihnen noch sagen!“ „Wie denn?“ „Kalt, ohne Interesse – und die Alten brutal und rücksichtslos.“ Dass es jetzt leicht nieselt, gehört zur Jahreszeit und gehört zum Warten an einer Haltestelle. Norden ist die Richtung, Haltern – so  heißt das Reiseziel, und die Etappe ist wieder Endstation. Linie 299, Abfahrt 15 Uhr 12. Wer einen Nahverkehrs-Fahrplan studieren will, muss schon ein paar Stunden Logistik belegen: Selten sieht man so viele ratlose Menschen vor einem bedruckten Stück Pappe unter Plastik wie an Busbahnhöfen. Wer einsam ist, aber klug dreinschaut – an Haltestellen findet er allemal Kontakt „Wissen Sie, wann der Bus nach Haltern geht?“ „Zwölf nach drei.“ Dreiunddreißig Minuten bis Haltern. Zwei Schilder im Bus appellieren an der Deutschen Anstand und Sitte. „Eis und Pommes frites verboten“ mahnt das eine Schild, das andere macht die Versprechung „Pünktlichkeit bringt Sicherheit.“ Der Bus ist frisch geputzt, nur riecht er nicht danach: Muff hängt zwischen den Sitzen. Busse haben auf der ganzen Welt ihren eigenen Geruch. Der deutsche Bus aus Dorsten riecht nach Kaugummi und Klassenzimmer.

Share on FacebookTweet about this on TwitterShare on Google+Email this to someone

Dieser Beitrag wurde am veröffentlicht.
Abgelegt unter: , Straßenbahn