Stadtbibliothek I

Vorbildliche Kulturarbeit - aber Veränderungen dringend notwendig

Blick in die Stadtbibliothek; Foto: Wolf Stegemann 2014

Blick in die Stadtbibliothek; Foto: Wolf Stegemann 2014

1954 wurde die Bibliothek mit 2.500 Bänden in einem Gebäude der Mitte der 1970er-Jahre abgerissenen ehemaligen Krankenanstalten Maria Lindenhof eingerichtet und 1957 in einen Bau am neu errichteten Rathaus verlegt (heute „Baumhaus“). Zuvor, 1955, schenkten Amerikaner der Stadtbibliothek über 1.150 Bücher. Rainer Zuschlag übernahm die Leitung der Stadtbibliothek 1966 von Karl-Heinz Lemm. Der Raum war klein und die Aufgaben groß. Auf 286,65 Quadratmetern waren 26.133 Medien, Arbeitsplätze und zwei Toiletten untergebracht. 2014 registrierte die Stadtbibliothek einen Medienbestand von 79.792.

1975 in Wulfen-Barkenberg Stadt- und Schulbibliothek errichtet

Bücherbus, ein kurzers und kostspieliger Einsatz (Stadtdirektor Dr. Zahn, Beigeordneter Dr. Backherms, Bibliotheksleiter Stöckle v. l.)T

Dorstener Bücherbus 1985 im Einsatz

Mit der kommunalen Neuordnung 1975 wurde in Wulfen eine Zweigstelle der Stadtbibliothek errichtet, die 1977 die Funktion einer Stadt- und Schulbibliothek in der integrierten Gesamtschule erhielt, 1981 erweitert wurde und seither durch Ausstellungen, Lesungen, Theateraufführungen fester Bestandteil der Bibliotheksarbeit mit Modellcharakter ist. Auf über 1.600 qm werden in Wulfen über 85.000 Medieneinheiten der Schul-, Jugend- und Erwachsenenliteratur angeboten, darunter u. a. 34.000 Bücher und 2.000 CD‘s und Cassetten. Nach 35 Jahren Stadt- und Schulbibliothek übernahm im Januar 2011 die Gesamtschule die Bibliothek von der Stadt. Somit konnte die aus Kostengründen vorgesehene Schließung der Bücherei, die weiterhin allen Bürgern offen steht, verhindert werden. 50 Bürger hatten einen Förderverein gegründet und den Fortbestand ermöglicht.

Seit 1980 im Kultur- und Bildungszentrum Maria Lindenhof

Die Dorstener Stadtbibliothek kam 1980 in das neu errichtete Kultur- und Bildungszentrum Maria Lindenhof und zeichnete sich durch eine vorbildliche Kulturarbeit aus. 1985 schaffte die rot-grüne Ratsmehrheit einen Bücherbus („Bücherbrummi“) an, um die Einwohner der weiter weg liegenden Stadtteile mit Büchern und Medien der Stadtbibliothek zu versorgen. Durch die knappe Haushaltslage wurde für den Bücherbus 1997 zunächst ein Kooperationsmodell mit den Städten Marl und Recklinghausen geplant, er dann aber ganz außer Betrieb gesetzt und verkauft. Die Stadtbibliothek – einschließlich die nunmehr „privatisierte“ Wulfener Schul- und Stadtteilbibliothek (Bibi am See“) – verfügt über einen Bestand von rund 140.000 Medien. Sparmaßnahmen der Jahre bis 2010 verminderten sowohl eigene Kulturprogramme wie Personal. Die Stadtbibliothek im Bildungszentrum Maria Lindenhof verfügt über rund 80.000 Buchtitel und hat rund 340.000 Ausleihen (2014).

Dorstener sind ausleihfreudig und mit der Bibliothek sehr zufrieden

Vitrine Heimatliteratut; Foto: Stegemann

In Dorsten kommen im Schnitt 5,7 Entleihungen auf einen Einwohner. Als weitläufige Flächenstadt mit elf Stadtteilen ist dies viel. Beispielsweise kommt Witten auf 2,8 Entleihungen pro Einwohner und die weitaus größere Stadt Recklinghausen sogar nur auf 1,5 Bücher bzw. autovisuelle Medien. Kulturamtsleiter Klaus Schmidt zu den geplanten Einsparungen Mitte 2012 in der WAZ: „Personell sind wir ohnehin am untersten Ende der Fahnenstange und unser Medienetat für Neuanschaffungen ist bereits auf 53.000 Euro im Jahr gekürzt worden … Die Besucher erwarten zu Recht ein gewisses Maß an aktuellem Lesestoff. Falls die Mittel dafür fehlen oder weiter an der Gebührenschraube gedreht wird, laufen wir Gefahr, die Bibliothek auf kaltem Wege sterben zu lassen.“ 

Schon vor den einschneidenden Sparmaßnahmen ab 2012 wurde der Etat der Stadtbibliothek gekürzt und durch die „Privatisierung“ die Wulfener Zweigstelle (jetzt „Bibi am See“) entlastet. Mit dem 2012 ab 2013 beschlossenen Sanierungspaket (Stärkungspakt) wird weiterhin jährlich jeweils um drei Prozent nach dem Rasenmäherprinzip gekürzt. Die CDU-Fraktion im Rat drohte sogar mit der Totalschließung der Stadtbibliothek, um die Vorgaben des Stärkungspakts erfüllen zu können (siehe Haushalt). Gespart wird auch durch die interkommunale Zusammenarbeit der Bibliotheken im Kreis Recklinghausen mit einem gemeinsamen Ausleihsystem und dem städteübergreifendem Leihverkehr. Inzwischen ist das Bibliotheksteam unter Leitung von Birgit Hülsken ein fast reines Frauen-Team mit Christian Gruber als letztem Mann und stellvertretendem Büchereileiter. Früher leitete er die Stadt- und Schulbibliothek an der Gesamtschule Wulfen. Mit der „Bibi am See“ kooperiert die Stadtbibliothek im Maria Lindenhof auch heute noch. 2014 konnte die Dorstener Stadtbibliothek mit einer Veranstaltungsreihe das 60-jährige Bestehen feiern.
2016 führte die Stadtbibliothek eine Nutzer-Umfrage durch. Sie ergab, dass drei Viertel aller Benutzer weiblich und die 46- bis 60-Jährigen am stärksten vertreten sind. Über den Dauem gepeilt gaben die Nutzer der Bibliothek zu mehr als 80 Prozent gute bzw. sehr gute Noten ab.

Gutachten 2017: Keine guten Noten für die Stadtbibliothek

Hinweis zur Dorstener Bildung; Foto: Stegemann

Zu dem Schluss, dass sich „die Stadtbibliothek verändern muss“, kam 2017 ein Gutachten der BSL-Managementberatung, das von der Gemeindeprüfungsanstalt NRW in Auftrag gegeben worden war. Nach diesem Gutachten ist die Dorstener Stadtbibliothek zwar „zukunftsfähig“, aber nur, wenn sie sich verändert. „Ansonsten bleibt nur der radikale Schnitt in Form der Schließung.“ Der Gutachter Meinhard Motzko zeigte die Mängel der Dorstener Stadtbibliothek auf, die im Vergleich zu anderen untersuchten Bibliotheken im Technikangebot weit hinter anderen Bibliotheken zurückliege: „Zwischen Minimum und Mittelwert“ anderer Büchereien. Als Mängel werden in dem Gutachten der geringe Personalstand, die wenigen Computerplätze sowie kundenunfreundliche Öffnungszeiten genannt. Beispielsweise habe die Stadtbibliothek nur 23 Stunden in der Woche geöffnet, das Bürgerbüro im Rathaus hingegen 36 Stunden und die Stadtinformation sogar 47 Stunden. In die Stadtbibliothek müssten zwischen 120.000 und 155.000 Euro investiert werden. Davon müsste die Stadt lediglich 30.000 Euro aufbringen. Außerdem sollte ein Fortbildungsetat für die Mitarbeiter in Höhe von 3150 Euro eingerichtet, die bauliche Situation mit dem derzeitigen „Charme der 1980er-Jahre“ modernisiert werden.Auch inhaltlich müsste sich die Stadtbibliothek neu aufstellen. Büchereien dürften heute nicht mehr nach unterschiedlichen Generationen ausgerichtet sein, sondern nach „sozialen Milieus“. Da die bildungsfreien Schichten immer größer würden, müsse die Stadtbibliothek verstärkt auf Eltern aus dem „Prekariatsmilieu“ mit Kindern bis zu elf Jahren und hier auf Sprachbildung und Leseförderung setzen. „Eine Bibliothek muss verstärkt gesellschaftliche Probleme angehen.“ Die Dorstener Politik ist jetzt am Zuge, entsprechende Maßnahmen zu ergreifen.
Bereits zugesagt hat das Land 12.000 Euro Unterstützung für die Umgestaltung der Bibliothek in einen „Lernort“ (Mobiliar, Technik). Zudem erhielt die Stadtbücherei aus Landesmitteln 8000 Euro für das Projekt „Willkommen in der Stadtbibliothek Dorsten“. Damit soll ein Bereich für Flüchtlinge geschaffen werden.

Politik muss sich jetzt mit der Zukunft der Bibliothek befassen

Mitte Juli 2017 befasste sich der Rat mit der 70-seitigen Expertise über die künftige Ausrichtung der Stadtbibliothek, nachdem sich der Kulturausschuss bereits im Mai damit befasst hatte. Mittelfristig ist die Stadtbibliothek aus finanziellen Gründen von der Schließung bedroht. Die Bibliotheksmitarbeiter wollen künftig drei Aufgaben in den Mittelpunkt stellen. Dabei geht es um Sprach- und Leserförderung bereits im Kindergartenalter. Der Gutachter betonte, dass bei Kindern bis zum dritten Lebensjahr wichtige Grundlagen fürs Sprachvermögen gelegt würden. Als zweiten Schwerpunkt ihrer Arbeit will die Stadtbibliothek im digitalen Zeitalter „Recherche- und Medienkompetenz vermitteln und damit als Lernort dienen“. Und drittens, die Bibliothek soll ein „sozialer Treffpunkt sein, einerseits für ältere Menschen, andererseits für junge Familien unterschiedlichen Milieus, aber auch für Flüchtlinge und Migranten“.

Neuausrichtung und Kooperation mit Lembeck und Rhade

Die Stadtbibliothek rüstet sich für die Zukunft – nicht nur inhaltlich, sondern auch strukturell. Mit den kirchlichen Bibliotheken in Lembeck und Rhade, die bereits ab 2019 zum Ankauf von Medien kontinuierlich finanziell aus Stadtmitteln gefördert werden sollen, soll kooperiert werden. Die „Bibi am See“ in Wulfen-Barkenberg, die bereits mit der Stadtbibliothek kooperiert, erhält derzeit 14.000 Euro jährlich. Daher ist eine Aufstockung derzeit nicht geplant. In der Dorstener Stadtbibliothek soll der Zeitschriftenbereich komplett neu möbliert werden und das Zeitschriftenangebot überarbeitet. Der Etat der Stadtbibliothek wird um 3500 auf 64.000 Euro aufgestockt, ab 2020 gibt es jährlich 1,5 Prozent mehr. Ab 2019 können Kunden der Stadtbibliothek ihre Medien selbst ausleihen.

Haupteingang zur städtischen Bildung und Kultur – schäbig und dunkel; Foto: Stegemann

Die Stadtbibliothek gehört in die Mitte der Stadt

Stefan Diebäcker kommentierte in der „Dorstener Zeitung“ am 21. Juli 2017 unter dem Titel „Die Stadtbibliothek gehört in die Mitte“: „Die Stadtbibliothek ist in die Jahre gekommen. Deshalb ist es allerhöchste Zeit, ihr ein zeitgemäßes Profil zu geben. Das wird Aufgabe der Politik sein. Dazu gehört auch, den Mitarbeitern zu helfen. Mit Fortbildungen, mit klar definierten Aufgaben. Alles richtig. Was in der (öffentlichen) Diskussion bislang zu kurz kommt: der Standort. Macht es wirklich Sinn, die Bücherei auf Maria Lindenhof, im sogenannten „Bildungszentrum“, zu belassen, wenn sie „ein sozialer Ort zur Identitätsbildung über kulturelle und soziale Grenzen hinweg“ werden soll? Wo der verstaubte Charme der 1980er-Jahre auch mit einem neuen Programm nur schwerlich zu vertreiben ist? Nein, die Stadtbibliothek der Zukunft gehört ins Zentrum, wo sie wahrgenommen wird, Menschen auch spontan zu einem Besuch einlädt. Und beste Werbung in eigener Sache und für Bildung machen kann.  Es gibt Leerstände in der Innenstadt, auch größere.“

Siehe auch: Stadtbibliothek II
Siehe auch:
Bücherbus
Siehe auch:
Bücherschrank


Quelle:
Teils Ute Hildebrand-Schute „Stadtbibliothek – ein Ort, den man braucht“ in der WAZ vom 26. Juli 2012. – Stefan Diebäcker in der „Dorstener Zeitung“ von 21. Juli 2017. – Stefan Diebäcker in DZ vom 9. Nov. 2018

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