Hebammen (Essay)

Dorstener Krankenhaus-Hebamme brachte 3.744 Kinder zur Welt

Protest-Demonstration 2014

Protest-Demonstration 2014 in vielen deutschen Städten gegen die hohen Versicherungskosten der Hebammen

Von Wolf Stegemann – Von jeher halfen Frauen einander bei der Geburt. Meist waren es ältere Frauen mit Erfahrung und Pflanzenkenntnissen, die hoch geschätzt wurden. Hebamme ist einer der ältesten Frauenberufe, worüber Tempelmalereien im alten Ägypten Auskunft geben. In den Erzählungen über den Auszug der Israeliten aus Ägypten unter der Führung des Mose auf dem Weg in das durch Gott den Israeliten versprochene Land Kanaan heißt es im 2. Buch Mose in der Tora und im Alten Testament: „Und Gott tat den Hebammen Gutes; und das Volk mehrte sich und wurde sehr stark. Und es geschah, weil die Hebammen Gott fürchteten, so machte er ihnen Häuser.“ Damals war es Brauch, dass nur Frauen Hebammen werden können, die selbst schon geboren haben, ihres Alters wegen aber selbst nicht mehr schwanger werden konnten. Dadurch sollte  sichergestellt werden, dass Hebammen jederzeit zur Verfügung standen und durch ihre eigene Geburtserfahrung befähigt waren, Geburtshilfe zu leisten. Der Beruf hat sich trotz der Verfolgung von Hebammen im Mittelalter und der beginnenden Neuzeit als „Hexen“ durch die Jahrhunderte gehalten.

Dorstener Krankenhaus-Hebamme 33 Jahre lang im Dienst

Sonderbriefmarke 1956

Sonderbriefmarke 1956

In Dorsten gibt es mit Stand von 2014 neun freiberufliche Hebammen, die als Dienstleistungen neben der Geburtshilfe auch Geschwisterkurse, Klinikbegleitung ambulant, Beckenboden-Training, Beckenboden-Training u. a. im Angebot haben. Von 1979 bis 2012 war Ruth van Schwartzenberg am Dorstener Krankenhaus St. Elisabeth als Hebamme tätig. In dieser Zeit brachte sie exakt 3.744 Kinder zur Welt. Das erste Kind hieß Christian und erblickte am 4. Januar 1979 unter den helfenden Händen der Hebamme um 23 Uhr das Licht der Welt, da war es 3.600 Gramm schwer, 53 cm groß und hieß mit Nachnamen Fockenberg. Das letzte Baby, das sie helfend zur Welt brachte, hieß auch Fockenberg. Es ist das Kind jenes Christian Fockenberg, dem Ruth van Schwartzenberg 1979 zum ersten Schrei verhalf, verriet sie der „Dorstener Zeitung“. Ruth van Schwartzenbergs legte 1968 ihr Examen in ihrer Heimatstadt Oldenburg ab, lebte und arbeitete als Hebamme in Ostfriesland, kam dann nach Schermbeck und fing am Dorstener Krankenhaus St. Elisabeth an, wo sie fünf Kolleginnen hatte. Eine Rekordzeit der Geburtenziffern.

Eine andere Hebamme, Ingeborg Lindner aus Wulfen, ist 2015 ebenfalls in den Ruhestand gegangen. Im Laufe ihres Berufslebens hat sie 7.928 Frauen aus der Region geholfen, ihre Kinder zur Welt zu bringen, hat sie vor der Geburt und nach der Geburt betreut. Sie ist seit mehr als 25 Jahren Vorsitzende des Kreisverbandes der Hebammen.

„Storchentante“ wollte mit 70 noch weiterarbeiten und stritt vor Gericht

Ihr Wechsel in den Ruhestand war problemlos. Nicht so der einer früheren Dorstener Kollegin, deren Namen heute unbekannt ist, die aber fast 60 Jahre vor der Pensionierung der oben genanten zwei Hebammen vor Gericht durchsetzen wollte, dass sie trotz ihrer 70 Jahre als Hebamme – im Volksmund damals „Storchentante“ genannt – weiter arbeiten wollte. Sie unterlag und musste aufhören. Das war 1954. Die Storchentante hatte für eine Weiterbeschäftigung alle Hebel in Bewegung gesetzt. „Ich fühle mich trotz meiner 70 Jahre noch rüstig und bitte mir die Genehmigung zu geben, weiterhin in meinem Beruf tätig zu sein“, schrieb sie an den Regierungspräsidenten in Münster. Dieser lehnte ab: „70 Jahre ist die Altersgrenze, diese ist gesetzlich festgelegt.“ Zu dieser Antwort kam der Regierungspräsident, weil die Stadtverwaltung erklärte, dass genügend Hebammen im Großraum Dorsten-Gelsenkirchen-Buer zur Verfügung stünden, sogar ein Überschuss an Fachkräften vorhanden sei.

Adenauer wurde mit 73 sogar noch Bundeskanzler

Da die Hebamme nicht allein aus Liebe zum Beruf, sondern aus sozialer Not über ihre 70 Jahre hinaus tätig sein musste, strengte sie wegen Verweigerung der Ausnahmegenehmigung eine  Klage gegen den Regierungspräsidenten vor dem Oberverwaltungsgericht Münster an und behauptete, dass die von der Verwaltung getätigte Mitteilung, es gäbe genügend Hebammen, nicht stimme. Auf 100.000 Einwohner im angesprochenen Gebiet gebe es nur 16 bis 17 Hebammen und in Dorsten sogar nur vier. Dieses sei zu wenig, meinte sie und es verstoße gegen den Gleichheitsgrundsatz, wenn durch Festlegung der Altersgrenze ein Beruf eingeschränkt werde. Schließlich dürften Bischöfe und der Papst auch länger ihren Dienst ausüben und der amtierende Bundeskanzler Adenauer dies sogar mit 73 Jahren noch geworden und (im Prozessjahr) mit 79 immer noch Kanzler sei. Der Regierungspräsident als Beklagter ließ dem Gericht mitteilen, dass einmal im Beruf aufgehört werden müsse. Denn auch der Nachwuchs solle vorankommen. Diese Aussage bezog sich allerdings nicht auf Adenauer, sondern auf die Hebamme.

Die Verwaltungsrichter beschäftigten sich eingehend mit den Verhältnissen in Dorsten, in den Herrlichkeitsdörfern und Altendorf-Ulfkotte, das damals noch zu Marl gehörte. Es kam auch zur Sprache, dass nicht die Einwohnerzahl maßgebend sei für das Vorhandensein vieler Hebammen, sondern die Möglichkeit der stationären Entbindung. „Die heutige junge Frau hat einen Hang zur Anstaltsgeburt“, erklärte ein Medizinalrat der Regierung in Münster. Das Oberverwaltungsgericht entschied, die Altersgrenze für Hebammen ist das 70. Lebensjahr. Es verstoße nicht gegen das Grundgesetz, wenn eine solche Altersgrenze festgesetzt worden sei. Berufsbeschränkungen im Interesse der Volksgesundheit seinen zulässig.

Hebamme im Dienst

Hebamme im Dienst

Modernes Management Hebamme

Wie jeder andere Beruf ist auch der von Hebammen Veränderungen unterworfen. Dafür mag der Werdegang von Eva-Maria Benning stehen, die 1966 in Dorsten geboren wurde. Schon beim Abitur belegte sie das Leistungsfach in Biologie und schrieb zum Thema „Wie werden Kinder geboren“, was sie thematisch als Au-Pair in den Niederlanden mit „Wo werden Kinder geboren“ fortsetzte, danach studierte sie von 1986 bis 1989 in Münster Philosophie und Psychologie und widmete sich dem Thema „Warum werden Kinder geboren“. 1990 bekam sie selbst ein Kind. Von 1989 bis 1993 ließ sie sich in Göttingen zur Hebamme ausbilden, das zweite Kind kam 1993. Anschließend übte sie den Beruf der Hebamme freiberuflich in Göttingen und Nordheim aus. 1997 folgte ihr drittes Kind. Seit 2000 verlagerte sie ihren Arbeitsschwerpunkt von der Geburtshilfe auf die Begleitung der Familie im ersten Lebensjahr des Kindes, wobei sie sich bemüht, durch regelmäßige Fortbildung und interdisziplinäre Zusammenarbeit für alle Familien die bestmögliche Qualität der Betreuung und kompetenten Rat zu bieten: Bewegungslehre, Entspannung, Ernährungstheorie, physikalischer Maßnahmen,  Phytotherapie, innerer Haltung/ Lebensführung und Pädagogik/ Erziehungsberatung.

Geschichtsbetrachtung: Hebammen wurden als „Hexen“ verbrannt

Hebamme im Mittelalter

Hebamme im Mittelalter

Im europäischen Mittelalter wurden Hebammen vermehrt verpflichtet, glaubensbasierte Anforderungen zu erfüllen. Sie hatten die Pflicht, alle Neugeborenen persönlich zur Taufe zu bringen und im Fall eines Kindstodes unter der Geburt die Nottaufe vorzunehmen. Wurden sie zu einer ledigen Gebärenden gerufen, mussten sie die Abstammung des Neugeborenen ausforschen und dies der Kirche melden. Holten sie ein behindertes Kind zur Welt, hatten sie die Mutter anzuzeigen. Ab 1310 wurde die Hebamme von der Kirche zur Taufe und per Eid zu einem christlichen Lebenswandel verpflichtet. Mit dem gleichen Eid verzichteten sie auf magische aber auch auf die Vergabe abtreibender Mittel. Dafür durften sie sowohl Tauf- als auch Sterbesakramente spenden. Die Eide waren untersciedlich, je nach Landesherrschaft und Stadt. So heißt es zum Beispiel im Eid der Hebammen der Stadt Aachen von 1537:

„Solange ich Weißfrau bin, soll ich meinem Herrn Proffion (Pfarrer) getreu und hold sein und alle heimlichen Kinder meinem Herrn Proffion und der heiligen Send ansagen und keine außerhalb der Stadt Aachen und anderswohin zur Taufe tragen.“

Linderung der Geburtsschmerzen verstieß gegen christliche Dogmen

Hebammen-Ordnung von 1703

Hebammen-Ordnung von Frankfurt 1703

Die Praxis der Hebamme im Mittelalter und der beginnenden Neuzeit umfasste Verhütungs- und Abtreibungsmethoden ebenso wie fruchtbarmachende Behandlung und Liebeszauber. Die Hilfe während der Geburt bestand in der Gabe beruhigender, wehenfördernder oder wehendämpfender und blutstillender Mittel, wie z. B. dem Mutterkorn, das noch in der modernen Geburtshilfe Anwendung zur Einleitung der Wehen findet. Oft halfen Hebammen  auch, indem sie die Gebärende zur Masturbation anhielten, um ihr den Geburtsvorgang durch Entspannung zu erleichtern. Sie verstießen so in vieler Hinsicht gegen die christlichen Dogmen.

Hebammen wurden Opfer des Hexenwahns

Nachdem Papst Innozenz VII. im Jahr 1484 die Hexenlehre anerkannt hatte, stellte die Kirche fest: „Keiner schadet der katholischen Kirche mehr als die Hebammen.“ Im ausgehenden Spätmittelalter und in der Renaissance waren Hebammen der brutalen Hexenverfolgung der Kirche und anderer gerichtlicher Nachstellungen ausgesetzt. Allein in Köln wurden zwischen den Jahren 1627 und 1639 nahezu alle Hebammen der Stadt als Hexen verbrannt. Auch aus Dorsten und der Herrlichkeit wurde mehreren Frauen der Hexen-Prozess gemacht, an dessen schaurigen Ende meist der Scheiterhaufen stand (siehe Hexenverfolgung).

Den Hebammen wurde vorgeworfen, gegen Gottes Wort zu verstoßen, denn in der Bibel steht über die Geburt: „Unter Schmerzen sollst du gebären“. Hebammen aber linderten die Geburtschmerzen der Frauen. Hebammen verstießen auch gegen die kirchliche Vorstellung von der Unreinheit der Körperfunktionen, die sich vor allem auf die Frau als Verkörperung der Natur bezog. Die Widersetzung der Hebamme gegen christliche Leibfeindlichkeit machte sie schließlich zur „Hexe“, wie aus dem Hexenhammer und zahlreiche Prozessakten hervorgeht und brachte sie somit auf die Scheiterhaufen. – Im 18. Jahrhundert wurden systematische Ausbildungen der Hebammen und die akademische Geburtsmedizin eingeführt. Im folgenden Jahrhundert wurden Hebammenordnungen erlassen, die vor allem die Hygiene bei der Geburt und den Hebammenlohn regelten. Im 20. Jahrhundert wuchs die Geburtenquote in Kliniken stetig an.

Im NS die Stellung der Hebammen aus ideologischen Gründen gestärkt

h-hebammen.1941.Scherl-FotoDas Reichshebammengesetz von 1938 verfügte die staatliche Anerkennung der Hebammen und gab der Hausentbindung den Vorzug. Charlotte Frank schrieb in der „Süddeutschen Zeitung“ vom  29. Juli 2012: Es ist eine bittere Pointe, dass es nur eine Zeit gab, in der die Hebammen politisch massiv gefördert wurden – das war unter den Nationalsozialisten. Im Zuge ihrer rassischen „Gesundheits“- und Familienpolitik machten sie die Hebammen zu „Hüterinnen der Nation“ und schrieben jeder schwangeren Frau per Gesetz eine „Beziehungspflicht“ zu einer Hebamme vor. Den Frauen wurde die Pflicht auferlegt, die Familien zu Hause auszuspionieren, Fehlbildungen und Krankheiten von Neugeborenen zu melden und „lebensunwertes“ Leben aufzuspüren. Teilweise wurden sie auch zu Zwangssterilisierungen und zu Abtreibungen hinzugezogen. Nebenstehendes Foto: Hebammen 1941, Scherl-Pressebvild).

Nach 1945 wieder weniger Hausgeburten

Seit den 1950er-Jahren hat die Zahl der Hausgeburten in Deutschland abgenommen. Ein wesentlicher Grund dafür war, dass seit 1968 die Kosten für die Geburt von den Krankenkassen übernommen wurden. Seit den 1970er-Jahren sind von Hebammen betreute Hausgeburten in Deutschland eine Ausnahme. In einigen Industrieländern hat die Häufigkeit von Kaiserschnittgeburten in den letzten Jahren stark zugenommen. 2010 gab es in Deutschland 209.441 Kaiserschnittentbindungen, das entspricht 31,9 Prozent aller 656.390 Entbindungen im Krankenhaus. 1995 waren es noch 18 Prozent.

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Auseinandersetzung um zu hohe Versicherungsprämien

Seit dem Jahr 2000 sind die Prämien für die Berufshaftpflicht der freiberuflichen Hebammen an die Versicherer stark gestiegen und trieben die Hebammen in Existenznot. Viele Hebammen beschränken sich mittlerweile auf die Geburtsvorbereitung und die Wochenbettbetreuung, ein wichtiges Feld ihrer Arbeit, die Geburtshilfe selbst, haben viele freiberufliche Hebammen wegen der hohen Versicherungsprämien aufgegeben. Die Zahl der Hebammen stieg in Deutschland zwischen 2001 und 2011 von rund 16.000 auf rund 21.000. Dabei stieg der Anteil der im Krankenhaus Teilzeit-Beschäftigten an, weil sie das Problem mit der Haftpflichtprämie nicht hatten. 2013 waren insgesamt rund 17.700 Hebammen freiberuflich tätig, davon boten nur 5.410 (auch) Geburtshilfe an. Im Jahr 2012 waren rund 2.000 freiberufliche Hebammen in Krankenhäusern tätig. Übrigens kam 2013 in Deutschland jedes dritte Kind durch einen Kaiserschnitt zur Welt, Damit gehört Deutschland im internationalen Vergleich zu den Spitzenreitern, Im Jahr 2000 lag der Anteil der Kaiserschnitt-Geburten noch bei 21,5 Prozent. 500-Hebammedung_zur_Hebamme_22010 erhöhten die Haftpflichtversicherungen ihre Beiträge von ca. 450 Euro jährlich auf etwa 3.700 Euro. Grund seien die gestiegenen Kosten für Personenschäden. Der Berufsstand der Hebammen geriet dadurch in Gefahr, da diese Versicherungssummen in keinem Verhältnis zu den Einnahmen standen. Von mehr als 4.000 freiberuflichen Hebammen haben etwa zehn Prozent ihre Versicherungen Anfang 2011 gekündigt. Im Juli 2012 stiegen die Versicherungskosten noch einmal an und betrugen 4.200 Euro im Jahr. 2013 erhöhten sich die Prämien für die Hebammen erneut um 10 Prozent. Sie beträgt damit jährlich 4.480 Euro.

Die Nürnberger Versicherung hat im Februar 2014 angekündigt, sich zum 1. Juli 2015 aus den letzten beiden Versicherungskonsortien für Hebammen zurückzuziehen. Dies hat zur Folge, dass der Versicherungsmarkt zusammenzubrechen droht. Ohne Berufshaftpflichtversicherung dürfen die Geburtshelferinnen jedoch nicht arbeiten. Nach einem langen Streit können Hebammen derzeit wieder beherzt zupacken. Die Krankenkassen zahlen den Hebammen einen höheren Ausgleich für die gestiegenen Haftpflichtprämien. Diese Erleichterung ist allerdings nur vorübergehend. Es wird eine gesetzliche Regelung der Bundesregierung 2016/17 erwartet.

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