Stadtentwicklung III

19. bis 21. Jahrhundert: Rückstand, Stillstand, aber auch Fortschritt

In jedem Jahrzehnt machte man sich an Hand neu aufgetauchter Probleme Gedanken über die Entwicklung der städtischen Planungsvorhaben wie Neue Stadt Wulfen, Steag-Kraftwerk, Bau der A 31, Hürfeldhalde, Lipperandstraße, Wittenberger Damm, saurer Regen, Zubetonieren von Grünflächen sowie Flächen verbrauchende Begradigung von Bachläufen u. a., die kontrovers diskutiert wurden. Schon 1887 schrieb die „Dorstener Volkszeitung“ unter dem Titel „Dorstens Zukunft“ über die Stadtentwicklung:

„Unsere Stadt hat nach den verschiedenen Richtungen hin Vorteile aufzuweisen, welche von den weittragenden und segensreichsten Folgen sein müsste, wenn man sie auszunützen versuchen würde.“

Dorsten Ende der 1920er-Jahre (Zeichnung)

Dorsten Ende der 1920er-Jahre (Zeichnung aus dem Jahr 1928)

Aufgeführt werden sodann die Bahnlinien, die Kohlenfelder, die holländischen und niederrheinischen Industrieplätze, preisgünstiger Boden, gesunde Luft und billiges Leben sowie weit voran die Lippe mit ihrem starken Gefälle; allerdings seien diese Vorteile bislang nicht genutzt worden.

„Die große Masse der Bevölkerung leidet unter diesem Stillstand oder besser gesagt Rückschritt. Jeder unbefangen Urteilende wird dies erkennen, und wem diese Erkenntnis mangeln sollte, der braucht sich nur bei Fremden zu erkundigen, die unsere Stadt besuchen. Jedenfalls drängen sich dann die Fragen auf: Worin liegt dieses Rückwärtsgehen begründet, und wie ist dem entgegenzutreten? […] Nach unserer Überzeugung hängt die Zukunft Dorstens einzig und allein davon ab, ob und inwieweit die Bevölkerung die Befähigung besitzt, mit gemeinsamen Kräften einem gemeinsamen Ziel zuzustreben […]: Dorsten wieder auf die Stufe zu bringen, die die Stadt früher eingenommen hat, ihr den Glanz wieder zu verleihen, dessen sich noch viele der Mitlebenden erinnern: Handel und Gewerbe sollen blühen, der Wohlstand soll sich heben, geistiges Streben soll jeden beseelen.

Die Ansicht, die man gerade hierzu häufig äußern hört, dass eine Änderung des Bestehenden herbeizuführen gar nicht in der Macht der einzelnen Gemeinde läge, denn nicht Dorsten allein litte an Erwerbslosigkeit, sondern die ganze Welt, so wie ferner, dass jede Hilfe und Aufbesserung von oben herab, beispielsweise durch Herabminderung der Steuern, erfolgen müsse, kann bei einigem Nachdenken als stichhaltig nicht anerkannt werden.
Ebenso wenig ist die Ansicht derjenigen zu billigen, die zum Aufblühen der Stadt dieselben Mittel und Hilfsquellen angewendet wissen wollen, wie ehedem, und die nun, da sich ihr Traum nicht verwirklicht und auch nicht verwirklichen kann, sich zurückziehen, um mit Gleichgültigkeit auf die Bestrebungen der Neuzeit herabzublicken. Allerdings mag ja zugegeben werden, dass all’ die großen Errungenschaften der Neuzeit, beispielsweise die Eisenbahnen, vielen kleinen Städten empfindliche Nachteile gebracht haben, und es steht unzweifelhaft fest, dass gerade durch diese Neuerungen einzelne große Städte zu Ungunsten der kleineren, deren Kräfte sie aufsaugen, unmäßig anwachsen, aber es wäre doch voreilig und direkt unrichtig, daraus den Schluss zu ziehen, dass nunmehr unsere kleineren Städte einem langsamen Absterben geweiht sind.“

Heute ist Dorsten eine Flächenstadt

Zwischen 1887 und heute liegen zwei Weltkriege mit der totalen Zerstörung und dem Wiederaufbau der Altstadt sowie die Euphorie von Wachstum der 1950/60er-Jahre. Die rasante Entwicklung der Stadt in den letzten 120 Jahren, von einem klar umrissenen Stadtgefüge mit 3.000 Einwohnern zu einer Flächenstadt mit fast 78.000 Einwohnern, zwingt zu einer grundsätzlichen veränderten, langfristigen und vielschichtigen Stadtentwicklung. Dazu gehört auch die Verlegung des die Stadt zunehmend belastenden Durchgangsverkehrs, der sich an der Kanal- und Lippebrücke bündelt. Darüber hinaus fehlten in den 1960/70er-Jahren ausreichende Fußgänger- und Radfahrwege.

1963 wurden erste Planungsüberlegungen angestellt, wie die Ortsdurchfahrt der Bundesstraßen 224, 225 und 226 in drei Abschnitten (Süd-, Mittel-, Nordabschnitt) leistungsfähig, verkehrssicher und städtebaulich vertretbar ausgebaut werden könnten. Eine Entlastung brachte der umstrittene Bau der Autobahn 31 mit täglich 40.000 Kraftfahrzeugen. Die Fertigstellung des Nordabschnitts verbesserte 1976 die Lippe- und Kanalüberquerung sowie die Verkehrssituation am Gemeindedreieck. Im zweiten Schritt wurde 1978 der Südabschnitt fertig gestellt (Kirchhellener Allee, Gladbecker Straße, Kreuzung Essener Tor und verkehrsberuhigter Ausbau der Alleestraße).

Sicherung des historischen Altstadtgrundrisses

Nach Fertigstellung der A 31 erfolgten der Umbau des Südwalls, der Gahlener Straße mit Fuß- und Radweg und die Anbindung an die A 31 mit dem Neubau der Königsberger Allee. Der verbleibende Mittelabschnitt mit dem Kreuzungsbereich Ostwall/Vestische Allee unter Berücksichtigung der Eisenbahnüberführung konnte 1996 eingeweiht werden (Willy-Brandt-Ring). Zur Rahmenplanung gehören die Sicherung des historischen Altstadtgrundrisses durch Wiederherstellung der ehemaligen Wall- und Grabenanlage mit Wassergräben im östlichen und westlichen Teil der Stadt sowie die Bereitstellung von Bauflächen vorrangig für die Innenstadt belebende zentrale Einrichtungen nördlich der Vestischen Allee zwischen Ostwall und Willy-Brandt-Ring sowie dem Bereich Kolpinghaus/Jüdisches Museum. Diese Baumaßnahmen wurden 2007 begonnen und 2009/10 beendet.

Am Recklinghäuser Tor 200 Tiefgaragen-Parkplätze

Belebt wurde die Kreuzung Südwall/Gladbecker Straße und Julius-Ambrunn-Straße durch ein Geschäfts- und Wohnzentrum und die neue Fußgängerbrücke verbindet den Bahnhof/Busbahnhof mit der Innenstadt. Auch ist die Recklinghäuser Straße durch verschiedene Maßnahmen gestützt, das Recklinghäuser Tor mit einem großen Verbraucherzentrum und 200 Tiefgaragen-Plätzen belebt worden und das Lippetal für die Bewohner am Wasser parkähnlich attraktiver geworden. Auf dem Gelände des einstigen Hervester Güterbahnhofs sollen sich in einigen Jahren Gewerbebetriebe ansiedeln. Den Zeitrahmen von 2012 kann u. a. wegen des notwendigen Abrisses der alten Brücke über die Bismarckstraße nicht eingehalten werden. Ende 2010 waren bereits 70.000 Quadratmeter geräumt, wobei 50.000 Kubikmeter Abfälle angefallen sind. Der Umbau kostet 2,4 Millionen Euro; allein der Abriss der Brücke ist mit einem Betrag von 500.000 Euro veranschlagt, den die Bundesbahn bezahlt.

Zukunft der Stadt von vielen negativen Aspekten belastet

Aus heutiger Sicht ist die Zukunft von Dorsten von vielen negativen Aspekten belastet: Arbeitslosigkeit, Konkurs von Firmen mit vielen Arbeitsplätzen, keine ausreichenden Ersatzarbeitsplätze, Schließung der Zeche 2001 ohne rechtzeitig den Strukturwandel eingeleitet zu haben, Wegzug der Jugend, um woanders berufliche Chancen zu ergreifen, zunehmende Überalterung der Bevölkerung, Aufgabe traditioneller Geschäfte zu Gunsten von Filialisten in der Innenstadt, Billigwaren-Ketten machen Dorsten als Einkaufsstadt unattraktiv mit der Folge, dass umliegende Städte Kaufkraft an sich ziehen. Auch in dem überdiemnsionierten 2016 neu eröffnete Einkaufszentrum Mercaden am Lippetor ist Billig-Niveau zu erkennen. Nicht zuletzt ist es Dorsten seit fast 40 Jahren nicht gelungen, die so genannten Stadttele an die Innenstadt zu binden. Die Stadtteile führen weiterhin ein eigenständiges Gemeinschafts- und Wirtschaftsleben, als wären die noch selbstständige Herrlichkeitsdörfer und hätten mit Dorsten nichts zu tun.

80 Prozent der Stadt Dorsten sind Wald- und Ackerfläche

Rund 80 Prozent der Stadt Dorsten sind Wald- und Ackerfläche. 48,45 Prozent der Stadtfläche wird dabei landwirtschaftlich genutzt, 27,08 Prozent bestehen aus Waldflächen, auf 0,45 Prozent befinden sich Heideland beziehungsweise Abbau-, Moor- und Umland. Gebäude, Höfe, Straßen und Plätze machen den restlichen Anteil von circa 20 Prozent aus (Stand 2017).

Was steht auf Dorstener Äckern?

Hauptanbaupflanze in Dorsten ist Mais. Das erzählen die örtlichen Landwirte Hubert Krampe und Egbert Schult-Heidkamp. „Der sandige Boden hier ist besonders gut dafür geeignet“, erläutert Egbert Schult-Heidkamp. Der Kreislandwirt Friedrich Steinmann erklärt aber, dass im Großraum Ruhrgebiet fast doppelt so viel Getreide wie Mais angebaut wird: 50.000 Hektar Getreide stünden 27.000 Hektar Mais gegenüber, sagt er. So stehe im Vest und auch in der Stadt viel Korn auf den Feldern, außerdem viele Kartoffelpflanzen, viel Gemüse und Obst (2017).

Etwa 15 Großstädte

Historiker schätzen die Zahl der Städte am Ende des Mittelalters auf etwa 3.000. Der größte Teil davon hatte weniger als 1.000 Einwohner; für etwa 150 Städte rechnet man mit einer Einwohnerzahl von 1.000 bis 2.000; in 20 Städten mögen 2.000 bis 10.000 Menschen gewohnt haben; nur etwa zwölf bis 15 Städte galten als „Großstädte“, die mehr als 10.000 Einwohner hatten. An der Spitze der mittelalterlichen Städte stand Köln mit etwa 40.000 Einwohnern.


Quellen/Literatur:
Wolf Stegemann in RN vom 13. Juli 1885. – Technischer Beigeordneter Jürgen Haase „Entwicklung der Altstadt mit Osterweiterung (Mittelabschnitt)“ in Schützenchronik Nr. 6, Dorsten 1997. – Alfred Weiß in „Wirtschaftsort Dorsten“ 1998. Stadt Dorsten „Dorsten“, Dorsten 1975. – Verschiedene. Autoren in Sonderbeilage der RN vom 17. September 1976.

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